Aufzeichnungen aus der Quarantäne

Wir haben mit Marlene Gölz nicht nur eine hervorragende Pressearbeiterin, sondern auch unsere "hauseigene" Schriftstellerin, die an dieser Stelle ihr Logbuch der Corona-Krise führen wird:

 

Corona-Tagebuch

(Ich beginne zu schreiben, weil alle anderen Texte gerade nicht mehr funktionieren.)

15.3.2020

An einem Sonntag in die Schule, F.s Sachen geholt. Nur wenige da, alle mit Sicherheitsabstand und alle beunruhigt. Jeder Sozialkontakt ist etwas Besonderes und man wünscht sich alles Gute.

 

16.3.2020

Ki.s Schulsachen geholt, sehr traurige Lehrerin, verzweifelte Gesichter.

„Kann uns jemand von der Trafik das Volksblatt bringen?“ Meine Mutter hat das mit lebensnotwendig noch nicht so auf der Reihe.

Mein Mann wird auch immer komischer.

Hühnerstall. Das Wort zerschlägt alle Mädchenträume, doch noch eine Künstlerin in New York zu werden, die sich wenn dann mit HIV infiziert, endgültig. Auch „Hühner“ und „Eier“ stehen seit heute auf der Blacklist. Quasi dauerhaft werden Träume zerschlagen.

Haarfärbemittel besorgen, sonst schau ich in vier Wochen ganz schön alt aus.

K. meint, ich spinn. Siehe voriger Eintrag. Man müsse Prioritäten setzen.

Ich mag keine WhatsApp-Stories. Jetzt mach ich selber welche.

„IS warnt Terroristen vor Einreise nach Europa.“ (Standard)

Hauslehrerin. Ich bin was ich nie sein wollte. Lehrerin.

Tel. mit E. Ich soll mit getrockneten Kastanien Buntwäsche waschen. Oida.

Ischgl … L. war in Ischgl. Diverse Verflechtungen … Heute den Bgm. informiert.

B. meinte, wir sollten uns einen gscheiten Garten anlegen. Ich hatte kurz Ambitionen, aber ich seh schon. Das mit dem Garten übernimmt mein Mann.

Gestern Mauerkaffee mit den Nachbarn. Dank an die Bluetooth Box.

Die Sonne scheint. Zum Glück ist Frühling.

Dankbar und wie. Wir haben Platz. Und einen Garten.

Ich bewege mich im Spannungsfeld zwischen Hühnerstall und Rollrasen. Und immer schon zwischen Proletariat und Kleinbürgertum. Ich bin die Mischung schlechthin.

Mir fehlt die Stadt.

Und wie.

Ischgl. Gibt einen Riesenskandal.

Noch mal Bgm. kontaktiert.

Telefonkonferenz? Huch. Da weiß ich nie, wann ich was sagen darf.

Waizenkirchen: Abziehbild von Österreich

Sozialer Friede geht vor (?)

Gute Nacht, Corona. Traurig

 

17.3.

Scheinbar werden keine Tiere zum Schlachten mehr abgeholt. In ein paar Tagen gibt es kein Fleisch mehr zu kaufen?

Der Verschwörungstheoretiker fährt mit dem Fahrrad herum und spricht von Verschwörung.

Ich mein, ich will ja leben. Ich will es nicht gemütlich und beschaulich haben.

Ob das klappt mit Schulpensum erfüllen? Diskussionen.

 

18.3.

A: „Am meisten regt mich auf, dass die Künstler am lautesten schreien. Die leben eh immer im Prekariat. Was regen sie sich so auf? Ist für alle schwer.“ Ich: „Am lautesten schreien? Vielleicht im Standardforum, sonst nirgends. Wir haben nicht mal eine ordentliche Standesvertretung, ein Ministerium. Wo ist die Staatssekretärin, die Frau Lunacek? Und Prekariat schützt vor Bankrott, oder was? Abgesehen davon haben wir alle Jobs. Und die brechen auch grad weg.“

Mir scheint, manche setzen mir gegenüber arbeitstherapeutische Maßnahmen, damit ich nicht in der Corona-Depression versinke. Artikel schicken – Hühnerzaun aufstellen – Gartendings schneiden – Schule Haushalt Kinder

Ich muss ja bei ganz unten anfangen. 1. keinen Häkelpullover anziehen beim Rosenhecken schneiden. 2. meine Hände hey usw.

 

19.3.

Streit. K. hat mir irgendein Pulver ins Wasser gekippt, ich find das total übergriffig. Vitamin C oder so.

Bügeln? Für wen?

Nachbarin gestern: der Knoblauch ist aus. Und die Zitronen, Klopapier gibt`s wieder.

Rechenaufgabe. Da steht 12 Zitronen. Ki. liest: 12 Z(wischenräume) – das erste Wort, das ihm mit Z einfällt, ist Zwischenräume?

Systemrelevant. Unwort des Jahres?

 

20.3.

Mauerbier mit der Nachbarin. Die Kinder haben verstanden, dass sie nicht zusammen dürfen. Auch Ballspielen ist nicht mehr erlaubt. Sie singen und tanzen, die einen hier, die andren drüben.

Nach dem Lackieren der Hühnerstall-Lattenrosttür: Pinselauswaschen. Verpickte Hände reinigen mit Terpentin, Ki.: „Das riecht wie Definsektionsmittel.“ Erkundung des Wortes. Ich: „Wie heißt das?“ Ki.: „Definsektionsmittel“ Ich: „Das heißt Des-infek-tions-mittel“ F.: „Ah, echt? Ich dachte auch das heißt anders. Ich dachte immer, du meinst „des Infektionsmittel“.

Virtuelle WhatsApp-Lagerfeuersession mit Hare. Auf einem sinkenden Schiff hält der die Leut bei Laune. Danke Hare!

Konzert Nino aus Wien live in Isolation. Stiegenhaus-Bier.

 

21.3.

Wir haben jetzt die Hühner. Sie sind schon wach.

Es gibt jetzt zwei Kategorien von Menschen. Die, die sich in ihrer Lebensform bestätigt sehen und die anderen. Ich dränge mich grad in die erste.

Jetzt hab ich zu mir selber auch schon einen Meter Abstand.

In Wien spielt der Streifendienst der Polizei nun jeden Abend „I am from Austria“ …

Langsam dämmert mir: Die Angst vor zu viel Kontrolle, Überwachungsstaat usw., da ist was dran. Da fallen Hemmungen. Es könnte sein, dass davon ein stückweit was übrig bleibt. Schlecht.

Ich hab geschlafen. Am Nachmittag. Das kommt so gut wie nie vor. Ob ich krank bin?

Hochkonjunktur bei den Gläubigen.

Ö1 stellt das Kulturjournal ein. Was für ein Signal.

Man solle genießen, dass man jetzt „frei“ habe. Ist für die meisten ihre Arbeit so schrecklich?

Meine FreundInnen beginnen jetzt zu posten, was sie essen. Andere haben wieder Augen für die Schönheit der Natur. Wieder andere informieren sich übermäßig und regen sich wahnsinnig auf, zum Beispiel über die Causa Tirol. Ich gehör zu denen, die sich aufregen. Ich hör aber wieder auf damit.

Das Schlimme ist: Man weiß nicht ob man infiziert ist oder nicht. Man weiß es einfach nicht.

In manchen Krankenhäusern lässt sich das Personal privat Masken schneidern. S. hat sich eine mitbestellt. Sie solle sich zum nächsten Dienstantritt eine Reisetasche mitnehmen, hat ihr die Kollegin geraten.

Es regnet schon den ganzen Tag. Viel Sonne getankt in letzter Zeit, das war auch notwendig. Die Kinder vor dem TV.

Kopfschmerzen.

 

22.3.

15 Stunden geschlafen. Entweder ich hab all den Schlaf nachgeholt, der mir seit Monaten fehlt, oder ich bin krank. Kopfschmerzen, Übelkeit. Ich google die Corona-Symptome. Kein Husten, kein Fieber. Alles im grünen Bereich.

Ich kann kaum essen. Cola, Suppe, Grissini.

Ist das Corona oder schon die Depression?

Jede/r schreibt Corona-Tagebuch. Eh klar. Wird alles dokumentiert, von all den einkommenslosen SchriftstellerInnen. Macht meins also überflüssig. – Nur dann nicht, wenn ich´s für mich schreibe, also nur dann nicht, wenn es persönlich sein darf.

Wir haben 2 l Apfelessig geschenkt bekommen. Hühner, Essig usw. Wie werden wir wieder gleich? Die Bauern: systemrelevant, nein, systemerhaltend.

Registrierkassen für die neuen Hofläden? Schließung der Bauernmärkte? ErntehelferInnen – von wo her? Wird es möglichst unbürokratische Lösungen geben? Und wird es wirklich bald keine Verpackungen wie TetraPack mehr geben?

Siedler von Catan. (Nicht ich, die anderen.)

Wir sollten ein Testament machen.

Es ist kalt geworden. Aber immerhin regnet es nicht mehr.

Zum Glück haben wir Hühner. Ein Grund mehr für die Kinder, mehrmals am Tag raus in den Garten zu gehen.

Nachdem ich den halben Tag verschlafen hab und mich krank fühle, bin ich jetzt um 18 Uhr immer noch im  Pyjama. Wenigstens hab ich´s aus dem Bett geschafft.

Ich muss mir eine Online-Sperre verordnen. Da will einer auf sehr persönliche Art und Weise Suizidprävention betreiben und bewirkt das reinste Gegenteil damit, fürchte ich. Überhaupt stellt sich die Frage: Welche Konsequenzen haben die ganz normalen Durchschnittspostings und Nachrichten auf die Befindlichkeit des Landes? Das religiöse Wohlfühlvideo, das mir jemand geschickt hat, etwa? Macht das nur mich aggressiv? Wann drehen die Leute durch?

Alle sagen Kwarantäne.

 

23.3.

Ich weiß nicht wie das funktionieren soll. Drei Kinder unterrichten und Home Office und Haushalt mindestens doppelt so viel wie sonst. Schreiben wollte ich auch noch.

Fad ist mir nicht.

Ich drück mich vor Abgaben. Texte werden angesichts dieses Ausnahmezustandes anders gelesen werden. Sehr vieles scheint sehr belanglos.

Alle posten sie jetzt Kinderfotos von sich. Als wollten sie sich ihrer selbst vergewissern.

Haushaltserziehung. Das große Kind kann jetzt Eierspeis kochen. Das scheint mir angebrachter als Prozentrechnen. Plan: Jedes Familienmitglied bekommt einen eigenen Wäschekorb.

Es regnet Fb-Freundschaftsanfragen.

Wer weiß was ich im Jänner/Februar hatte. Ich war so krank wie noch nie. Ki. auch. Fieber und dieser Husten. Ich geh die ganze Zeit im Kopf meine Kontakte durch, von denen ich hier nicht berichten kann.

Ihr Tod. Das Begräbnis. Das Jahr hat nicht gut begonnen.

Schlachtfeld Wohnung

Ich kann mit den Live-Lesungen aus den Badewannen des Landes nichts anfangen.

Ich habe dieseTage geträumt, ich hätte Brokkoli aus Wuhan gegessen. Das war, als ich dann im Wachzustand nichts essen konnte. Gestern? Vorgestern?

Die Tage sind wie ein ewig langer Sonntag. Ein Gefühl wie irgendwann in Berlin. Da hab ich ein Jahr lang eigentlich nur gefrühstückt. Damals wusste ich auch nicht, wie es weitergeht.

Lerne Grafikdesign, Lerne zeichnen: Neue Werbeeinschaltungen auf Fb. Sorge vor Ausbruch in griechischen Lagern. Seit 15.3. 115.600 neue Arbeitslose.

Den ganzen Tag verdrängt: Keine guten Nachrichten von K.s Arbeit.

Mir fehlen die Vormittage. Den ganzen Tag denke ich: Am Abend, wenn sie schlafen, mach ich mich an die Arbeit. Aber ich bin so müde.

 

24.3.

Ich ahne, was mit Funktionskleidung gemeint sein könnte.

Hätten wir Juri nicht, ich würd mich kaum bewegen. Juri ist unser Hund.

Ich muss mich wieder konsequenter an den Schreibtisch setzen. Mahnung bezahlen. Steuerdings. usw.

Man könnte Andy Warhols Campbell`s Dosen posten, oder sein „but I always say: one`s company, two`s a crowd, and three`s a party“.

Hungrig nach Kunst, Trost, Antworten, Ablenkung.

Ich sollte einen Brief schreiben, den ich schon lange aufschiebe, und eine Postkarte verschicken.

Q. hält mich bei Laune. Schön, so späte Freundschaften. Wir hätten uns immer schon verstanden.

Scheinbar wird das jetzt was mit der Veröffentlichung. War nicht so gedacht. Ist okay glaub ich.

Ich fürchte, ich hab C. beleidigt.

Ich seh plötzlich Spinnweben, die ich sonst nie bemerkt hätte.

Lesen. Wir müssen lesen üben.

Man sieht plötzlich in sehr viele private Lebensräume. Corona-Tagebücher. Videos aus der Küche, vor Bücherregalen, von Kindern. Menschen in Pyjamas und Yoga-Posen. Man rückt also auf eine andere Art zusammen. Will man das?

In Italien werden offenbar die Zapfsäulen abgedreht.

Die Frage nach der Freiheit.

„Machen sie sich frei, sagt das Leben. Ganz, fragt der Mensch. Ganz, sagt das Leben.“ Werner Schwab. Die schönste Postkarte vom Literaturhaus Graz. Hängt da.

Wir müssen lesen üben.

Q. schickt „Ein Stück vom Himmel“.

Teil 2

25.3.

