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Joseph Grünpeck

Foto: © ÖNB Wien

Geb. 23. Juli 1473 in Burghausen/Inn, gest. um 1532 in Steyr.
Von der Hand des Humanisten, Astrologen, Mediziners und Historiografen stammen neben einer Reihe heterogener Schriften zwei Traktate über die Syphilis, die zu den ältesten Berichten über diese Krankheit gehören.

Grünpeck studierte von 1487-1491 an der Universität Ingolstadt und war ab 1497 als Secretarius in der Kanzlei Maximilians I. tätig. 1498 ließ ihn Maximilian I. zum Poeta laureatus krönen. Als Grünpeck 1501 an der Syphilis erkrankte, zog er sich vom Hofleben zurück. Es folgte ein unstetes Wanderleben als Lehrer und Wundarzt, unterbrochen von längeren Aufenthalten in Regensburg und besonders Steyr. 1518 erhielt er von Maximilian I. die Zinsen der Hofmühle von Steyr als Leibgeding; in derselben Stadt verstarb Grünpeck um 1532.

Grünpeck verfasste neben medizinischen Traktaten humanistische Texte wie die einaktigen Comoediae utilissimae, astrologisch- und naturkundlich-prognostische Schriften sowie historiografische Werke.
Seinen ersten Traktat über die Syphilis ließ Grünpeck 1496 sowohl in Latein (Tractatus de pestilentiali scorra sive mala de Franzos originem) als auch in Deutsch (Ein hübscher Tractat von dem vrsprung des Bösen Franzos) drucken. Grünpeck interpretiert die Krankheit als Gottesstrafe, hervorgerufen durch einen veränderten Lauf der Gestirne - konkret einer speziellen Jupiter-Saturn-Konstellation von 1484 - und die dadurch entstehenden verderblichen Lüfte, die das menschliche Säftegleichgewicht stören und die Seuche hervorrufen würden. Vorschläge zur Bekämpfung übernimmt der Autor von zeitgenössischen Pestschriften.
In seinem 1503 vollendeten zweiten Syphilis-Traktat Libellus de Mentulagra alias morbo Gallico beschreibt Grünpeck, nunmehr von der eigenen Erkrankung geprägt, die sexuelle Übertragung und den Verlauf der Syphilis, unterscheidet Primär- und Sekundärinfektion und schildert fehlgeschlagene Kuren sowie eine offenbar erfolgreiche Therapie (eine Kombination aus Saft, Sirup und abführenden Pillen).

Als Hauptschrift der fünfzehn erhaltenen prognostischen Texte gilt das 1508 sowohl in einer lateinischen als auch einer deutschen Fassung erschienene Speculum naturalis, coelestis et propheticae visionis, in welchem Grünpeck mit stark appellativem Charakter und drastischen Bildern zur Umkehr mahnt. Seine Historia Friderici III. et Maximiliani I. ist eine bedeutende biografische Quelle über die beiden Habsburger Regenten.

Manuel Schwembacher

 

Tractatus de pestilentiali scorra sive mala de Franzos originem. Leipzig (bei Gregorius Böttiger) 1496. - Ein hübscher Tractat von dem vrsprung des Bösen Franzos. das mann nennet die Wylden wartzen. Auch ein Regiment wie man sich regiren soll in dieser zeyt. Augsburg (bei Hans Schauer) 1496. Neudruck in: Zehn Syphilis-Drucke aus den Jahren 1495-1498. In: Faksimile. Hg. und eingel. von Karl Sudhoff. Mailand 1924, 69-112. - Comoediae utilissimae. Augsburg (bei Johannes Froschauer) 1497-1498. - Libellus de Mentulagra alias morbo Gallico. Memmingen (bei Albrecht Kunne) 1503. Abgedruckt in: Conrad Heinrich Fuchs (Hg.): Die ältesten Schriftsteller über die Lustseuche in Deutschland von 1495 bis 1510. Göttingen 1843, 49-70. - Ein Spiegel der naturlichen, himlischen und prophetischen Sehungen aller truebsalen angst und not. Nürnberg (bei Georg Stuchs) 1508. -  Speculum naturalis, coelestis et propheticae visionis. Nürnberg (bei Georg Stuchs) 1508. - Historia Friderici III. et Maximiliani I. Ältere Fassung (lat.): Wien, Haus-, Hof-, und Staatsarchiv, Hs. Böhm 24, um 1516. Ausgabe: Joseph Chmel. In: Der österreichische Geschichtsforscher, Bd. 1, Wien 1838, 64-97. Jüngere Fassung (dt.): Lebensbeschreibung Kayser Friedrichs des III. (IV.) und Maximilian des I. Stuttgart, LB, Cod. hist. fol. 144, um 1526-30.

Czerny, Albin: Der Humanist und Historiograph Kaiser Maximilians I. Joseph Grünpeck. In: Archiv für österreichische Geschichte 73. Wien 1888, 315-364. - Kipf, Klaus: Joseph Grünpecks prekäre Stellung am Hof. Zur sozialen Marginalität eines hoch dekorierten Autors. In: Sieglinde Hartmann, Freimut Löser (Hg.): Kaiser Maximilian I. (1459-1519) und die Hofkultur seiner Zeit. Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein-Gesellschaft 17. Wiesbaden 2009, 321-333. - Müller, Jan-Dirk: Gedechtnus. Literatur und Hofgesellschaft um Maximilian I. München 1982, 58, 66-68 u. 96-103. - Slattery, Sarah: Astrologie, Wunderzeichen und Propaganda. Die Flugschriften des Humanisten Joseph Grünpeck. In: Klaus Berdolt, Walter Ludwig (Hg.): Zukunftsvoraussagungen in der Renaissance. Wiesbaden 2005, 329-347. - Slattery, Sarah; Kipf, Klaus: Art. Grünpeck (-beckius, -peckh; Grien-, Grun-), Joseph. In: Verfasserlexikon. Deutscher Humanismus 1480-1520, Bd. 1. 2008, 971-992. - Walter, Tilmann: Die Syphilis als astrologische Katastrophe. Frühe medizinische Fachtexte zur ‚Franzosenkrankheit'. In: Dieter Groh, Michael Kempe, Franz Mauelshagen (Hg.): Naturkatastrophen. Beiträge zu ihrer Deutung, Wahrnehmung und Darstellung in Text und Bild von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Tübingen 2003, 165-188. - Wuttke, Dieter: Art. Grünpeck, Josef. In: Neue Deutsche Biographie 7. Berlin 1966, 202-203.