Ludwig Laher

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Geb. 11.12.1955 in Linz.
Laher studierte in Salzburg Germanistik, Anglistik und Klassische Philologie und arbeitete als AHS-Lehrer und Universitätslektor. Seit 1998 ist er ausschließlich als freier Schriftsteller tätig, der sich kritisch mit zeitgeschichtlichen Themen v. a. zur NS-Vergangenheit beschäftigt.

Einem breiteren Publikum wurde Laher erstmals mit einer Trilogie über vergessene Künstler des 19. Jh. bekannt. Der erste Band, Selbstakt vor der Staffelei (1998), beschäftigt sich mit dem Hamburger Maler Victor Emil Janssen, dessen Titel gebendes Selbstporträt zu den zentralen Bildern der deutschen romantischen Malerei gehört. Laher lässt sich von Janssens Bildern faszinieren, beschreibt sie genau und fragt sich immer wieder, was ihn, was uns diese Gemälde eines tuberkulosekranken, wenig erfolgreichen Malers aus dem 19. Jh. angehen. Wie dieser Text verweigern sich auch die beiden folgenden Künstlerporträts einem linearen lebensgeschichtlichen Erzählfluss: Sie nähern sich ihrem Gegenstand ausschnitthaft, in kurzen Szenen, aus wechselnden Perspektiven, unter Verwendung von dokumentarischem Material. Zusammengehalten wird all das durch die unverhohlene Intention, diesen aus dem kulturellen Gedächtnis gefallenen Künstlern und ihrem Schaffen historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das betrifft in besonderem Maße Wolfgang Amadeus junior: Mozart Sohnsein (1999), Lahers Buch über den zweiten Sohn Mozarts, Franz Xaver. Dessen Mutter Konstanze verfiel auf die fatale Idee, dass aus dem Knaben ein Komponist werden sollte wie sein Vater, und ließ ihn deshalb im Alter von zwei Jahren auf den Namen Wolfgang Amadeus umtaufen. Damit begann eine ausweglose Beziehung zwischen dem Sohn und seinem toten Übervater, obgleich Mozart junior ein beachtliches Talent war, umjubelte Konzerte gab und sich seine Kompositionen gut verkauften.

Nach dem Maler Janssen und dem Musiker Mozart steht der Dichter Ferdinand Sauter für die dritte der großen Kunstgattungen. In 46 kurzen Kapiteln wirft Lahers Roman Aufgeklappt (2003) Blitzlichter auf den österreichischen Vormärz-Autor, dessen freche Stegreifverse, Wienerlieder und eigentümlich moderne Gedichte zu Lebzeiten in Wien sehr populär waren. Auch bei Sauter handelt es sich um eine schwierige, unangepasste Persönlichkeit, die sich von Kunst und Gesellschaft ihrer Zeit nicht vereinnahmen ließ: Janssen malte nicht das, was gerade gefragt war, Mozart verweigerte den lang ersehnten Kapellmeisterposten, Sauter die Drucklegung seiner Gedichte. In allen drei Büchern tritt der Erzähler als lautstarker Parteigänger seiner Protagonisten auf, polemisiert gegen das kursierende Unverständnis, stets mit der Absicht, an die Vergessenen zu erinnern und ihr Werk ins rechte Licht zu rücken. Die Grundlage dafür bilden ausführliche Recherchen, die dem Schreiben vorangehen.

