Kirchschlag

© Ansichtskartensammlung Stift St. Florian

Marktgemeinde mit 2.036 Einwohnern (Stand 2012) im Mühlviertel, 10 Kilometer nördlich von Linz auf 894 m Höhe gelegen.

1. Von oben aus
Wuchs man dort auf, so lernte man bald, dass es ein zweites Kirchschlag gibt, jenes "in der Buckligen Welt", und man fragte sich nach der spezifischen Differenz: Die Welt schien auch hierorts bucklig genug. Das Gelände ist nach allen Himmelsrichtungen abschüssig, nur nördlich des Orts hebt es sich noch zum Breitenstein (954 m). Von dort aus wird im Norden der Sternstein sichtbar, eine noch etwas höhere bewaldete Kuppe. Nochmals dahinter wusste man die Moldau, Krummau und Budweis, wo es nach der "Wende" Schweinsbraten, gutes Bier und vielfältige Unterhaltung zu billigen Preisen gab. Auch  Adalbert Stifter kommt von dort. Nach Süden ist die Sicht auf die Alpenkette schier unbeschränkt, an guten Tagen bis zum Schneeberg und Ötscher sowie ins Tote Gebirge. "Der Ort ist kühl, meist windig, und seine Fenster schauen zum Teile nach Mitternacht, zum Teile nach Mittag auf beide Teile des Landes", schreibt Stifter am Beginn seiner Erzählung Der Waldgänger. Dem spektakulären Blick auf die Alpen stellt er jene "schwermütig schöne" nördliche Landschaft gegenüber, und sein Waldgänger "denkt mit süßer Trauer an sie zurück wie an ein bescheidenes, liebes Weib, das ihm gestorben ist, das nie gefordert, nie geheischt und ihm alles gegeben hat." (Stifter 1960, 369f.)
In der Mitte der Vedute nach Süden, nach "vorn" also, liegt in einem flachen V-Ausschnitt jener Bezugspunkt, der zu Recht den Beinamen liefert, das (einst) "weißgetupfte Scheibchen der Stadt Linz, geschnitten von dem schimmernden Strome der Donau" (ebd., 371).
Kirchschlag war immer "bei Linz", zumindest seit dem bürgerlichen Zeitalter, in dem es die unterschiedlichen Bedürfnisse der Landeshauptstadt erfüllt: Badeort, Naherholungsgebiet, Ausflugsgegend, Sommerfrische, Wintersportgebiet und schließlich Suburbia für "Pendler" aller Arten.

2. Ein paar Schritte zurück
In der Geschichte seiner feudalen Anfänge lag Kirchschlag eher "bei Wildberg" und bildete einen Teil der zu dieser Burg gehörigen Starhembergischen Besitzungen. Die Burg, jetzt teils Ruine mit erhaltenem gotischen Bergfried, wurde von den Haunsbergern erbaut. Ein gewisser Gottschalk von Haunsberg ließ 1198 über Vermittlung des Bischofs von Passau seinen Schwiegersohn Gundakar von Steyr (Starhemberg) mit der Burg und dem dazu gehörigen Gebiet belehnen, seitdem ist die Burg im Besitz dieser Familie. Das nördlich angebaute Schloss (17. Jh.) wird noch bewohnt und für kulturelle Zwecke genützt. Bis heute ist auch ein großer Teil der Wälder um Kirchschlag im Besitz der Starhemberger. Ihre ehemaligen Kirchschlager Untertanen wurden später von der Nachbargemeinde Hellmonsödt aus verwaltet und 1920 endlich auch aus dieser Abhängigkeit entlassen. Für kurze Zeit ragt die Burg Wildberg in die europäische Geschichte: durch den Böhmenkönig Wenzel, der von den böhmischen Adeligen gefangen gesetzt und im Juli 1394 für einige Wochen hier verwahrt wurde. Schon einige Jahrzehnte davor (1349) wird eine Kapelle in Kirchschlag als starhembergische Eigenkirche erstmals urkundlich erwähnt.