Ich hab geträumt, ich arbeite an der Wursttheke. Und war sehr nervös, als jemand hauchdünn aufgeschnittene Salami bestellte. Weil ich nicht wusste, wie man diese silberne Maschine bedient.

Standard: Man solle Fotos aus dem Kinderzimmer-Chaos schicken. Wozu wird in zwei Wochen aufgerufen?

„Team Österreich“. Die türkise Corporate-Identity ärgert mich extrem.

Ich finde diese Bilder, geknebelte Kinder mit zugepicktem Mund hinter der Homeoffice-workenden Mutter, die da gerade kursieren, irgendwie nicht so witzig.

Der Lärmpegel steigt. Sie sind einfach in der Mehrzahl.

Ich weiß schon, warum die Trafiken weiterhin geöffnet sind.

Scheinbar ist Camus` „Die Pest“ ausverkauft.

Es werden, irgendwann, viele Kindergeburtstagsfeiern nachgeholt werden müssen. Die Houseparty-App ist nicht meins.

Kann sein, dass wir bald einen Quarantäne-Gast für zwei Wochen bei uns haben.

Manche Schulbuchgeschichten sind schon seltsam. Da strengt sich ein Kind dermaßen an, einen Satz zu lesen, es dauert ewig und dann passiert darin schon wieder nichts. Wir steigen jetzt auf was anderes um.

Morgen gehe ich einkaufen, meine Mutter will „wieder mal was anderes“.

 

26.3.

Es ist 1 Uhr. Ich kann nicht schlafen. Das waren zu viele Nachrichten heute. Gestern.

Was mir keine Ruhe lässt: Ischgl. Wurde am 5. März von Island zum Hochrisikogebiet klassifiziert.

Damit verbunden Quarantänemaßnahmen für alle Rückkehrer aus dieser Region – längst alles bekannt. Aber was ist mit den österreichischen Tirol-Urlaubern? Da klingt ein „Sie sollen zuhause bleiben“ nach einer Empfehlung. Wer überprüft, ob diese Menschen nicht doch einkaufen gehen? Ist diese Information überhaupt zu ihnen durchgedrungen? Sind diese Menschen registriert? Und wer hat welche Informationspflichten? Wie ist die Kette zwischen Bürgermeistern, Bezirkshauptmannschaft usw.? Da fehlt es an Aufklärung. Jeder glaubt und meint etwas, jeder findet irgendetwas skandalös. Aber wie ist die rechtliche Lage?

Eins der Kinder weckt mich seit Neuestem jeden Morgen um 6 Uhr auf. Das wäre ja der einzige Bonus jetzt: Nicht um 6 aufstehen zu müssen. Es schläft wieder. Ich bin wach.

Streit um die letzte Tintenpatrone.

Was ist mit dem Zahnarzttermin?

Frühling ist ein sehr schwieriges Wort.

Langsam dämmert uns allen, das bleibt noch lange so. Tränen. Es ist nicht zu verstehen, dass beste Freunde nicht zusammendürfen, nicht?

Ich kann jetzt schon keine Kurvengrafik mehr sehen.

Wir rücken zusammen. Die Babyjahre sind wieder präsent.

Was machen diese Wochen, Monate mit mir als Mutter? Wie bin ich danach, wenn sich die Kinder hoffentlich wieder wie gewohnt bewegen? Wird man besorgter sein? Einfach nur weil sie plötzlich nicht mehr ständig um einen herum sind? Aber vor allem: Was macht diese Zeit mit den Kindern? Wie ist es, wenn sie ihre Freundinnen und Freunde wieder sehen? Ein Fest, ganz sicher.

Bauernmärkte im Freien werden geschlossen. Supermärkte haben geöffnet.

In Diskonter-Prospekten wird auf Trüffelpaste, Lachs und Nordseekrabben gesetzt.

Dazu passt die Jogginghose aus Kaschmirmix, für die eine Warenhauskette, bei der man nicht einkaufen sollte, wirbt.

Es passt alles nicht zusammen.

Frost. Heimisches Obst wird es heuer wohl nicht viel geben.

Was sich wohl jetzt in unserer früheren Wohnung abspielt.

Haben die Personen, die darüber nachdenken, die Schulen bis Sommer geschlossen zu halten, Kinder zu Hause? Leben sie mit denen in einer Stadtwohnung? Auf wievielen Quadratmetern? In welchem Bezirk?

Ich weiß nicht, wie es mit meinem, ich sag mal Projekt dazu weitergehen soll. Es ist ja kein Stein mehr auf dem anderen. Das hat erzähltechnische Auswirkungen. Ich kann doch nicht so weiterschreiben wie vorher. Ich hab das Dokument jetzt seit zwei Wochen nicht geöffnet. Was macht Corona mit meiner Geschichte?

 

27.3.

Jeder Morgen beginnt mit dem Satz: „I schau kurz zu die Hena“. Winterjacke über den Pyjama, und danach wird berichtet in welcher Reihenfolge die Hühner aus ihrem Häuschen sind. Das Häuschen war mal ein Hasenstall und steht auf drei Bierkisten.

Stress. Joggen. (Nicht ich.)

Ich lese laufend Berichte über Italien und denke an unsere letzten Sommer. Wie aus einer anderen Zeit. Müssen endlich Federico kontaktieren.

In dieser Heimwerker WhatsApp-Gruppe hab ich eigentlich überhaupt nichts verloren.

Tel. mit der Französin. Irre Geschichte. Schlumpf-Treffen in der Bretagne Anfang März. Da haben sich, zu Corona Zeiten, tausende, als Schlümpfe verkleidete Leute getroffen. Sie wollten ins Guinessbuch der Rekorde kommen.

Ob es stimmt, dass Corona-Patienten mit dem TGV quer durch Frankreich ins nächste Krankenhaus gebracht werden. Wir wissen es nicht. Hochkonjunktur im Journalismus.

Generell zu beobachten: Kräftemessen zwischen den Ländern. Dass im Elsass Über-80-Jährigen generell Beatmungsgeräte verweigert werden – Fake-News deutscher Medien? Wär ja nicht abwegig.

Muss dann mal das Zimmer vorbereiten – wie es aussieht. Der Quarantäne-Gast hat einen Flug über drei Ecken gebucht. Bin ich froh.

E. schreibt aus dem Krankenhaus.

Rechnen. „Ich check die Logik von dem nicht.“

Wir machen jetzt dann Sachen. Im Garten. Die Witterung bestimmt den Tageskurs.

Die Menschen werden empfindlicher.

Italien. Spanien. Ich wollte in den Prado heuer. Rogier van der Weyden, Kreuzabnahme. New York. Was für eine Katastrophe.

Teil 3

28.3.

Ich betrachte das mit der Schule mittlerweile mehr als Empfehlung.

Es rückt näher. Der Bruder einer Freundin, die Nachbarin eines Freundes usw. Und soeben hab ich erfahren, dass ein ehemaliger Uni-Kollege schwer erkrankt ist.

Wer gilt eigentlich als „Kontaktperson“?

Ich streich jetzt manche Wörter aus dem Wortschatz.

P. hält das alleine wohnen nicht mehr aus und zieht in ihre alte WG. Da ist ein Zimmer frei.

Es posten Menschen, die nie gepostet haben. Andere werden stiller.

Freunde berichten von mehr Arbeit als sonst im Homeoffice, von stundenlangen Videokonferenzen. Trotzdem werden sie in Kurzarbeit geschickt, was 20 % weniger Lohn bedeutet.

Eine Spaziergängerin getroffen. Sie findet das jetzt alles voll super und ginge es nach ihr, könnte es immer so bleiben.

Mir ist ein Lektoratsauftrag weggebrochen. Die Übersetzerin sagt: „Ich bin letzte Woche auf vielleicht drei bezahlte Stunden gekommen.“

Ich trenne mich von ein paar Dingen und hab ein Abo gekündigt, auch eine Mitgliedschaft. Ich werde den Mobilfunkbetreiber wechseln und den Stromanbieter.

Q. schickt „Traurige Tulpen“.

Zwei der Kinder haben sich eine Musikecke eingerichtet und meine alten Kassetten und CDs ausgegraben. Erste Allgemeine Verunsicherung.

Die lustigen Postings werden weniger.

Adidas zahlt keine Miete mehr. Erinnerung ans Sonnendeck und ein goldenes Adidas Shirt.

Seit dem Schwangerschaftsyoga bin ich für Yoga nicht mehr zu haben. Wir waren da wöchentlich auf dieser imaginären Blumenwiese und haben den nicht vorhandenen Vögeln gelauscht. Ich muss mir trotzdem was einfallen lassen.

Der Quarantänegast sitzt im Flugzeug, kommt aber jetzt doch woanders unter.

Wird nicht alles bald wieder laufen wie bisher? Diesen Gedanken hatte ich seit Wochen noch kein einziges Mal.

 

29.3.

Hostile Ambient Takeover: The Melvins. K. backt Brot. Ein Halbtagesprojekt.

Ich bin so nervös. Ich muss raus.

Wir pflücken, was da so wächst.

T. hat ein Spiel erfunden, nach ein paar Runden bin ich drin.

„Zeit für Kaffee und Kuchen?“ Die Mauer, unsere Bar. Während wir uns unterhalten, gackern die Hühner. Sind wir still, sind sie es auch.

Ich schau ein Video vom Staatsballett Berlin. Hätt ich nie. Bob Dylan hat einen neuen alten Song veröffentlicht und ich lese seit Langem wieder mal in einem Buch.

Es ist spät, aber ok, Zeitumstellung. Eins der Kinder kommt noch mal raus, mit einem Zahn in der Hand.

 

30.3.

Meine Mutter sagt: „Ich schau nur noch ein Mal am Tag die Nachrichten.“ Ich glaub ihr das nicht.

Meinem Vater geht es gut, sagt er.

Die Seifengeschenke der letzten Jahre werden aufgebraucht. Die Handrücken der Kinder sind wund.

Ob es nach dem Ganzen noch Impfgegner gibt.

Getreide selber mahlen? Fürs Roggenmehlshampoo? E. hält mich bei Laune, wir telefonieren fast täglich.

Neuigkeiten vom Rindfleischmarkt.

Die Anästhesistin näht sich ihre Maske selber, mit Kaffeefiltereinlage.

Preisanstieg von FFP2 Masken innerhalb von 10 Tagen um rund 3000 %.

Ein britischer Fetisch-Shop hat seinen Lagerbestand an OP-Kleidung an ein Krankenhaus gespendet.

Bei der Pressekonferenz der Bundesregierung heute Mittag wurden zwei Wörter besonders häufig erwähnt. Supermarkt und Polizei.

Ungarn ist jetzt eine Diktatur.

Ich hab gebacken. Ob mich die aktuelle Germ-Knappheit dazu verleitet hat?

In Süditalien drohen Menschen mit „Sturm auf die Paläste“.

Alle sind online, immer. Federico hat sofort zurückgeschrieben. Es geht ihnen gut.

In unserer „Liter.Gruppe“ ist wieder was los.

Erste Suizide aus Angst vor Covid-19. Junge Frauen.

Nachtspaziergang mit Juri.

Und: Ich hätte heute fast ein Huhn berührt. Fast.

Teil 4

31.3.

Die Dohlen fressen den Hühnern das Futter weg. C. sagt, man müsste ein paar schießen und die toten Vögel zur Abschreckung auf die Bäume hängen. Würde er im Ort aber nicht machen.

Immer wenn ich im Bad bin, ruft jemand nach mir.

Aus den Hascheeknödeln wurde ein Gröstl, das letztlich der Hund gefressen hat.

Die Zeit der Heldinnen und Helden ist angebrochen. Der nächste Balkon-Applaus solle den Kindern gelten. Ich erhalte solche Botschaften in diversen Elterngruppen immer mindestens mal drei.

Zumindest sind unsre Kinder aus dem Bespaßungsalter heraußen.

Es gibt zwei Personen in diesem Haushalt, die es perfekt beherrschen, sich unsichtbar zu machen.

Ich kann nicht nähen.

Turkmenistan verbietet das Wort „Coronavirus“.

Das Outfitproblem des Kindes, wenn es mit mir und dem Hund nachts spazieren geht. Versteh ich nicht.

 

1.4.

Ausnahmevormittag. In der Volksschule Lernmaterialien ausgetauscht, danach Metzgerei, Bäckerei, Apotheke. Ich halte die Luft an, wenn ich wo reingehe.

Meine Mutter möchte lieber nicht ins Krankenhaus, wo man „neben lauter fremden Leuten“ liegt.

Total verantwortungslos wird hier mein Druckerpapier verschwendet.

Die New York Post schreibt, der Virus würde sich länger in der Luft halten als bisher angenommen.

Ich kann mich nicht nicht informieren.

Nein, ich kann keinen Dreisatz.

Wer war Edvard Grieg? Wann lebte er? Ich schlage vor, sich erst mal was von dem anzuhören. Aber nein, das müsse man nicht, Jahreszahlen würden reichen.

Der Bgm. macht Werbung für einen Großhandel. Darauf angesprochen, habe ich mir heute ein Sie erarbeitet, ein „Liebe Frau Gölz“.

 

2.4.

Der Tag fängt nicht gut an.

Mein psychologisch geschulter Mann kommt mir mit dem Vier-Ohren-Modell.

Das mit dem Skypen funktioniert nicht.

Was machst du? Wie lang dauert das?

Ich muss raus.

Wo warst du? Warum?

K. pflanzt Sträucher in einem fremden Garten.

Boris Johnson hat Dyson beauftragt, Beatmungsmaschinen zu produzieren.

S. war hier und hat uns selbstgenähte Masken vorbeigebracht. Die kann einfach alles, Nähen, Leben retten, Beatmungsgeräte bedienen. Üblicherweise würden die in enger Zusammenarbeit mit Intensivpersonal entwickelt.

