Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945

Reinhard Federmann „Das Himmelreich der Lügner“, Lesung: Robert Schindel; Referat: Günther Stocker; Moderation: Klaus Kastberger

Reinhard Federmann (1923-1976) war lange Zeit ein von der Literaturwissenschaft verdrängter Autor. Nicht nur, dass er ein äußerst heterogenes Werk hinterlassen hat – Unterhaltungsromane und Witzesammlungen finden sich dort ebenso wie engagierte Zeitromane und Anthologien politischer Texte –, hat er auch Anfang der 1970er-Jahre im Streit zwischen dem konservativen PEN-Club und der Grazer Autorenversammlung heftig gegen Jandl, Jelinek und die Avantgarde polemisiert. Damit war sein Image als altmodischer, ja reaktionärer Autor gefestigt und man unterließ es, sich mit seinen Texten zu beschäftigen. Dabei gibt es dort einiges zu entdecken, zuallererst seinen 1959 veröffentlichten Roman „Das Himmelreich der Lügner“. Dieser passt freilich nicht in die gängigen Vorstellungen der frühen österreichischen Nachkriegsliteratur, in der es angeblich keine adäquate literarische Aufarbeitung von Faschismus und Krieg gegeben habe. (Günther Stocker)

REINHARD FEDERMANN, geboren 1923 in Wien, 1942 Kriegsdienst, 1945 krank aus sowjetischer Gefangenschaft entlassen. Jus-Studium, ab 1947 freier Schriftsteller, Journalist, Herausgeber und Übersetzer in Wien, enge Zusammenarbeit mit Milo Dor; Generalsekretär des österreichischen P.E.N.-Clubs, gründet 1972 die Kulturzeitschrift „Die Pestsäule“, er stirbt 1976. Veröffentlichungen (Auswahl): „Das Himmelreich der Lügner“, Roman (1959/ 1993); „Barrikaden. Ein Roman aus dem Sturmjahr 1848“ (1973/1998); zusammen mit Milo Dor u. a. „Internationale Zone“, Roman (1953/1994); „der unterirdische strom. träume in der mitte des jahrhunderts, ein versuch“ (1953); „Das Gesicht unseres Jahrhunderts. Sechzig Jahre Zeitgeschehen in mehr als sechshundert Bildern“ (1960); Übersetzungen.

GÜNTHER STOCKER, geboren 1966 in Salzburg, seit 2011 Assoziierter Professor am Institut für Germanistik der Universität Wien. Zuletzt publiziert: „Diskurse des Kalten Krieges. Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur“ (mit S. Maurer und D. Neumann-Rieser, 2017).

ROBERT SCHINDEL, geboren 1944, seit 1985 freischaffender Schriftsteller, schreibt Gedichte, Romane, Prosa, Essays, Bühnenstücke, zuletzt u. a.: „Man ist viel zu früh jung“, Essays, Reden und Bekenntnisse (2011); „Der Kalte“, Roman (2013); „Don Juan wird sechzig“, Heiteres Drama (2015).