Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945

Helmut Qualtinger / Carl Merz: Der Herr Karl; Lesung: Franz Schuh; Referat: Johann Sonnleitner; Moderation: Klaus Kastberger

Die Ausstrahlung des Monologs „Der Herr Karl“, der den Prototypen eines gemütlich-brutalen Wiener Opportunisten und Mitläufers des Nationalsozialismus zur Sprache bringt, im November 1961 im österreichischen Fernsehen löste eine Welle von haltlosen Empörungen, Beschimpfungen und Drohungen aus, es gab Dringlichkeitsanfragen im Parlament, die Nation war in Aufruhr. Qualtinger und Merz verwendeten das Material des Proteststurms für eine Reihe fingierter Zuschriften braver österreichischer Bürger und Opportunisten, die sie in die Buchausgabe des Textes 1962 einfügten. Dass es sich bei dem Stück um ein literarisches Elementarereignis und ein nach wie vor aktuelles Stück notwendiger sozialer Aufklärung handelt, scheint außer Zweifel, die Reaktionen vor 57 Jahren erweisen sich auch im Zeitalter von Wutbürgertum, Hasspostings und Shitstorms so vertraut wie verstörend. (Kurt Neumann)

CARL MERZ (= Carl Czell), geboren 1906 in Braşov, (Rumänien), Welthandelsstudium in Wien, Kabarettist, Schauspieler und Schriftsteller, 1933 bis 1935 im Kabarett „Literatur am Naschmarkt“. Zur Zeit des Nationalsozialismus inhaftiert. Nach 1945 Zusammenarbeit mit Michael Kehlmann, Helmut Qualtinger und Gerhard Bronner. 1961 TV-Film mit Helmut Qualtinger „Der Herr Karl“, 1962 als Buchpublikation.

HELMUT QUALTINGER, geboren 1928 in Wien, Kabarettist, Schauspieler und Autor; 1946/47 im Kabarett „Der liebe Augustin“ von Carl Merz. 1961 endet die Zusammenarbeit zwischen ihm, Kehlmann, Bronner, Kreisler und Wehle; mit Carl Merz „Der Herr Karl“, 1961; „Alles gerettet“, 1963; „Die Hinrichtung“,1965. Unzählige Bühnenrollen in Wien und Deutschland, Film- und Fernsehproduktionen. Er starb 1986 in Wien.

FRANZ SCHUH, geboren 1947 in Wien, Autor, Essayist, Kolumnist, gelegentliche Bühnenauftritte. Zuletzt erschienen u. a. „Sämtliche Leidenschaften“, 2014; „Über Kulturpublizistik“. Vier Vorlesungen, 2015; „Fortuna. Aus dem Magazin des Glücks“, 2017.

JOHANN SONNLEITNER, geboren 1958 in Niederösterreich; Professor am Institut für Germanistik der Universität Wien. Publikationen u. a. zur Wiener Komödie, zu Konflikten, Skandalen und Dichterfehden in der österreichischen Literatur.