Wer war der Heilige Sebastian? Das Kunsthistorische Museum klärt auf. Dritter Sebastian-Eintrag auf Instagram in Folge.

Teil 5

3.4.

Den Moretti mocht` ich noch nie.

Ki. soll schreiben. Er sieht mich an und lässt Stifte auf den Boden fallen, einen nach dem anderen.

Hab ich dann Zeit zum Schreiben? Wenn ich mich nur verstecken könnte.

Ab heute sind Ferien. Bei uns beginnen sie am Sonntag, wenn hoffentlich das meiste nachgeholt sein wird.

Ich will einen Strauch versetzen. Kurz darauf bringt mir der Nachbar ein Pflaster.

Ob ich ein Frisurexperiment wagen soll?

Unser Hund buddelt nur Löcher, wenn er nicht soll.

Videochat mit meinem Bruder. Der macht Sachen.

Die Bundesgärten sind immer noch geschlossen.

Tintenpatronen aus einem alten Bürobestand sind aufgetaucht. Königsblau, österreichische Qualitätsarbeit.

Ob die Wimperntusche bald ausgetrocknet sein wird?

Tante I. nach dem Malakofftortenrezept gefragt. Da wird ja gar nicht gebacken.

Es gibt für alles ein YouTube-Video. Auch für: Spritztüten-Selbermachen.

Wir haben jetzt Netflix. Die Kinder lieben mich.

„Unorthodox“. Großartig.

 

4.4.

Ob die Renaissance einen Aufschwung erlebt?

Das mit dem neuen Pass hat sich vorerst auch erübrigt.

Es gibt Menschen, die blühen jetzt richtig auf.

F.s Outfit hat sich verändert. Sie schneidet sich alte Klamotten zurecht.

Was macht Corona mit der Mode?

Mittagessen bestellt.

Das jüngste Familienmitglied schafft Ordnung.

So viele Erinnerungen. Geht es allen so? Hat man jetzt einfach mehr Zeit dafür?

K. ist einkaufen, die Kinder sind im Garten. Wie lange wird es dauern, bis ich sie streiten höre?

Diese schönen Sprüche. Diese Schöne-Sprüche-Menschen.

Dafür rühren mich Lieder, die mich nie gerührt hätten.

Meine freien Minuten gehen über in eine freie Stunde. Hätte ich nur was damit angefangen.

Drei Kinder, ein Film. Kämpfe.

Ich lese in fremden Tagebüchern. Alle schreiben Tagebuch. Alle schreiben, dass alle Tagebuch schreiben.

Ich brauch´ wen zum Reden.

 

5.4

Heute früh denk´ ich: Könnt´ so bleiben.

Ich öffne manche Post nicht, weil ich meine zu wissen, was drin steht. Ist aber nicht immer der Fall.

Die Sonne scheint, wir sitzen draussen und essen Torte.

D. war hier. Die Kinder halten Abstand.

Mir fehlt das so. Das FreundInnen-Sehen, das Sich-die Hand-Geben.

Die Chinesin erzählt: In Quarantänegebieten mit Ausgangssperre bekommt jeder das gleiche Essen vor die Tür gestellt. Die infizierten Toten werden schockgefroren, gehäckselt und anschließend verbrannt.

 

6.4.

In Italien brennen EU-Flaggen.

Wann werden wir unsere deutschen Verwandten wiedersehen?

Heute wäre ein ideales Fensterputzwetter.

Das Liebesleben des Landes verändert sich.

Schlechtes Gewissen, wenn ich schreibe, schlechtes Gewissen wenn ich nicht schreibe. Ich habe seit Wochen dieses Dokument nicht geöffnet.

K. findet unter dem Strauch, den ich ausgraben wollte, eine scharfe Patrone.

Tag des größten Waffenfunds seit Jahrzehnten in Oberösterreich.

F. bringt einen Schweinezahn, den sie wäscht und auf die Arbeitsfläche in der Küche legt.

War das ein Distelfink im Baum?

Die Holzindustrie ist am Boden.

Kein Schulbetrieb bis Mitte Mai, Veranstaltungsstopp bis Ende Juni. Das ist lang.

Nachmittags das nie genutzte Dachbodenzimmer leergeräumt und geputzt.

Zwischendurch bezahlte Arbeit.

Das Zimmer ist klein und hell. Ich finde einen alten Küchentisch und einen Stuhl. Es ist nett.

Ich rolle einen Teppich aus und wieder ein. Und stelle den Tisch doch nicht ans Fenster. Nur ein Drittel Himmel ist zu wenig.

Fast ist Supermond. Es ist Mitternacht, und ich geh noch mal raus.

Teil 6

7.4.

Es ist zwei Uhr früh. Ich geh zum Kühlschrank und lass den Mond durchs Fenster.

Ostereier selber färben? Jetzt fängt K. auch schon damit an. Mit Spinat und Zwiebelschalen. Wer soll das machen?

Ich muss arbeiten. Sie kommen immer rein und melden sich an und ab als wäre ich Rezeptionistin. Als wäre ihr Radius so groß.

Boris Johnson auf der Intensivstation. Was wohl seine PflegerInnen denken?

Die Kinder dressieren den Hund. Stellen das kleine Zirkuszelt in den Garten und führen vor, was sie ihm beigebracht haben. Juri springt durch Reifen und rollt sich bei „Peng“ auf den Rücken.

Trixi, das unerschrockene Cover-Huhn, hat eine Blindschleiche gefangen.

Es gibt was zu feiern, ich sitze bei meinen Eltern. Beinah wie früher.

In New York werden Notfriedhöfe in Parks ausgehoben.

Ich fotografiere den Mond, durch Jalousien und Zweifachglas.

Die besten Geschichten, die schreibt man nicht auf, nicht wahr?

 

8.4.

Die Küche ist dauerbelagert. Schüsseln mit eingetrockneten Sauerteigresten, die man nicht auswaschen darf, eine Küchenmaschine sei zu wenig.

Postkarten aufgegeben.

Die Kinder fragen, wann sie wieder nach Deutschland können. Sie wollen sich ins Auto setzen, sich um den Platz in der Mitte, der angeblich der schlechteste ist, streiten, und stundenlang so tun als wären sie auf Reisen. Ich rede ihnen das aus.

Lesemarathon „Die Pest“. Hol ich halt auch „Die Pest“ aus dem Regal denke ich, aber wir haben ja dieses Buch scheinbar gar nicht. „Der Fremde“ ist da. Egal. Ich greife zu zwei anderen und such mir den sonnigsten Platz im Garten.

9. August, 1952. Sylvia Plath trifft eine Schriftstellerin. „Sie erzählte mir von der Methode mit den vier Seiten (1000 Wörter pro Tag). Eine zeitliche Begrenzung gibt es nicht – das ist der Trick dabei. (…) Es zählt nur die Produktion.“

„Ah, daaa bist du. Ich hab dich schon überall gesucht.“ Ki. kommt in Socken zu mir gelaufen und setzt sich auf meinen Schoß.

Wir hören den Vögeln zu. Ich weiß nicht, ob sie lauter zwitschern als früher, aber sie zwitschern. Leider kann ich keine Vogelstimmen erkennen. Es gäbe da eine App. Aber das ist etwas unsinnlich, oder?

Mein Gesicht fühlt sich nach Sommer an.

Japan ruft den Coronavirus-Notstand aus.

Bernie Sanders gibt auf.

 

9.4.

Man kann jede Krise verkitschen.

Ich will eine Girlande entwirren. Ist Geduld eine Form von Intelligenz?

Plötzlich sind alle so positiv. Passiert das immer in Absprache?

Glauben die Leute das, was sie schreiben?

Warum sind sich alle immer so sicher?

Sich Besinnen. Man solle sich besinnen. Besonnen sein.

Es gibt dieses Schulfernsehen im ORF. Heutige Aufgabe: Unseren Sebastian malen.

Die ziehen alle Register.

Die Französin hätte angerufen.

Päckchen von Q. bekommen. Ali Smith. Ich freu mich so.

Stories sind nicht das Leben.

Mit C. telefoniert.

Geschriebenes macht die Menschen hysterisch. Irgendwo hab ich das mal gelesen und es kommt mir immer wieder in den Sinn.

Der Preis für Zitronen hat sich verdoppelt.

Und da ist noch die Sache mit dem Wasser. In der Nachbargemeinde wurde aufgerufen, nicht notwendige Wasserverbrauche sofort einzustellen, da es sonst zu Engpässen in der Trinkwasserversorgung kommen könnte.

Teil 7

10.4.

K. meint, der Rhythmus der Sträucher im Hühnergehege stimme nicht und er müsse noch ein paar umsetzen. Kurz glaub ich ihm das.

Sie färben jetzt Eier und zwar ziemlich lautstark.

Vielleicht ist Wörter zählen wie Kalorien zählen. Ich fang mir das jedenfalls nicht an.

Ich bastle an einem kurzen Text und sitz lange dran.

Mein Zimmer da oben. Ich hänge die frisch gewaschenen Vorhänge aus den 70ern auf, frage mich was sich da drinnen schon abgespielt hat, telefoniere, und geh wieder runter.

Improvisierter Musikunterricht im Garten, Video an die Blockflötenlehrerin.

Drei Kinder, eine Hängematte.

BMW will 1,64 Mrd. Euro Dividende an Aktionäre auszahlen während tausende Mitarbeiter in staatlich mitfinanzierte Kurzarbeit geschickt werden. So ist das.

Ungewöhnlich viele tote Blaumeisen in Deutschland, Massensterben von Zugvögeln in Griechenland.

Ich schlage das Buch mit dem Schwalben-Cover auf, „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ von Radka Denemarková. Wie war das. Irgendein tschechisches Wort sieht geschrieben aus wie eine Schwalbe und hat sie zu diesem Buch inspiriert. Ich weiß nicht mehr welches. Irgendwo hab ich das notiert.

Ich komm mit Notizbüchern nicht klar.

 

11.4.

Jetzt gibt es ein Ding mehr, das man verlegt – die Maske.

Spazieren, anschließend einkaufen.

Ich dachte, mit der Maske wäre ich mehr in mir, und dass mir das in der Öffentlichkeit gelegen käme. Aber ich hab meine Gedanken nicht besser beisammen als sonst und vergesse das Osterlamm an der Supermarktkasse.

Es ist das Wörtchen „nur“ – tschechisch „jen“, ich hab es in einem WhatsApp-Verlauf gefunden. Ein „Nur“ in einem Gespräch war Anlassfall für diesen Roman über Vergewaltigung, der zum Teil aus der Perspektive von Schwalben erzählt wird.

Im Zahnputzbecher, Kühlschrank, Küchenkastl: Überall sind gebastelte Aufklappkarten mit der Aufschrift „Schatz“ versteckt. Man darf den Schatz aber nicht aktiv suchen, man findet ihn einfach.

Ki. spricht von „Corona-Ferien“. Keine Termine, keine Regeln außer den üblichen. Es kommen alle ein wenig mehr zu sich.

12-Jährige spielen wieder Lego und laufen mit Holzschwertern im Wald herum.

Nachts noch mit Juri draussen. Heute war es unheimlich. Diese Stille.

 

12.4.

Ostersonntag. Wir gehen es langsam an. Ich verstecke Eier und Osternester, ich mag das.

Bis auf ein Ei haben wir alle gefunden.

Wir verderben uns den Magen mit Süßem und lassen das Mittagessen ausfallen.

P. schickt mit „Gloria“ den größten Osterhit aller Zeiten. Ich leite ihn weiter.

Man kann sich mit diesen Zuckereiern die Lippen nicht anmalen, die färben nicht mehr.

Wir haben „Besuch“ und trinken Spritzer, die Kinder machen eine Wasserschlacht. Für ein paar Stunden ist es fast wie vor Corona.

Das Zusammenkommen wird besonderer sein. Freundschaften verdichten sich.

Schlussfolgerung aus allen Informationen: Man weiß zu wenig.

„Zweite Welle“ in asiatischen Ländern.

Wir hören noch lange Musik.

 

13.4.

Wir kochen und geben uns Mühe und es schmeckt.

Diese Überwindung, sich auf ein neues Spiel einzulassen.

Kuhhandel. Zwei von uns schummeln ein wenig. Andere nehmens ganz genau.

Mit welcher Leidenschaft sie dabei sind und was das mit ihren Gesichtern macht.

Es donnert.

Frankreich verlängert Ausgangssperre.

Waldbrände in verstrahlter Sperrzone bei Tschernobyl.

Statement auf der Website des Gesundheitsministeriums: „(…) Vertrauen Sie Medien, welche offizielle Informationen der Bundesregierung veröffentlichen.“ Wurde kurz nach Veröffentlichung gelöscht.

Meine Corona-Screenshots-Sammlung wächst.

Die Regierung macht zunehmend Fehler und nennt keine Quellen.

Teil 8

14.4.

Um den Schulweg zu simulieren, geht Ki. vor den Aufgaben hinaus.

Man lässt für ein paar freie Tage Dinge liegen, und wie immer rächt es sich.

Haushalt. Was soll ich sagen.

Das Übliche.

Diese Nervosität ist wieder da.

„Ich hab angst.“ Endlich schreibt das mal jemand.

Kurz darauf Q.: „Gestern notiert: Heute ist es zum ersten Mal etwas gespenstisch, der leichte Ostwind, weiche Wellen am Wasser und düstere Wolken, in diesem Frühling ohne Menschen.“

Prognose des IWF: Schlimmste Rezension seit den 1930er-Jahren.

In den Supermärkten haben es die Grabkerzen ins Nudelregal geschafft. Nimm drei zahl zwei.

Ein Kind sagt mir immer, was es gerade macht. Vielleicht sollte es Tagebuch schreiben.

 

15.4.

