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Simon Rettenpacher

(auch: Simon Rettenbacher)
Geb. ca. 17.10.1634 (getauft) in Aigen/Salzburg, gest. 10.5.1706 in Kremsmünster.
Der heute kaum mehr bekannte Geistliche hat ein umfangreiches Werk, v. a. Schuldramen und Gedichte, verfasst und zählt damit zu einem der wichtigsten Vertreter der oberösterreichischen Literatur des Barock.

Für den als jüngstes von acht Kindern des Bauern auf dem Untergänsbrunngut in Aigen/Salzburg 1634 geborenen Simon Rettenpacher verlief das Leben, gemessen an Herkunft und Zeit, abwechslungsreich und ungewöhnlich. Die früh verstorbenen Eltern ermöglichten ihm den Besuch des Gymnasiums, das der lernwillige und talentierte Knabe "summa cum laude" abschloss und dessen neulateinisch-humanistische Tradition ihm den weiteren Weg zum scholastisch gelehrten Benediktinermönch - dessen Orden im Stift Nonnberg der väterliche Hof zinspflichtig war - und Literaten eröffnete. Von seinen Lehrern und Fürsterzbischof Graf Paris von Lodron (1586-1653) gefördert, studierte Rettenpacher Philosophie und Rechtswissenschaften an der 1622 gegründeten Universität Salzburg. 1658 reiste er zu Studienzwecken nach Siena, Rom und Padua, um seine stoizistische Überzeugung sowie seine Fremdsprachenkenntnisse (Italienisch, Französisch, Spanisch) zu vertiefen. Nach seiner Rückkehr nahm er im Jänner 1660 den Habit als Ordensbruder im benediktinischen Stift Kremsmünster - das ursprüngliche Wunschziel Melk blieb unerreicht. Unter Abt Placidus Buechauer (1611-1669, Abt seit 1644) erlebte das Kloster einen neuzeitlichen Aufschwung, der auch auf Rettenpacher positiv wirkte. Ab 1661 studierte der Novize in Salzburg Theologie, erhielt 1664 die Priesterweihe und wurde in Kremsmünster zunächst Adjunkt der Stiftsbibliothek, später Präfekt des Stiftsgymnasiums und Bibliothekar. 1666 erfolgte ein weiterer Aufenthalt in Rom, Rettenpacher lernte dort orientalische Sprachen (Hebräisch, Persisch, Türkisch). Von 1671 bis 1675 lehrte er in Salzburg Geschichte und Ethik.

