Aloys Blumauer

Aquarell von Karl Russ; © Bildarchiv Austria / ÖNB, Wien

Geb. 21. oder 22. Dezember 1755 in Steyr, gest. 16.03.1798 in Wien.
Journalist, Buchhändler, Literaturredaktor und wichtigster Schriftsteller der österreichischen Aufklärung.

Nach dem Besuch des Jesuitengymnasiums in Steyr trat Aloys Blumauer 1772 in Wien der Gesellschaft Jesu bei, die indessen 1773 aufgehoben wurde. Dem Philosophiestudium folgte das Hauslehrerdasein und die Kontaktnahme mit dem Wiener Literaturbetrieb: Anstellung in der Hofbibliothek, Kontakte mit den freimaurerischen Kräften um Ignaz von Born (1742-1791) - 1781 trat Blumauer der Loge "Zur wahren Eintracht" bei -, erste lyrische Versuche. Mit Joseph Franz von Ratschky (1757-1810) gab Blumauer 1781-94 den Wiener Musenalmanach heraus, eine seit 1777 jährlich erscheinende Anthologie lyrischer Erstveröffentlichungen, patriotisch-habsburgisch ausgerichtet und in scherzhafter und respektloser Stillage der Aufklärung verpflichtet. Blumauer wirkte als Bücherzensor (1782-93) und als Redakteur (Wiener Realzeitung 1782-84, Wiener Journal für Freymaurer 1784). Publizistik und Literatur gehen in der Wiener Szene eine neue enge Verbindung ein, und Blumauer ist ihr prominentester Exponent. In der zweiten Hälfte des josephinischen Jahrzehnts, dessen Ziele er tatkräftig und überzeugt unterstützte, erkrankte er schwer, und im Jahrzehnt der Reaktion trat er nicht nur aus dem Staatsdienst aus (1793), um als Buchhändler einen (wenig einträglichen) Unterhalt zu suchen, er wurde auch im Zuge der Wiener Jakobinerprozesse verhaftet und kurz festgehalten (1794). Im Alter von 42 Jahren starb er an Lungenschwindsucht.

Kaum als Dramatiker erprobt (Erwine von Steinheim wurde 1780 aufgeführt), ist Blumauer in erster Linie Lyriker. Seine Gedichte stehen in der Tradition der Rokokodichtung, preisen als Trink- und Schmauslieder die Zusammenkünfte seines freimaurerischen Freundeskreises bei Tafel-, Lehrlings- und Meisterlogen, widmen sich polemisch der Kirchen- oder Sittenkritik (z. B. Unterhaltungskalender eines jungen Wiener Herrchens) oder wenden sich als Freundschaftsgedichte u. a. an Born, Johann Pezzl (1756-1823) oder Georg Forster (1754-1794). Nicht selten greift Blumauer auf lustig-groteske Weise Gegenstände der niederen Sphäre auf, in Lobgedichten an den Wind, auf den Ochsen, den Hahn, das Schwein oder gar den Abtritt (Ode an den Leibstuhl). Die Tendenz zur Verspottung bestimmt auch Blumauers Hauptwerk, Die Abentheuer des frommen Helden Aeneas oder Virgil's Aeneis travestiert (1782/88). Die Travestie von Vergils Aeneis war das populärste Werk dieser Epoche, das "leicht dahintragende" (Goethe) jambische Versmaß und Reimschema der siebenzeiligen Strophen bot auf ideale Weise den Raum zur Entfaltung von komischen Effekten. Blumauer versteht es, in der Parodie des klassischen Werks eine verkehrte Welt darzustellen, die zugleich Bezüge zur Gegenwart der Leser öffnet und dem antiken Stoff satirische Wirkung abgewinnt. Die berühmte Vergil'sche Unterweltfahrt des Aeneas ergibt ein Kapitel "Was für seltsame Abentheuer der fromme Held auf seiner Höllenfahrt bestand, und was er da alles an Augen, Nase und Ohren zu leiden hätt" (Blumauer 2005, 129ff.), in dem der Höllenfluss Styx stinkt "Wie zu Berlin die Sprea" und der ehrwürdige Höllenfährmann Charon zur ungepflegten Erscheinung mit struppigem Bart wird - "Wie unsre Kapuziner". Blumauers Aeneistravestie wurde bis weit ins 19. Jh. hinein aufgelegt. Friedrich Schiller hat das populäre Werk verachtet und ihm bei seiner Musterung der zeitgenössischen Literatur nicht mehr als eine Fußnote gewidmet; zwar weise es "Talent" und "Laune" auf, stelle aber insgesamt nur "schmutzigen Witz" dar (zit. nach Wolf 1996, 56). Als respektlose, aber kunstvoll-heitere Auseinandersetzung mit der Tradition bleibt Blumauers Hauptwerk freilich noch heute für eine kleine feine Lesergemeinde höchst vergnüglich.

Franz Eybl

 

Freymaurergedichte. Wien 1786. - Sämmtliche Werke. 4 Bde. Leipzig 1801/03. - Gesammelte Werke. 3 Bde. Stuttgart 1839. - Gesammelte Schriften. 5 Bde. Stuttgart 1862/63. - Beobachtungen über Österreichs Aufklärung und Litteratur (1782). Faksimile-Neudruck. Wien 1970. - Lob des Flohs. Ausgewählte Gedichte. Hg. von Michael Serrer. Düsseldorf 2001. -Virgils Aeneis, travestiert. Hg. von Wynfrid Kriegleder. Wien 2005.

Becker-Cantarino, Bärbel: Aloys Blumauer and the literature of Austrian enlightment. Bern 1973. - Bodi, Leslie: Tauwetter in Wien. Zur Prosa der österreichischen Aufklärung 1781-1795. 2. erw. Aufl. Wien u. a. 1995. - Eybl, Franz M.; Frimmel, Johannes; Kriegleder, Wynfrid (Hg.): Aloys Blumauer und seine Zeit. Bochum 2007. - Kriegleder, Wynfrid: Über den Grund des Vergnügens an Aloys Blumauers Travestirter Aeneis. In: Elisabeth Buxbaum und ders. (Hg.): Prima le parole e poi la musica. Festschrift für Herbert Zeman. Wien 2000, 84-100. - Pullirsch, Ludwig (Hg.): Aloys Blumauer, ein vergessener österreichischer Dichter. Linz 2005. - Rosenstrauch-Königsberg, Edith: Freimaurerei im josephinischen Wien. Aloys Blumauers Weg vom Jesuiten zum Jakobiner. Wien 1974. - Wolf, Norbert Christian: "Der schmutzige Witz des Herrn Blumauer". Schiller und die Marginalisierung populärer Komik aus dem josephinischen Wien. In: Wendelin Schmidt-Dengler, Johann Sonnleitner und Klaus Zeyringer (Hg.): Komik in der österreichischen Literatur. Berlin 1996, 56-87.