Abschied von Sidonie

Familie Breirather mit Sidonie Adlersburg (vorne rechts) und Freunden, um 1942. Foto aus dem Nachlass von Pauline und Manfred Breirather

Erzählung von Erich Hackl, erschienen 1989 im Diogenes Verlag (Zürich).

Die knapp 120 Seiten lange Erzählung Abschied von Sidonie ist das meistgelesene Buch von Erich Hackl und wurde 1990 nach dem Drehbuch des Autors von Karin Brandauer unter dem Titel Sidonie verfilmt. In seiner Wirkungsgeschichte ist es sicherlich Hackls nachhaltigstes Werk, das anhand eines Einzelfalls auf das Schicksal der Zigeuner in der NS-Zeit aufmerksam macht, zugleich aber auch ein Gesellschaftsbild der Epoche ist. Bereits die Entstehungsgeschichte des Buchs zeigt die politisch-literarischen Anliegen des Autors: Nach zwei Reportagen, die das Schicksal des Zigeunermädchens Sidonie Adlersburg bekannt machen sollten und in österreichischen Zeitschriften erschienen, verfasste Hackl ein Drehbuch für einen Wettbewerb der Europäischen Fernsehunion, das den ersten Preis erhielt. Die durch die Gattung notwendigen Fiktionalisierungen und Verkürzungen veranlassten Hackl, eine umfassendere, detailreichere Prosafassung zu erstellen, die als endgültige Version gelten kann. Diese vier Stationen in der Erarbeitung und Darstellung der Geschichte haben zwar jeweils eine andere Funktion, verfolgen jedoch dasselbe Ziel, nämlich auf das Schicksal der Sidonie Adlersburg hinzuweisen.

Im August 1933 wird das dunkelhäutige Zigeunermädchen Sidonie Adlersburg im Krankenhaus Steyr ausgesetzt. Trotz intensiver Nachforschungen sind die Behörden nicht imstande, dessen Eltern ausfindig zu machen, sodass sie die Kleine zur Pflege freigeben, kein leichtes Unterfangen in der von politischen und wirtschaftlichen Krisen geschüttelten Region. Schließlich nehmen sich Josefa und Hans Breirather gemeinsam mit ihrem Sohn Manfred aus dem benachbarten Sierning des Mädchens an, pflegen es gesund und erziehen es wie ihr eigenes Kind. Dank der Fürsorge ihrer Zieheltern und anderer Menschen wächst Sidonie relativ behütet auf, übersteht vorerst die schwierige Zeit der NS-Diktatur ebenso wie rassistische Anfeindungen oder die 18-monatige Gefängnisstrafe des Kommunisten Hans Breirather, die für die Familie Not und Elend bedeutet. Aufgrund der "Bestialität des Anstands" (93) und der Schikanen des Fürsorgesystems, das weiterhin, über die politischen Änderungen hinweg, nach dem Aufenthaltsort ihrer Familie gesucht hat, wird Sidonie jedoch 1943 ihren Pflegeeltern fortgenommen und zu ihrer leiblichen Mutter nach Tirol überstellt. Gemeinsam mit ihren Verwandten kommt sie kurz darauf nach Auschwitz, wo sie angeblich an Flecktyphus, tatsächlich aber an "Kränkung" (121) stirbt. Gegenübergestellt wird Sidonies Schicksal in einem kurzen Epilog der beinahe parallel verlaufenden Geschichte eines anderen Zigeunermädchens namens Margit, das die NS-Herrschaft überstanden hat, "weil zur rechten Zeit Menschen ihrer gedachten" (128).

