Aufzeichnungen aus der Quarantäne

Wir haben mit Marlene Gölz nicht nur eine hervorragende Pressearbeiterin, sondern auch unsere "hauseigene" Schriftstellerin, die an dieser Stelle ihr Logbuch der Corona-Krise führen wird:

 

Corona-Tagebuch

(Ich beginne zu schreiben, weil alle anderen Texte gerade nicht mehr funktionieren.)

15.3.2020

An einem Sonntag in die Schule, F.s Sachen geholt. Nur wenige da, alle mit Sicherheitsabstand und alle beunruhigt. Jeder Sozialkontakt ist etwas Besonderes und man wünscht sich alles Gute.

 

16.3.2020

Ki.s Schulsachen geholt, sehr traurige Lehrerin, verzweifelte Gesichter.

„Kann uns jemand von der Trafik das Volksblatt bringen?“ Meine Mutter hat das mit lebensnotwendig noch nicht so auf der Reihe.

Mein Mann wird auch immer komischer.

Hühnerstall. Das Wort zerschlägt alle Mädchenträume, doch noch eine Künstlerin in New York zu werden, die sich wenn dann mit HIV infiziert, endgültig. Auch „Hühner“ und „Eier“ stehen seit heute auf der Blacklist. Quasi dauerhaft werden Träume zerschlagen.

Haarfärbemittel besorgen, sonst schau ich in vier Wochen ganz schön alt aus.

K. meint, ich spinn. Siehe voriger Eintrag. Man müsse Prioritäten setzen.

Ich mag keine WhatsApp-Stories. Jetzt mach ich selber welche.

„IS warnt Terroristen vor Einreise nach Europa.“ (Standard)

Hauslehrerin. Ich bin was ich nie sein wollte. Lehrerin.

Tel. mit E. Ich soll mit getrockneten Kastanien Buntwäsche waschen. Oida.

Ischgl … L. war in Ischgl. Diverse Verflechtungen … Heute den Bgm. informiert.

B. meinte, wir sollten uns einen gscheiten Garten anlegen. Ich hatte kurz Ambitionen, aber ich seh schon. Das mit dem Garten übernimmt mein Mann.

Gestern Mauerkaffee mit den Nachbarn. Dank an die Bluetooth Box.

Die Sonne scheint. Zum Glück ist Frühling.

Dankbar und wie. Wir haben Platz. Und einen Garten.

Ich bewege mich im Spannungsfeld zwischen Hühnerstall und Rollrasen. Und immer schon zwischen Proletariat und Kleinbürgertum. Ich bin die Mischung schlechthin.

Mir fehlt die Stadt.

Und wie.

Ischgl. Gibt einen Riesenskandal.

Noch mal Bgm. kontaktiert.

Telefonkonferenz? Huch. Da weiß ich nie, wann ich was sagen darf.

Waizenkirchen: Abziehbild von Österreich

Sozialer Friede geht vor (?)

Gute Nacht, Corona. Traurig

 

17.3.

Scheinbar werden keine Tiere zum Schlachten mehr abgeholt. In ein paar Tagen gibt es kein Fleisch mehr zu kaufen?

Der Verschwörungstheoretiker fährt mit dem Fahrrad herum und spricht von Verschwörung.

Ich mein, ich will ja leben. Ich will es nicht gemütlich und beschaulich haben.

Ob das klappt mit Schulpensum erfüllen? Diskussionen.

 

18.3.

A: „Am meisten regt mich auf, dass die Künstler am lautesten schreien. Die leben eh immer im Prekariat. Was regen sie sich so auf? Ist für alle schwer.“ Ich: „Am lautesten schreien? Vielleicht im Standardforum, sonst nirgends. Wir haben nicht mal eine ordentliche Standesvertretung, ein Ministerium. Wo ist die Staatssekretärin, die Frau Lunacek? Und Prekariat schützt vor Bankrott, oder was? Abgesehen davon haben wir alle Jobs. Und die brechen auch grad weg.“

Mir scheint, manche setzen mir gegenüber arbeitstherapeutische Maßnahmen, damit ich nicht in der Corona-Depression versinke. Artikel schicken – Hühnerzaun aufstellen – Gartendings schneiden – Schule Haushalt Kinder

Ich muss ja bei ganz unten anfangen. 1. keinen Häkelpullover anziehen beim Rosenhecken schneiden. 2. meine Hände hey usw.

