Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945

Maja Haderlap „Engel des Vergessens“, Referat: Karl Wagner; Moderation: Klaus Kastberger

Maja Haderlaps Rekonstruktion ihrer Dorf- und Familiengeschichte ist die literarisch präzise Ethnographie einer slowenisch-kärntnerischen Kindheit im Zeichen von Tortur, Verfolgung und Widerstand. Ohnmacht, Selbstzerstörung und Stolz des Widerstands gegen den Nationalsozialismus und die fortgesetzten Erniedrigungen im Alltag nach 1945 zeigen sich durch eine Arbeit an der Sprache, die den Sprechmustern von Opfern und Tätern auf den Grund geht. Ein Grundbuch also auch für die literarische und politische Alphabetisierung Österreichs, traurig, zornig und zart. In der langen Gattungsreihe der österreichischen Provinz-Romane mit scheiternden männlichen Protagonisten ist „Engel des Vergessens“ schließlich ein später „Selbstversuch“ darüber, wie man als Frau unter solchen Diskriminierungen überhaupt zu einer Bildung kommen kann. (Karl Wagner)

MAJA HADERLAP, geboren 1961 in Bad Eisenkappel / Železna Kapla. 1992–2007 Chefdramaturgin am Stadttheater Klagenfurt, Mitherausgeberin der kärntner-slowenischen Zeitschrift mladje, schreibt auf Slowenisch und Deutsch, übersetzt aus dem Slowenischen. Veröffentlichung u. a. der Gedichtbände „Žalik pesmi“ (1983), „Bajalice“ (1987), „Gedichte – Pesmi – Poems“ (1998), „Langer Transit“ (2014).

KARL WAGNER, geboren 1950 in Steyr, Professor em. der Universität Zürich. Zuletzt erschienen: „Der Held im Schützengraben. Führer, Massen und Medientechnik im Ersten Weltkrieg“ (Hg. mit M. Gamper und S. Baumgartner, 2014); „Moderne Erzähltheorie“ (erweiterte und aktualisierte Auflage, 2015).

Ein Gemeinschaftsprojekt der Alten Schmiede, Wien, des StifterHauses, Linz und des Literaturhauses Graz.