VRÖGL

Vortrag Christine Kanz „Über den Mehrwert der Literatur. Anerkennung und Diversität in der Gegenwart“

Anerkennung ist zu einem der zentralen Themen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzung geworden, wobei im Zusammenhang mit Migration und Globalisierung die Problematik der „Anerkennung von Differenz“ im Fokus steht. Die gesellschaftspolitischen Debatten über die Ängste vor dem Fremden sind oft mit Furcht vor Terror verbunden und lassen die unumschränkte Gewähr von Anerkennung einer anderen ethnischen Herkunft als risikoreich erscheinen. Die übrigen Bereiche von Diversität, die sowohl Anerkennung von Differenz als auch Anerkennung von Gleichheit (v. a. vor dem Gesetz) implizieren, werden demgegenüber – mit Ausnahme der Religion – mit einer weithin akzeptierten „positiven Sicht auf Vielfalt“ bedacht. Die Diskussion im Rahmen des Workshops bezieht sich mithin auf aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen, und zwar im Feld der österreichischen Literatur (von Elfriede Jelinek über Doron Rabinovici bis hin zu Maja Haderlap), weil hier die Frage des Anderen und der Dialogizität sowie der Inter-/Transkulturalität in besonders produktiver und komplexer Weise zur Verhandlung steht. Vorgeführt wird, dass die Frage nach der Thematisierung von Anerkennungsverhältnissen in Auseinandersetzung mit sozialtheoretischen Konzepten (u. a. von Axel Honneth und Nancy Fraser sowie Charles Taylor) neue und produktive Zugänge zum Feld der Literatur ermöglicht und dass umgekehrt künstlerische Zugänge Anerkennungsfragen in erhellender Weise neu modellieren.

CHRISTINE KANZ ist seit 2017 Hochschulprofessorin für Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Neuere deutsche Literatur an der Pädagogischen Hochschule in Linz sowie Gastprofessorin an der Universität Gent in Belgien, wo sie seit 2010 Neuere deutsche Literatur gelehrt hat und weiterhin MasterkandidatInnen und DoktorandInnen betreut. 1999 ist im Metzler Verlag ihre Monographie „Angst und Geschlechterdifferenzen. Ingeborg Bachmanns Todesarten-Projekt in Kontexten der Gegenwartsliteratur“ erschienen; 2009 veröffentlichte der Fink Verlag ihre Monographie „Maternale Moderne. Männliche Gebärphantasien zwischen Kultur und Wissenschaft (1890  ̶ 1933)”.