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Briefe an Adalbert Stifter

Buchobjekt, Foto: Otto Saxinger; © Adalbert-Stifter-Institut / StifterHaus

Erstlingswerk von Reinhold Aumaier, erschienen 1982 im Verlag Droschl (Graz).

Briefe an Adalbert Stifter ist eine Annäherung an den großen oberösterreichischen Dichter und eine Verwebung zweier verschiedener Zeiten. Ein junger Schriftsteller namens Reinhold Aumaier, der mit seiner Frau auf einem Bauernhof in Oberafiesl im Mühlviertel nahe der tschechoslowakischen Grenze lebt, richtet Briefe und Postkarten an seinen Kollegen aus dem vorigen Jahrhundert. Über einen Zeitraum von etwas mehr als einem Jahr - vom 23. Jänner 1981 bis zum 26. Jänner 1982 - erzählt er über sein Leben und schildert seine Erfahrungen als Autor und Landwirt. Gleichzeitig nimmt er auch Bezug auf Stifters Korrespondenz - er verwendet Zitate aus Briefen des Dichters und reflektiert und beantwortet sie. Darüber hinaus befasst er sich mit der Biografie seines Gegenübers, die immer mehr zum Maß für die eigene Identitätsstiftung wird. Der Schwermut, dem Gram und der Bitterkeit Stifters vor allem der letzten Lebensjahre setzt Aumaier den Lebensmut und gutgläubigen Optimismus eines 28 Jahre jungen Mannes entgegen, nicht ohne zu erkennen, wie nah sich beide Lebenswelten schließlich kommen: "Sie werden ZEITweis' mir zur Last; ich fühle immer mehr, wie sich die Schriften gleichen: Ihre+meine. Ich spüre, dass ich LEBENslang Ihnen zu schreiben hätte, dermaßen ähnlich ...". (117)

In Briefe an Adalbert Stifter wird die Gegenwart nicht einfältig mit der Vergangenheit konfrontiert. Hier werden beide Zeiten als leb- und erlebbare Geschichte einander näher geführt. Der letzte Brief vom 26. Jänner 1982, jenem Tag, an dem sich Stifter 114 Jahre zuvor mit einem Rasiermesser in den Hals schnitt und zwei Tage darauf an den Folgen des Selbstmordversuchs verstarb, endet mit den Zeilen: "Seien Sie vorsichtig geben Sie acht schauen Sie darauf nichts durch einander zu bringen im Kopf in der Seele im Leib rund um sich bleiben Sie liegen halten Sie haus mit den Kräften greifen Sie zu keinem Buch zu keiner Feder geben Sie Ruhe zu keinem Blatt Papier befolgen Sie ärztlichen Rat zu keiner Leinwand keinem Pinsel ich bitte Sie zu keinem Spiegel keinem Rasier ..." (139).
Reinhold Aumaiers Werk zählt zwar nicht zu den bekanntesten, aber sicherlich zu den lesenswertesten Büchern über Adalbert Stifter. Es zeigt das Nachwirken des großen Dichters bis hinein in den privatesten Raum.

Michael Hansel

 

Briefe an Adalbert Stifter. Graz 1982.

Müller, Manfred: Porträt Reinhold Aumaier (= Die Rampe 2012, H. 3). - Schmidt-Dengler, Wendelin: Über Reinhold Aumaier. In: Die Rampe 2000, H. 1, 32-35.