Sprachstudie Weibern

Die Einrichtung OÖ. Sprachforschung ist in ihren Projekten (SAO, BiSAO, OöTon) vor allem auf geografisch bedingte Sprachvariation ausgerichtet. Ziel der Sprachstudie Weibern ist es hingegen, soziale und situative Faktoren der Sprachvariation in den Blick zu nehmen und somit das gesamte (vertikale) Variationsspektrum zwischen Dialekt und Standardsprache an einem Ort zu erheben.

Weibern ist eine ländliche Gemeinde mit rund 1700 Einwohner/inne/n, die etwas westlich der geografischen Mitte Oberösterreichs im Bezirk Grieskirchen gelegen ist. Der Ort Weibern wurde für diese Studie ausgewählt, da mit Arbeiten von Franz Roitinger (1933)[1] und Roland Zauner (1994)[2], umfangreichem Belegmaterial im „Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich“ sowie historischen Tonaufnahmen eine nahezu lückenlose Dokumentation des traditionellen Basisdialekts des letzten Jahrhunderts vorliegt. Darüber hinaus bieten jüngere Aufnahmen von Gemeinderatssitzungen wertvolle Performanzdaten authentischer Sprachgebrauchssituationen. Seit 2015 wird für die Sprachstudie neues Datenmaterial (Kompetenz- und Performanzdaten) von rund 35 Sprecher/inne/n erhoben, die sowohl verschiedenen Generationen als auch unterschiedlichen Berufsgruppen angehören.

Forschungsdesign

Um dem Ziel, möglichst das gesamte Spektrum zwischen Dialekt und Standardsprache zu erfassen, nahe zu kommen, werden die individuellen Sprachrepertoires einer gezielten Auswahl von Personen in verschiedenen Situationen erhoben. Bei der Auswahl der Gewährspersonengruppen wurden neben „Ortsansässigkeit“ vor allem die außersprachlichen Kriterien „Alter“ und „Art des Berufs“ berücksichtigt.

Die Studie umfasst sechs Altersgruppen (von 8-Jährigen bis über 75-Jährige) und vier Berufsgruppen, die unterschiedliche kommunikative Anforderungen mit sich bringen: Landwirte, handwerklich Tätige, im Dienstleistungssektor beschäftigte Personen sowie Pädagog/innen/en. Den Dienstleistungssektor repräsentieren einerseits Personen, die im Ort (zumeist am Gemeindeamt) erwerbstätig sind bzw. waren und andererseits Erwerbspendler, die in umliegende Bezirke pendeln. Dazu kommen noch Schüler/innen der Volksschule und der Neuen Mittelschule sowie Maturant/inn/en, die naturgemäß noch keiner Berufsgruppe zugeordnet sind. Zusätzlich zu „Alter“ und „Art des Berufs“ wird die Variable „Geschlecht“ in fast allen Gewährspersonengruppen berücksichtigt (siehe Tabelle).

Um ein umfassendes Bild vom sprachlichen „Möglichkeitsraum“ und vom individuellen Sprachgebrauch zu bekommen, werden sprachliche Daten in unterschiedlichen, zuvor genau definierten Situationen erhoben. Diese Erhebungssituationen entsprechen weitgehend dem Methodenkanon, der von der Regionalsprachenforschung (u.a. im Marburger REDE-Projekt) in den letzten Jahren entwickelt wurde. Einige Erhebungs- und Beobachtungsmethoden wurden aber auch eigens für diese Studie konzipiert.

  • Die beiden Pole des Spektrums, Dialektkompetenz und Standardkompetenz, werden mittels Übersetzung und Bildbenennung ermittelt. Sowohl die Übersetzungsbögen als auch die Bildauswahl wurden speziell für die Sprachstudie Weibern zusammengestellt.
  • Gegenstand der Erhebung ist auch die Leseaussprache, die mit zwei Texten, nämlich der bekannten Fabel „Nordwind und Sonne“ [3] und einem Text aus dem Alten Testament, erhoben wird.
  • Aufnahmen des tatsächlichen Sprachgebrauchs werden in einer informellen Situation (Unterhaltung mit Freund/inn/en, Ehepartner/in oder Geschwistern) und in einer formellen Situation (Gespräch mit einem Standardsprecher im Gemeindeamt) gemacht. Die Aufnahmeleiter/innen sind während dieser Gespräche nicht anwesend.
  • In einem Leitfaden-Interview werden „subjektive Daten“ zu Sprachgebrauch und Spracheinstellung sowie die Sozialdaten der Gewährspersonen erfasst.
  • In die Sprachstudie Weibern werden auch noch weitere Erhebungen spontaner bzw. arrangierter Gespräche mit einbezogen, die ein noch umfassenderes Bild des authentischen Sprachgebrauchs liefern sollen. Dazu gehören beispielsweise Ansprachen der Standesbeamten bei Trauungen, Tonprotokolle von Gemeinderatssitzungen und Gespräche mit einem Norddeutschsprecher.
  • Schließlich sind Analysen von Gesprächen der Gewährspersonen mit Schulkindern und Gespräche mit Deutsch-als-Zweitsprache-Sprechern Gegenstand einer Kooperation mit der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz und der Universität Salzburg.

