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Johann Beer

Stich von J. Schenk; © Bildarchiv Austria / ÖNB, Wien

Geb. 28.2. (od. 3.) 1655 in St. Georgen im Attergau (OÖ), gest. 6.8.1700 in Weißenfels (Sachsen-Anhalt).
Bedeutender barocker Romanschriftsteller, Musiker und Komponist.

Als Musiker schrieb Johann Beer neben kleineren Werken, Quodlibets und Arien (vermutlich) eine Oper (Triumph der Unschuld, 1687) und eine für Kremsmünster komponierte große Messe (Missa Ursus murmurat), er wirkte als Sänger und erteilte Kompositionsunterricht. Als Autor einer ganzen Gruppe von unterhaltsamen Romanen hat ihn Richard Alewyn erst 1932 entdeckt und Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen an die Seite gestellt, Alewyns biografische Rekonstruktionen haben sich dabei 1963 durch den Fund der handschriftlichen Autobiografie eindrucksvoll bestätigt. 

Beer wurde 1655 im oberösterreichischen St. Georgen im Attergau geboren und ging 1662 als Chorknabe nach Lambach, "um aldorten die Music zu lehrnen" (Beer 1965, 17) und das Gymnasium zu besuchen, was er in Reichersberg 1665-69 fortsetzte. Mit dem Stimmbruch erhielt er ein Stipendium für das Jesuitengymnasium in Passau, bevor er sich 1670 in Regensburg, wie seine um 1668 ausgewanderte Familie, zum Luthertum bekannte und dort das Gymnasium Poeticum bezog. Als Regensburger Stipendiat beginnt er in Leipzig 1676 ein Theologiestudium, arbeitet aber bald darauf als Hofmusiker und Kapellmeister für Herzog August von Sachsen-Weißenfels in Halle, zuletzt und am längsten im sächsischen Weißenfels. Sein Leben als Berufsmusiker führte ihn zwischen die Konfessionskulturen mit ihren verschiedenen Milieus und Institutionen vom Kloster bis zum Herzogshof. Literarisch bewegte er sich zwischen dem süddeutsch-österreichischen Witz der gesprochenen Sprache und dem mitteldeutschen Buchmarkt, dessen Leistungsfähigkeit er seine Romanerfolge verdankt. Nach seiner Anstellung bei Hof ist er nur mehr mit Unverfänglichem hervorgetreten, u. a. mit einem Passionsgedicht Das bittere Leyden und Sterben unsers Herren (1695), mit einer historischen Schrift, mit Deutschen Epigrammata (1691) und mit Gelegenheitsgedichten. Als Musiker hat er Kompositionen und seine Musicalischen Discurse (1719) hinterlassen, als Polemiker aber veröffentlichte er in Weißenfels 1697 gegen die pietistische Auffassung von der verderblichen Wirkung der Musik unter eigenem Namen zwei satirische Schmähschriften Ursus murmurat (1697) sowie Ursus vulpinatur List wider List (1697). Die Rolle des loyalen Konzertmeisters in der höfischen Institution der Hofkapelle und die geheime Arbeit als fruchtbarer Romanschriftsteller scheinen einander auszuschließen, was die Anonymität seiner zentralen literarischen Produktion erklärt. Nicht als scharfzüngiger Satiriker, sondern als lutheranischer Biedermann erscheint Beer in seiner Autobiografie, der "Lebensbeschreibung", einem Haus- und Erinnerungsbuch, das er etwa seit 1689 kontinuierlich führte. Um die Zeit seines Todes erschienen allerdings noch drei Romane in der Art des Frühwerks, möglicherweise als verspätete Publikation früherer Ausarbeitungen (Der Verkehrte Staats-Mann, 1700; Der Kurtzweilige Bruder Blaumantel, 1700; Der Verliebte Österreicher, 1704).

