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Kurt Palm

© Michaela Mandel

Geb. 12. 4. 1955 in Vöcklabruck, OÖ.
Lebt als Film- und Theaterregisseur, Autor und Volksbildner (Eigendefinition) in Wien.

Palm studierte von 1975-81 Germanistik und Publizistik in Salzburg. Den Großteil seiner Studienzeit verbrachte er laut eigener Aussage hauptsächlich "im Lokal der Kommunistischen Partei Österreichs und in diversen Gasthäusern an der Peripherie Salzburgs". Sein frühes Engagement für kommunistische Ideen führte ihn u. a. zu seinem Dissertationsthema: die Kontroverse um den Boykott von Brecht-Stücken im Wien der 1950er Jahre, wesentlich betrieben von den konservativ gesinnten Autoren Friedrich Torberg (1908-1979) und Hans Weigel (1908-1991). Die Arbeit erschien 1983 unter dem Titel Vom Boykott zur Anerkennung. Brecht und Österreich und legte in vielerlei Hinsicht den Grundstein für das weitere Schaffen Palms, der noch vor dem Berliner Mauerfall 1989 einige Zeit in der DDR lebte und dort u. a. Stücke österreichischer AutorInnen wie Elfriede Jelinek (geb. 1946) herausgab: Auch praktisch zog es ihn zum Theater - als Regisseur unzähliger Produktionen des von ihm 1989 begründeten Ensembles "Sparverein Die Unz-Ertrennlichen". Andererseits durchzieht seine gesamte künstlerische und "volksbildnerische" Arbeit ein stark materialistisch geprägter Ansatz.

Vor allem in seinen essayistischen Annäherungen an James Joyce (Der Brechreiz eines Hottentotten, 2003), Adalbert Stifter (Suppe Taube Spargel sehr sehr gut, 1999) und Wolfgang A. Mozart (Der Wolfgang ist fett und wohlauf, 2005) kommt dies zum Ausdruck: Diesseits "klassischer" Interpretationsmuster recherchiert Palm die sinnlich-historische Grundlage der künstlerischen Werke bzw. der jeweiligen Lebenswelt der Künstler und entwirft anhand der gesammelten Daten und Fakten ein vielschichtiges Bild der nicht-künstlerischen Umgebung, in der die von der Nachwelt oft verklärten Artefakte entstehen. So erfahren wir etwa Details über die Kindersterblichkeit oder die Anzahl der Bettler in Salzburg zur Lebenszeit Mozarts, die tatsächlichen Ausmaße von Adalbert Stifters Fresssucht oder die Furzversessenheit von James Joyce.
Palm nähert sich den Stoffen aus der Brecht'schen Perspektive des "lesenden Arbeiters" bzw. Dilettanten: Dessen scheinbar unverstelltes Interesse am Empirischen bzw. an jenen Inhalten, die eine kunstgeschichtliche Kanonisierung üblicherweise zum Verschwinden bringt, entzaubert einerseits die Aura der großen Künstler und ihrer Werke, andererseits stimuliert es die Beschäftigung mit ebendiesen Werken durch den "Blick von unten" in ganz anderer Form. Das Grotesk-Leibliche (Stichworte: Fressen, Furzen) bzw. gesellschaftliche Tabus wie Sex und Tod stehen dabei im Zentrum von Palms Neugier - einer diesbezüglichen Anekdote wegen opfert er gerne mal den durchwegs ernsthaften Fluss seiner sozialhistorischen Narration, wie in Palms Werken generell das Anekdotische über das Systematische triumphiert.

Wenn der Begriff selbst nicht so fragwürdig wäre, könnte man mutmaßen, Palm habe das "Edutainment" als postmoderne Form der Wissensvermittlung nachgerade erfunden: Mit vorsätzlicher Naivität und unerschütterlicher Dreistigkeit präsentiert er seine Recherchen - nicht selten in Form einer Koch- oder Talk-Show, wie er sie aus seiner Arbeit mit dem "Sparverein" heraus zunächst für die Bühne und anschließend fürs Fernsehen bzw. den Film entwickelt hat. Den Höhepunkt dieser untergründigen Aneignung des scheinbar so harmlosen TV-Formats markiert die Nette Leit Show, die er von 1994-96 mit dem Publizisten, Schauspieler und SM-Aktionisten Hermes Phettberg (geb. 1952) als Talkmaster für den ORF produzierte. Die Ausstrahlungen auf 3sat machten Phettberg und Palm schließlich auch in Deutschland bekannt. Seinem mittlerweile aufgrund mehrerer Schlaganfälle sehr gezeichneten Protagonisten widmete Palm 2007 einen berührenden Interviewfilm mit dem Titel Hermes Phettberg, Elender. Eine große Kontroverse löste indes Palms 2009 im Linzer Phönix-Theater gezeigtes Stück Der Zwerg ruft aus - eine bitterböse Satire auf die in ebendiesem Jahr zur "europäischen Kulturhauptstadt" ausgerufene oberösterreichische Metropole.

Er wurde für sein Werk u. a. mit der Talentförderungsprämie des Landes OÖ. für Wissenschaft 1988, dem Friedrich-Glauser-Preis 2011 und dem OÖ. Landeskulturpreis für Film 2012 ausgezeichnet.

Helmut Neundlinger

 

Vom Boykott zur Anerkennung. Brecht und Österreich. Wien 1983. - Burgtheater. Vier österreichische Stücke von Elfriede Jelinek, Heinz R. Unger, Käthe Kratz und Felix Mitterer. Hg. und mit einem Nachwort von Kurt Palm. Berlin (DDR) 1986. - Ella. Gust. Mein Herbert. Weg. Vier Stücke von Herbert Achternbusch. Hg. und mit einem Nachwort von Kurt Palm. Berlin (DDR) 1988. - Der einzige Spaß in der Stadt. 5000 Jahre Der Sparverein Die Unzertrennlichen. Hg. von Wolfgang Kralicek und Kurt Palm. Wien 1994. - Frucade oder Eierlikör. Die Protokolle von Phettbergs Nette Leit Show. Hg. von Kurt Palm. München 1996. - Suppe Taube Spargel sehr sehr gut. Essen und trinken mit Adalbert Stifter. Wien 1999. - Der Brechreiz eines Hottentotten. Ein James-Joyce-Alphabet von Aal bis Zahl. Wien 2003. - Der Wolfgang ist fett und wohlauf. Essen und trinken mit Wolfgang Amadé Mozart. Wien 2005. - Brecht im Kofferraum. Aufsätze, Anekdoten, Abschweifungen. Wien 2006. - War Mozarts Vogel ein Genie? Gesammelte Kolumnen mit Zeichnung von Tex Rubinowitz. St. Pölten, Salzburg 2007. - Die Hitzeschlacht von Lausanne. Österreich-Schweiz 1954. St. Pölten, Salzburg 2008. - Palmsamstag. Der schönste Tag der Woche. Mit einem Vorwort von Franz Schuh. Wien 2009.  - Bad Fucking. St. Pölten, Salzburg 2010. - Die Besucher. St. Pölten 2012. - Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini. St. Pölten 2014.

Filme: In Schwimmen-Zwei-Vögel (1997). - Der Schnitt durch die Kehle oder Die Auferstehung des Adalbert Stifter (2004). - Der Wadenmesser oder Das wilde Leben des Wolfgang A. Mozart (2005). - Hermes Phettberg, Elender (2007). - Kafka, Kiffer und Chaoten (2014).