Skype-Schultermine koordiniert. Oberste Regel: Geht dahin, wo ihr allein seid und wo halbwegs aufgeräumt ist. Schließt die Tür. Achtet darauf, was im Hintergrund zu sehen ist. 

F. läuft während des Skypens mit dem Tablet durchs Haus.

Bis 11.40 bin ich die Geduld in Person.

Alles ist für sich genommen ein Fulltimejob. Die Schule, der Haushalt, das Schreiben. Für Geld arbeite ich auch.

Die weibliche Wut. Latent präsent, politisch aber schon so eingekocht, dass sie nur mehr ratlos vor sich hin blubbert.

In der Heimwerker-Gruppe werden jetzt Spar-Rabattmarkerl getauscht.

Bilde mir ein, unsere Tulpen waren letztes Jahr rot. Heuer sind sie gelb. Können die sich umfärben? Wohl eine dumme Frage.

 

16.4.

Schatz in der Obstschüssel gefunden!

Italien: Plexiglasboxen für Strand-Urlauber? Die Geschäftsideen werden immer absurder.

Ein Bekannter schickt Fotos. Er macht jetzt Malen nach Zahlen.

P.: „Hier ist die Ruhe vorbei. Die Autos sind zurück, in der Straßenbahn sind alle Plätze besetzt aber die Leute am Gehsteig sind noch immer sehr vorsichtig und lächeln einen an wenn sie ausweichen.“

Wann werde ich einfach so wieder nach Wien fahren?

F. liest Kalle Blomquist.

Kühe am Bahnsteig. Wer hat den Weidezaun geöffnet? Wer macht so etwas?

Von wem hat K. die „Anti-Stress“-Schokolade?

Schon wieder hat jemand Geburtstag.

Ich hab zu viel getrunken.

Teil 9

17.4.

Vielleicht sollte ich aufhören.

Ratlos. Angeblich hilft aufräumen.

 

18.4.

Sirene. Es ist zwei. Man soll nicht vor Mitternacht ins Bett.

Vielleicht muss ich einfach mit, von Phase 1 zu Phase 2, zu Phase …

5:30 Uhr, die Vögel zwitschern. Das wird ein müder Tag.

P. sollte Tagebuch schreiben, nicht ich.

„Du schreibst weiter! Und weiter, und weiter..“

Ich hab was Wichtiges verloren, hoffe es taucht wieder auf.

 

19.4.

All die blinden Flecken auf der Landkarte.

T. und ich verstecken uns und essen Eismarillenknödel. Hätte ich nie gekauft vor der „Krise“.

Seilspringen?

Gräberfund in Litzlberg.

In der Kulturpolitik geht es jetzt um Autokino und Quadratmeterzahlen.

Herr Nehammer will Infizierte von VerhörspezialistInnen der Polizei befragen lassen.

Viele Telefonate.

Von der Galerie in die Schreibaby-Ambulanz. Cool.

Der Kunstmarkt-Irrsinn macht kurz mal Pause.

Ich schlage zum ersten Mal im Tagebuch nach, Eintrag 28.3. Der Kollege war im künstlichen Tiefschlaf und ist immer noch im Krankenhaus.

Mehrere Fälle im Altenheim.

M. ist da. Unglaubliche neun Jahre sind vergangen.

 

20.4.

T. macht sein Ding. Wenigstens einer ist schulmotiviert.

F. zeichnet Comics. Das Ende der Ninja-Wurst.

Manche warten auf Regen.

Der Tag vergeht, etwas strukturlos.

Langer Spaziergang.

Ich öffne „Kapitel Szenen Sätze“ und versuche, mich zurechtzufinden. Ein bisschen geschrieben.

Teil 10

21.4.

Diese Richard David Prechts dieser Welt. Was soll ich sagen.

81:2 ist nicht 9. Darüber muss man nicht verhandeln, oder?

Mir geht diese Symbolpolitik maßlos auf die Nerven. Dort eine Spendenaktion, da ein Corona-Tausender.

Der Kirschbaum blüht, die Quitten brauchen noch ein wenig.

Michael Jackson ist wieder da … Kinderzimmer-Soundtrack.

Nach wie vor: Alles erlaubt. Nur nicht auf öffentlichem Grund. Oder?

28.000 Anzeigen wegen Verstößen gegen Corona-Maßnahmen.

Fragewörter. Farben. Artikel. Man wird empfindlicher.

„Die“ Wissenschaft. „Die“ Medien.

Unser Hund: Krisengewinnler.

Zirkusvorstellung. Plakate, Ringelsocken, Zaubershow. Danach Erwachsenenschminken.

 

22.4.

Wieder etwas mehr bezahlte Arbeit.

Einkaufen. Hoff, ich treff´ niemanden.

Supermarkteingang: Hände desinfizieren. Mit irgend so einem gepanschten Zeug.

SPÖ-Schaukasten: Christbäume und „Frohe Feiertage!“

Jemand hat mir ein Lernprogramm geschickt: Wie man Vogelstimmen erkennt.

Flötenunterricht per Videochat. Man soll Kindern nie nie nie auf Verdacht eine Begabung absprechen.

Dachbodenzimmer. Funktioniert.

Sternschnuppenregen?

Ach ja, ich hab das mit Online-Yoga probiert, aber.

 

23.4.

Volle Tasse Kakao über: Deutschheften, Laptop und Schulbüchern.

YouTube schlägt die Doku „Aussteiger: Die Höhlen-Hippies von La Gomera“ vor, Hofer verkauft Zelte.

Wer leistet wieviel. Wieviel ist was wert. Wer ist relevant, wer ist es nicht. Wer ist robust, wer ist es nicht? Überleben: Wer hat es in den „Genen“, wer hat es „verdient“? Wie grausam ist das eigentlich alles.

Berührender Artikel einer Schauspielerin, Johanna Wokalek, mit dem Titel „Hätt`st du doch was Anständiges gelernt!“. „Ich habe geweint, weil der freie Künstler zu denen gehört, die nicht wirklich ins Gewicht fallen. Er hat keine gesellschaftlich-systemische Relevanz in Krisenzeiten. Adidas, also der Turnschuh, schon, aber nicht der freiberufliche Künstler, der ist vogelfrei. Sobald er für das Publikum singt, „das Glück is a Vogerl“, ist jenes für den Moment ganz ergriffen und es gibt nur ihn. Jedoch ist´s aus, das Lied, ist er auch schon wieder vergessen.“

Bei einer Umfrage mitgemacht, die Telefonistin tat mir leid.

Sonntagsreden: Konsequente Ausklammerung von Parteipolitik. Da scheint´s eine Agenda zu geben, die lautet: Allzu weltlich.

Neue Haarfarbe.

Baumarktgeschichten, Mauerjause.

Dürre. Sagte ich nicht irgendwann mal, es wird Regen geben?

Teil 11

24.4.

Albtraum, den ich ein wenig mitnehm´ in den Tag.

Die Frischmilch schmeckt nach H-Milch.

Ein weiteres Katalogprojekt wird auf Eis gelegt. Ob die Welt jemals wieder eine Lektorin braucht?

F. flechtet mir die Haare, Ki. klemmt mir Spängchen rein und ich denke, ich seh aus wie die Irre in der Straßenbahn.

Begegne einer Mutter, die mit ihren Kindern allein auf dem Spielplatz ist. Sie weint fast. „Ich weiß, man darf eigentlich nicht hier sein.“

Wie kann man die Bevölkerung über Maßnahmen so im Unklaren lassen.

Der Hühnerstall hat jetzt einen fachgerechten Unterbau. Und weil manche Hühner scheinbar lieber in Gruppen, andere alleine legen, gibt es sowohl ein Lege-Doppelzimmer als auch ein Separee.

„Bitte esst keine Waschmittelkapseln und injiziert euch kein Desinfektionsmittel.“ (Washington, Katastrophenschutzbehörde)

Besuch. Man entkommt sich nicht, hier. Auch wenn wir uns das alle manchmal wünschen.

 

25.4.

Sommertag. Gartenarbeit, die ich nicht Arbeit nennen mag.

Die Vegetarier der Familie essen Brennnessel. Autsch.

Picknickdecke. Noch legt ein Kind seinen Kopf auf meinen Schoß.

„Berufsethos“. Regt sich.

Irina schickt wunderbare Fotos aus Sibirien, die eigentlich ausgestellt werden müssten. Die von Q. auch.

Träume von gestern erscheinen lächerlich.

Pipilotti schläft neuerdings im Baum.

 

26.4.

„Möchte davonrennen“

All die Nachrichten.

In den USA nehmen Putzmittel-Vergiftungen zu.

Viel telefoniert; grausame Schilderungen aus dem Elsass, wo fast jeder 2. Altenheimbewohner infiziert ist. Die Patienten werden nicht von der Rettung ins Krankenhaus gebracht. Man lässt sie qualvoll ersticken.

Vor einem Jahr Notre-Dame-betroffen, davor Charlie Hebdo.

Wir essen, wenn immer es geht, im Garten.

Ich lese Passagen aus einem Buch und nehme sie auf, weiß aber nicht wohin damit. Manches einfach aussprechen, als Botschaft formulieren wollen.

Möchte einen Aufsatz nachschlagen und vermisse die Bibliothek. Auch als externen Schreibort.

Seit Jahren: die selben Bücher.

In eine Zoom-Geburtstagsparty gestolpert.

 

27.4.

Ich putze, während die Kinder um den Esstisch sitzen und ihre Aufgaben machen sollen. Das geht nie lange gut, weil sie „schwätzen“ oder streiten. Aber wir probieren es immer wieder.

Mein Kalender war selten so leer.

K. schenkt mir: einen Hammer. Will ich seit Jahren.

Ein paar brauchbare Seiten ausgedruckt.

Bedrohte Existenzen. Statusverlust. Selbstbeweihräucherung. Alles quer durch.

Nachtschicht.

U-Bahn, Wien. Da hingen doch jahrelang diese Plakate, „Stop and Smile at a Stranger“, Louise Bourgeois. Das hätte ich gern. Ich such es mal.

Teil 12

28.4.

Interviews mit Soziologen boomen. Manches klingt nach Allgemeinplätzen und doch nehme ich den ein oder anderen Satz mit: „Es gibt (…) einen Zusammenhang zwischen Kontrollverlust und der Anfälligkeit für Verschwörungstheorien.“ (Wilhelm Heitmeyer)

Ich kann nicht kontinuierlich arbeiten. Immer wieder muss man Anlauf nehmen. Immer wieder ein Schulbuch suchen, einen Tintenkiller, …

Weil sich die Welt ja laufend gegen mich verschwört und mich vom Schreiben abhält, klebt hier dieser Satz von James Baldwin: „Fight the Conspiracy against you.“

Ki. die Haare geschnitten. Man merkt kaum was.

Eine Freundin: „ich muss wieder (gut) lesen, sonst bin ich reif f d Anstalt“

Herr Drosten, der Virologe, erhält Morddrohungen.

Corona wird zur Glaubensfrage.

Die Wutbürger sind wieder da, und zwar direkt vor der Haustür. „Patrioten“ versus „Globalisten“, womit die „Gutmenschen“ gemeint wären.

Ich tummle mich in fremden Szenen und mir wird ganz schlecht.

Ein Makler meint: „Das Interesse am Inselkauf war noch nie so hoch.“

 

29.4.

Unser Haushalt: ein Wimmelbuch.

Aber ich kann nichts wegwerfen, sie sind ja immer daheim.

Mein Nachbar hat einen Artikel über Gelassenheit publiziert.

Was wird aus der „Chinesen-Resi“ und ihrem Gasthaus?

Manche scheinen enttäuscht zu sein, dass „nix passiert“ ist, dass sie noch gesunde Lungen haben und am Leben sind.

Die Ärztin, die ohne Infektionszulagen die letzten Wochen auf der Corona-Station gearbeitet hat, ist eigentlich ganz froh, dass sie weniger PatientInnen hat.

Heute regnet es. Müder Nachmittag.

Staubschicht auf dem Klavier.

Muss mein Handy „optimieren“ und lösche Apps, von denen ich nicht wusste, dass es die gibt. „Basic Daydreams“ zum Beispiel.

Mir ist kalt. Ich zieh mir K.s Pullover an. Riecht nach Lagerfeuer. Erinnerung an einen Heizraum, Jausenbier und viele Zigaretten.

 

30.4.

Erdbeben? Straßenarbeiten?

Sehr früh aufgewacht. Ich mach Kaffee, schalte die Waschmaschine ein und geh mit Juri raus. Ich mag die Stunden, wenn alle schlafen.

Das Guten-Morgen-WhatsApp der Lehrerin mit dem Schulstoff ist da.

Heute ist übrigens „Donastag“.

F. und das Nachbarmädl bereiten ein Referat über Hühner vor. Nur für sich. Die Buben verdrehen die Augen. „Hühner sehen die Welt viel bunter als wir und können sich bis zu 100 Gesichter von Artgenossen merken.“

Küken oder Kücken? Wir schlagen im Duden nach und haben beide Recht.

„Existenzängste“. Was soll ich sagen. Ich hab dieses Wort zu oft gehört in meinem Leben.

Versprochen, Bücher zu verschicken. Nächste Woche …

Teil 13

1.5.

Donauinsel?

Schreckliche Kopfschmerzen.

„… ich verschlaf den Tag, ich wach einfach nicht auf …“ Ein Lied in meinem Kopf, schon lang nicht mehr gehört.

Haben vor Corona wirklich alle gedacht, sie hätten ihr Leben im Griff?

 

2.5.

Nicht up to date.

Rettet das Rhiz??! Küssen verboten? Was ist los?

Und ich versteh erst jetzt, was es mit diesem Babyelefanten, der überall auftaucht, auf sich hat.

Der Kanzler schart über 50 PR-Profis um sich.