Sein überragender Rang in der Literaturgeschichte liegt im Werk seiner Jugendjahre: ein bunter Reigen von allesamt zwischen 1677 und 1685, z. T. in mehreren Auflagen pseudonym herausgekommenen, recht umfangreichen Romanen. Deren Unterhaltungsfunktion betonen Attribute wie "abentheuerlich/ wunderbar/ und unerhört" (Ritter Hopffen-Sack von der Speck-Seiten, 1678) oder "kurtz und lustig" (Pokazi, 1679/80) oder Gattungsbezeichnungen wie "vollkommene Comische Geschicht" (Corylo, 1679) und "Wunderliche Lebens-Beschreibung" (Jucundus Jucundissimus, 1680). Doch auch die Titel selbst signalisieren Ergötzliches und Satirisches vom Welt-Kucker (1677-79) über das Berühmte Narren-Spital (1681) oder den Neu-gefangenen Politischen Maul-Affen (1683). Die gesuchte Nähe zu Grimmelshausens Simplicissimus (1668/69) und zur zeitgenössischen Unterhaltungsliteratur ist bereits mit dem Welt-Kucker unverkennbar, der Autor versteckt sich hinter "simplicianischen" und sonstigen Pseudonymen, schlägt mit seiner Satire kräftig in die frauenfeindliche Kerbe (Weiber-Hächel,1680; Jungfer-Hobel, 1681; Bestia Civitatis, 1681) und verwendet die beliebten "politischen" Titel der Zeit: Der Politische Feuermäuer-Kehrer (1682) oder Der Politische Braten-Wender (1682). Er schreibt "durch und durch mit kurtzweiliger Einfalt und einfältiger Kurtzweil" (Deutscher Kleider-Affe, 1685), entwickelt dabei aber eine ganz eigenständige, zwischen dem Anschein realistischen Erzählens, satirischer Zuspitzung und erbaulichen Einschüben schwankende, sehr unterhaltsame Prosa.

Dies gilt insbesondere für seine beiden Hauptwerke, die Teutschen Winter-Nächte (1682) und die Kurtzweiligen Sommer-Täge (1683). Das erste Werk ist als Lebensgeschichte angelegt, wird aber keineswegs linear erzählt, sondern von Begebenheiten, Streichen, Abenteuern und (vor allem) Erzählungen der zahlreichen Personen überwuchert - eine landadelige Gesellschaft in einem nicht näher bezeichneten, aber definitiv oberösterreichisch anmutenden Landstrich. Nach dem Muster des Schelmenromans ist das pikarische Vagantenleben des Helden gestaltet, der sich in die adelige Caspia verliebt und sie nach verschiedensten Verzögerungen auch heiratet, nachdem seine Herkunft aus dem Adel aufgedeckt wird.

Man spricht von der "Willenhag-Dilogie", denn der fiktive Erzähler der Sommer-Täge nennt sich Wolfgang von Willenhag, "Oberösterreichischer von Adel". Beer benutzte die Erzählsituation und das Personal seiner Winter-Nächte auch für die Fortsetzung, die mit einem sommerlichen "Eremitendasein" der ländlichen Adelsgesellschaft einsetzt. Bald jedoch geht es wiederum an die im ersten Teil bewährten Abwechslungen, Feste und handfesten Streiche. So ergibt sich die "ausführliche Historia, in welcher umständlich erzählet wird, wie eine vertraute adelige Gesellschaft sich in heißer Sommerszeit zusammengetan und wie sie solche in Aufstoßung mancherlei Abenteuer und anderer merkwürdiger Zufälle kurzweilig und ersprießlich hingebracht", wie es im Untertitel heißt. Doch entschließt sich im zweiten Teil des Doppelromans der Erzähler zuletzt tatsächlich für die Einsiedelei, womit Beer an die Finalisierung von Grimmelshausens Simplicissimus anschließt.
Der Romancier schildert in ansprechender und gekonnter Weise das Leben auf den ländlichen Schlössern, die Familienstrukturen, Heiratspläne und Belustigungen, aber auch die sozialen Spannungen zwischen den Herrschaften und ihren bäuerlichen Untertanen sowie den Aberglauben der Zeit. Beer exponiert dabei in barocker Manier (wie Grimmelshausen auch) die Fragwürdigkeit der sozialen Identitäten: Der Text strotzt von Abstammungsgeschichten, Verkleidungen, Verwechslungen, vom falschen Wahn in der Einschätzung des anderen und auch der eigenen Identität. Auf geradezu spielerische Weise gerät die Schilderung landadeliger Existenz mit oberösterreichischem Kolorit zur Idylle einer Menschengruppe, die fern von Reichs- und Kriegsgeschäften ihren mehr oder minder harmlosen Späßen nachgehen kann. Die Komik der Leiblichkeit wird ausgiebig strapaziert, es wird fleißig gevöllert und anschließend erbrochen, es wird allzu gerne geprügelt und geschlagen. Insgesamt ergibt sich mit Beers farbigem Erzählstil ein heiteres Gegenbild des barocken Lebens zu den Irrfahrten der armen Schelme in Kriegs- und Pestzeiten. Bei Grimmelshausen steht die Erbaulichkeit im Streit mit der Unterhaltungsfunktion, und letztere fungiert als Transportvehikel: "vergüldete" oder verzuckerte Pille nennt die zeitgenössische Poetik dieses Verhältnis von Lust und Nutzen. Bei Johann Beer schlägt das heikle Verhältnis zwischen (belustigender) Erzählung und (erbaulicher) Belehrung zum Vergnügen noch der heutigen Leser meist deutlich ins Unterhaltsame um.