Die Welt der Schrift bedeutete für den gemäß dem benediktinischen "Ora et labora" lebenden Autor von vorwiegend lateinischen Schuldramen und Komödien sowie von Gedichten - zumeist Epigramme und Oden - das höchste Glück. Er selbst bezeichnete sein Dasein als "soli Deo librisque addicta" (zit. nach Wintersteller 1995, 312), also allein Gott und den Büchern verschrieben. Zunächst orientierte sich seine umfangreiche lyrische Dichtung, die er in ein sogenanntes "Poetisches Tagebuch" eintrug, an antiken Vorbildern (Horaz, Juvenal, Ovid, Seneca, Statius und Vergil). Seine in Latein verfassten Oden, Epoden und Silvae wurden erst lange nach seinem Tod und auch da nur auszugsweise veröffentlicht. Sie zeigen eine virtuose Beherrschung der Form, offenbaren zugleich aber auch individuelle Erfahrungen, indem Rettenpacher das Zeitgeschehen und politische Bemerkungen (z. B. Türkenbelagerung 1683), den Klosteralltag sowie Gespräche mit seinen Mitbrüdern, für die er auch Widmungsgedichte verfasste, einfließen ließ. Auch mit Hugo Grotius oder Martin von Opitz hat er sich beschäftigt. Richard Newald bezeichnet Rettenpacher als "scharfe[n] Kritiker seiner Zeit", der "eindringlich und innig zu Herzen" spricht (Newald 1972, 430).
Sein Hauptwerk bildet das ebenfalls lateinische barocke Schuldrama. In Salzburg gelangten zwischen 1672 und 1674 seine Komödien Demetrius, Atys und Perseus zur Aufführung. Sie begründeten Rettenpachers Beinamen "Pater comicus" und zeigen seine Verankerung in der benediktinischen Tradition als Suche nach dem rechten Lebensweg in Gott, als Dialog zwischen Gelehrsamkeit und Seelenheil. Auch in Kremsmünster kamen einige Werke zur Aufführung: 1677 das Singspiel Callirrhoes ac Thephobi amores anlässlich der Feier des 900-jährigen Bestehens des Stifts, 1680 unter Anwesenheit von Kaiser Leopold I. das Drama Ulysses, 1682 die Oper (Drama musicum) Iuventus. Bereits die Titel zeigen die historische Verankerung in mythologischen Stoffen, die zu Allegorien ausgearbeitet auf das göttliche Wirken im alltäglichen Leben reflektieren. Die Musik zu Rettenpachers Bühnenwerken, die 1683 bei Johann Baptist Mayr in Salzburg erschienen sind, wird seinem Klosterbruder Pater Ulrich Leo (1639-1698) zugeschrieben. Ebenfalls veröffentlicht wurden die weltliche Komödie Frauen-Treu Oder Hertzog Welff auf Deutsch sowie die Kurzprosa- und Predigt-Sammlungen Ludicra et Satyrica, Consilia sapientiae, Meditationes evangelicae und Tuba evangelica als Ergebnis der fruchtbaren Produktion in Kremsmünster. Zu erwähnen sind weiters die historischen Annales Monasterij Cremifanensis (1677), die bereits damals aufgrund ihrer quellenkritischen Genauigkeit gelobt und 1793 ins Deutsche übersetzt wurden (Geschichte des Norikums mit der Chronik von dem Kloster Kremsmünster).

1688 erfolgte ein dramatischer Einschnitt in Rettenpachers Vita. Die Unzufriedenheit mit dem 1669 gewählten Abt Erenbert Schrevogl (1634-1706) veranlasste die Klosterbrüder von Kremsmünster zu einem Protestbrief. Fälschlicherweise wurde allein Rettenpacher, zugleich Sekretär des Abtes, dafür verantwortlich gemacht und zur Strafe in die kleine Pfarre Fischlham bei Steinerkirchen/Traun versetzt. So schmerzlich sich der Abschied von den Aufgaben in Kremsmünster gestaltete, gab er das Schreiben vorerst nicht auf. Er verfasste die Teutschen Reim-Gedichte und begann u. a. ein Kalendarium über Leben und Thaten der Heiligen sowie eine Katechese. Die Predigten des Dorfpfarrers zu Fischlham erinnern an Abraham a Santa Clara. Im April 1706 konnte Pater Simon als "Emeritus" in sein geliebtes Kremsmünster zurückkehren, erlag jedoch nur einen Monat später einem Schlaganfall und wurde in der Klostergruft bestattet. Sein Werk ist heute eher schwer zugänglich.

Bernhard Judex

 

Selecta Dramata: diversis temporibus conscripta [...]. Salzburg 1683. - Deutsche Gedichte. Hg. von Richard Newald. Augsburg 1930. - Oden und Epoden. Hg. von Benno Wintersteller. Graz 1995. - Silvae. Bd. 1 u. 2. Hg. von Benno Wintersteller. Wien u. a. 2006.

Newald, Richard: Die deutsche Literatur. Vom Späthumanismus zur Empfindsamkeit. 1570-1750. 2. Aufl. München 1972, 426-436.- Pfanner, Hildegard: Das dramatische Werk Simon Rettenpachers. Innsbruck 1954. - Wintersteller, Benno: Nachwort. In: Simon Rettenpacher: Oden und Epoden, a. a. O., 291-324.