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Die Mappe meines Urgroßvaters

Manuskriptseite aus dem Kapitel "Thal ob Pirling", Nachlass Adalbert Stifter; © Adalbert-Stifter-Institut / StifterHaus

Erzählung in vier Fassungen von Adalbert Stifter. Sein Lieblingsstoff hat Stifter lange beschäftigt: von der ersten (Journalfassung, 1841/42) über die zweite Fassung (Buchfassung, 1847) bis zu den beiden letzten - unvollendeten - Fassungen von 1864 bzw. 1867, die erst in der Historisch-kritischen Gesamtausgabe ediert wurden (Bände 6,1-6,3).

Die vier Fassungen unterscheiden sich trotz eines gemeinsamen stofflichen Kerns sowohl quantitativ als auch strukturell. Eine Rahmenhandlung leitet die autobiografisch getönte Erzählung ein: Der Nachkomme des Doktor Augustinus findet anlässlich eines Besuchs seiner alten Heimat im elterlichen Haus Aufzeichnungen seines Vorfahren sowie zahlreiche Gegenstände aus dessen Besitz, entschlüsselt die Texte und teilt sie in der Folge mit. In der eigentlichen Handlung geht es - in unterschiedlichen Ausgestaltungen innerhalb der vier Fassungen - um das in Ich-Form erzählte Leben dieses Urgroßvaters: Dessen bewegte Jugend als Medizinstudent in Prag ist durch das Unglück seines besten Freundes, des jungen Dichters Eustachius, überschattet, der aus übersteigertem Ehrgefühl aus Prag verschwindet, Freunde und seine Verlobte Christine ohne Nachricht zurücklässt, da er eine Bürgschaft nicht einlösen kann.

Die Haupthandlung dreht sich um einen für Adalbert Stifter zentralen Konflikt und dessen Lösungsmöglichkeiten: Der junge Augustinus, inzwischen Arzt in seiner Böhmerwald-Heimat, verliebt sich in Margarita, die Tochter seines adeligen Nachbarn, eines Obristen (Obersten) im Ruhestand, gewinnt ihre Zuneigung und verliert sie sofort wieder, da er in einem Anfall jugendlich-unbeherrschter Eifersucht gegen das Gebot der Affektkontrolle verstößt, das auch in Feldblumen (1841), Brigitta (1844) oder Der Nachsommer zentrale Bedeutung besitzt. Im Begriffe, Selbstmord zu begehen, wird er im letzten Augenblick durch den Obristen zur Einsicht gebracht und beginnt nun unter dessen Anleitung seine Schuld abzuarbeiten, in einer langsamen, kontinuierlichen und beharrlichen Schule der Selbstdisziplinierung durch Arbeit im Dienste des Gemeinwohls, der selbstlosen ärztlichen Hilfe für die Bewohner des Waldlandes, an dessen innerer Kolonisation er ebenfalls mitwirkt. Dem "sanften Obristen", ebenso als Parallel- wie als Vorbildfigur zu Augustinus konzipiert, widmet Stifter dabei besondere Aufmerksamkeit: Ähnlich wie sein Schützling hat jener in seiner Jugend weitgehend unmäßig und ohne tiefere berufliche oder soziale Verankerung nur für sich selbst gelebt, ist sogar an den Rand des Selbstmordes geraten, bis er sich durch die Führung eines Tagebuchs selbst heilen konnte.

Das Mittel der Therapie durch die tägliche selbstreflexive Schrift, von Goethe und Stifters Zeitgenossen wie Enk von Burg und Ernst von Feuchtersleben empfohlen, um Selbstbeherrschung und Selbstdistanzierung zu fördern, wendet nun auch der junge Arzt an; drei Jahre lang werden alle Eintragungen verschlossen, um die Annäherung an sich selbst und die eigene Entwicklung aus zeitlicher Distanz zu ermöglichen und damit innere Gefährdungspotenziale zu bannen. In epischer Breite schildert Stifter den langsamen, gefährdeten Bildungsweg seines Helden, dessen innere Läuterung und Bewährung durch tätiges Leben als Wohltäter und Heiler. Nach der erfolgreichen Eingliederung in die Gemeinschaft der Waldbewohner gelingt ihm (in den beiden letzten Fassungen) auch der soziale Aufstieg in Kreise des Adels: Er wird zum Lehrer und Ratgeber anderer, auch Höhergestellter. Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Begegnung mit einem aufgeklärten Fürsten in dessen landschaftsarchitektonisch herausragendem Garten als Modell von Adalbert Stifters Utopie einer Überwindung des Gegensatzes von Natur und Kultur. In der letzten Fassung zeichnen sich sowohl die Rückkehr des Jugendfreundes Eustachius als auch die Wiedervereinigung mit der Geliebten als Abschluss der Handlung ab.