 

19.3.

Streit. K. hat mir irgendein Pulver ins Wasser gekippt, ich find das total übergriffig. Vitamin C oder so.

Bügeln? Für wen?

Nachbarin gestern: der Knoblauch ist aus. Und die Zitronen, Klopapier gibt`s wieder.

Rechenaufgabe. Da steht 12 Zitronen. Ki. liest: 12 Z(wischenräume) – das erste Wort, das ihm mit Z einfällt, ist Zwischenräume?

Systemrelevant. Unwort des Jahres?

 

20.3.

Mauerbier mit der Nachbarin. Die Kinder haben verstanden, dass sie nicht zusammen dürfen. Auch Ballspielen ist nicht mehr erlaubt. Sie singen und tanzen, die einen hier, die andren drüben.

Nach dem Lackieren der Hühnerstall-Lattenrosttür: Pinselauswaschen. Verpickte Hände reinigen mit Terpentin, Ki.: „Das riecht wie Definsektionsmittel.“ Erkundung des Wortes. Ich: „Wie heißt das?“ Ki.: „Definsektionsmittel“ Ich: „Das heißt Des-infek-tions-mittel“ F.: „Ah, echt? Ich dachte auch das heißt anders. Ich dachte immer, du meinst „des Infektionsmittel“.

Virtuelle WhatsApp-Lagerfeuersession mit Hare. Auf einem sinkenden Schiff hält der die Leut bei Laune. Danke Hare!

Konzert Nino aus Wien live in Isolation. Stiegenhaus-Bier.

 

21.3.

Wir haben jetzt die Hühner. Sie sind schon wach.

Es gibt jetzt zwei Kategorien von Menschen. Die, die sich in ihrer Lebensform bestätigt sehen und die anderen. Ich dränge mich grad in die erste.

Jetzt hab ich zu mir selber auch schon einen Meter Abstand.

In Wien spielt der Streifendienst der Polizei nun jeden Abend „I am from Austria“ …

Langsam dämmert mir: Die Angst vor zu viel Kontrolle, Überwachungsstaat usw., da ist was dran. Da fallen Hemmungen. Es könnte sein, dass davon ein stückweit was übrig bleibt. Schlecht.

Ich hab geschlafen. Am Nachmittag. Das kommt so gut wie nie vor. Ob ich krank bin?

Hochkonjunktur bei den Gläubigen.

Ö1 stellt das Kulturjournal ein. Was für ein Signal.

Man solle genießen, dass man jetzt „frei“ habe. Ist für die meisten ihre Arbeit so schrecklich?

Meine FreundInnen beginnen jetzt zu posten, was sie essen. Andere haben wieder Augen für die Schönheit der Natur. Wieder andere informieren sich übermäßig und regen sich wahnsinnig auf, zum Beispiel über die Causa Tirol. Ich gehör zu denen, die sich aufregen. Ich hör aber wieder auf damit.

Das Schlimme ist: Man weiß nicht ob man infiziert ist oder nicht. Man weiß es einfach nicht.

In manchen Krankenhäusern lässt sich das Personal privat Masken schneidern. S. hat sich eine mitbestellt. Sie solle sich zum nächsten Dienstantritt eine Reisetasche mitnehmen, hat ihr die Kollegin geraten.

Es regnet schon den ganzen Tag. Viel Sonne getankt in letzter Zeit, das war auch notwendig. Die Kinder vor dem TV.

Kopfschmerzen.

 

22.3.

15 Stunden geschlafen. Entweder ich hab all den Schlaf nachgeholt, der mir seit Monaten fehlt, oder ich bin krank. Kopfschmerzen, Übelkeit. Ich google die Corona-Symptome. Kein Husten, kein Fieber. Alles im grünen Bereich.

Ich kann kaum essen. Cola, Suppe, Grissini.

Ist das Corona oder schon die Depression?

Jede/r schreibt Corona-Tagebuch. Eh klar. Wird alles dokumentiert, von all den einkommenslosen SchriftstellerInnen. Macht meins also überflüssig. – Nur dann nicht, wenn ich´s für mich schreibe, also nur dann nicht, wenn es persönlich sein darf.

