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Andrea Grill

© Otto Müller Verlag / L.E.L. Rajman

Geb. 1975 in Bad Ischl.
Andrea Grill ist eine promovierte Biologin und weltgewandte Autorin von Gedichten, Prosa, Reiseberichten, Literaturkritiken sowie Übersetzungen aus dem Albanischen und Niederländischen.

Studium, wissenschaftliche Forschung und literarische Projekte ergaben längere Aufenthalte in den Niederlanden, in Albanien, Sardinien, Italien, Deutschland, in der Schweiz und den USA. Andrea Grill lebt in Wien, seit 2009 ist sie Mitglied des redaktionellen Beirates der Zeitschrift Literatur und Kritik.

Sie veröffentlichte 2005 ihren ersten Prosaband Der gelbe Onkel. Die Genrebezeichnung lautet Ein Familienalbum. Bei den fünfzehn kurzen Erzählungen mit Titeln wie "Tante Lulja in Europa" oder "Der Freund des Hauses" handelt es sich jedoch keineswegs um erstarrte Posen auf amateurhaften Schnappschüssen, sondern um bewegte Bilder, um kleine Filmszenen. Großmütter, Großväter, Onkel und Tanten, Bruder und Enkelkind werden durch prägnante Episoden in ihren Eigenarten lebendig. Schon in diesem Debut ist der außergewöhnliche Blick der Autorin auf ihre Umgebung zu erkennen. Der Erzählton ist authentisch, pointiert, oft auch witzig. Von den Figuren wird mit großer Wärme berichtet. Grill beweist ein besonderes Gespür für die stille Tragik ihrer Heldinnen und Helden. Auch wenn sich in dem Buch kleine Verweise auf die Welt des Salzkammergutes entdecken lassen, handelt es sich nicht um autobiografische Prosa, sondern um kunstfertige literarische Porträts eines fiktiven "Familienalbums". 

Grills erster Roman Zweischritt (2007) erzählt die Geschichte einer Frau, die in eine tiefe Identitätskrise gerät. Das vielschichtige Buch handelt von Liebenden, die trotz versuchter Nähe nicht zusammenfinden, es berichtet von der Sehnsucht nach einem "doppelten Leben", schließlich von Selbstverlust und Auslöschungsfantasien. Die durch ein Missgeschick mit dem Männernamen Hans getaufte Frau, Mitarbeiterin an einem Forschungsprojekt über Eichhörnchen lernt auf einem Flug nach Brasilien einen Architekten namens Moor Corriagua kennen. Man trifft sich, besucht sich, aber trotz Zuneigung und Vertrautheit bleibt jeder in seiner Einsamkeit befangen. Im Zweischritt, so heißt ein Tanz im 2/4-Takt, geht es nebeneinander her, gemeinsame Schritte zwar, aber jeder bleibt für sich. Daraus folgt, nach weiteren Begegnungen mit Männern, deren Konturen nur schemenhaft erkennbar werden, die Tragödie für die Heldin. Der Roman schließt mit einer melancholischen Allegorie auf das einsame Künstlertum des Malers Diego, der an die Wände von Abbruchhäusern Frauenbilder kritzelt und mit diesen Events, einem Kult der Flüchtigkeit, zum Star wird.
In dem vielschichtig angelegten und in verschiedene Stränge ausufernden Roman, der die Koordinaten von Zeit und Raum verwischt, verlieren die Figuren den Boden unter den Füßen. Beeindruckend die überbordende Fülle an Episoden, wobei die Autorin Ambivalenzen, Doppeldeutigkeiten, Rollenwechsel, Spiegelungen inszeniert und mit der Vielgestaltigkeit ihrer Figuren spielt. Ein großes Thema ist auch das Verhältnis von Tier und Mensch: beide stecken bei Grill in ein und demselben Dilemma.

Der zweite Roman von Grill Tränenlachen (2008) erzählt von den elf Jahren, die eine Österreicherin und ein albanischer Flüchtling namens Galip gemeinsam verbracht haben. Von ihrer Liebe, ihrer Fremdheit, ihrer Trennung ist die Rede. 1991 war Galip illegal nach Österreich gekommen, er war damals 21, sie 16 Jahre alt. Der Roman berichtet das Geschehen in einer Rückblende. In Briefen an Galip erinnert die inzwischen als Umwelt-Forscherin tätige Frau ihre gemeinsame Geschichte und analysiert das Vergangene auch für sich. Im zweiten Kapitel unternimmt die Erzählerin eine Reise nach Albanien zu Galips Familie, im sehr kurzen dritten Kapitel kommt schließlich dieser selbst zu Wort.

Das Schöne und das Notwendige (2010), Grills dritter Roman, ist ein Märchen unserer Zeit, ein skurriler Schelmenroman. Zwei Überlebenskünstler namens Fiat und Finzens, beide gleichermaßen erfolg- und geldlos, tun sich zusammen. Nach vielen Pannen haben sie ihr künftiges Glück vor Augen: eine Schleichkatze. Kaffeebohnen, die das Tier verdaut (und dabei veredelt) hat, sind tatsächlich begehrtes Gut für den allerteuersten Kaffee der Welt. Wieder erleben wir Mensch und Tier in Abhängigkeit voneinander. Ein komödiantisches Buch, das von Situationskomik und witzigen Dialogen lebt - von Ferne grüßen Flauberts geniale Versager Bouvard und Pecuchet.

Klemens Renoldner

 

Der gelbe Onkel. Ein Familienalbum. Salzburg 2005. - Zweischritt. Roman. Salzburg 2007. -Tränenlachen. Roman. Salzburg 2008. - Das Schöne und das Notwendige. Roman. Salzburg 2010. - Happy Bastards. Gedichte. Salzburg 2011. - Liebesmaschine N.Y.C. Essays. Salzburg 2012. - (gem. mit Thomas Ballhausen u. Hanno Millesi:) aspern. Reise in eine mögliche Stadt. Wien 2013. - Safari, innere Wildnis. Gedichte. Salzburg 2014. - Das Paradies des Doktor Caspari. Roman. Wien 2015. - Schmetterlinge. Ein Portrait. Berlin 2016.