Franz Karl Ginzkey

© Bildarchiv Austria / ÖNB, Wien

Geb. 8.11.1871 in Pola (Pula; Kroatien), gest. 11.4.1963 in Seewalchen (OÖ).
Als Vertreter des "alten Österreich" nahm der zu Lebzeiten einflussreiche konservative Schriftsteller sowohl in der Ersten Republik als auch nach 1945 eine wichtige kulturpolitische Stellung ein, wobei sein Arrangement mit dem NS-Regime großzügig übersehen wurde.

Der im heutigen Kroatien geborene Sohn eines österreichischen Marineoffiziers war selbst ausgebildeter k.u.k.-Offizier und arbeitete von 1897 bis 1914 am Militärgeographischen Institut in Wien und bis zum Ende der Donaumonarchie als Kriegsarchivar. Entdeckt und gefördert durch Peter Rosegger (1843-1918), betätigte er sich schon relativ bald schriftstellerisch als Lyriker (Das heimliche Läuten, 1906; Befreite Stunde, 1917), Erzähler (Der Wiesenzaun, 1913) und Romancier (Jakobus und die Frauen, 1908; Der Gaukler von Bologna, 1916). Bekannt wurde er auch als Kinderbuchautor (Hatschi Bratschis Luftballon, 1904; Florians wundersame Reise über die Tapete, 1931). Ab 1920 als freier Schriftsteller tätig, entsteht eine Reihe von zum Teil autobiografisch durchsetzten Werken (u. a. Von wunderlichen Wegen, 1922; Brigitte und Regine, 1923; Der seltsame Soldat, 1925; Drei Frauen. Rositta - Agnete - Oswalda, 1929; Der Wundervogel, 1929; Prinz Tunora, 1934; Liselotte und ihr Ritter oder Warum nicht Romantik?, 1936). Ginzkey ließ sich 1921 in Salzburg nieder, wo er die Redaktion der Zeitschrift Bergland leitete und sich am Aufbau der Salzburger Festspiele beteiligte, dessen Kuratorium er lange Zeit angehörte. Sommerliche Aufenthalte am Attersee führten ihn unter anderem nach Seewalchen, wo der Freund Rudolf Hans Bartsch (1873-1952), ebenfalls dichtender Offizier, ein Haus erwarb. Am "See der ewigen Jugend" und "des Himmels" empfängt Ginzkey die "Sendung der Landschaftsseele", das "Geheimnis um das Wesen der Landschaft, [...] das Geheimnis der eigenen Seele, die sich in ihr widerspiegelt" (Ginzkey 1948, 242ff.; vgl. auch die Sonate vom Attersee). 1934 erschien sein Reiseführer Salzburg und das Salzkammergut.

Ab 1933 beeinflusste er als zentrale Figur das kulturpolitische Geschehen Österreichs. Von 1934 bis 1938 war er Mitglied des Staatsrates in der Regierung Kurt Schuschniggs sowie Juror bei der Verleihung des Österreichischen Staatspreises als damals eigens geschaffene Auszeichnung für Künstler des Ständestaats. Seine völkisch-nationale Gesinnung verleugnete Ginzkey nicht und gab damit ein Beispiel für politische Camouflage. Mit Klaus Amann lässt er sich unter die "Brückenbauer" (vgl. Amann 1990) zwischen Austrofaschismus und Nationalsozialismus reihen. Bereits 1920 entstand das Gedicht Türmers Tagelied für Deutschland, in dem es heißt: "Es hat ein Volk zu ragen / In Einheit wie ein Baum. / [...] Nicht klagen, nicht verzagen / Ein Volk von Eisen sein." (Ginzkey 1940, 36f.) Ginzkey war Mitglied im "NS-Kampfbund für Deutsche Kultur", ab 1936 im "Bund deutscher Schriftsteller Österreichs" und Beiträger im nationalsozialistischen Bekenntnisbuch österreichischer Dichter von 1938. Bereits 1933, nach der Tagung des P.E.N.-Clubs in Ragusa (Dubrovnik), bekannte er sich gemeinsam u. a. mit Enrica von Handel-Mazzetti, Robert Hohlbaum, Mirko Jelusich, Franz Nabl und Grete von Urbanitzky zum Austritt seines Landes aus der internationalen Schriftstellervereinigung, die die Vorgänge in Deutschland kritisiert hatte. Trotz seiner deutsch-nationalen Bekenntnisse, die im Widerspruch zur offiziellen Politik des Austrofaschismus standen, musste er nicht zuletzt aufgrund einer früheren Zugehörigkeit zu einer Freimaurer-Loge per "Gnadengesuch" um die Aufnahme als NSDAP-Mitglied ansuchen, die ihm Ende 1941 ebenso gewährt wurde wie die Auszeichnung mit dem Ehrenring der Stadt Wien.

So erstaunlich unproblematisch und gut vorbereitet sich im Zuge des Anschlusses 1938 Ginzkeys inhaltliche Wende zum Nationalsozialismus vollzog, so übergangslos beeinflusste er auch nach 1945 das kulturelle Leben der Zweiten Republik. Sein konservativ beschauliches Werk, in dem sich ein für die Dichtung aus Alt-Österreich signifikantes "spätromantisches Naturgefühl" und in weiterer Folge ideologisch verbrämtes Bekenntnis zur "Heimatkunst" (Heydemann 1988, 16f.) voller Indifferenz gegenüber den aktuellen zeitgeschichtlichen Erfahrungen ausdrückt, erfreute sich bis in die 1970er Jahre weiterhin großer Beliebtheit (1954 Preis der Stadt Wien für Dichtkunst; 1957 Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, Großer Österreichischer Staatspreis für Literatur).

Für die Gemeinde Seewalchen, wo der Schriftsteller ab 1944 seinen Hauptwohnsitz bezog (1950 Ehrenbürgerschaft; 1971 Denkmal) und 1963 verstarb (Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof), wurde das Jahr 1988 zu einer schicksalhaften Probe und führte zu einer heftigen, emotional geführten Debatte. Ausgerechnet im Bedenkjahr der NS-Vergangenheit Österreichs, 50 Jahre nach dem "Anschluss" an Hitler-Deutschland, war zugleich der 25. Todestag Ginzkeys. Engagierte Lehrer im sogenannten "Antifa-Komitee Vöcklabruck" und eine in Folge öffentlich und medial geführte Diskussion verhinderten, dass das Seewalchener Schulzentrum nach jenem Schriftsteller benannt werden sollte, der während des Nationalsozialismus weit mehr als ein Mitläufer und somit alles andere als eine Vorbildfigur gewesen war. Inzwischen ist es um den politischen "Mantelwender" (vgl. Kerschbaumer o. J., 88ff.) weitgehend ruhig geworden, auch wenn er in der österreichischen Literatur der ersten Hälfte des 20. Jh. einen festen Platz einnimmt und Straßen, Wege und Plätze in Österreich weiterhin seinen Namen tragen.

Bernhard Judex