Wir haben 2 l Apfelessig geschenkt bekommen. Hühner, Essig usw. Wie werden wir wieder gleich? Die Bauern: systemrelevant, nein, systemerhaltend.

Registrierkassen für die neuen Hofläden? Schließung der Bauernmärkte? ErntehelferInnen – von wo her? Wird es möglichst unbürokratische Lösungen geben? Und wird es wirklich bald keine Verpackungen wie TetraPack mehr geben?

Siedler von Catan. (Nicht ich, die anderen.)

Wir sollten ein Testament machen.

Es ist kalt geworden. Aber immerhin regnet es nicht mehr.

Zum Glück haben wir Hühner. Ein Grund mehr für die Kinder, mehrmals am Tag raus in den Garten zu gehen.

Nachdem ich den halben Tag verschlafen hab und mich krank fühle, bin ich jetzt um 18 Uhr immer noch im  Pyjama. Wenigstens hab ich´s aus dem Bett geschafft.

Ich muss mir eine Online-Sperre verordnen. Da will einer auf sehr persönliche Art und Weise Suizidprävention betreiben und bewirkt das reinste Gegenteil damit, fürchte ich. Überhaupt stellt sich die Frage: Welche Konsequenzen haben die ganz normalen Durchschnittspostings und Nachrichten auf die Befindlichkeit des Landes? Das religiöse Wohlfühlvideo, das mir jemand geschickt hat, etwa? Macht das nur mich aggressiv? Wann drehen die Leute durch?

Alle sagen Kwarantäne.

 

23.3.

Ich weiß nicht wie das funktionieren soll. Drei Kinder unterrichten und Home Office und Haushalt mindestens doppelt so viel wie sonst. Schreiben wollte ich auch noch.

Fad ist mir nicht.

Ich drück mich vor Abgaben. Texte werden angesichts dieses Ausnahmezustandes anders gelesen werden. Sehr vieles scheint sehr belanglos.

Alle posten sie jetzt Kinderfotos von sich. Als wollten sie sich ihrer selbst vergewissern.

Haushaltserziehung. Das große Kind kann jetzt Eierspeis kochen. Das scheint mir angebrachter als Prozentrechnen. Plan: Jedes Familienmitglied bekommt einen eigenen Wäschekorb.

Es regnet Fb-Freundschaftsanfragen.

Wer weiß was ich im Jänner/Februar hatte. Ich war so krank wie noch nie. Ki. auch. Fieber und dieser Husten. Ich geh die ganze Zeit im Kopf meine Kontakte durch, von denen ich hier nicht berichten kann.

Ihr Tod. Das Begräbnis. Das Jahr hat nicht gut begonnen.

Schlachtfeld Wohnung

Ich kann mit den Live-Lesungen aus den Badewannen des Landes nichts anfangen.

Ich habe dieseTage geträumt, ich hätte Brokkoli aus Wuhan gegessen. Das war, als ich dann im Wachzustand nichts essen konnte. Gestern? Vorgestern?

Die Tage sind wie ein ewig langer Sonntag. Ein Gefühl wie irgendwann in Berlin. Da hab ich ein Jahr lang eigentlich nur gefrühstückt. Damals wusste ich auch nicht, wie es weitergeht.

Lerne Grafikdesign, Lerne zeichnen: Neue Werbeeinschaltungen auf Fb. Sorge vor Ausbruch in griechischen Lagern. Seit 15.3. 115.600 neue Arbeitslose.

Den ganzen Tag verdrängt: Keine guten Nachrichten von K.s Arbeit.

Mir fehlen die Vormittage. Den ganzen Tag denke ich: Am Abend, wenn sie schlafen, mach ich mich an die Arbeit. Aber ich bin so müde.

 

24.3.

Ich ahne, was mit Funktionskleidung gemeint sein könnte.

Hätten wir Juri nicht, ich würd mich kaum bewegen. Juri ist unser Hund.

Ich muss mich wieder konsequenter an den Schreibtisch setzen. Mahnung bezahlen. Steuerdings. usw.

Man könnte Andy Warhols Campbell`s Dosen posten, oder sein „but I always say: one`s company, two`s a crowd, and three`s a party“.

