Wels

© Ansichtskartensammlung Stift St. Florian

Auf 317 m Seehöhe gelegen, mit 58.664 Einwohnern die zweitgrößte Stadt in OÖ.

Im Literarischen Führer Österreich von Wolfgang Straub (2007), der für Oberösterreich immerhin 66 literarische Ortschaften verzeichnet, Geburts-, Wohn- oder Sterbeorte von Schriftstellern, auch Sommerfrischen, Schauplätze der Welt- oder der Lokalliteratur von Afiesel bis Zwickledt (vgl. Alfred Kubin) kommt Wels nicht vor. Das ist insofern verwunderlich, als unter dem Namen des Meistersingers Hans Sachs (1494-1576) zwei Verweise auf die Städte Salzburg und Wien erscheinen (vgl. Meistersang). Wien lobt Sachs in einem Lobspruch wegen der vielen unterirdischen Weinkeller und Salzburg wegen der Geschichtsträchtigkeit und wegen seines guten kalten Bieres. Mit diesen Lobsprüchen hätte jener auf Wels durchaus konkurrieren können (Gespräch die neun Gab=Musen, oder Kunstgöttinnen betreffend). Über Wels im Jahr 1513, wo Sachs auf seiner "Walz" als Wanderarbeiter und "Schuhknecht" gearbeitet hat, schreibt er nämlich Erstaunliches. Er berichtet im Jahr 1536, also 25 Jahre nach jenem Ereignis, von einem Weg über die Traunbrücke, den er genommen hat, und einem merkwürdigen "Erweckungserlebnis", wie ihm nämlich an einer Stelle, die man als den Reinberg lokalisiert hat, die Musen in einer Vision erschienen sind und ihn zum Dichter, zum Meistersinger gemacht (geweiht) haben! Die Szene, die er beschreibt, ist unter dem Rubrum Hans Sachsens poetische Sendung durch Johann Wolfgang von Goethe, der ein Sachs-Verehrer und Bewunderer (und Nachahmer) seines "Knüttelverses" war, berühmt geworden (vgl. Goethe 1996, Bd. 1, 135-139). Zweimal erinnert Goethe auch in Aus meinem Leben, Dichtung und Wahrheit an Hans Sachs, den verehrten Meister und Meistersinger. Dort spielt er ihn sogar gegen Walther von der Vogelweide aus, zu dem er weniger Zugang gefunden habe, weil die alte Sprachform des Mittelhochdeutschen eine Barriere gewesen sei. Sie "hätte man erst studieren müssen; und das war nicht unsre Sache: wir wollten leben und nicht lernen" (ebd., Bd. 10, 122), schreibt er. Zu Sachs fühlten sich die Jungen, die Stürmer und Dränger, auch wegen seiner "Bürgerlichkeit", das heißt seiner revolutionären Volkstümlichkeit hingezogen. Goethes Gedicht von 1776 über Hans Sachsens poetische Sendung hat nur einen Schönheitsfehler, es unterlässt, den spätmittelalterlichen Schauplatz der Szene beim Namen zu nennen: Wels!

Jenen Lobspruch hat die Stadt Wels dem Nürnberger Sachs hoch angerechnet und eine Straße nach ihm benannt. Der wichtigste Chor der Stadt trägt seinen Namen und an der Mauer der Burg der Polheimer, wo man das Quartier der Meistersinger vermutet, hat man eine Gedenktafel angebracht. Von Wels also sagt Hans Sachs so wie der Minnesänger Walther von der Vogelweide 300 Jahre früher von Wien, dass er hier "Singen und Sagen", Spruchdichtung und Meistergesang gelernt oder vielmehr eingegeben bekommen hat! Die Stadt Wels hat übrigens auch zu Walther von der Vogelweide ein besonderes, sozusagen sentimentales Verhältnis entwickelt. Ferdinand Wiesinger, der Historiker und Archivar der Stadt hat in seinem Buch Die Heimat im Wandel der Zeiten im Kapitel "Mittelhochdeutsch" (vgl. Wiesinger 1932, 82 ff.) die diesbezüglichen kulturpolitischen Aktivitäten dokumentiert. Man hat in Wels also die Walther von der Vogelweide-Feiern am 10. und 11. Mai 1930 in Würzburg (700. Todestag) zum Anlass genommen, um die Verbundenheit mit Würzburg, dessen Bischof bis zum Jahr 1220 in Wels die Herrschaft innegehabt hat - bis der Babenberger Herzog Leopold von Österreich 1192 "Wels und die Leut und alles Eigen" erworben hat -, durch eine Namensgebung zum Ausdruck zu bringen. "Wir halten mit Ihnen das Andenken an Walther von der Vogelweide, den wir als Österreicher auch den Unseren nennen, in Treue aufrecht. Als ein Zeichen hiefür hat die Stadt Wels auf einem neu erschlossenen und von der Stadt Wels angekauften Baugrunde, auf dem in diesem Jahr bereits 34 Häuser entstehen werden, in der Mitte desselben einen Platz angeordnet und ihn mit dem Namen Vogelweider-Platz benannt" (Bürgermeister Karl Aubert Salzmann, zit. nach ebd.). Inzwischen ist "die Vogelweide" ein eigener, großer Stadtteil.

