Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945

HERTHA PAULI, Jugend nachher (Paul Zsolnay Verlag, 1959)

Kommentierte Lesung: SABINE SCHOLL

Referat: KURT BARTSCH

Moderation: KLAUS KASTBERGER

 

Ein Gemeinschaftsprojekt der Alten Schmiede, Wien, des StifterHauses, Linz und des Literaturhauses Graz

Hertha Paulis Roman „Jugend nachher“ (1959) gehört zu jenen frühen, allzu wenig beachteten Texten der österreichischen Literatur nach 1945, die gegen das Verschweigen der Nazi-Verbrechen, gegen das Weiterwirken faschistischen Bewusstseins anschreiben. Er kann als „Fortschreibung“ (Ernst Seibert) von Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ (1937) verstanden werden. Die jugendliche Ich-Erzählerin, deren Eltern von den Nazi ermordet wurden und die selbst nur knapp dem Holocaust entronnen ist, kann ihren Ort in der Gesellschaft, ersehnte Zugehörigkeit nicht finden. Sie gerät in den Umkreis einer jugendlichen Verbrecherbande, in der Gewalt regiert. Lange Zeit verschweigt sie im nach wie vor antisemitisch geprägten Umfeld ihre halbjüdische Herkunft, durchbricht jedoch mit einem Geständnis im Gerichtsprozess gegen die Jugendbande ihr Schweigen. (Kurt Bartsch)

HERTHA PAULI, geboren 1906 in Wien, gestorben 1973 in Long Island/New York. Tochter der Journalistin und Frauenrechtlerin Berta „Maria“ Schütz und des Arztes und Kolloidchemikers Wolfgang Joseph Pauli (1869–1955), der aus einer jüdischen Prager  Verleger-Familie stammte. Ihr Bruder war der Physik-Nobelpreisträger Wolfgang Pauli. Schauspielerin, antifaschistische Aktivistin, Autorin und Journalistin, 1927–33 in Berlin bei Max Reinhardt; Freundschaft u. a. mit Ödön von Horváth. 1933–1938 in Wien Herausgeberin im Rahmen der Österreichischen Korrespondenz, biografische Romane („Toni, ein Frauenleben für Ferdinand Raimund“, 1936, „Nur eine Frau. Bertha von Suttner“, 1937). 1938 Emigration nach Frankreich, 1940 in die USA, dort v. a. als Jugendbuchautorin bekannt. In ihrem letzten Buch „Der Riss der geht durch mein Herz“ (1970) schrieb sie über die letzten Tage vor dem „Anschluss“ und die drauffolgende Zeit.

SABINE SCHOLL, geboren 1959, Schriftstellerin, internationale Lehrtätigkeit. Zuletzt erschienen die Romane „Wir sind die Früchte des Zorns“ (2013), „Die Füchsin spricht (2016), „Das Gesetz des Dschungels“ (2018).

KURT BARTSCH, geboren 1947, Forschungen und Publikationen zur österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts, u. a. Ingeborg Bachmann (1997), Ödön von Horváth (2000); Mitherausgeber der literaturwissenschaftlichen Reihe „Dossier“.