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Auslöschung

Cover der Erstausgabe 1986

Roman von Thomas Bernhard, erschienen 1986 im Suhrkamp Verlag (Frankfurt/Main).

Auslöschung ist nicht nur der umfangreichste Roman Thomas Bernhards, es ist auch das Buch, das ihn am längsten beschäftigt hat. Schon 1971 notierte Bernhards Verleger Siegfried Unseld (1924-2002) den Plan zu einem "Opus Magnum", das dann, immer wieder hinausgeschoben und unter veränderten Titeln geführt, erst 1986 erschienen ist.

Der Hauptschauplatz des Romans ist das im oberösterreichischen Hausruck gelegene Schloss Wolfsegg. Bernhards literarisches Wolfsegg hat viele Bedeutungsaspekte: Es steht für Österreich in der NS-Zeit, für die Machenschaften eines Familienclans, für die nationalsozialistische Gewaltgeschichte, für die Beschädigungen des Ichs in der Kindheit, die nicht mehr gutzumachen sind. Aber das Schloss Wolfsegg ist auch ein landschaftlich und architektonisch schöner Ort, den der Roman mit einer so liebevollen topografischen Genauigkeit beschreibt, wie man sie in keinem anderen Buch Thomas Bernhards findet. Sogar Peter Handke (geb. 1942), der Bernhards späteren Werken äußerst skeptisch gegenüberstand, fand in diesem Roman "plötzlich Ansätze zu Schilderungen, zu begeisterten Schilderungen von Orten und Räumen" (zit. nach Löffler 1986). Er könnte dabei an die Stellen gedacht haben, wo der Erzähler die gelungene Architektur der Schlossanlage rühmt oder "die schönen Herbsttage", die von ihm "wie keine zweite geliebte Winterkälte und Winterstille in den umliegenden Wäldern und Tälern" (15) oder den weiten Blick, den man von Wolfsegg aus in die Landschaft hat.

Das Sujet des Romans - die Begräbnisvorbereitungen auf einem landadeligen Herrschaftssitz - hat Bernhard seit der frühen Erzählung Der Italiener (1964) nicht losgelassen. Im Filmbuch Der Italiener (1970/71) lokalisiert der Autor zum ersten Mal das Erzählgeschehen in Ort und Schloss Wolfsegg. Dort dreht Ferry Radax (geb. 1932) im Februar/März 1971 den Film, in dem, wie im Roman, ebenfalls bereits die Orangerie als Aufbahrungsraum dient. Der Italiener, in der Erzählung und im Film ein Begräbnisgast, dem sich der Sohn des toten Schlossherrn zugetan fühlt, wird im Roman verwandelt in den abtrünnigen Sohn, der sich von der Wolfsegger "Verbrechensgemeinschaft" (503) abgesetzt hat und in Rom lebt. Dort erfährt er, dass seine Eltern und sein Bruder Johannes bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind; er begibt sich nach Wolfsegg, um am Begräbnis der Verunglückten teilzunehmen, und entschließt sich nach der neuerlichen Konfrontation mit seinem "Herkunftskomplex" (158) und den Begräbnisgästen, unter denen er auch ehemalige Würdenträger der nationalsozialistischen Zeit in Österreich erkennt, den ihm zugefallenen Besitz der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien als "völlig bedingungsloses Geschenk" (508) zu vermachen.

Bernhards Protagonist, er trägt den beziehungsreichen Namen Franz-Josef Murau, arbeitet an einer Erinnerungsschrift, mit der er seine familiäre Herkunft und seine Geschichte auslöschen möchte, um sich von der Vergangenheit zu befreien. Der Roman Auslöschung beinhaltet letztlich diese Schrift. Er hat zwei Teile: "Das Telegramm", ausführliche Reflexionen über Muraus Familiengeschichte, in die auch die Gespräche mit seinem römischen Schüler Gambetti eingewoben sind, und "Das Testament", die Schilderung der als groteske katholische Theatervorstellung erlebten Bestattungsfeierlichkeiten.
Zur schwer auflösbaren Widersprüchlichkeit des Romans, der von einer fast alles erfassenden Komik getragen ist, gehört allerdings, dass Franz-Josef Murau seine "Auslöschung" auch mit einer ganz gegensätzlichen Absicht verbindet: Er versteht sie nicht zuletzt als Gedächtnisschrift, um an die Opfer der nationalsozialistischen Gewalt zu erinnern. Hier greift der Autor auf die Geschichte des ihm persönlich bekannten Bergmanns Alois Schermair und seiner Frau zurück. Bernhard hatte Ende 1972 in Ottnang ein kleines Bauernhaus gekauft, das "Haunspäun", von dem aus man das gut 700 Meter hoch auf einem Hausruckhügel gelegene Schloss sehen kann. In der nahe gelegenen Ortschaft Kropfing lebten die beiden Schermair, denen Bernhard in seinem Roman ein berührendes Denkmal setzt. Es sei seine Pflicht, bemerkt der Protagonist Murau in jener Passage, die von keiner Ironie oder Komik gestreift wird, "in der Auslöschung von ihnen zu reden und auf die aufmerksam zu machen stellvertretend für so viele, die über ihre Leiden während der nationalsozialistischen Zeit nicht sprechen, sich nur ab und zu darüber zu weinen getrauen" (358).

Hans Höller

 

Auslöschung. Ein Zerfall. Hg. von Hans Höller. Frankfurt/Main 2009 (= Thomas Bernhard: Werke. Hg. von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler, Bd. 9).

Doppler, Alfred: Wechselseitige Erhellung: Adalbert Stifters Nachsommer - Thomas Bernhards Auslöschung. In: ders.: Geschichte im Spiegel der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Innsbruck 1990, 85-94. - Höller, Hans; Heidelberger-Leonard, Irene (Hg.): Antiautobiografie. Zu Thomas Bernhards Auslöschung. Frankfurt/Main 1995. - Höller, Hans: Das schönste Gebäude weit und breit im ganzen Land. Bernhards Wolfsegg. Festvortrag auf der Jahrestagung des "Vereins Denkmalpflege Oberösterreich", Schloß Wolfsegg, 2.6.1999. Linz 2001. - Judex, Bernhard: Thomas Bernhard. Epoche-Werk-Wirkung, München 2010 (zu Auslöschung, 113-133). - Löffler, Sigrid: Der Mönch auf dem Berg. In: profil, 17.11.1986. - Mittermayer, Manfred: Von Montaigne zu Jean-Paul Sartre. Vermutungen zur Intertextualität in Bernhards Auslöschung. In: Joachim Hoell und Kai Luehrs-Kaiser (Hg.): Thomas Bernhard - Traditionen und Trabanten. Würzburg 1999, 159-173. - Pfabigan, Alfred: Auslöschung als "patriotisches Geschenk". Anmerkungen zum "Heimatdichter" Thomas Bernhard. In: Pia Janke und Ilija Dürhammer (Hg.): Der "Heimatdichter" Thomas Bernhard. Wien 1999, 3-16. - Schlichtmann, Silke: Das Erzählprinzip Auslöschung. Zum Umgang mit Geschichte in Thomas Bernhards Roman Auslöschung. Ein Zerfall. Frankfurt/Main u. a. 1996. - Vogt, Steffen: Ortsbegehungen. Topographische Erinnerungsverfahren und politisches Gedächtnis in Bernhards Der Italiener und Auslöschung. Berlin 2002. - Weinzierl, Ulrich: Bernhard als Erzieher. Thomas Bernhards Auslöschung. In: Paul Michael Lützeler (Hg.): Spätmoderne und Postmoderne. Beiträge zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Frankfurt/Main 1991, 186-196.