Der Franziszeische Kataster von 1826 zeigt neben der bäuerlich bestimmten Grundstruktur des Dorfes (die bis in die 1950er Jahre beinahe unverändert blieb) als eine etwas aparte (und schützenswerte!) bauliche Erscheinung ein "Badhaus". Den Quellen von Kirchschlag wurde seit der Gegenreformation zunächst eine religiöse, dann medizinische Wirksamkeit zugeschrieben. Ende des 17. Jh. wurde ein Marien-Bründl errichtet und als heilkräftig verehrt, schon Mitte des folgenden Jahrhunderts bemächtigte sich die aufkommende Bäderkunde des Phänomens und schrieb dem Wasser Stärkung der Glieder zu, und, "da sie an Füssen solche Würckung verspühret, so haben auch einige, die Schwachheiten und gewisse Blödigkeit am Kopf empfunden, sich auch die Köpfe damit gewaschen und Besserung verspühret" (Heimatbuch, 94), wie es in dem Nothwendigen Vorbericht von der Beschaffenheit und Gebrauch des Kirchschlager Baads in Ober-Österreich heißt, den der "Medicus und Physicus Ordinarius im Land ob der Enns", Joannes Georgius Mayer 1753 verfasst hat. Mit Beginn des 18. Jh. blüht ein profaner Badebetrieb auf, der die Grundherrschaft zum Bau eines Badhauses (1718) bewog. Die anfangs beträchtlichen Einkünfte aus dem Bad waren Streitgegenstand zwischen der Herrschaft Wildberg und der Pfarre Hellmonsödt, sie sanken aber zunehmend und 1811 ging das Badhaus in bürgerlichen Besitz über.

