Waltraud Seidlhofer

© Otto Saxinger

Geb. 26.11.1939 in Linz.
Die Autorin zählt zu den Vertretern der experimentellen, sprachreflexiven Dichtung.

Seidlhofer verbringt ihre Kindheit in Puchenau, begibt sich zum Studium der Germanistik und Anglistik nach Wien, unterbricht dieses und nimmt eine Anstellung als Volksbibliothekarin in Linz an. 1965 übersiedelt sie nach Wels, 1969 in das angrenzende Thalheim. 1972 wechselt sie in die Welser Stadtbücherei, wo sie bis 1994 den Brotberuf einer Bibliothekarin ausübt. Schon Ende der 1950er Jahre entstehen erste Gedichte. 1968 erwächst bei einer Tagung am Starnberger See eine Freundschaft zu Autoren aus Plzeň, die bis heute anhält. Schon früh gerät sie in das Umfeld einer sich um Heimrad Bäcker in Linz formierenden Gruppe junger Kunstschaffender, die bestrebt ist, auf den Erkenntnissen der Literatur der Moderne weiter aufzubauen. Bäcker wird 1976 das Programm der edition neue texte mit einem Band Seidlhofers eröffnen.

Entgegen späteren Arbeiten, die Menschen allenfalls als Passmarke einbeziehen, enthält das Prosadebüt fassadentexte (1976) auch Dialoge, die mit Folgen allgemein gehaltener Sätze wechseln. Ein "ich" und "p" vergleichen ihre Lebensräume, wobei "ich" ihre Stadt "hier" als von Fassaden bestimmt definiert. Mit den Wörtern "gegeben" und "ist" eröffnet der gleichnamige Text die Sammlung geometrie einer landschaft (1986), und mit "aus diesen elementen soll eine landschaft geschaffen werden" wird kurz darauf fortgesetzt. In fiktiven Räumen, Landschaften und Geschehnissen treibt Seidlhofer ein spielerisches Durchdenken von Möglichkeiten auf ihre jeweilige Spitze. In bruchstücke. variationen (1991) wird ein als nichtig hingestelltes "Jetzt" zum Ausgangspunkt für zwei abwechselnd bespielte Zeitlinien, die sich gegen Ende beschleunigen und auseinanderdriften. In zeit. staedte. spiel. eine sammlung (1994) gesellt sich zur Konzeptualisierung von Text eine Tendenz zum Aufrauen, die das Geschriebene als Notat auf sich selbst zurückwirft und dabei auch entgleiten lässt. Auch der Großtext text: ein erinnern (1999) erweist sich als prozessuales Gebilde. Die unter Einfluss des Radikalen Konstruktivismus forcierte Selbstreferenzialität tritt hier hinter das zu Entwerfende aber wieder zurück. Der Text und die in ihn einfließende Zeit bleiben eine mittelpunktlose Fläche, in deren Beschreiten sich das Erinnerte wie auch die Erinnernde immer wieder neu formieren. Mit dem Wissen um die Unmöglichkeit fester Formen - und Seidlhofer erweist sich hier als Realistin, indem sie die realen Prozesse unseres Wahrnehmens und Denkens literarisch einzulösen versucht - präzisiert die Autorin die Wiedergabe von Bewegung.
Mit Wellington oder der private Versuch, eine vorübergehende Gegenwart zu beschreiben (2002) folgt das Porträt einer konkret benannten Stadt. In der Prosa gehen. ein system (2005), einem modellhaften Durchspielen von Arten des Gehens, verlässt Seidlhofer solch konkrete Verortung wieder. Das Gehen wird von Wegbeschaffenheiten bestimmt: Unebenheiten, Witterungen, aber auch dem Aufkommen jäher Gedanken, die ebenso einen Umschlag des Verlaufs bewirken. Tage, Passagen (2009) ist ein Gefüge aus immer wieder neu verfolgten Beschreibungen prototypischer Stadtlandschaften. Den Zusammenhalt bietet eine Fotoserie, die eine Plastik bzw. deren Umfeld von diversen Standpunkten aus wiedergibt. Im Gegensatz zu früheren Arbeiten findet sich nun das Dokumentarische gegenüber dem Abstrakt-Konzeptiven aufgewertet. Hinter den fiktiven Stadtlandschaften (darunter zentral eine in Neuseeland) stehen verschiedene konkrete Städte. Seidlhofer betont die kausalen Zusammenhänge. Ihr Interesse gilt der Physik, der Chaosforschung und der Geometrie, deren Fragestellungen manche ihrer Texte anleiten.

Die Ausgangspunkte der Gedichte sind andere, denn während für die Prosa der Nouveau Roman (insbesondere die Arbeiten von Michel Butor) ein Bezugsystem darstellt, ist hier etwa auch der Einfluss des Surrealismus maßgeblich. Seidlhofer hat ihre Lyrik von traditionellen Formen zunächst zu Texten getrieben, die die leere Seite als Text-Bett im Sinne der damaligen Visuellen Poesie bespielen. Schon früh setzen als Gegenbewegung zu dieser Versprengungstendenz aber auch kaskadenartige Zeilenfälle ein, am rigorosesten eingelöst dann in la/e/sergedichte (1996). Ergeben sich zwar auch noch später Verkettungen über den Klang, so nähert die Autorin ihre Lyrik seitdem doch mehr und mehr ihrer Prosa an. Das Maß bleibt aber ein anderes, insofern dabei Zeile für Zeile gearbeitet und die Maschinenschreibseite nicht überschritten wird. Für die Reihe "podium porträt" hat die Autorin 2009 eine Auswahl zusammengestellt, die einen Überblick über die Entwicklung ihrer Lyrik bietet.

Ihr Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. 1991 mit dem OÖ. Landeskulturpreis, 2008 mit dem Heimrad-Bäcker-Preis und 2014 mit dem Georg-Trakl-Preis für Lyrik.

Christian Steinbacher