Diese Verwirrungen: Schlamperei, Inkompetenz oder Kalkül?

Mein Mann trotzt der Krise. Das Brot wird immer noch besser.

F. zeigt mir Yoga-Übungen. Sie geht das eher technisch an. Ich halt mich da jetzt an sie. Wieso nicht schon viel früher?

Diese „kritischen“ Videos. Und wer da aller reinkippt.

Von M. Jackson zu Billie Eilish. Geht. Stundenlang, tagelang.

Harry Potter Online-Quiz. Die ganze Familie ist in Hufflepuff oder Gryffindor. Mich wollen sie in Slytherin sehen. Alles daran gesetzt, nicht in dieses Haus zu kommen. Jetzt ist es aber doch passiert. Mein einziger Lichtblick: Professor Snape. Mein Zauberstab besteht aus Akazienholz und Drachenherzfasern, immerhin.

 

3.5.

Verabredet. Wir stehen früh auf und haben es seit Langem wieder einmal eilig.

Wo früher im Sommer die besten Partys waren, suchen wir nun nach Haifischzähnen. Es ist kühl, der Sand feucht. Wir finden kaum was und beschließen: Wenn uns der Sand durch die Finger rieselt, kommen wir wieder.

Hungrig nach fremden Geschichten. Wir stehen am Straßenrand, trinken Kaffee und essen Kuchen. Es ist als wären wir ganz woanders.

Mittags bei Freunden zum Grillen eingeladen. Den ganzen Tag draußen. Blumenwiese. Teich. Hütte. Trampolin.

Ich fühl mich als hätt´ ich voll was geleistet heute. Als wär´ ich bergsteigen gewesen oder hätt´ den Garten umgegraben. Dabei bin ich nur da gesessen, hab getrunken und gegessen. Sonnenbrand.

Irgendwann sind wir dann doch heim.

 

4.5.

Jetzt ist schon von der „Generation Corona“ die Rede. Damit sind unsere Kinder gemeint. Es hat eh was Neues her müssen, nach X und Y. Z hat sich noch nicht wirklich etabliert.

Finde in T.s Jacke, die zur Wäsche muss, eine zerknüllte Ankündigung: Klimastreik, 31.05.2019, Wien. Abends Ballhausplatz. Langsam tragen wir ein unsortiertes Zufallsarchiv für Zeitgeschichte mit uns herum.

Ich stolpere über ein Marlen Haushofer-Zitat: „Ich koche ja überhaupt nur meiner Familie zuliebe. Wäre ich allein, würde ich mich mit einem Butterbrot begnügen." (Die Mansarde)

Arbeitslosigkeit um fast 60 Prozent gestiegen.

Wer bitte ist Mei-Pochtler? Warum glaubt die zu wissen, was „man“ braucht?

Jeder Depp wird „herausgefordert“ und für irgendwas „nominiert“. Nur ich nicht.

Stifte spitzen, Schulsachen packen: D1, D2, D3-Heft usw. Grünes und blaues Sprachbuch, Arbeitsblätter, die wir nicht mehr finden, … Kakao-Unfall beichten usw. Denn morgen um acht: „Schulluft schnuppern“ dank der Eigeninitiative unserer Volksschullehrerinnen.

Teil 14

5.5.

Vor ein paar Jahren haben wir wie panisch Schnuller gesucht, jetzt suchen wir die Masken. Ohne darf das Schulgebäude ja nicht betreten werden. Wir brauchen mehr davon.

„Wirtschaftsstreit zwischen Washington und Peking eskaliert.“ Was immer das Wort Eskalation noch bedeutet.

Der wöchentliche Bauernmarkt findet wieder statt.

„Leit-schei“. Ein sehr schönes Wort.

All die Nachrichten. Schamane in Ausbildung. Muss ich nicht anklicken, oder?

Wer hat „Schuld“? Um diese Frage scheint sich ja im Moment viel zu drehen.

Auf dem Land ist die Dichte an ExpertInnen ja besonders groß.

Hilfe. Videos. Tag X? Ich stell mich dumm.

Aufgehoben in einer Blase? Schon lang nicht mehr. Passt schon.

Ich hab grad was falsch gemacht. Warum existiert nichts unabhängig von mir? Warum reg` ich mich so auf? Warum wird etwas persönlich, das nicht persönlich ist? Affekt. Gilt das?

 

6.5.

Ki. muss was schreiben und schreit mich an: „Des Staubsaugen hüft ma a ned weida!“

Manchmal denk ich, der Laden läuft besser, wenn ich nicht da bin. Vielleicht hätten sie, wenn es wieder los geht, nicht alles beisammen. Aber vielleicht fänden sie das gar nicht so schlimm.

Manchmal muss man einfach nur das Zimmer wechseln.

Etwas andere Arbeit, ein bisschen BOKU. Ich wär` da nie daheim gewesen, aber hin und wieder wünschte ich, was ganz anderes gemacht zu haben.

Wie viel man nicht kennt. Wie viel man nicht weiß. Wie anders jeder die Welt wahrnimmt.

E. will „ein, zwei Gläschen“ mit mir trinken.

Bei den „Proleten“ in Wels. Sehr cool.

„Unorthodox“ setzt Trends. Schon die zweite Freundin mit fast kahlrasiertem Kopf. Irgendwann mal hatte sich eine Liebeskranke an Sinead O`Connor orientiert. Das ist aber schon wirklich lange her.

D. kommt spontan vorbei. Wir sitzen im Garten, alle haben ein Unterhaltungsdefizit.

Türkis: 2019 versehentlich den Slogan der FPÖ kopiert, 2020 den von Van der Bellen.

Wie viel Corona verträgt eine Freundschaft?

Mein Bruder kommt bald. Den umarm ich aber schon, wenn er mich lässt.

Noch lang Musik gehört. Und ein paar Sätze geschrieben. Einfach schreiben, auf den Prüfstand kommen sie später.

 

7.5.

„Anpassungsstrategien“, scheitern.

Ein wenig beneide ich die Menschen, die ganz in Rezepten aufgehen.

Pippi Langstrumpf, Jubiläum. Wurde „Die feuerrote Friederike“ eigentlich verfilmt? Das könnte man ja so richtig gut machen, wenn man`s kann.

Schreibtisch aufgeräumt. Was vorher verteilt lag, stapelt sich jetzt. Sieht gut aus.

Noch eine Mitgliedschaft, die ich kündigen kann. Woanders trete ich bei, längst überfällig.

Die Fußballer leiden auch. Ja, eh. Von den Fußballerinnen ist nur zu hören, dass sie gerade mit ihrer Klage gescheitert sind. Equal Pay? Nicht für Weltmeisterinnen.

„Jeder spielt seine Rolle.“ Ist wohl so.

Wie`s dem Regisseur wohl geht?

Ich frag mich, wie hoch in manchen Fächern der Rückgang an Studierenden sein wird, ob Lehraufträge wegfallen, …

Ob sich nicht doch irgendetwas ändert an dem, was man den Kindern „mitgeben“ will. Aber ich komm immer wieder zu dem beruhigenden Schluss, dass das nicht so ist.

„Regierung erwägt geschenkten Österreich-Urlaub für HeldInnen der Krise“. Hm.

Kinder geh`n wieder ein und aus bei uns, und ich denke: Es gibt eigentlich nichts Schöneres.

Teil 15

8.5.

Um das eine zu schaffen, muss ich das andere ausblenden. Und umgekehrt.

Dem Bourgeois-Plakat noch nicht nähergekommen. Das muss doch zu kriegen sein.

Die Quitten blühen, und die Tamariske. Unser Garten: Grün, Rosa, blauer Himmel.

Kuchen, so gelb wie noch nie.

Jemand fragt, was aus der Mauer geworden ist. Wir hüpfen da jetzt immer öfter drüber.

Das Problem in meiner Geschichte erkannt: Ich trau mich nicht.

Josef Hader, das war überfällig: „Ich bin jetzt so weit, dass ich bald alles durchschaut hab. Aber das ist eine Belastung. Ich sag Ihnen ehrlich, das ist mein größtes Problem. Dass ich zu viel weiß.“

Und endlich reagieren ein paar Medien auf den KenFM-Wahnsinn.

Eins der Kinder will jetzt eine Vogelspinne. Oder eine Schlange.

Bis Ende Mai bleiben die strengen Einreisebestimmungen nach Österreich aufrecht. Erleichterungen gibt es für Pflegepersonal und ausländische Jagdpächter.

„Jeder, der Gentrifizierung aussprechen kann, ist Teil des Problems.“ Mein erbarmungsloser Bruder.

Auf dem Bankerl gesessen wie am Vorabend, Sonnenuntergang. Heute haben wir Bier dabei.

Stadtgeschichten. Es wird spät.

 

9.5.

Jeden Samstag frag ich mich: Wie laut darf eigentlich eine Sirene sein?

„Neue Normalität“?

„Hygiene-Demos“. Judensterne mit der Aufschrift: „Nicht geimpft“ usw.

Hunderte Infizierte, die in Schlachthöfen arbeiten. Das war mir schon vor einer ganzen Weile prophezeit worden.

Lukas Resetarits – die Kabarettisten machen mobil.

Ich wüsste, zu wem ich gehen und nachfragen würde, hätte ich ein Ressort über, von dem ich nichts verstehe. Das der Frau Köstinger zum Beispiel.

Strache möchte sein Ibiza-T-Shirt versteigern. Für einen guten Zweck, sagt er.

Ich hab um eine „Nominierung“ gebettelt, jetzt hab ich eine und will meine liebsten Bücher doch nicht verraten.

Ausstellung? Schon lang im Kopf. Die Idee: Dass man nichts ist ohne Beziehungen. Die andren finden`s gut. Ein paar zumindest.

Manches mal aussprechen, oder schreiben. Dann wird es vielleicht wahr. Kurz ist da diese Energie von früher. Die fehlt sonst ein wenig. Alles ist etwas gedämpfter. Corona sitzt uns in den Knochen, in welcher Form auch immer.

Noch wen besucht: Das neue „Unterwegs“.

Politik, Sorgenfalten und von der Welt enttäuschte Gesichter.

 

10.5.

Muttertag, so bunt wie Ostern.

Ki. schnitzt Erdbeeren zu Herzen.

Ich hätte nach Wien mitfahren können. Aber was würd´ ich da machen?

Unser Mini-Dorf. Wir gründen eine Republik und brauchen nur noch einen Namen.

Heute: Gegrillte Haribo-Frösche und Apfelringe. Rum aus Nicaragua.

„Ich will auch einen Buchstaben“: V., der Typ mit den Vogelstimmen. Er macht den Ruf des Waldkauzes nach, keine Ahnung warum. Und erzählt, dass er den Tauben auf seinem Balkon regelmäßig den Turmfalken vorspielt, damit sie verschwinden. Das müsste auch mit den Dohlen klappen.

„Russian Breakfast“-Rezepte werden getauscht. „Das Milchwaschen entzieht sowohl dem Tee als auch dem Vodka schädliche Stoffe. Das ganze Kopfwehzeug ist danach weg.“

Manchmal ist es hier wie in einem Film.

Am Lagerfeuer sitzen, nichts reden müssen. Da reicht es anwesend zu sein und ins Feuer zu schauen. Hin und wieder dringt was durch zu einem, dann lacht man mit. Funken steigen zum Nachthimmel auf. „Ein oranger Stern!“, sagt das Kind auf meinem Schoß. „Ich fühl mich irgendwie so gut“, meint ein anderes. Und dass es müde ist. Ich bring die drei ins Bett, es ist spät. Setze mich an den Laptop und schreib noch ein wenig.

Q. meldet sich aus dem Wohnmobil. Morgen will sie kommen.

 

11.5.

Ich lass die Kinder lange schlafen. Räume auf, und putze das Bad. K. kümmert sich um den Wasserschaden.

Die Straßenseite gewechselt.

Alle von uns haben jetzt die gewünschte Haarlänge.

Ich geb´ seit Wochen so gut wie kein Geld aus.

Auf mich warten ein paar „freie“ Monate. Ich werde mich weiter hier einrichten. Zimmer für Zimmer, Bild für Bild. Diese eine Decke streichen, den einen Schrank lackieren.

Elfenbeinturm. Ist wohl so.

Mail von der Kunsthalle, da sind noch Plakate in deren Archiv.

Q. kommt vorbei und hat „Essays in Love“ im Gepäck.

Ich brauch sie schon, die Vergewisserung, dass ich nicht spinn.

Halb sieben. Grauer Himmel, ich knipse die Schreibtischlampe an. Kurz darauf beginnt es zu regnen.

Teil 16

12.5.

F. und Ki. sind für drei Stunden in der Volksschule. Es ist ungewohnt still.

Transkriptionsauftrag fürs Radio. Ob ich mir das schön rede oder nicht: Ich glaub ja, dass mich meine StudentInnenjobs jung halten.

es reicht / was nicht reicht

Solche Notizen liegen da herum. Und ich frag mich, wer das wann warum geschrieben hat.

Corona, die Kinder machen sich ein Spiel daraus. Einer ist der Virus und muss die anderen fangen. Auch ein Kartenspiel gibt es schon, mit „Patient“, „Virus“, „Arzt“.

Es wird so kommen, dass in den Baumärkten Lesungen stattfinden.

Wir holen uns Berlin ins Zimmer. Beinah alle Filme der letzten Dekade verpasst.

 

13.5.

Dass immer noch Gläser umgeleert werden, obwohl sie schon so groß sind, macht mich ein wenig sentimental.

Die Kinder verschwinden einfach. Es ist aber „Schule“. Das zieht sich jetzt wieder den ganzen Tag.

STRUKTUR. Wir bräuchten mehr Struktur.

Ich wär eine wahnsinnig schlechte Lehrerin. Es langweilt mich so.