3. Was Dichter stiften, Stifter dichten
Prominentester Gast des Badhauses war wohl Adalbert Stifter, der 1866 an den kühlen, windigen Ort seines Waldgängers zurückkehrte, um Ruhe und Erholung zu suchen. "Ich fürchte Linz und den Winter", schreibt er am 11. Oktober 1865 an den Freiherrn von Kriegs-Au. "Ich habe deshalb den Entschluss gefasst, den Winter in Kirchschlag zuzubringen, wo keine Nebel und Dunstschichten sind, und auserlesenes Wasser und unvergleichliche Luft ist." (Stifter 1954, 854) Stifter ist gedrückter Stimmung aus Sorge um Geld und Gesundheit, lässt seinen Krankenurlaub verlängern, wird schließlich zum Hofrat ernannt und bei vollen Bezügen pensioniert. "Nun ist Ruhe in meinem Herzen und die Gesundheit ist die sichere Folge" (ebd., 866), schreibt er seiner Frau Amalie aus Kirchschlag am 27. November 1865. Das Eheleben wird durch die Distanz aufgefrischt: "Die Trennung hat ein Herrliches gebracht [...] Jetzt brach die ganze Gewalt der Liebe hervor" (ebd., 873; Brief an Gustav Heckenast, 22. Jänner 1866). Amalie blieb jedoch skeptisch, schickte Wein und Lebensmittel und ließ sich mit Kirchschlager Wasser beliefern. Nebst den Liebesbriefen an seine Frau sind die Winterbriefe aus Kirchschlag das bedeutendste literarische Ergebnis dieses Urlaubs. In einer Reihe von Aufsätzen entwickelt Stifter eine elementare Physik aus den Gegebenheiten seines Erholungsorts. Er beginnt mit dem Licht: "Nervenleidende" - und als solchen sah sich Stifter - "können durch einen in die Wochen dauernden gleichfärbigen bleiernen sonnenlosen Himmel nach und nach zur Verzweiflung gelangen" (ebd., 520), schreibt er. Klarheit des Lichtes sei Klarheit der Seele, Dumpfheit des Lichtes Dumpfheit der Seele. Ästhetische, medizinische und moralische Aspekte kommen zur Betrachtung: "Wir sehen an den heitersten Tagen von unserem Berge hinab über der Donau-Ebene und namentlich über Linz einen schmutzig blauen Schleier schweben, die Ausdünstung der Niederung und insbesondere die Ausdünstung der Menschen, Tiere, Schornsteine, Unratkanäle und anderer Dinge der Stadt. Der Mann, der aus der durchsichtigsten Bergklarheit auf diese Erscheinung nieder blickt, denkt unwillkürlich mit einer Art unheimlichen Gefühles daran, dass die da unten in diesen Schwaden und Brodem leben müssen." (ebd., 521) Die zweite Lektion behandelt die Wärme und führt zur Beobachtung der Inversionswetterlagen mit Nebel in den Niederungen, "während auf den Höhen der klarste Sonnenschein ist" und die Oberfläche des Nebels "meistens eine waagrechte Fläche wie eine riesige Tischplatte bildet". (ebd., 524) Die Bewohner des Berggipfels haben die "unaussprechliche Pracht dieser Silbermeere" (ebd., 521) vor Augen. Die Elektrizität, Stifters nächster Gegenstand, führt zu den Thesen seines "sanften Gesetzes" zurück, nach denen nicht das Gewitter die gewaltigste Erscheinung der Elektrizität sei, sondern "das sanfte, holde und lindernde Strömen derselben in dem All". (ebd., 528) Nach seiner (vielleicht nicht ganz nachweisbaren) Beobachtung "sind auf Höhen die elektrischen Zustände weniger stürmisch als in den Niederungen, sondern stetiger, sachter, ruhiger verlaufend und wandelnd, was gewiß zu der gehobenen freudigen erquickenden Stimmung, die uns auf den Höhen, uns unerklärlich, ergreift, nicht weniger beiträgt als andere Umstände." (ebd.) Augen- und Ohrenzeugen jenes Gewitter-Orkans, der im August 1958 über Kirchschlag hinwegfegte und ganze Waldstriche niederlegte, bleiben da naturgemäß skeptisch.
Schließlich die Luft: Ihr widmet sich Stifter im vierten Brief und ihre Güte in Kirchschlag stand nie in Zweifel. "Sie erhält das Blut rein, oder reinigt das unreine, und jeder Atemzug bringt erneute Gesundheit und Fröhlichkeit", speziell "für Stubensitzer und ähnliche Kranke" (ebd., 532). Wie manche Zeitgenossen erwartete Stifter europäische Bedeutsamkeit für den Badeort. Bei "Leber-, Milz- und Gekröse-Anschoppungen, [...] in hysterischen und hypochondrischen Beschwerden" (Heimatbuch, 115) war schon in den 1930er Jahren dieses Wasser in der Linzer Zeitung angepriesen worden; von manchen dieser Leiden mochte sich Stifter betroffen fühlen.
Die Summe des Ganzen zieht Stifter, indem er das Physikalische ins Ästhetische hinüberführt, die Phänomene vereinigen sich im Gefühl des Schönen und Erhabenen. Am gestirnten Himmel über uns, "auf der Spitze des Berges unter der ungeheuren Himmelsglocke", am Zug der Wolken und am Kosmos des Kleinen, "an Gras und Kraut und Pflanze bis zu den letzten Steinchen herunter" (Stifter 1954, 540) lässt sich für den Menschen am Berge das Schöne der Natur gewinnen.

