Keltische Knochen

Illustration der Erstausgabe 1864 (Westermann's Illustrierte Deutsche Monatshefte)

Neben der in Wien und Prag spielenden Novelle Holunderblüte (1863) die einzige ausschließlich im böhmisch-österreichischen Raum angesiedelte Erzählung Wilhelm Raabes (1831-1910), erstmals 1864/65 erschienen.

Anfang April 1859 brach der deutsche Schriftsteller Wilhelm Raabe zu einer Bildungsreise auf, die ihn von seinem Wohnort Wolfenbüttel nach Italien führen sollte. In Wien wurde er jedoch vom Ausbruch des österreichisch-französischen Krieges überrascht, sodass er seine Reisepläne kurzfristig änderte und statt nach Oberitalien - dem Kriegsschauplatz - nach Oberösterreich reiste. In der Nacht zum 9. Juni 1859 traf er in Linz ein, von wo aus er einen Ausflug nach Gmunden, Bad Ischl und Bad Goisern und schließlich nach Hallstatt unternahm. Dort waren seit 1846 große vorgeschichtliche Gräberfelder freigelegt worden, die Raabe besichtigte.
Der Besuch, den er 1895 wiederholen sollte, hat Raabe zu seiner humoristischen Erzählung Keltische Knochen angeregt, die er Ende Mai 1864 in wenigen Tagen niederschrieb. In der Novelle unternehmen drei Männer von Linz aus eine Fahrt nach Hallstatt: Herr Zuckriegel, "Prosektor an einer kleinen norddeutschen Universität" (202), ein Dichter namens Krautworst, der sich "Roderich von der Leine" nennt, sowie der Ich-Erzähler. Zuckriegel interessiert sich für die Skelettfunde am Rudolfsturm, während Roderich in der Alpenlandschaft Inspiration zu finden hofft. Der Vortrag seiner trivialen Reimereien füllt mehrere Seiten; die Pointe dabei ist, dass es sich um eben die Verse handelt, mit denen sich Raabe selbst die verregneten Linzer Nachmittage verkürzt hat. "Reime im Gasthof. [...] Nachmittag Regen, Regen und Reime", notiert er am 10. und 11. Juni 1859 in sein Tagebuch (474) und lässt Roderich aus diesen Gedichten vorlesen:

"Unablässig rauscht's herunter,
Und ich seufze klagend drein;
Grau verschleiert sehn die Berge
Auf die fremde Stadt herein.

Und das rote Reisehandbuch
Greif ich auf und sink zurück
Schwer und mit gelösten Gliedern
In den Sessel, und der Blick

Sucht die Stelle, wo es lautet:
,Linz ist eine schöne Stadt,
Die schlecht Pflaster, einige Menschen
Und auch ein Theater hat.‘

Linz, o Linz am Donaustrande,
Ewig, Linz, gedenk ich dein;
Deinem Ruhme und Theater
Will ich diese Verse weihn!

Linz, o Linz am Donaustrande,
Linz in Oberösterreich,
Denk ich deiner, wird das Auge
Feucht, und wird das Herze weich."
(221)

Der Prosektor Zuckriegel aber trifft in Hallstatt auf den Altertumsforscher Professor Steinbüchse aus Berlin, mit dem er das Zimmer teilen muss. Sie geraten in einen erbitterten Streit über die Herkunft der Gebeine: Steinbüchse hält sie für "keltische Knochen", während Zuckriegel von ihrem germanischen Ursprung überzeugt ist. Im Nachbarzimmer hören der Erzähler und Roderich den lautstarken Disput belustigt mit an. Am nächsten Morgen machen sich Zuckriegel und Steinbüchse in Begleitung des Erzählers auf den Weg zum Rudolfsturm. Die Fremdenführerin zeigt den Männern das offene Grab und mit beherzten Griffen reißen die räuberischen Gelehrten an sich, was sie fassen können, Knochen, einen Schädel, ein Bronzeschwert "und verschiedene sonstige antiquarische Kleinigkeiten" (236). Ihre Freude an dem Diebstahl währt allerdings nur kurz; von den Einheimischen verfolgt, werfen sie die erbeuteten Gegenstände von sich und verlassen Hallstatt im Zorn.

Bei aller Komik ist die Erzählung in einen ernsten Kontext eingebettet. Die Auswirkungen des Krieges in Oberitalien reichen auch in die Erzählhandlung hinein: Auf dem Hallstätter Kirchhof trifft der Erzähler die Mutter des jungen Soldaten Joseph Schönrammer, dessen Namen er auf der Rückreise in Salzburg auf den eben ausgehängten Verlustlisten sucht. Zu seiner Beruhigung findet er ihn "nur unter den Leichtverwundeten" (240). Raabe schmückt die Erzählung mit zahlreichen gut beobachteten lokalen Details aus. Die Wiedergabe des oberösterreichischen Dialekts gelingt ihm zwar überhaupt nicht, aber die Landschaft und die ortstypischen Gebäude werden realistisch geschildert. Immer wieder preist er die "Aussicht über den wunderbarsten See auf das ,Tote Gebirge‘" (209). Auch Bad Ischl findet lobende Erwähnung, obwohl dem Erzähler das im dortigen Kurhaus gereichte "entsetzliche salzige Gesöff" (201) trotz aller gesundheitsfördernder Wirkung überhaupt nicht schmecken mag.

Walter Hettche

 

Keltische Knochen. In: Wilhelm Raabe: Sämtliche Werke. Im Auftrag der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft hg. von Karl Hoppe. 9. Bd., 1. Teil. Bearb. von Karl Hoppe, Hans Oppermann und Hans Plischke. 2. Aufl. Göttingen 1974.

Denkler, Horst: Wilhelm Raabe. Legende, Leben, Literatur. Tübingen 1989. - Fuld, Werner: Wilhelm Raabe. Eine Biographie. München 1993.