Trotz seiner Kürze schildert Abschied von Sidonie viel mehr als das Leben der Protagonistin: die politische und soziale Situation in Österreich von den späten 1910er Jahren bis weit in die Zweite Republik hinein, all dies dargestellt am Beispiel der Stadt Steyr. Anhand von einzelnen Schicksalen erzählt Hackl vom Elend der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, vom wirtschaftlichen Aufschwung und Niedergang in der Ersten Republik, von den politischen Auseinandersetzungen zwischen Schutzbund und Heimwehr, dem Austrofaschismus, der nationalsozialistischen Machtübernahme, dem Zweiten Weltkrieg und schließlich dem Beginn der Zweiten Republik, die von ihren politischen Altlasten überschattet wird. Das Buch wird so zu einem Spiegel Österreichs und vor allem der Region rund um Steyr.
Wie in all seinen Büchern versucht Hackl, sich so eng wie möglich an die historisch verbürgten Tatsachen zu halten. Wichtigste Informationsquellen sind ihm die persönlichen Erzählungen von Josefa und Manfred Breirather, die von Berichten anderer Zeitzeugen, historischen Dokumenten und Materialien, zeitgenössischen Zeitungsberichten und Akten ergänzt werden. Doch ist Abschied von Sidonie weder historiografische Forschung noch ein Sachbuch oder eine Reportage, sondern der Versuch, reale geschichtliche Begebenheiten auf literarische Weise zu erzählen, ohne sich fiktionaler Ausschmückungen zu bedienen. Die vom Autor recherchierten Fakten werden dort, wo diese fehlen, durch "Mutmaßungen" (100) ergänzt, die stets als solche gekennzeichnet sind. Manche Szenen werden im Bereich des Wahrscheinlichen literarisiert, aber nicht fiktional gestaltet, direkte Figurenrede kommt ebenso wenig vor wie Anführungszeichen. Durch den Text führt eine auktoriale Erzählerfigur, die über die Ereignisse berichtet, selbst aber meist im Hintergrund bleibt. Die Darstellung aller Figuren ist unpsychologisch, was darauf zurückzuführen ist, dass Hackl über reale Personen schreibt und ihnen nicht Gefühle und Gedanken unterschieben will, die sie in Wirklichkeit nicht hatten. Daher verzichtet der Autor konsequent auf jegliche Innenperspektive sowie auf die Psychologisierung des Verhaltens und charakterisiert die Figuren allein von außen und in ihren Handlungen.

Die literarischen Elemente des Textes beziehen sich auf die Darstellungsweise. Nicht nur in Abschied von Sidonie stützt sich Hackl auf zahlreiche Vorbilder, die er aber auf seine Weise abwandelt: auf die Reportagen von Egon Erwin Kisch oder Niklaus Meienberg, die deutsche Dokumentarliteratur der 1960er und 70er Jahre, die lateinamerikanische Testimonio-Literatur oder den US-amerikanischen New Journalism. Sein Buch schreibt sich zugleich aber auch in eine, die 80er Jahre bestimmende Tendenz dokumentarisch-literarischer Texte ein, zu der etwa Die Ästhetik des Widerstands (1975-81) von Peter Weiss ebenso gehört wie Der weibliche Name des Widerstands (1980) von Marie-Thérèse Kerschbaumer oder Februarschatten (1984) von Elisabeth Reichart.
Als literarische Vorlage für Abschied von Sidonie diente Hackl der schmale Band Laterna Magica (1985) des deutschen Autors Guntram Vesper, den er sich in Syntax, Rhythmus und Tonfall aneignete und in seinem eigenen Text verarbeitete. Die Spuren dieser Vorlage sind jedoch kaum mehr auszumachen. Vespers Text war für Hackl vor allem ein Hilfsmittel, um eine literarische Form zu finden, die er seiner realen Geschichte geben konnte, eben jene narrative Form, die ihr aufgrund ihrer inneren Dynamik zugehört. Diese Position zwischen faktischem Schreiben und literarischer Behandlung ist für Hackls Arbeit charakteristisch.
In dieser Art zu schreiben sieht Hackl sich selbst als einen Chronisten, wie in einem der am liebsten zitierten Sätze des Buchs deutlich wird: "Das ist die Stelle, an der sich der Chronist nicht länger hinter Fakten und Mutmaßungen verbergen kann. An der er seine ohnmächtige Wut hinausschreien möchte." (100) Hier tritt der Erzähler selbst auf den Plan, um seiner Empörung Ausdruck zu verleihen, nutzt aber sein Erscheinen, um den Illusionsrahmen der Geschichte zu sprengen und sie bis in die Gegenwart hinein fortzuführen.