Hungrig nach Kunst, Trost, Antworten, Ablenkung.

Ich sollte einen Brief schreiben, den ich schon lange aufschiebe, und eine Postkarte verschicken.

Q. hält mich bei Laune. Schön, so späte Freundschaften. Wir hätten uns immer schon verstanden.

Scheinbar wird das jetzt was mit der Veröffentlichung. War nicht so gedacht. Ist okay glaub ich.

Ich fürchte, ich hab C. beleidigt.

Ich seh plötzlich Spinnweben, die ich sonst nie bemerkt hätte.

Lesen. Wir müssen lesen üben.

Man sieht plötzlich in sehr viele private Lebensräume. Corona-Tagebücher. Videos aus der Küche, vor Bücherregalen, von Kindern. Menschen in Pyjamas und Yoga-Posen. Man rückt also auf eine andere Art zusammen. Will man das?

In Italien werden offenbar die Zapfsäulen abgedreht.

Die Frage nach der Freiheit.

„Machen sie sich frei, sagt das Leben. Ganz, fragt der Mensch. Ganz, sagt das Leben.“ Werner Schwab. Die schönste Postkarte vom Literaturhaus Graz. Hängt da.

Wir müssen lesen üben.

Q. schickt „Ein Stück vom Himmel“.

Teil 2

25.3.

Ich hab geträumt, ich arbeite an der Wursttheke. Und war sehr nervös, als jemand hauchdünn aufgeschnittene Salami bestellte. Weil ich nicht wusste, wie man diese silberne Maschine bedient.

Standard: Man solle Fotos aus dem Kinderzimmer-Chaos schicken. Wozu wird in zwei Wochen aufgerufen?

„Team Österreich“. Die türkise Corporate-Identity ärgert mich extrem.

Ich finde diese Bilder, geknebelte Kinder mit zugepicktem Mund hinter der Homeoffice-workenden Mutter, die da gerade kursieren, irgendwie nicht so witzig.

Der Lärmpegel steigt. Sie sind einfach in der Mehrzahl.

Ich weiß schon, warum die Trafiken weiterhin geöffnet sind.

Scheinbar ist Camus` „Die Pest“ ausverkauft.

Es werden, irgendwann, viele Kindergeburtstagsfeiern nachgeholt werden müssen. Die Houseparty-App ist nicht meins.

Kann sein, dass wir bald einen Quarantäne-Gast für zwei Wochen bei uns haben.

Manche Schulbuchgeschichten sind schon seltsam. Da strengt sich ein Kind dermaßen an, einen Satz zu lesen, es dauert ewig und dann passiert darin schon wieder nichts. Wir steigen jetzt auf was anderes um.

Morgen gehe ich einkaufen, meine Mutter will „wieder mal was anderes“.

 

26.1.

Es ist 1 Uhr. Ich kann nicht schlafen. Das waren zu viele Nachrichten heute. Gestern.

Was mir keine Ruhe lässt: Ischgl. Wurde am 5. März von Island zum Hochrisikogebiet klassifiziert.

Damit verbunden Quarantänemaßnahmen für alle Rückkehrer aus dieser Region – längst alles bekannt. Aber was ist mit den österreichischen Tirol-Urlaubern? Da klingt ein „Sie sollen zuhause bleiben“ nach einer Empfehlung. Wer überprüft, ob diese Menschen nicht doch einkaufen gehen? Ist diese Information überhaupt zu ihnen durchgedrungen? Sind diese Menschen registriert? Und wer hat welche Informationspflichten? Wie ist die Kette zwischen Bürgermeistern, Bezirkshauptmannschaft usw.? Da fehlt es an Aufklärung. Jeder glaubt und meint etwas, jeder findet irgendetwas skandalös. Aber wie ist die rechtliche Lage?

Eins der Kinder weckt mich seit Neuestem jeden Morgen um 6 Uhr auf. Das wäre ja der einzige Bonus jetzt: Nicht um 6 aufstehen zu müssen. Es schläft wieder. Ich bin wach.

Streit um die letzte Tintenpatrone.

Was ist mit dem Zahnarzttermin?

Frühling ist ein sehr schwieriges Wort.

Langsam dämmert uns allen, das bleibt noch lange so. Tränen. Es ist nicht zu verstehen, dass beste Freunde nicht zusammendürfen, nicht?