Eine gewisse, schon in den frühen Arbeiten Wiesingers spürbare, später manifeste Deutschtümelei mündet in die fatale Begeisterung für das "Dritte Reich" und in die bekannte politische und kulturpolitische Katastrophe.  Die "Bewältigung" jener Geschichte in der Nachkriegszeit ist in Wels mit seinen, in der gesamten österreichischen Presse kontrovers diskutierten "braunen Flecken" und trotz einer als "Antifa" bezeichneten Gruppe von entschlossenen Aktivisten am Ort nur sehr zögerlich erfolgt. Immerhin ist es zu zwei Umbenennungen gekommen: Aus der nach dem Nationalsozialisten Moritz Etzold  benannten Sporthalle wurde (wieder) die Jahn-Halle, aus der Ottokar Kernstock-Straße wurde die Thomas Mann-Straße. Welser war natürlich keiner von beiden. Bei einer Gedenktafel an die Heeresgruppe IV (zu der die Waffen SS gehörte) in der zum Kriegerdenkmal mutierten "Sigmar-Kapelle" ist es im Wesentlichen geblieben, bis Diebe die Sache auf ihre Weise bereinigt haben. Um gewisse "Klarstellungen" haben sich zwei Persönlichkeiten aus dem Welser Kulturleben, der Filmemacher und vorübergehend auch Kommunalpolitiker Andreas Gruber (geb. 1954; Schalom, General, 1989; Hasenjagd - Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen, 1994) und Robert Eiter, Leiter der erwähnten "Antifa"-Gruppe, verdient gemacht. Das große (hoch)literarische Werk über die braune Vergangenheit und ihre "Bewältigung" ist bisher ausgeblieben, obwohl ein Autor, der sich an eine solche Arbeit machte, einen gewaltigen Fundus an Archivalien und eine große Masse von Leserbriefen und Stellungnahmen, nicht nur in der 2008 eingestellten Welser Zeitung (später: Welser Rundschau), sondern auch in der überregionalen Presse zur Verfügung hätte. Ein solches Werk würde man sich oder könnte man sich vielleicht vom in Thalheim bei Wels aufgewachsenen Schriftsteller, Kabarettisten und Kolumnisten der Salzburger Nachrichten Christian Wallner (geb. 1948) oder auch vom wohl berühmtesten lebenden Sohn der Stadt Wels wünschen, dem 1954 hier geborenen Christoph Ransmayr, der 1988 mit dem Roman Die letzte Welt über den nach Tomi am Schwarzen Meer verbannten römischen Dichter Ovid große Bekanntheit erlangte, die sich mit Morbus Kithahara - Schauplatz ist dort die Gegend am Traunsee - geradezu zu Weltruhm steigerte.