Jetzt gehn alle Öffnungsmeldungen raus. Museen, Gasthäuser, … und ich bin schon bald im: Kino! Fahrstuhl zum Schafott.

Der Kanzler wird das Kleinwalsertal besuchen. „Die Verantwortlichen freuen sich über eine Beflaggung der Häuserfassaden und auch Bekundungen entlang der Walserstraße.“ So die Meldung der Gemeinde Mittelberg. Joseph Roth. Den bräuchte man jetzt.

„hoffentlich hängt niemand die falsche flagge raus!“

Ich glaub ich spinn. Die Post war da. Warum blätter ich das überhaupt durch, jetzt kann ich es ja nicht mehr ignorieren: Die regionale „Tips“, der 8. Mai und das SS-Denkmal. Journalistische Glanzleistung.

Wenn ich hier was gelernt habe, dann: dass man was bewirken kann.

D. kommt vorbei und muss ein paar Dinge loswerden.

Riesenbaustelle, Steiermark. Für hunderte Arbeiter wurden Dixi-Klos und Sanitäranlagen gesperrt. Wegen der Infektionsgefahr.

Brände bei Tschernobyl gelöscht.

Meine Narben melden sich.

 

14.5.

Es wird irgendwie nie fad. Und immer verspürt man einen Auftrag.

„I'm a writer. I like doing things alone.“ Auch so ein Satz. James Baldwin.

Die erste Lesung ist fixiert, Dezember. Mal sehn.

In einem Wiener Lokal sitzen Modepuppen als Bargäste an den Tischen, die wegen der Abstandsregelung von Menschen nicht besetzt werden dürfen. Spooky.

Trotzdem ich sein Gesicht auf dem Buchrücken irgendwann mal mit schwarzem Edding übermalt habe, klicke ich Michel Houellebecqs Artikel in der FAZ an. Er hat Recht. „All diese Tendenzen (…) haben vor dem Coronavirus existiert, sie haben sich nur mit einer neuen Gewissheit zu erkennen gegeben. Wir werden nach dieser Ausgangssperre nicht in einer neuen Welt aufwachen. Es wird dieselbe sein, nur in etwas schlimmer.“

Irgendwann mal möchte ich tagelang offline sein. Wandern oder so und nichts denken, nichts reden und nichts müssen.

Teil 17

15.5.

Seltsames Flugobjekt. Juri rennt einem Hubschrauber hinterher.

„Ich bin eigentlich ganz froh wenn ich keine Leute sehe.“

Mit einer Malerin telefoniert. Uns tun die leid, die eine Bühne brauchen.

Die Kabarettisten machen Politik, und umgekehrt. Frau Lunacek geht.

Das StifterHaus öffnet, aber der Veranstaltungsstopp bis zur Sommerpause bleibt aufrecht. Wir vereinbaren, dass ich weiterschreibe. Das ist dann jetzt wohl Phase 3.

„Ein Segen dieser Pandemie war, dass Kinder bislang davor gefeit schienen. Seit einigen Wochen mehren sich jedoch besorgniserregende Berichte über Kinder, die an einem neuartigen entzündlichen Syndrom erkranken (…) Noch ist offen, ob ein direkter Zusammenhang mit einer Sars-CoV-2-Infektion besteht, aber die Hinweise verdichten sich.“ (Standard)

„Junk-Dateien“ gelöscht. Wenn das nur kein Fehler war.

 

16.5.

Erste Postings aus Lokalen.

Blumen umgetopft, den Rasen gemäht und eine Brille geschreddert.

Balkongespräch mit meinem Vater, der nicht ohne Stolz erzählt, dass er heute nach Monaten im Kaffeehaus war.

„Manchmal komm ich mir ein bisschen betrunken vor, obwohl ich nichts getrunken hab. Eigentlich ein großartiger Zustand.“ Sie fehlen mir, meine Kolleginnen aus der Literaturfraktion.

Termine im Altenheim sind auf eine halbe Stunde begrenzt.

Ein Freund schreibt aus Moskau: „Leider hat der Bürgermeister die ‚Selbstisolierung‘ bis Ende Mai verlängert, aber wir warten trotzdem auf Lockerung der Maßnahmen (wie z.B. joggen oder spazieren zu gehen.)“

Regenbögen in der Türkei unter Propagandaverdacht.

Wir spielen „The Mind“ und lachen viel. Es wird spät.

 

17.5.

Leicht betäubt von gestern Nacht. Badewanne. Bratwürstl. Perfekter Transkriptionstag denke ich, aber die Sonne scheint und Freunde kommen vorbei.

Motorradwetter. „Heute sind wieder viele Organspender unterwegs“ sagt D. und schaut auf sein Bereitschaftshandy.

Er erzählt, dass eine kolumbianische Firma recyclebare Betten aus Kartons entwickelt habe, die sich mit wenigen Handgriffen zu einem Sarg umfunktionieren lassen.

THC, Ibiza, Krone-Cover … es hört einfach nie auf.

Grenzöffnungen.

Herbsttermine, Sommerplanung. Mitte Juli fahren wir nach Deutschland.

Morgen Schule.

Mein Pragmatismus lässt mich nicht schreiben.

„Geringverdienern und Mittelständlern droht der Ruin, der Finanzbranche geht es gut.“

Es sind so viele so wütend.

C. schreibt: „Erntehelfer und Arbeiter in Schlachtbetrieben werden aus Rumänien eingeflogen. Man nimmt ihnen die Pässe ab, damit sie nicht untertauchen können.“ usw.  

Wir fühlen uns alle noch etwas machtloser als früher.

 

18.5.

Wecker auf 6 Uhr. Es ist immer noch so kalt in der Früh.

Schule, heute gehen alle drei. Jeans, Socken, ... das muss jetzt wieder greifbar sein.

Wie viele Schultage? 18, bis 14. September. Und nur selten sind alle am selben Tag weg. Erleichterung ist das keine, falls das jemand denkt. Also in insgesamt 6 Monaten 18 Schultage. Wer federt das ab? Eh klar.

Um 7:30 sind sie außer Haus. Ich leg mich noch mal hin und hol zwei Stunden von der Nachtschicht rein.

„Mir war das Öffnen der Schulen ein tiefes Anliegen, damit es nicht zu einem Humankapitalverlust großen Ausmaßes kommt.“ Bildungsminister Heinz Faßmann, Ö1 Morgenjournal. Huch. 

Zwetschken, die müssen weg. Die hätten uns tiefgefroren über den Winter bringen sollen, aber wir haben darauf vergessen. Es gibt Kuchen.

Der Pfarrer teilt die Kommunion mit der Pinzette aus, wird mir erzählt.

Die Plakate sind da! Zeitzeugen. Handlungsanweisung 37, Wien, öffentlicher Raum, damals noch ohne Maske. Stop and Smile at a Stranger, vor Corona, nach Corona.

Ich denke an die Yoko Ono „Imagine Peace“-Plakate von irgendeiner Biennale in irgendeiner Kiste. Und die vielen ungerahmten Bilder.

Melde die Kinder vom Hort ab. Diese paar Stunden, zeitversetzt zu den Schultagen, das bringt doch nichts. Außerdem – hab ich kein gutes Gefühl.

E., langer Spaziergang. Erzählt jemand was, ist da immer das latent schlechte Gewissen, Geschichten zu schnorren.

Sonnenuntergangs-Bankerl. Man braucht nicht viel.

Auf dem Heimweg zufällig den „Obmann“ getroffen, nach Monaten. Vor dem Gemeindeamt ist wieder was los.

Gerade war doch noch Silvester?

So unglaublich viele Welten.

Überall nur ein bisschen.

Teil 18

19.5.

4 Uhr 15, ich kann nicht mehr schlafen. Kaffee.

2. Schultag und ein Kind ist krank.

Setz mich heimlich in die Sonne und lese einen Essay, den ich schon kenne. „Die großen Ideen, die Ideale, und der politische und geistige Überbau zerbröseln in der Begegnung mit der Welt, legen sich wie Schuppen auf ihre Schultern, wie Krümel auf ihren Tisch.“ (Knausgard)

Der Klavierlehrer fragt: „Wie lautet eigentlich die Mehrzahl von Mundschutz?“

Wir schauen die Simpsons, ich knacke Nüsse fürs Brot.

Livestream Gemeinderatssitzung. Ich geb mir das nicht lange.

Dann versuche ich, so zu sprechen wie Herr Nehammer. Das ist schon rein mechanisch gar nicht möglich.

Ich switche zu Charlie Chaplin, „The fork dance“.

 

20.5.

Rucksack um und Richtung Bahnhof. Heut erleb ich endlich mal was.

Mein Platz ist frei. Zahle mit einem 100 Euro Schein. Die Schaffnerin is not amused.

Man könnte überall hin. Hätte man einen gültigen Pass. Könnte man doch irgendwie, oder?

Stifterhaus. Freu mich so, meine KollegInnen wiederzusehen. Dass irgendwas außerhalb den eigenen vier Wänden Bestand hat, dass dieses Haus noch steht.

„Eine Krise ist eine Krise und keine Chance.“

Voll d`accord, was das Wort „Achtsamkeit“ betrifft, und überhaupt.

Es gibt Menschen, die sprechen wie gedruckt.

Altstadt. Ich geh in eins meiner liebsten Geschäfte und kauf wunderschöne Ohrringe für F. Hoffentlich gefallen sie ihr.

„Möchte die Dame ihre Aura wissen?“ Sehr nett aber nein, danke.

Kauf mir ein Buch aus den 60ern in Neuübersetzung. Ob ich es lese?

Zu früh am Bahnhof. Geh in ein Geschäft ohne was zu brauchen. Eins meiner liebsten Lieder wird gespielt. Ich bleib vorm Rausgehen noch mal stehen und hör es zu Ende.

Hochmotiviert. Wohin damit? Was soll ich heute noch tun?

T. erzählt viel von der Schule. Alle haben wieder mehr Elan.

Rückblickend: Nichts schlimmer als nicht rauszukommen.

Nachtspaziergang.

Das Lagerhaus ist jetzt beleuchtet. So vorstadtmäßig.

 

21.5.

Feiertag, kein Stress mit Aufwecken und Schule. Denke an die Vereinbarungen von gestern. Dankbar.

Ob heute Kirche ist. Bestimmt. Ich sollte mich da mal reinsetzen und mir das anschauen.

Ich vergesse die Milch auf dem Herd. Ki.: „Wahrscheinlich ist ihr ein Satz fürs Tagebuch eingefallen.“

Wenn man die Welt nicht in Worte packt, sieht sie bestimmt anders aus.

Stundenlang einem alten Mann zugehört, der gar nicht mehr aufgehört hat zu erzählen. Transkribiert, korrigiert. Ich will jetzt eher wieder so einen Job mit vielen Besprechungen.

Schulterschmerzen.

Ein paar Fäden gezogen. Dies und das recherchiert.

Wenns konkret wird, gehen manchen die Worte aus.

Garten, „The Game“.

Teil 19

22.5.

Sars-CoV-2 erstmals in Muttermilch nachgewiesen.

K. und L., doing „The Farmers Walk“.

Putze lieber das Bad. Da beweg ich mich auch.

Fühl mich so lebendig. Und hol mir die Musik zurück, die so gefehlt hat, Italien Soundtrack 2019.

Rufe S. an und sie kommt vorbei. Sie weiß, was ich meine und umgekehrt.

„Dass der Tschick-Automat wissen will, ob ich schon 18 bin schmeichelt mir schon.“

23 Uhr, es beginnt zu regnen.

 

23.5.

Milchgeist, „Fruchtgummi mit Vitaminen“.

Die Zucchini sind auch bitter.

Nicht ganz in der Welt heute. Das wird schlimmer.

Was die Exponentialkurve war, ist jetzt der „Multiplikatoreffekt“.

Fake News. Fake Laws.

Ich finde meinen Laptop nicht mehr. K.: „Vielleicht ist er im Kühlschrank.“

Weiß nicht, was er gegen französische Filme hat. S. fährt mit.

K., ein Ort, den ich kaum kenne, aber gern für Geschichten benutze.

Violett bezogene Sitzreihen. Der Kinobesitzer trägt ein Bud-Spencer-T-Shirt und eine Nickelbrille.

Kleiner Saal, nette Runde. Ein bisschen ist es, als würde man was Verbotenes tun.

Madame Carala läuft nachts bei strömendem Regen durch Paris und sucht „Monsieur Tavernier“.

Mein liebster Satz: „Ich habe kalte Füße.“ Und das sagt ausgerechnet sie, die schöne, toughe Jeanne Moreau. Aber erst, als es schon wirklich brenzlig ist.

Ich bin noch lange wach.

 

24.5.

Traum. Große Überfahrt nach ? Haben nur noch wenige Minuten Zeit und noch nicht fertig gepackt. Dann wach ich auf.

In den Morgennachrichten um 6 Uhr früh werden andere Meldungen gesendet als tagsüber.

Die Bibliothek hat wieder geöffnet.

Sternenweg, Bauernkriegsdenkmal. Ki.: „Warum weiß man das heute noch, was damals war?“ T.: „Na weil sie`s aufgeschrieben haben. Hallo liebes Tagebuch, heute habe ich …“

Menschen, die vorher keinen Abstand gehalten haben, halten auch jetzt keinen.

„Remembering the Nearly 100,000 Lives Lost to Coronavirus:“ Die New York Times listet auf der Titelseite die Namen Verstorbener.

Was zum Teufel ist die Adrenochrom-Verschwörung?

Die Furchtlosen, die Verängstigten, die Hysterischen, die Traurigen, die Panikmacher, die Verrückten, die Ratlosen, die Meinungsmacher, die In-sich-Gekehrten, die Besorgten, die Sportlichen, die Prokrastinierer, die Genießer, die Reichen, die Armen, die Hygieniker, die Soziapathen, und die, die gern feiern würden.