Fragebogenerhebung

Eine im Jahr 2015 durchgeführte Fragebogenerhebung sollte subjektive Daten zu Sprachgebrauch und Spracheinstellung in Weibern sammeln, diente im Vorfeld aber auch als Orientierung bei der Ausarbeitung des Forschungsdesigns der direkten Erhebung: Vor allem für eine sinnvolle Einteilung von Gewährspersonengruppen und Erhebungssituationen war die Fragebogenuntersuchung richtungweisend. Die Fragebögen wurden nicht nur als Online-Befragung angeboten, sondern auch in Papierform mithilfe örtlicher Vereine verteilt und wieder eingesammelt. Insgesamt liegt nun von einem Viertel der gesamten Gemeindebevölkerung ein ausgefüllter Fragebogen vor.

Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Bevölkerung in Weibern die Varietät Dialekt im Alltag als sehr dominant einschätzt. Es gibt kaum Sprachverwendungssituationen, in denen nicht der Dialekt bzw. dialektnahe Sprechweisen bevorzugt werden. Sowohl im Gespräch mit Ärzt/inn/en in der Stadt, mit dem Amtsleiter im Gemeindeamt, mit Arbeits- oder Schulkolleg/inn/en überwiegen dialektale Sprachformen. Nur im Gespräch mit Personen, die nicht Deutsch als Muttersprache sprechen, und vor allem mit Norddeutschen meinen die Weiberner vermehrt Hochdeutsch zu sprechen. Die Angaben zum Gespräch mit Kindern sind klar differenziert: Wenn es sich um die eigenen, noch kleinen Kinder bzw. Enkelkinder handelt, werden eher dialektnahe oder auch umgangssprachliche Sprechweisen angegeben. Gespräche mit den eigenen erwachsenen Kindern oder auch mit Kindern aus dem Ort werden jedoch eher im Dialekt geführt.

Als durchschnittliche Alltagssprache gibt ein Drittel der Befragten Dialekt und fast die Hälfte eine dialektnahe Sprechweise an. Die Auswertung nach dem höchsten Bildungsabschluss zeigt, dass die Unterschiede in der durchschnittlichen Alltagssprache vor allem in diesen beiden Bereichen liegen: je niedriger der Bildungsabschluss, desto eher wird als Alltagssprache Dialekt angegeben, je höher der Bildungsabschluss, desto eher wird eine dialektnahe Sprechlage angeführt.

In den Auswertungen wird an verschiedenen Stellen deutlich, dass Standarddeutsch (Hochdeutsch) im kommunikativen Alltag in Weibern kaum eine Rolle spielen dürfte. Die gezielte Frage nach der Verwendung von Hochdeutsch im Alltag, ausgewertet nach Altersgruppen, zeigt interessanterweise, dass nicht nur die älteren Personen angeben, kaum Standarddeutsch im Alltag zu verwenden, sondern vor allem auch die jüngste Altersgruppe der unter 17-Jährigen. Auch in anderen Kontexten schätzt sich die jüngste Generation überdurchschnittlich dialektal ein und meint, sehr wenig Standard zu verwenden (z.B. Sprachverwendung mit Schul- bzw. ArbeitskollegInnen).

Literatur

[1] Franz Roitinger: Die Mundart von Weibern in Oberösterreich. Kurze Laut- und Flexionslehre. Dissertation, Wien 1933

[2] Roland Zauner: Entwicklungstendenzen im Dialekt von Weibern (O.Ö.) in den letzten 60 Jahren. Diplomarbeit, Salzburg 1994.

[3] International Phonetic Association: Handbook of the International Phonetic Association. A Guide to the Use of the International Phonetic Alphabet, Cambridge Univ. Press 2007.