Ich kann jetzt schon keine Kurvengrafik mehr sehen.

Wir rücken zusammen. Die Babyjahre sind wieder präsent.

Was machen diese Wochen, Monate mit mir als Mutter? Wie bin ich danach, wenn sich die Kinder hoffentlich wieder wie gewohnt bewegen? Wird man besorgter sein? Einfach nur weil sie plötzlich nicht mehr ständig um einen herum sind? Aber vor allem: Was macht diese Zeit mit den Kindern? Wie ist es, wenn sie ihre Freundinnen und Freunde wieder sehen? Ein Fest, ganz sicher.

Bauernmärkte im Freien werden geschlossen. Supermärkte haben geöffnet.

In Diskonter-Prospekten wird auf Trüffelpaste, Lachs und Nordseekrabben gesetzt.

Dazu passt die Jogginghose aus Kaschmirmix, für die eine Warenhauskette, bei der man nicht einkaufen sollte, wirbt.

Es passt alles nicht zusammen.

Frost. Heimisches Obst wird es heuer wohl nicht viel geben.

Was sich wohl jetzt in unserer früheren Wohnung abspielt.

Haben die Personen, die darüber nachdenken, die Schulen bis Sommer geschlossen zu halten, Kinder zu Hause? Leben sie mit denen in einer Stadtwohnung? Auf wievielen Quadratmetern? In welchem Bezirk?

Ich weiß nicht, wie es mit meinem, ich sag mal Projekt dazu weitergehen soll. Es ist ja kein Stein mehr auf dem anderen. Das hat erzähltechnische Auswirkungen. Ich kann doch nicht so weiterschreiben wie vorher. Ich hab das Dokument jetzt seit zwei Wochen nicht geöffnet. Was macht Corona mit meiner Geschichte?

 

27.1.

Jeder Morgen beginnt mit dem Satz: „I schau kurz zu die Hena“. Winterjacke über den Pyjama, und danach wird berichtet in welcher Reihenfolge die Hühner aus ihrem Häuschen sind. Das Häuschen war mal ein Hasenstall und steht auf drei Bierkisten.

Stress. Joggen. (Nicht ich.)

Ich lese laufend Berichte über Italien und denke an unsere letzten Sommer. Wie aus einer anderen Zeit. Müssen endlich Federico kontaktieren.

In dieser Heimwerker WhatsApp-Gruppe hab ich eigentlich überhaupt nichts verloren.

Tel. mit der Französin. Irre Geschichte. Schlumpf-Treffen in der Bretagne Anfang März. Da haben sich, zu Corona Zeiten, tausende, als Schlümpfe verkleidete Leute getroffen. Sie wollten ins Guinessbuch der Rekorde kommen.

Ob es stimmt, dass Corona-Patienten mit dem TGV quer durch Frankreich ins nächste Krankenhaus gebracht werden. Wir wissen es nicht. Hochkonjunktur im Journalismus.

Generell zu beobachten: Kräftemessen zwischen den Ländern. Dass im Elsass Über-80-Jährigen generell Beatmungsgeräte verweigert werden – Fake-News deutscher Medien? Wär ja nicht abwegig.

Muss dann mal das Zimmer vorbereiten – wie es aussieht. Der Quarantäne-Gast hat einen Flug über drei Ecken gebucht. Bin ich froh.

E. schreibt aus dem Krankenhaus.

Rechnen. „Ich check die Logik von dem nicht.“

Wir machen jetzt dann Sachen. Im Garten. Die Witterung bestimmt den Tageskurs.

Die Menschen werden empfindlicher.

Italien. Spanien. Ich wollte in den Prado heuer. Rogier van der Weyden, Kreuzabnahme. New York. Was für eine Katastrophe.

Teil 3

28.3.

Ich betrachte das mit der Schule mittlerweile mehr als Empfehlung.

Es rückt näher. Der Bruder einer Freundin, die Nachbarin eines Freundes usw. Und soeben hab ich erfahren, dass ein ehemaliger Uni-Kollege schwer erkrankt ist.

Wer gilt eigentlich als „Kontaktperson“?

Ich streich jetzt manche Wörter aus dem Wortschatz.

