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Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945

Ilse Tielsch: Das letzte Jahr

Video-Stream: Barbara Neuwirth (Lesung); Fermin Suter (Referat); Klaus Kastberger (Moderation)

(Mitschnitt der Veranstaltung am 3. Mai 2021 in der Alten Schmiede Wien)

Die Veranstaltung ist ab Montag, 10. Mai, ca. ab 17.30 Uhr im Video-Stream zu sehen:

Vor allem in ihrer Prosa hat sich die 1929 im südmährischen Auspitz/Hustopeče geborene Ilse Tielsch, die 1945 zur Flucht aus der Tschechoslowakei gezwungen war, der Vertreibung der Sudetendeutschen in facettenreicher Weise gewidmet. Weder verklärende Heimaterinnerungen noch einseitige Opfermythen bedienend, befragen ihre Texte Begriffe wie ‚Heimat‘ und ‚Herkunft‘ kritisch und machen den Prozess des Erinnerns und Vergessens selbst zum Thema. So beobachtet auch in dem 2018 wiederaufgelegten Roman „Das letzte Jahr“ (2006) die neunjährige Elfi Zimmermann, wie 1938, im Jahr vor Ausbruch des 2. Weltkriegs, das interkulturelle Zusammenleben in ihrem südmährischen Heimatdorf zusehends durch allseitige nationalistische Rhetorik und Ressentiments überlagert und schließlich durch offene Feindschaft verdrängt wird. Damit kondensiert Tielsch noch einmal, was sie u.a. mit „Erinnerung mit Bäumen“ (1979), „Die Ahnenpyramide“ (1980), „Heimatsuchen“ (1982), „Die Früchte der Tränen“ (1988) oder „Die Zerstörung der Bilder“ (1991) begonnen hatte: ein kritisches literarisches Erinnerungsprojekt jenseits simpler Schuld- und Opfernarrative. (Fermin Suter)

ILSE TIELSCH, geboren 1929 in Auspitz, Südmähren (heute Hustopeče), ČSR; 1945 Flucht nach Österreich, Landarbeit in Oberösterreich, dann Fortsetzung der Schulausbildung in Linz. Im Herbst 1946 nach Wien, dort Matura 1948; Zuerkennung der österreichischen Staatsbürgerschaft 1949; Studium der Zeitungswissenschaft und Germanistik an der Universität Wien. 1948 erste literarische Veröffentlichung in einer Wochenzeitung, 1953 Promotion. Erster Gedichtband „In meinem Orangengarten“ 1964. Seither erschienen Gedichtbände, Erzählungen und Romane, im Zentrum ihres Schaffens steht die Romantrilogie um das Leitthema Heimatverlust, „Die Ahnenpyramide“ (1980/2019; Hörbuchfassung 2009); „Heimatsuchen“ (1982/2019); „Die Früchte der Tränen“ (1988/2020). Ihr letzter Roman „Das letzte Jahr“ (2006/ 2017/ 2018) bildet mit der Trilogie eine thematische Einheit. 2017 erhielt sie den Franz-Theodor-Csokor-Preis für ihr Lebenswerk.

BARBARA NEUWIRTH, geboren 1958. Studium der Geschichte, Politikwissenschaften und Ethnologie. Freischaffende Wissenschaftslektorin und Schriftstellerin. Erzählungen und Theaterarbeiten, Anton-Wildgans-Preis 2005. 1984-1997 Verlegerin im Wiener Frauenverlag, Aufbau der Buchreihe Frauenforschung. Herausgeberin von wissernschaftlichen Sammelbänden und literarischen Anthologien.

FERMIN SUTER, geboren 1984, Studium der Literaturwissenschaft und Soziologie in Bern und Zürich, seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Museale Sammlungswissenschaften der Donau-Universität Krems und an der Dokumentationsstelle für Literatur in Niederösterreich. Dort ist er u.a. für das Werk Ilse Tielschs zuständig.

Ein Gemeinschaftsprojekt der Alten Schmiede, Wien, des StifterHauses, Linz, und des Literaturhauses Graz.