4. Herrenleute und andere Bedürftige
Stifter pflegte Umgang mit dem Linzer Buchhändler Quirin Haslinger und dem Bauunternehmer Johann Metz. Haslinger hatte ein Landhaus in Kirchschlag, die spätere "Scheindlervilla", Metz sogar zwei, die er Stifter - für den Fall eines Lottogewinns - zum Kauf anbot. Eines davon, die "Metzvilla", ist jetzt im Besitz der Gemeinde Kirchschlag und kulturellen Zwecken gewidmet. Vor dem Gebäude wurde nach dem Stifterjahr 2005 eine Kopie der Linzer Stifter-Metallplastik aufgestellt. Eine Zahl weiterer Villen bezeugt das Interesse des Linzer Bürgertums für den Wasser- und Luftkurort. Manche davon wurden längst wieder abgerissen (Scheindlervilla, Heinrichshof). Weniger Begüterte mieteten sich bei Bauern zur Sommerfrische (oder für den Wintersport) ein. Noch in den 1950er Jahren war für diese Erholungssuchenden der Begriff "Herrenleute" im Schwange und hob sie von den Einheimischen ab.
Seitdem setzte vermehrt der Bau von Wochenendhäusern oder Zweitwohnsitzen ein. 1970 waren von 348 Wohnhäusern des Gemeindegebiets 38,7 % solche Wochenendhäuser. Die Agrarbevölkerung war seit den 1930er Jahren von über 67% (1934) auf 22% (1970) zurückgegangen. Die Pendler stellten schon 1970 die größte Zahl von Berufstätigen (53%), die Landwirte immerhin noch knapp 32%. Der Trend setzt sich fort: die Statistik Austria verzeichnet für 2001 733 Auspendler bei 909 Erwerbstätigen. 1970 gab es noch 88 Vollerwerbsbauern, 2009 konnte der Gemeindesekretär nach einigem Zögern gerade noch "zwei, drei" nennen.

5. Wachstum, Zukunft
In knapp hundert Jahren (1869-1961) war die Einwohnerzahl um ganze 70 Personen gestiegen (von 893 auf 963), also stabil geblieben. Von 1961-70 kamen noch einmal 91 dazu. In den Folgejahren bis 2009 hat sich die Einwohnerzahl fast verdoppelt. Das alles hat das Ortsbild verändert: sozial und architektonisch. Die Bautätigkeit hält unvermindert an, ihre Ergebnisse sind nicht immer erfreulich und nagen an der wichtigsten Ressource, die der Ort seit jeher hatte, der Natur und der Landschaft.

Die hochfliegenden Pläne des badefreudigen 19. Jh. ("Bad Kirchschlag") sind verrauscht, die "großartige heilige Ruhe, die in dieser Höhe ausgegossen ist" (ebd., 899; Brief an Amalie Stifter, 20. Juni 1867) muss abseits gesucht werden, Kirchschlag ist in gewisser Weise zu einem Vorort von Linz geworden. Aber die Luft tut noch immer gut und der Blick in die Ferne ist erhalten. Das Stifterjahr 2005 hat der Gemeinde einen erfreulichen kulturellen Schub verliehen. Möge - im Sinne Stifters - auch das Naheliegende so gestaltet werden, dass es "sänftigend und veredelnd" auf das Gemüt wirkt, dass mit anderen Worten, Kultur im Ort geschaffen wird, sodass nicht auch dafür gependelt werden muss. Damit, so bleibt mit Stifters Winterbriefen zu hoffen, "möge der Berg von Kirchschlag der Seele etwas näher gerückt sein." (ebd. 540)

Hubert Lengauer

 

Götting, Wilhelm; Grüll, Georg: Burgen in Oberösterreich. Wels 1967. - Kirchschlag. Ein Heimatbuch. Hg. im Selbstverlag der Gemeinde Kirchschlag b. Linz 1971. (= Heimatbuch) - Lenk, Rudolf; Dunzendorfer, Albrecht: Oberdonau, die Heimat des Führers. Hg. vom Gauamt für Kommunalpolitik Gau Oberdonau. München 1940. - Pfeffer, Franz: Kirchschlag. Das Bergdorf am Breitenstein. Linz 1962. - Stifter, Adalbert: Der Waldgänger. Bunte Steine. Späte Erzählungen. Hg. von Max Stefl. Augsburg 1960. - Ders.: Die Mappe meines Urgroßvaters. Letzte Fassung. Schilderungen. Briefe. Sämtliche Werke in fünf Einzelbänden. Hg. von Fritz Krökel. Zürich 1954. - Zerzer, Julius: Stifter in Kirchschlag. Roman. München 1928.