P. hält das alleine wohnen nicht mehr aus und zieht in ihre alte WG. Da ist ein Zimmer frei.

Es posten Menschen, die nie gepostet haben. Andere werden stiller.

Freunde berichten von mehr Arbeit als sonst im Homeoffice, von stundenlangen Videokonferenzen. Trotzdem werden sie in Kurzarbeit geschickt, was 20 % weniger Lohn bedeutet.

Eine Spaziergängerin getroffen. Sie findet das jetzt alles voll super und ginge es nach ihr, könnte es immer so bleiben.

Mir ist ein Lektoratsauftrag weggebrochen. Die Übersetzerin sagt: „Ich bin letzte Woche auf vielleicht drei bezahlte Stunden gekommen.“

Ich trenne mich von ein paar Dingen und hab ein Abo gekündigt, auch eine Mitgliedschaft. Ich werde den Mobilfunkbetreiber wechseln und den Stromanbieter.

Q. schickt „Traurige Tulpen“.

Zwei der Kinder haben sich eine Musikecke eingerichtet und meine alten Kassetten und CDs ausgegraben. Erste Allgemeine Verunsicherung.

Die lustigen Postings werden weniger.

Adidas zahlt keine Miete mehr. Erinnerung ans Sonnendeck und ein goldenes Adidas Shirt.

Seit dem Schwangerschaftsyoga bin ich für Yoga nicht mehr zu haben. Wir waren da wöchentlich auf dieser imaginären Blumenwiese und haben den nicht vorhandenen Vögeln gelauscht. Ich muss mir trotzdem was einfallen lassen.

Der Quarantänegast sitzt im Flugzeug, kommt aber jetzt doch woanders unter.

Wird nicht alles bald wieder laufen wie bisher? Diesen Gedanken hatte ich seit Wochen noch kein einziges Mal.

 

29.3.

Hostile Ambient Takeover: The Melvins. K. backt Brot. Ein Halbtagesprojekt.

Ich bin so nervös. Ich muss raus.

Wir pflücken, was da so wächst.

T. hat ein Spiel erfunden, nach ein paar Runden bin ich drin.

„Zeit für Kaffee und Kuchen?“ Die Mauer, unsere Bar. Während wir uns unterhalten, gackern die Hühner. Sind wir still, sind sie es auch.

Ich schau ein Video vom Staatsballett Berlin. Hätt ich nie. Bob Dylan hat einen neuen alten Song veröffentlicht und ich lese seit Langem wieder mal in einem Buch.

Es ist spät, aber ok, Zeitumstellung. Eins der Kinder kommt noch mal raus, mit einem Zahn in der Hand.

 

30.3.

Meine Mutter sagt: „Ich schau nur noch ein Mal am Tag die Nachrichten.“ Ich glaub ihr das nicht.

Meinem Vater geht es gut, sagt er.

Die Seifengeschenke der letzten Jahre werden aufgebraucht. Die Handrücken der Kinder sind wund.

Ob es nach dem Ganzen noch Impfgegner gibt.

Getreide selber mahlen? Fürs Roggenmehlshampoo? E. hält mich bei Laune, wir telefonieren fast täglich.

Neuigkeiten vom Rindfleischmarkt.

Die Anästhesistin näht sich ihre Maske selber, mit Kaffeefiltereinlage.

Preisanstieg von FFP2 Masken innerhalb von 10 Tagen um rund 3000 %.

Ein britischer Fetisch-Shop hat seinen Lagerbestand an OP-Kleidung an ein Krankenhaus gespendet.

Bei der Pressekonferenz der Bundesregierung heute Mittag wurden zwei Wörter besonders häufig erwähnt. Supermarkt und Polizei.

Ungarn ist jetzt eine Diktatur.

Ich hab gebacken. Ob mich die aktuelle Germ-Knappheit dazu verleitet hat?

In Süditalien drohen Menschen mit „Sturm auf die Paläste“.

Alle sind online, immer. Federico hat sofort zurückgeschrieben. Es geht ihnen gut.

In unserer „Liter.Gruppe“ ist wieder was los.

Erste Suizide aus Angst vor Covid-19. Junge Frauen.

Nachtspaziergang mit Juri.

Und: Ich hätte heute fast ein Huhn berührt. Fast.