Das ständige Ausloten, was geht und was nicht.

Nur wenn ich schlafe, denke ich nicht ans Schreiben. Manchmal ist es wie in einem Gefängnis aus Wörtern zu sitzen.

 

25.5.

Heute Nacht hatte ich einen Interviewtermin mit Miles Davis.

Jogginghosenwetter. Ich könnte schreiben: Ich beginne den Tag mit dem für die Kinder bestimmten Warm-up-Video der Tanzlehrerin. Aber das wäre gelogen.

Wäsche.

Schreibtisch.

Kann keine Nachrichten mehr lesen. Es ist der Punkt völliger Absurdität erreicht.

R. bringt Zitronenkuchen und erzählt: „Wir haben einen Wald entdeckt. Direkt bei uns, nur 10 Gehminuten entfernt.“ Nach 40 Jahren.

Baustelle. Jetzt geht das wieder los. Ortsgebiet = Industriegebiet.

Im Nachbarort wurde die Grundwassermessstation vom Netz genommen.

Erste Lockerungen in der Kultur, Stichwort „Eigenverantwortung“.

In den Kaffeehäusern liegen keine Zeitungen auf, wird mir erzählt.

Jemand isst einen Zauner-Stollen für mich mit.

Ich bekomme eine sehr nette Nachricht. Die kommt im rechten Moment.

Teil 20

26.5.

Ich liebe grantige Kindergesichter. Fröhliche auch.

Biskotten, Erdbeeren, Kakao. Die Kinder machen das mit dem Frühstück heute selbst.

Riesenpaket von Oma und Opa aus Deutschland!

Die Buben laden Freunde ein.

Wär ein Anlass aufzuräumen. Da kommen vielleicht die Eltern mit.

Wir verratschen den Nachmittag, und dann den Abend.

Man hätte auch Biologie studieren können.

 

27.5.

In Stifters Arbeitszimmer Stifter gelesen.

Auch ein Stifter ist nicht gefeit vor Wiederholungen.

Besprechungen, Unterschriften, Passwörter, letzte Mails. Veranstaltungen noch immer schwer planbar.

„Auf einen Kaffee“, Bahnhofsnähe. Wundervoll erzählte Anekdoten.

Überall liegen Geschichten herum, in jedem Vierkanter, auf jeder Obstwiese.

Manchmal denke ich: In OÖ kommt wirklich alles zusammen. Alles.

Hungrig. Mein gewohntes Lilo-Essen muss maskenbedingt entfallen.

Unglaublich müde. Die Stadtkilometer machen sich anders bemerkbar als die Wegstrecken auf dem Land.

„Ohne Buch ist alles nichts.“

Ich geh früh schlafen.

 

28.5.

Großer Tag: Fahrradprüfung!

Vielleicht sollte ich mir einen Plan zurechtlegen, irgendeinen. Und nicht immer darauf vertrauen, dass sich schon alles irgendwie ergeben wird, oder?

Ich hätte mehr Fragen stellen sollen gestern.

Warum darf Glücksspiel eigentlich Glücksspiel heißen?

Ibiza. „Das Video soll nicht veröffentlicht werden, weil wie kommen andere Leute dazu, über die ich hässliche, ungeprüfte, grausliche Gerüchte verbreitet habe.“ (Strache)

Biden nennt Trump einen „absoluten Idioten“.

Sie unterhalten uns. Vielleicht werden sie deshalb gewählt.

Heute alles abgearbeitet, was dringend war.

Ich erhalte noch ein Mail, es geht um den Kriegsbericht. Meine Antwort füllt die Abendstunden aus.

Teil 21

29.5.

I CAN`T BREATHE. Worte, die bleiben.

 

30.5.

Fast Juni, und es is saukalt.

Meine liebsten T-Shirts haben jetzt Löcher.

Die Proteste in den USA eskalieren.

„unabsichtlich“. Dachte nie, dass dieses Wort so eine Wirkung hat.

Gespräch mit einer Wirtin.

Systemfehler.

Dieses unheimliche Anhimmeln von Autoritäten.

„Buchstäblich niemand in Österreich weiß derzeit, was gilt“, sagt ein Rechtswissenschaftler der Uni Wien.

Eine Schulabschlussfeier wird organisiert. Und noch eine.

Nachricht aus Lüneburg. Irgendwann schaffen wir es dort hin. Wie wohl Heideblüte riecht?

 

31.5.

Ein Sonntag ist ein Sonntag, immer noch.

Ki. liest mir ein japanisches Kinderbuch vor, in dem es schneit.

„Es darf wieder gesungen werden.“

Die Vögel zwitschern wie verrückt. Kohlmeisen.

Küche, ich mach die Hilfsdienste. Das ist mir lieber.

Ein Satz, den offenbar jeder versteht, weil er immer zitiert wird, ist mir nicht klar. Wenn jeder Mensch „mindestens drei Leben“ lebt: das „tatsächliche“, das „eingebildete“, und das „nicht wahrgenommene“, welches ist dann welches?

Wir werden nach jedem Halbsatz unterbrochen. Unsere Gespräche enden häufig mit: „Nicht so wichtig.“

 

1.6.

Wörter geträumt, wenige wichtige.

„The United States of America will be designating ANTIFA as a Terrorist Organization.“ Trump Tweet.

Es gibt Dinge, die sind nicht verhandelbar. Zähneputzen gehört auch dazu.

K. spielt den Dohlen den Habicht vor. Funktioniert.

„Alte Freunde“, lang nicht gesehn. WG-Geschichten, Taborstraße, Babyjahre, Jobs.

Kinder anderer groß werden zu sehen, hat eine eigene Qualität.

Wir begleiten sie noch zum Zug und nehmen uns vor, nicht wieder zwei Jahre vergehen zu lassen.

Reisewetter.

Sitzen noch im Garten. Da war ich jetzt drei Regentage lang nicht.

Die Rosen blühen. Manchmal bin ich überrascht wie schön es hier ist.

Teil 22

2.6.

Ich hab bei meinen Kindern die Funktion des Weckers und bin die mit der To-do-Liste in der Hand. Ursympathisch.

Der Kalender füllt sich. Einen Termin hab ich schon verpasst.

Die perfekten Bratkartoffeln. Zufall.

Es wär mir noch nie eingefallen, die Einkaufsliste nach der Anordnung der Supermarktregale zu schreiben.

Nervös. F. ist den ganzen Nachmittag mit dem Fahrrad unterwegs. Radweg ist ja hier ein Fremdwort.

Bei den Wollschweinen is alles ok.

 

3.6.

#blackouttuesday und das Schwarze Viereck. Darüber wird noch viel geschrieben werden.

„In dieser Saison präsentiert die Mode nun Kollektionen, die zum großen Teil aus Löchern bestehen.“ Zeit Magazin.

Musikalischer Vormittag. Für Elise, Rock`n Roll und Kuckuck. Es ist voller Leben. Aber ich muss endlich schreiben und verzieh mich in den Garten, Outdoorbüro.

Kinderlachen, Hühnergegacker. Landidylle. Kurz darauf: Baustellenlärm.

Anruf. Mein Bruder rettet mich. Währenddessen befreie ich die Himbeersträucher von Brennesseln und Melisse.

Bald fahr ich nach Wien.

Grenzöffnungen: Noch keine Entscheidung zu Italien. („Wo in Österreich willst du heuer Urlaub machen?“)

Ich hab von meiner alten Schule die Maturaunterlagen bekommen und bring es nicht über mich, da reinzuschauen. Wie bei alten Tagebüchern. Dem Fremdschämen nicht unähnlich.

Lateinamerika, neuer Pandemie-Schwerpunkt.

„Wenn das so weitergeht wird Corona in letzter Minute ein Tor schießen“, sagt der iranische Gesundheitsminister.

F. ist ständig weg. Das geht verdammt schnell.

Bring nie gute Laune zu zwideren Leuten. Das beleidigt die.

Mein Cousin ruft an. Die Selbstständigen aus der Veranstaltungsbranche können sich mit 500 Euro abspeisen lassen. Und die Verdienstentgangsversicherung? Nützt einem genau gar nichts. Mit Epidemien sei das so eine Sache.

Picknick.

Mit Juri weg. Man begegnet wieder Menschen.

 

4.6.

Wir haben so viele Trinkflaschen, so viel Sport kann der Mensch gar nicht machen.

Kaffee bei meinen Eltern.

Öl-Unfall in sibirischem Kraftwerk. Nach Angaben der russischen Umweltaufsicht wurde durch den Unfall kein Grundwasser verseucht. Aber es war auch kein Problem als radioaktive Wälder brannten.

Heut gibt`s voll das Trash-Essen.

Ibiza U-Ausschuss beginnt, der Vorsitzende trägt eine türkise Brille.

Übers Roman-Schreiben gesprochen. Manche scheinen tatsächlich mit einem Kapitelverzeichnis zu beginnen. Und mit dem ersten Satz.

Es quält mich.

E. kommt vorbei. „Das ist normal“, sagt sie. Wir trinken Spritzer.

Musik. Ein paar Feste müssen her.

Teil 23

5.6.

Es regnet. Flüchte in eine Bäckerei und setz mich ans Fenster.

Unter dem Dachvorsprung steht ein Mann, Maske am Kinn, und raucht.

Zwei Polizisten betreten den Laden. Die Verkäuferin berichtet, ein Mann mit Hut und Knickerbocker käme immer wieder und würde sie wegen der Maskenpflicht beschimpfen.

Mit J. im Café Stern. Wir reden übers Schreiben, Inhalte sind sekundär. Zum Schluss eine Umarmung.

Ich decke mich ein mit Stiften, Markern und Tintenpatronen. Sieht nach Hamsterkauf aus.

Ab 18 Uhr ist auf den Straßen kaum noch was los.

„Auf die Knia!“ Polizeieinsatz, Volksgarten.

Ich verpasse den Zug. Ich verpass ganz gern Züge. 

Heute sind die Berge ganz nah.

Schreiben: Da muss ich durch, und zwar allein.

Als ich heimkomm, sind Gäste da. Man lernt hier immer wieder wen kennen, das ist echt erstaunlich.

 

6.6.

Ich verschiebe Kapitel, Szenen, Sätze. Ein Rätsel, das gelöst werden muss.

„Zwei Glaubensbrüder als neue Lenker der Regierung im Hintergrund“. Bonelli. Der regiert mich also.

Weltweite Proteste.

Erdbeeren, Rhabarber, Eier, alles da. Die Mädchen backen Kuchen und laden uns auf die Terrasse ein.

Wo Erdbeeren sind, da ist Glück.

Irgendwann sind da neun Kinder. Bandenbildung, das jüngste in der Runde: eine aufgeregte Räubertochter. Sie halten lange durch.

 

7.6.

Sitz unterm Kirschbaum und lese. Eine Spinne seilt sich ab, direkt in meine volle Tasse Kaffee. Die hat echt Pech.

„Es darf wieder geturnt werden.“

T. und ich unterhalten uns über die Frage, was wichtiger wäre: verstanden zu werden oder einer Meinung zu sein.

„Die Natur braucht uns nicht.“ Ja und?

K. schaut „Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm“

 

8.6.

Wird allen Frauen so gerne die Welt erklärt? Von x-beliebigen Personen?

Kürzel-Empfehlung, bvb: bitte vertraulich behandeln / zav: zur allgemeinen Verwendung

Neu entdeckt: „Lebensfreundlicher Exoplanet“. Es wundert einen ja gar nichts mehr.

Neue Szene. Es geht nur übers Schreiben.

Corona-Fälle an Schulen. Wirklich entspannt ist man noch nicht.

Ki. und F. sind zum ersten Mal wieder tanzen.

Desinformationspolitik.

Manchmal verziehen sich die Hühner nur deshalb ins Legenest, weil sie ihre Ruhe haben wollen.

Teil 24

9.6.

Rassismus-Debatte. „Der Scheiß kommt jetzt noch dazu zu den echt fürchterlichen Aussichten für die Bauern und auch für alle anderen.“

Anfrage. Ein Text für eine Grafik? Dafür bin ich zu alt.

Manchmal meint man ja, nicht mit Personen, sondern mit Karikaturen zu sprechen.

Ich bin für ein Vermummungsgebot bei Demos.

Kurz vor Mitternacht beginne ich eine „14-tägige Meditation Journey“, die ich nach wenigen Minuten abbreche.

„Ich bin ruhig. Ich bin leicht und unbekümmert.“

Heißhunger auf Speck.

Viel zu lange wach.

 

10.6.

Ein Bild geträumt, zwischen Edward Hopper und Giorgio de Chirico. Blauer Himmel, weit entfernt: ein gelbes Haus auf Stelzen.

Schule. Keine Masken mehr.

Ich bügel einen Berg Wäsche und beginne ein 10 Stunden Hörstück. Da bleib ich dran.

„Mystisch“, „legendär“, „selten“, „superselten“. Wortschatz und Bewegungen von Kindern sind oft nur noch über Computerspiele nachvollziehbar.

Man könnte Rosegger lesen und seine Aktualität diskutieren.

Es bewegt sich was.

Sturm auf Denkmäler. „Christopher Columbus Statue in Boston Beheaded“

„wir ham ja keine Ahnung was in den Bergen alles los is!“

Helle Nacht.

 

11.6.

Ich öffne das Küchenfenster und hör die Kirchenorgel.

Kinder gehn ein und aus.

Verzieh mich auf den Dachboden.

Über die Straße, in der ich wohne, könnte man sehr viel schreiben.

Mit Notizblock in den Garten. Hier ist alles mobil: Immer der Sonne nach.

Musik. Es klingt nach Pfarrfest, Sportplatz, Freibad und chinesischer Hochzeit. Später klärt sich: Die Kinder haben „Garage Band“ entdeckt.