Diese dokumentarische Arbeitsweise kennzeichnet fast alle Bücher Lahers, so auch den Roman Herzfleischentartung (2001), der einer regionalen Ausprägung des NS-Terrors nachgeht, der Geschichte des "Arbeitserziehungslagers" Weyer-St. Pantaleon im Innviertel. Dieses von lokalen SA-Führern eingerichtete Lager wurde bereits nach einem Jahr geschlossen, als ein Staatsanwalt wegen der sich häufenden Folterungen der Insassen zu ermitteln begann, ein einmaliger Fall im "Dritten Reich". Das Lager wurde allerdings nicht aufgelassen, sondern in ein "Zigeuneranhaltelager" umgewandelt, eine Durchgangsstation für die Ermordung der Sinti und Roma in den KZs. Auf Basis der Akten der Staatsanwaltschaft beschreibt der Roman, was den Menschen hier angetan wurde, wer mitgemacht und wer davon profitiert hat. Trotz seiner "zeithistorischen Authentizität" (Laher 2001, 186), so der Autor in einer Anmerkung, ist Herzfleischentartung freilich kein Sachbuch, sondern von einem deutlichen literarischen Gestaltungswillen geprägt.

Lahers Roman Und nehmen was kommt (2007) schildert die Geschichte eines Sinti-Mädchens, das über verschiedene Heime und unter tatkräftiger Mithilfe skrupelloser Menschenhändler in der Prostitution an der österreichisch-tschechischen Grenze landet. Der Erzähler bleibt hier im Hintergrund, beschreibt das Geschehen mit unbarmherziger Akribie und ohne sich wie sonst empört einzumischen. Die Nüchternheit und Lakonik des Textes sind ein neuer Klang in Lahers Werk, der aber nicht weniger berührt als der polemisch-erhitzte Grundton der vorigen Bücher. Die genaue Kenntnis des verhandelten Stoffes, das Interesse für Vergessenes und Verdrängtes und die Frage, "wie der Mensch mit dem Menschen umgeht" (Laher, zit. nach Rademacher 2007), lassen sich aber auch hier wieder als Grundlagen von Lahers Schreiben erkennen.

Ausgezeichnet wurde Laher u. a. mit dem Theodor-Körner-Preis 1991 und 1994, dem Österreichischen Buchpreis 2001 und dem Kulturpreis des Landes OÖ 2003, er erhielt das Österreichische Staatsstipendium 2003 und 2004 und das Robert-Musil-Stipendium 2005-2008.

Günther Stocker

 

Selbstakt vor der Staffelei. Erzählung. Innsbruck 1998. - Wolfgang Amadeus junior: Mozart Sohn sein. Roman. Innsbruck 1999. - Herzfleischentartung. Roman. Innsbruck 2001. - Aufgeklappt. Roman. Innsbruck 2003. - feuerstunde. Gedichte. Klagenfurt 2003. - Folgen. Roman. Innsbruck 2005. - Und nehmen was kommt. Roman. Innsbruck 2007. - Einleben. Roman. Innsbruck 2009. - Verfahren. Roman. Innsbruck 2011. - Kein Schluß geht nicht. Erzähltes und Reflektiertes. Innsbruck 2012. - Bitter. Roman. Göttingen 2014. - was hält mich. Gedichte. Göttingen 2015. - Überführungsstücke. Göttingen 2016.

Gauß, Karl-Markus: Jenseits der Anklage. Ludwig Lahers Vaterroman Folgen. In: Neue Zürcher Zeitung, 5.7.2005. - Mitgutsch, Anna: So genau hinschauen, dass es weh tut. In: Der Standard, 28.4.2001. - Rademacher, Christina: Mädchen als Sexobjekt verwertet. Interview mit Ludwig Laher. In: Salzburger Nachrichten, 15.3.2007. - Rottensteiner, Anna: Über Ludwig Laher. In: Die Rampe 2004, H. 1, 9-11. - Tebbutt, Susan: The politicised pastoral idyll in Ludwig Laher's "Heimatroman" Herzfleischentartung. In: Julian Preece (ed.): Cityscapes and countryside in contemporary German literature. Oxford et al. 2004, 291-306. - Vertlib, Vladimir: "Bei Bedarf an Bäume binden". Ludwig Lahers literarische Dokumentation eines NS-Lagers. In: Wiener Zeitung, 13.7.2001.

Stand: 2.11.2015