Wie stets bei Hackl geht es in Abschied von Sidonie nicht allein um die Geschichte an sich, sondern immer auch um ihre Bedeutung für die Gegenwart, also um den politischen Anspruch seiner Arbeit. Der Autor sieht sein Werk als Beitrag zur Aufklärung der Vergangenheit, will mit ihm Personen vor dem Vergessen bewahren, die sich gegen die ungerechten Zeitumstände zur Wehr setzten, aber aufgrund ihrer ideologischen Überzeugungen oder ihres Außenseiterdaseins durch die weiten Maschen des kollektiven Gedächtnisses gerutscht sind. Das Schreiben eines Buchs ist dabei bloß ein Baustein in einem feinen Netz von Beziehungen, die über die literarische Welt hinaus in die "reale" Welt reichen. Auf diese Weise finden bei Hackl Realität und Literatur zueinander. Seine ursprüngliche Absicht, Sidonie Adlersburg ein Denkmal zu errichten, ließ sich nicht realisieren. Durch sein Buch hat er aber wesentlich dazu beigetragen, dass ihr Schicksal nicht vergessen worden ist, denn heute gibt es eine Gedenktafel und einen nach ihr benannten Kindergarten in Sierning. Abschied von Sidonie wurde zu einem der meistgelesenen politisch-historischen Bücher der österreichischen Literatur.

Georg Pichler

 

Abschied von Sidonie. Erzählung. Zürich 1989 (Referenzausgabe). - Gedenkstein für Sidonie Adlersburg. In: hallo 2 (1989), 24-26. - Zweiter Bericht über Sidonie Adlersburg. In: Wiener Tagebuch 2 (1989), 21-22.

Baumhauer, Ursula (Hg.): Abschied von Sidonie von Erich Hackl. Materialien zu seinem Buch und seiner Geschichte. Zürich 2000. - Fischer, Rosemarie; Krapp Günter: Erich Hackl: Abschied von Sidonie. Unterrichtsvorschläge. Materialien. Rot/Rot 1998. - Hagens, Anna-Maria (Hg.): Abschied von Sidonie. Herning 1993. - Jenkins, Eva Maria u. a.: Erich Hackl: Abschied von Sidonie. Erzählung. Didaktische Bearbeitung für den Unterricht Deutsch als Fremdsprache. Wien 1998. - Pichler, Georg (Hg.): Porträt Erich Hackl (= Die Rampe 2005, H. 3). - Reimer, Robert C.: Abschied von Sidonie, a farewell twice-visited. Erich Hackl's novella and Karin Brandauer's film. In: Willy Riemer (Hg.): After postmodernism. Austrian Literature and Film in Transition. Riverside 2000, 138-155. - Richter, Michael-Josef: Intertextualität als Mittel der Darstellung in Erich Hackls Erzählungen. Berlin 1996. - Rußegger, Arno: "Original" contra "Machwerk". Bemerkungen zum Thema Literaturverfilmungen am Beispiel von Erich Hackls Abschied von Sidonie bzw. Karin Brandauers Sidonie. In: Medienimpulse 17 (1996), H. 9, 29-37. - Thunecke, Jörg: "Ein liebenswerter Untermensch?" Erich Hackls Erzählung Abschied von Sidonie. In: Margarete Lamb-Faffelberger (Hg.): Visions and visionaries in contemporary Austrian literature and film. New York 2004, 223-235. - Voit, Friedrich H.: "Das ist passiert. Wir haben es geschehen lassen". Zu Erich Hackls Erzählung Abschied von Sidonie. In: Der Deutschunterricht 52 (2000), H. 6, 66-76.