„Der Sklavenhändler Edward Colston wurde in Bristol wieder aus dem Wasser gefischt. Der Streit um die Erinnerungskultur geht weiter.“ Wiener Zeitung

Die Tage rinnen mir durch die Finger.

Es riecht nach Sommerregen.

Teil 25

12.6.

Wohntechnisch betrachtet bräuchten wir hier noch ein Kleinkind.

„Britische Wirtschaft schrumpft um 20 Prozent.“

Versteh die Amtssprache nicht. Aber meine Angelegenheiten lichten sich.

Rasen gemäht, Unkraut gezupft, Zucchini gepflanzt, Salat geerntet.

Mein Fahrrad fährt wieder.

Im Anglerbedarf gibt es Schuhe, an denen kann man die Sohlen tauschen. Der Rasenmäher ist höhenverstellbar und der Toaster hat eine Zusatzfunktion.

Man könnte High-Tech-Kleidung entwickeln und damit reich werden.

F. war im Erdbeerland.

Zebramuscheln. Die will man hier nicht haben.

Mojito. Mauersegler. Sonnenuntergang.

 

13.6.

Sonne. Kaffee. Alle schlafen noch.

Bei unseren Mini-Baustellen geht wieder was weiter.

Literarische Konstruktionsversuche scheitern. Ich schreib weiter.

Nein, man kann mich nicht soeben mal unterbrechen. Dann ist es nämlich vorbei.

Die Hühner beschweren sich. Der Hund müsste raus. Das Leben sitzt mir im Genick.

Höchste Zahl an Coronavirusfällen seit Beginn der Pandemie in mehreren US-Bundesstaaten.

Stadtteil von Peking gesperrt.

Das Freibad öffnet, T. macht den Auftakt.

„Will noch wer in den Garten? Musik dabei.“

Ratten-Geschichte. Grillenzirpen.

Mitternacht. Geh früher rein als die anderen und koch noch Marmelade ein.

Schirach, Summertime. „Folgen Sie dem Geld oder dem Sperma. Jeder Mord klärt sich so auf.“

 

14.6.

Erdbeerkuchen.

Vor dem Nachbarhaus, das nicht mehr steht, blühten um diese Zeit immer die schönsten Rosen.

Nach sehr langer Zeit umarme ich wieder meinen Vater.

Ich lerne wie man einen Controller bedient und versuche, ein Minecraft-Haus zu bauen.

Spaziergespräch bei Nieselregen. Am liebsten würden wir immer weitergehen.

Politik. Versteh noch nicht wirklich, was gerade passiert.

 

15.6.

Unruhige Nächte. Hier wird schlafgewandelt.

Es regnet. Froh, dass ich nicht raus muss. Für ein paar Stunden bin ich allein.

Mutter mit Baby. Telefonisch endlich erreicht.

Kein Vermummungsverbot mehr am Gemeindeamt.

Eine Hornisse kommt mir entgegen. Spitze Maske, goldene Spiegelbrille, blaue Gummihandschuhe.

Existenznöte. Wo ist meine Empathie?

R. hat einen milden Blick und ist doch scharfsinnig. Das bewundere ich vielleicht am meisten an ihm.

Manche proben den Aufstand.

Wie war das? Das Offensichtliche ist das Wahrscheinliche.

Am Ende des Tages denke ich: Es geht nichts über Freundschaften.

Teil 26

16.6.

Parlamentarische Anfrage bzgl. Denkmal.

Dachboden, heute geht was.

„Float like a butterfly, sting like a bee.“ Muhammad Ali

Die kleine Nachbarin ist hier, heute mit Geige.

Felix Mitterer will Piefke-Saga 5 drehen.

Selbstzensur.

 

17.6.

Mir ist ein Fehler passiert bei einer Einreichung. Jeder Beistrich sitzt, und dann das.

„Nicht mal mein Plan B ist noch eine Option.“

Manchen reicht Zufriedenheit.

Friedhof. RUHE IN FRIEDEN. Fehlt nur noch das Rufzeichen.

Der Opel ist hinüber.

„Entsorgen“. Ich kann das nicht. Man stelle sich vor, man wäre von nichts umgeben.

Im Wald fast tropische Luft.

Das Bankerl wurde von Jugendlichen gekapert.

 

18.6.

Morgen-Update (Standard):

  • Vermögen der Millionäre wächst doppelt so schnell wie das der anderen
  • Weltweit so viel Menschen auf der Flucht wie nie zuvor
  • Trump soll China um Wiederwahlhilfe gebeten haben

Es kursiert gerade wenig Lustiges.

Ermutigende Studie über ein entzündungshemmendes Medikament.

TddL. Ich geb mir das ein wenig.

Was gestern „spannend“ und „interessant“ war, ist heute „wunderbar“, oder „großartig“.

Picknick. Krise ist: wenn das Alte vorbei ist und das Neue noch nicht beginnen kann. Sinngemäß so, hat das heute der Theologe zitiert.

Eine Freundin ist hier. Und noch eine.

„Ich hab immer recht. Aber ich bin mir nie sicher.“

Mich wundert, dass man sich noch wundert.

Teil 27

19.6.

Wir sitzen lange. Ich hätte mitschreiben sollen.

Kommunikationsstrategen. Vermasseln alles.

Vier Stunden Schlaf. Ich wecke T., mach Frühstück und muss arbeiten.

Kaum eine Kräuterteemischung, die ohne Süßholzwurzel auskommt.

„Das ist von der Nanni.“ F. weiß, welches der sieben Hühner welches Ei legt.

Riesenaufstand, weil sie wo anders übernachten darf. Ich drücke den Buben fünf Euro für ein Eis in die Hand.

Gladiolen: die Blumen der 80er

Werde aus dem Schlaf geklingelt und den restlichen Tag nicht mehr ganz wach.

YouTube-Konzert, C. singt, auch mit den Händen. Ihre unglaublich schöne Stimme.

Weltschmerz. Aber ein guter.

 

20.6.

Freikirchen in Brasilien empfehlen Umarmungen gegen Corona.

Controller vibrieren, wenn man Zombies erschießt.

„Ihr glaubts immer, ihr seid die lustigsten Leut, dabei seid ihr nur peinlich.“

Geburtstagsfeier. Was mit einem Buffet beginnt, wird eine Party. Alle haben Nachholbedarf.

„Das Leben ist kein Workshop.“

Endlich hab ich Gesichter zu ein paar Geschichten.

„Es ist so schön heut!“ – „Das sind die Leut. Es sind immer die Leut.“

 

21.6.

Als wir aufbrechen, ist es schon hell draussen.

Mein erster Gedanke zu Mittag: Ich lebe noch.

Völlig aus dem Rhythmus, alle.

Scheinbar fliegt ein Milan in meine Richtung, aber ich seh ihn nicht.

Wir schauen „Spy Kids“ und essen Chips.

Diesen Tag hat es praktisch nicht gegeben.

 

22.6.

„Ich will nicht in die Tagesbetreuung. Da ist ein Teil von meiner Freiheit weg.“ Ich fall voll drauf rein; auf das Wort Freiheit.

Mails, Listen, … Werde ständig unterbrochen wegen Nichtigkeiten.

„Bist du schon fertig?“

Ich muss raus. Buntwäsche häng ich am liebsten auf. Als ich zurückkomme, klebt ein Zettel mit dem Slytherin-Wappen an meiner Zimmertür.

Wir haben jetzt eine Türschwelle aber niemand traut sich, draufzutreten.

Riesige Schächte in der Nähe von Stonehenge entdeckt.

Vom „Rekordsommer“ ist die Rede, und dann wieder nicht.

Jedes Jahr sagt meine Mutter: „So üppig wie heuer waren die Rosen noch nie.“

Mit der Französin telefoniert, gut gekocht, Peter Bichsel gelesen.

Teil 28

23.6.

Der Rhabarber sollte geerntet werden, der Brief müsste zur Post. 

Knallkrebse sind die lautesten Tiere der Welt.

200 Mio. Euro für Gewässerökologie.

Freibad. Das jüngste Kind meint, es gehe immer rückwärts durch den Eingang, dann müsse es keinen Eintritt bezahlen und habe mehr Geld für das Buffet.

Galeone aus dem 16. Jahrhundert vor Portofino entdeckt.

Wenn Juri lieber drinnen bleibt, dann ist Sommer.

„Husky“: heiser, kräftig, bärenstark

Give me five. K. bringt eine Polizeigeschichte nach Hause.

 

24.6.

Ischgl: Antikörperstudie zeigt weltweit höchsten Wert.

Erneuter Lockdown im Großraum Lissabon.

Wieder mehr Corona-Fälle. Wie wird der Herbst?

In meinem Dachbodenzimmer ist es sonnig und es gibt keine Ausreden.

„Bring a Friend“-Stunde in der Musikschule.

Bauernstube. Regenroulette.

Host du scho gmaht? – Sicha hob i gmaht. Du ned? – Na i hob siliert. – Wos, du host siliert? Und waunn mahst du? – Wos, der hot nu ned gmaht? Host du scho gmaht? – I hob gmaht. – I hob a gmaht. Gestern scho. Oba daunn is regnat wordn. – Deswegn hob i heit gmaht. Bis kurz vorn Regn. – Jo i a. Gmaht und daunn is regnat wordn. – Dafia kinna ma jetzt beinaund sitzn.

 

25.6.

„Wie ist das WLAN-Passwort?“ – das neue „Hallo“, wenn 12-Jährige kommen.

Roter Mond. Eine Erzählung ist erschienen und heute bei der Post.

Eine Qualitätszeitung berichtet, die Mitarbeiter des einen Schlachtbetriebs hätten sich bei denen von der Konkurrenz angesteckt.

Lang telefoniert, ein paar Treffen stehen an.

Kein Baum, kein Türstock, auf den Ki. nicht klettern würde.

Rosen geschnitten; Ingwer in die Erde gedrückt. Mal sehen was draus wird.

Teil 29

26.6.

Fremdbestimmt, diverse Termine geben den Takt vor. Beginn 6 Uhr.

Seltene Telefonkonferenz.

Ich lege eine Sammlung von Verfehlungen an.

Resumee: „Wir haben uns alle verändert.“

Cartoon-Screenshots, ich hab die besten.

„Virus Reichtum“

S. schickt Fotos aus den Bergen.

Überwindung, das hab ich mir noch vorgenommen. F. drückt mir Kleopatra in die Hand. Man muss die Flügel eng an den Körper pressen, dann geht`s. Das Flattrige ist dann weg.

Ein Huhn fühlt sich an wie ein Kaninchen, das schmeckt wie ein Huhn.

So wurde uns das früher von der Oma verkauft.

 

27.6.

Hochzeit, in kleinerem Rahmen als irgendwann mal geplant.

Wir lachen über alte Geschichten.

Sehr müde. Ich bräuchte Kaffee und bekomme Bier.

Der erste Bienenstich heuer.

Die dreibeinige Katze ist gestorben.

In Paris sitzen Stoffbären auf Lokalstühlen, die von Gästen nicht besetzt werden dürfen.

„Es liest ja niemand mehr. Wer liest denn heute noch.“ Ich schnalle mich ab, damit der Warnton recht lange piept und steige aus.

 

28.6.

Meine Zeichnungen: unlesbare Wörter.

An der Ostküste Kanadas gibt es Inseln ab 50.000 Dollar.

Mit ein paar Kindern ins Freibad. Wir belagern die Liegewiesen und wandern mit dem Schatten.

Ki.: „Dein Kleid passt überhaupt nicht zu Slytherin.“

Grün ist eine hagliche Farbe.

Drei Bücher dabei, kein einziges schlag ich auf.

Selbstgestochenes Peace-Zeichen, darunter: HIPY.

Skorpione sind besonders stolz auf ihr Sternzeichen. Noch nie ein Steinbock-Tattoo gesehen.

Nur weil ich nett bin, muss man sich nicht gleich zu mir auf die Decke setzen.

Jedes Jahr dasselbe Theater beim 3m-Turm. „Probier mal, es ist nicht so hoch wie`s ausschaut.“ / „Nicht runterschauen!“, Tipps der Mutter. Spring halt selber, denk ich, lasst die Kinder in Ruhe. Die springen schon, wenn sie wollen.

Pommes in der Tüte mit zu viel Ketchup drauf, salzige Finger.

Immer die Gefahrenzonen im Blick.

Schnorcheln im Sprungbecken. Nicht so g`scheit.

Die Schreiberin im schwarzen Bikini, die vermutlich alle beobachtet und hofft, Farbe zu bekommen.

Die Kinder checken ab, welcher Bademeister Dienst hat. Dann stauen wir das Wasser auf der Rutsche, damit wir schneller sind.

Smarties-Eis, Brausepulver, Haribo-Schlangen.

Fürchte, wir haben das Einhorn verloren.

 

29.6.

Alle sind müde und erschöpft. Zu viel Sonne gestern?

Es regnet. Ich hätte so gern einen freien Tag. Film schauen, Pizza bestellen, Handy aus, nichts tun.

Schreiben? Das Leben braucht mich.

Mittag. Die Kinder sollten längst zu Hause sein. Bestimmt sind sie noch auf dem Spielplatz.

OÖ Nachrichten: Die Zahl der Corona-Fälle schnellt in den letzten Tagen wieder nach oben.

Ein deutscher Arzt meint: „Man könnte doch jetzt auf den Balkonen allabendlich der Lufthansa Applaus spenden, aber die Subventionen in Milliardenhöhe stattdessen in den Pflegebereich investieren.“

Q. schickt Fotos vom See.

Pale Blue Dot. Das ist die Erde, da findet alles gerade statt.

 

30.6.

Ausgeschlafen.

Tagebuch, letzter Tag, letzter Satz.