Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater

Gerhard Bast mit Freunden. © Martin Pollack

Prosa-Reportage von Martin Pollack, erschienen 2004 im Paul Zsolnay Verlag (Wien).

Präzise erzählte und aufwändig recherchierte literarische Reportage über den Amstettener Juristen und SS-Sturmbannführer Gerhard Bast (1911-1947), den leiblichen Vater des Autors, Leiter der Linzer Gestapo 1943/44. Nach dem Krieg war seine Leiche in einem Bunker am Brenner aufgefunden worden. Im Unterschied zu anderen NS-Familienromanen handelt dieser "Bericht" von einer nüchternen Spurensuche, frei von Pathos und Sentimentalität. Anhand von Archivdokumenten, Familienfotos und Kindheitserinnerungen rekonstruiert Pollack zunächst die historischen Wurzeln jener "von Hass und Gewalt dominierte[n] Entwicklung [...], die in der Laufbahn meines Vaters ihren unbegreiflichen Höhepunkt fand." (222) Alles scheint bereits um 1900 im kleinen untersteirischen Marktflecken Tüffer/Laško angefangen zu haben, wo das Zusammenleben von Deutschen und Slowenen durch einen rabiaten Nationalismus vergiftet wurde. Schon der Urgroßvater sah dort sein Deutschtum von den andrängenden Slowenen bedroht. Sein Sohn Rudolf Bast, der Großvater des Autors, ein begeisterter Jäger, Waffennarr und wie alle Männer der Familie Burschenschafter, blieb zeitlebens geprägt von seiner Jugend in der umkämpften deutschen Sprachinsel Gottschee/Kočevje. 1912 nach Amstetten übersiedelt, brachten die "Bastischen" ihr Selbstverständnis als "Sprachgrenzdeutsche" mit und fanden rasch Anschluss an großdeutsche Kreise. Wie der Vater studiert auch der Sohn Rechtswissenschaften an der Universität Graz, "eine[r] Kaderschmiede des Deutschnationalismus, später des Nationalsozialismus" (66), und tritt 1931 der NSDAP, im Jahr darauf der SS bei. 1937 wegen illegaler politischer Betätigung verurteilt, macht er nach dem "Anschluss" rasch Karriere bei Gestapo und Sicherheitsdienst. Er leitet in Graz die Abteilung für "Gegnererforschung und Gegnerbekämpfung", beaufsichtigt persönlich die Deportation von Juden aus Münster und leitet Einsatzgruppen in Südrussland und im Kaukasus. Das vom Autor aufgefundene Archivmaterial spricht eine deutliche Sprache: Sein Vater war Teil der NS-Mordmaschinerie. Der "Volljurist" ließ rebellierende Zwangsarbeiter hinrichten und trug die Verantwortung für die Massaker des "Sonderkommandos Bast" in Polen und der Slowakei. Nicht ins Bild passt, dass er offenbar gegen Besäufnisse mit seinem jüdischen Neffen nichts einzuwenden hatte und auch menschenfreundliche Züge trug.

Der beklemmenden biografischen und biologischen Nähe begegnet Pollack mit dem neutralen Blick des Journalisten, der beschreibt, was er in Erfahrung bringen konnte, ohne zu urteilen oder anzuklagen. Es war, wie es war. Zeitgeschichte und Familiengeschichte, historisches Gedächtnis und private Erinnerungen, dokumentarische Recherche und autobiografische Selbstreflexion greifen souverän ineinander und ergeben das Gruppenbild einer österreichischen NS-Familie, mehrfach belichtet durch die Augen des Kindes, des Jugendlichen und des Erwachsenen: Der geliebte Großvater hat, wie sich herausstellt, an einer Arisierung mitgewirkt, und auch die Großmutter, die ihren Enkel, den Sohn des "schneidigen Gerd", mit Süßigkeiten verwöhnte, ist bis an ihr Lebensende eine verstockte Rassistin geblieben. Irgendwann kam es zum unvermeidlichen - später bereuten - Bruch. Der stets korrekte, kunstsinnige Stiefvater, dessen Namen der Autor trägt, kannte Hitler aus dessen Linzer Realschulzeit und war Kunstbeauftragter im Städtischen Kulturamt. Seine Eigenheiten werden liebevoll geschildert, doch auch mit ihm war ein vertrauter, offener Umgang nicht möglich. Vieles wurde verschwiegen, Sprachlosigkeit für Normalität gehalten. "Es gab bei uns so etwas wie eine schweigende Übereinkunft, keine persönlichen Fragen zu stellen." (72) Diese Fragen stellt sich nun der Sohn, wenn er auf bemoosten Grabsteinen nach Namen von Verwandten sucht oder in einem slowakischen Museum erstmals Fotografien von Opfern seines Vaters zu Gesicht bekommt. Das Schweigegebot, das nicht nur für ihn galt, bricht sein Bericht mit einer unaufgeregten und detailgenauen Sprache, die dieses Buch zu einem Lesegenuss macht. Es vereint die literarischen Qualitäten einer (Auto-)Biografie mit der Intensität einer Reportage. Seine Resonanz weit über die literarische Leserschaft hinaus leistete einen maßgeblichen Beitrag zum kollektiven Geschichtsbewusstsein.

Wolfram Bayer