Franz Eybl

 

Der Symplicianische Welt-Kucker Oder Abentheuerliche Jan Rebhu, 4 Teile. Halle 1677/79. - Printz Adimantus und der Königlichen Princeßin Ormizella Liebes-Geschicht. Halle 1678. - Ritter Spiridon aus Perusina. Halle 1679. - Artlicher Pokazi / Bestehend in einer kurtzen und lustigen Relation seinen Lebens-Wandel betreffend, 2 Teile. Halle 1679/80. - Der verliebte Europäer ... Alexandri Liebes-Geschichte. Leipzig 1682. - Zendorius à Zendoriis Teutsche Winter-Nächte Oder Die ausführliche und denckwürdige Beschreibung seiner Lebens-Geschicht. Nürnberg 1682. - Die kurzweiligen Sommer-Täge. Nürnberg 1683 (Teutsche Winter-Nächte und kurzweilige Sommer-Täge. Hg. von Richard Alewyn. Frankfurt/Main 1963). - Die Geschicht und Histori von Land-Graff Ludwig dem Springer / aus Thüringen. Weißenfels 1698. - Musicalische Discurse durch die Principia der Philosophie deducirt. Nürnberg 1719. - Sein Leben, von ihm selbst erzählt. Hg. von Adolf Schmiedecke. Göttingen 1965. - Sämtliche Werke. Hg. von Ferdinand van Ingen und Hans-Gert Roloff. Bern (u. a.) 1981ff.

Alewyn, Richard: Johann Beer. Studien zum Roman des 17. Jahrhunderts. Leipzig 1932. - Cordie, Ansgar M.: Raum und Zeit des Vaganten. Formen der Weltaneignung im deutschen Schelmenroman des 17. Jahrhunderts. Berlin 2001. - Fuchs, Torsten: Vom Städter zum Höfling. Johann Philipp Krieger und Johann Beer oder ubi bene ibi patria. In: Händel-Jahrbuch 47 (2001), 25-44. - Jungmayr, Jörg: Bibliographie zu Johann Beer. In: Andreas Brandtner und Wolfgang Neuber (Hg.): Beer. 1655-1700. Hofmusiker. Satiriker. Anonymus. Eine Karriere zwischen Bürgertum und Hof. Wien 2000, 259-322. - Krämer, Jörg: Pflaumen und Kerne, Schleckwerck und Pillen? Funktionen unterhaltenden Erzählens bei Harsdörffer, Grimmelshausen und Beer. In: Franz M. Eybl und Irmgard M. Wirtz (Hg.): Delectatio. Unterhaltung und Vergnügen zwischen Grimmelshausen und Schnabel. Bern u .a. 2009, 63-81. - Parzefall, Edith: Johann Beer. In: Das Fortwirken des Simplicissimus von Grimmelshausen in der deutschen Literatur. Berlin 2001, 104-147. - Solbach, Andreas: Johann Beer. Rhetorisches Erzählen zwischen Satire und Utopie. Tübingen 2003. - van Ingen, Ferdinand; Roloff; Hans-Gert (Hg.): Johann Beer. Schriftsteller, Komponist und Hofbeamter 1655-1700. Beiträge zum Internationalen Beer-Symposion in Weißenfels Oktober 2000. Bern u. a. 2003. - Wirtz, Irmgard M.: Affekt und Erzählung. Zur ethischen Fundierung des Barockromans nach 1650. Univ. Habil. Bern 2007 [Druck in Vorbereitung]. - Zeman, Herbert (Hg.): Zwischen Ordnung und Chaos. Das Leben und Schaffen des Dichterkomponisten Johann Beer (1655-1700). Münster 2004 (= Jahrbuch der Österreichischen Goethe-Gesellschaft 2000/2001, Bd. 104/105, 39-190).