Ein Vergleich der vier Fassungen offenbart einen wichtigen Aspekt von Stifters schriftstellerischer Entwicklung: die "zunehmende Tendenz zur Abstraktion", zur Reduktion in der Darstellung der erzählten Vorgänge (Weiss 1969). Der allmähliche Übergang von der anfangs dominierenden Innen- zur Außen- und Dingperspektive, zur Distanzierung des Erzählers vom erzählten Geschehen und zur Abschwächung alles Extremen (etwa des geplanten Selbstmordes) ist dabei deutlich. Reduktion starker Gefühlsäußerungen, Dämpfung der Affekte und eine verstärkte Kontrolle über die eigene Innenwelt stehen im Mittelpunkt.

Herwig Gottwald

 

Die Mappe meines Urgroßvaters. Vier Fassungen. In: Adalbert Stifter: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Im Auftrag der Kommission für Neuere deutsche Literatur der Bayerischen Akademie der Wissenschaften hg. von Alfred Doppler und Wolfgang Frühwald, seit 2000 Hartmut Laufhütte, Bd. 1,2 (Studien. Journalfassungen. Hg. von Helmut Bergner und Ulrich Dittmann), Stuttgart u. a. 1979 [1. Fassung]; Bd. 1,5 (Studien. Buchfassungen. Hg. von Helmut Bergner und Ulrich Dittmann), Stuttgart u. a. 1982 [2. Fassung]; Bd. 6,1 (Die Mappe meines Urgroßvaters. 3. Fassung, Lesetext. Hg. von Herwig Gottwald und Adolf Haslinger unter Mitarbeit von Walter Hettche), Stuttgart u. a. 1998; Bd. 6,2 (Die Mappe meines Urgroßvaters. 4. Fassung, Lesetext. Hg. von Herwig Gottwald und Adolf Haslinger unter Mitarbeit von Johannes John), Stuttgart u. a. 2004; Bd. 6,3 (Die Mappe meines Urgroßvaters. 3. und 4. Fassung. Integraler Apparat. Hg. von Herwig Gottwald und Adolf Haslinger unter Mitarbeit von Walter Hettche), Stuttgart u. a. 1999; Bd. 6,4 (Kommentar, in Vorbereitung).

Aspetsberger, Friedbert: Die Aufschreibung des Lebens. Zu Stifters Mappe. In: VASILO (= Vierteljahresschrift des Adalbert-Stifter-Institutes) 27 (1978), H. 1/2, 11-39. - Begemann, Christian: Die Welt der Zeichen. Stifter-Lektüren. Stuttgart, Weimar 1995. - Ders.: Natur und Kultur. Überlegungen zu einem durchkreuzten Gegensatz im Werk Adalbert Stifters. In: Jahrbuch des Adalbert Stifter Institutes des Landes Oberösterreich 1 (1994): Adalbert Stifters schrecklich schöne Welt. Beiträge des internationalen Kolloquiums zur Stifter-Ausstellung Antwerpen 1993, 41-52. - Gottwald, Herwig: Beobachtungen zu Stifters Weg von der dritten zur vierten Fassung der Mappe meines Urgroßvaters. In: Jahrbuch des Adalbert Stifter Institutes des Landes Oberösterreich 4 (1997, ersch. 2000), 16-35. - Ders.: Natur und Kultur: Wald, Wildnis und Park in Stifters Mappe-Dichtungen. In: Hubert Merkel und Walter Hettche (Hg.): Waldbilder. Beiträge zum interdisziplinären Kolloquium "Da ist Wald und Wald und Wald" (Adalbert Stifter). München 2000, 90-106. - Ders.: Beobachtungen zum Motiv des Landschaftsgartens bei Stifter. In: Sibylle von Steinsdorff, Walter Hettche und Johannes John (Hg.): Stifter-Studien. Festschrift für Wolfgang Frühwald. Tübingen 2000, 125-145. - Ders.: Stifters dritte Mappe meines Urgroßvaters. In: Maria Luisa Roli (Hg.): Adalbert Stifter. Milano 2001, 63-72. - Klockow, Jörn: Der Sprachrhythmus und seine Entwicklung in den vier Fassungen von Stifters Mappe meines Urgroßvaters.In: VASILO (= Vierteljahresschrift des Adalbert-Stifter-Institutes) 22 (1973), 93-104. - Lengauer, Hubert: Konstitution und Selbstbeherrschung. Zum Verhältnis von Lebensgeschichte und Zeitgeschichte in Stifters Mappe. In: Adalbert Stifter Heute. Londoner Symposium 1983. Hg. von Johann Lachinger, Alexander Stillmark und Martin Swales. Linz 1985, 135-152. - Mayer, Mathias: Adalbert Stifter. Erzählen als Erkennen. Stuttgart 2001. - Weiss, Walter: Stifters Reduktion [1969]. In: Ders.: Annäherungen an die Literatur(wissenschaft), Bd. 2. Stuttgart 1996, 140-162.