Die Bedeutung einer Stadt für die Literatur resultiert nicht nur daraus, welche Autoren hier geboren oder gestorben sind und welchen Werken sie zum Schauplatz geworden ist, sondern neben kreativen Leistungen der Produktion auch solchen der Distribution, von Verlagen und Buchhandlungen. So waren zeitweise die Verlage der Welsermühl und der Oberösterreichische Landesverlag (Buchhandlung und Verlag) von einiger Bedeutung. Im Verlag der Welsermühl erschienen zahlreiche Bändchen der Reihe "Lebendiges Wort", die der Gymnasiallehrer Johannes Hauer betreute und Mundartdichtungen aus allen Bundesländern publizierte. Am Quell der Muttersprache heißt eine 1955 im Stiasny Verlag erschienene, von Hauer herausgegebene umfangreiche Anthologie von Dialektgedichten. Aufs Ganze gesehen findet man in dem Buch die traditionelle Mundartdichtung. Man spürt noch wenig von dem neuen Wind, der damals zu wehen begann und in H.C. Artmanns (1921-2000) Med ana schwoazzn dintn kurze Zeit später Orkanstärke erreichte. Eine andere Persönlichkeit des literarischen Lebens von Wels war der Literaturwissenschaftler Wilhelm Bortenschlager, der u. a. eine Ausgabe der Werke von Richard Billinger betreute, deren erster Band 1979 erschien, sowie die bekannte Literaturgeschichte Der Brenner verbessert neu herausgab.   

Ist "der" Wels-Roman auch (noch) nicht geschrieben und der alles überragende Welser Autor, Büchner-Preisträger oder gar Nobelpreisträger vielleicht noch nicht geboren, so fehlt es in der Literatur nicht an denkwürdigen Stellen, die Wels und seine Geschichte als alte Römerstadt ("Venus von Wels"!), als Handels-, Gewerbe- und Industriestadt (Welser Messe und Welser Volksfest), seine ruhmreiche, aber auch unrühmliche Geschichte betreffen. Von Selbstzitaten will ich absehen, ausgenommen einen Hinweis auf den Fotoband Wels von Josef Neumayr und Franz Schöffmann, zu dem ich einen Text verfasst habe. Hingewiesen sei aber wenigstens kursorisch auf die Erwähnung der Stadt Wels als Gerichtsstandort in Thomas Bernhards Roman Das Kalkwerk. H.C. Artmann machte, wie in den Nachrichten aus Nord und Süd von 1978 nachzulesen ist, wiederholt Station in Wels und spielt es als für ihn bedeutender gegen Linz aus, das  auch Ingeborg Bachmann nur von den fünfminütigen Aufenthalten des Zuges kennen will. Artmann steigt in Wels, wo außer dem "Transalpin" alle Züge halten, aus: "in wels steige ich gewöhnlich aus ich komme selten bis nach linz in wels stürzte maximilian der letzte ritter von einer schweren maschine und verschied in seinem arbeitszimmer in das man ihn aus dem burghof gebracht hatte das war im winter 1519 wahrscheinlich hatte man wie üblich nicht gestreut wer sich aufs eis begibt wird im bett sterben oder erwachen allein der sommer ist in wels freundlich bis freundlicher wie uns verschiedene anton bruckner anekdoten zu berichten wissen" (Artmann 1979, 445). Und kurz später, nachdem Artmann eine jener Bruckner-Anekdoten nacherzählt, zeigt er Orts- und Geschichtskenntnis, wie er sie teilweise durch mich, aber sicher noch mehr durch jenen Erich G., den er wiederholt erwähnt, erworben hat: "ich weiß nicht ob der mozart auch so gehandelt hätte (wie Bruckner) aber der war ja ein salzburger ein geschliffener gentleman wenigstens zu der zeit als er noch wunderkind war und der maria theresia auf dem bandoneon vorspielte und die stadt wels noch ihre stadtmauern hatte und einen stadtturm den einige blödmänner vor zwanzig oder weniger jahren abreißen lassen haben die stadt wels kommt schon in shakespeares hamlet vor wo es an einer stelle heißt ovilava erscheine ovilava ist der lateinische name für wels" (ebd., 446). So also schreibt Artmann in seiner Art ohne Punkt und Komma und alles klein. Oh wie Lava ...!

Damit ist in gewisser Weise auch der eingangs zitierte Literaturführer korrigiert, der zwar zu Pichl bei Wels, aber, wie erwähnt, nicht zu Wels einen Artikel aufweist. Was Artmann in den Nachrichten aus Nord und Süd über Pichl schreibt ist nicht schmeichelhaft (vgl. ebd., 465).

Alois Brandstetter