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Andrea Winkler

© Doris Winkler

Geb. 27.3.1972 in Freistadt (OÖ).
Zählt zu den (ober)österreichischen Autorinnen der jüngeren Generation und thematisiert in ihren Texten die Möglichkeiten und Grenzen des Erzählens.

Andrea Winkler studierte Germanistik und Theaterwissenschaft in Wien, schrieb ihre Diplomarbeit über Friederike Mayröcker und arbeitete als Leiterin eines Jugendzentrums, in der Erwachsenenbildung sowie in einem Forschungsprojekt der Universität Salzburg. Seit 2006 lebt sie als freie Schriftstellerin in Wien.

Die Autorin landete bereits mit ihrem Erstling, der Kurzprosa Arme Närrchen (2006), einen Erfolg auf Seiten der Kritik, die ihr Buch in höchsten Tönen lobte. Das Buch führt in einer Reihe von Selbstgesprächen Figuren und Orte vor, die aber alle, kaum dass sie evoziert werden, schon wieder zerfallen. Die Kritik hat deshalb auch von einer "extremen Entkonturierung von Identitäten, Räumen und Zeiten" gesprochen, die Winkler in ihren Texten betreibe, die aber dennoch "zusammenhalten" (Moser 2008), oder auch von "fliehenden Sätzen" (Federmair 2008), die die Autorin schreibe. Winkler, die sich in ihrer Dissertation unter dem Titel Schatten(spiele) (2004) mit "poetologischen Denkwegen zu Friederike Mayröcker" beschäftigt hat, verdankt dieser Autorin, die sie in den Credits zu ihrem Erstling anführt, einiges, u. a. die Ichbezogenheit, die das literarische Schreiben stets als Auslotung eines schreibenden Subjekts begreift (vgl. Streitler 2006).
Allerdings gehört Winkler zweifellos einer anderen Generation an. Dies zeigt sich, wenn sie in den erwähnten Credits nicht nur zahlreiche literarische Größen wie Kafka, Shakespeare, Bachmann, Frisch, Plath, Heiner Müller, Werner Schwab anführt, sondern auch Vertreter der zeitgenössischen Independent Musik wie CocoRosie und die Sofa Surfers oder den Singer-Songwriter Leonard Cohen und den Regisseur Wong Kar-Wai. Aus den Referenzfiguren wird klar, dass hier eine Autorin ans Werk geht, die einerseits auf eine literarische und philosophische Tradition zurückgreifen kann, andererseits aber auch Zugang zu den neuen Mediensprachen und zur Jugendkultur hat.

In ihrem zweiten Buch, der Prosa Hanna und ich (2008), versucht sich Winkler an einer Art "Roman, der natürlich keiner ist" (Steinbacher 2008, 337). Während ihr Debüt noch den Gattungstitel "Selbstgespräche" trägt und damit das ganze Buch einer autistischen Selbstreflektiertheit unterordnet, verweist ihr zweites Buch mit dem programmatischen Titel auf eine Doppelung, die sich durch den gesamten Text zieht. Allerdings wird die Beziehung zwischen Hanna und dem Erzähler-Ich von Anfang an als problematisch ausgewiesen: "Was mit Hanna geschehen ist und geschieht, hat auch in mein Leben gegriffen, in alle meine Zimmer, meine kleinen Gewohnheiten und Vorlieben." (Winkler 2008, 13)
Winklers Literatur schreibt sich von der Reflexion über das Erzählen her, von der Reflexion über die Sprache und ihre Bedingtheit, und steht damit in einer Tradition, die für die neuere österreichische (Avantgarde-)Literatur charakteristisch ist: die der Sprachkritik und Sprachphilosophie eines Ludwig Wittgenstein oder Fritz Mauthner: "Meine Sprachskepsis richtet sich auf die Unmöglichkeit, alles zu sagen, da es keine klaren Aussagen gibt" (Steinbacher 2008, 329), meint die Autorin dazu. Ihr Schreiben ist deshalb in einem hohen Grade autoreflexiv und stärker an den Bedingungen und der Unmöglichkeit des Erzählens interessiert als am tatsächlichen Erzählen.
Damit ist eine weitere philosophische Denkschule angesprochen, der Winklers Schreiben einiges verdankt: die der Dekonstruktion (vgl. den Begriff des "Rhizoms" bei Federmair [2008]). Die Nähe der Autorin zur poststrukturalen Philosophie und Kulturtheorie macht ihr Schreiben sehr heutig, trotz aller Verbundenheit zur (historischen) Avantgarde. In deutlichster Form ist dies alles in ihrem Roman, der keiner ist, umgesetzt: Was bleibt, ist ein Gestrüpp von Redefiguren, Fragen, Imponderabilien, ein Gewebe aus Reflexionen, aus Eigenem und Fremden (vgl. Streitler 2008). Die Autorin hat dieses experimentelle erzählerische Konzept dem Text in Form eines Mottos vorangestellt: "Die Geschichte: ist im Suchen begriffen." (Winkler 2008, 7)

Winkler wurde 2005 mit dem Hermann-Lenz-Stipendium und dem Theodor-Körner-Preis ausgezeichnet, 2006 mit dem Adalbert-Stifter-Stipendium des Landes Oberösterreich, 2007 mit dem Förderungspreis für Literatur der Stadt Wien, 2008 war sie die erste Preisträgerin des Literaturwettbewerbs Wartholz und erhielt den Förderungspreis der Republik Österreich.

Nicole Streitler

 

Schatten(spiele). Poetologische Denkwege zu Friederike Mayröcker. In: Friederike Mayröcker: brütt oder Die seufzenden Gärten. Hamburg 2004. - Arme Närrchen. Selbstgespräche. Prosa. Graz, Wien 2006. - Hanna und ich. Prosa. Graz, Wien 2008. - Drei, vier Töne, nicht mehr. Elf Rufe. Wien 2010. - König, Hofnarr und Volk. Einbildungsroman. Wien 2013. - Ich weiß, wo ich bin. Betrachtungen zur Literatur. Wien 2013.

Bichler, Josef: Ich, das sind viele (Rezension zu Arme Närrchen). In: Der Standard, 14./15.10.2006. - Moser, Samuel: Eine uferlose Brücke. Hanna und ich - Andrea Winkler sucht eine Geschichte. In: Neue Zürcher Zeitung, 15.7.2008. - Steinbacher, Silvana: Verfängliche Spiegel. Andrea Winkler über inszeniertes Erzählen, Stimmen und den täglichen Wahnsinn. In: Dies.: Zaungast. Begegnungen mit oberösterreichischen Autorinnen und Autoren. Mit Fotografien von Reinhard Winkler. Klagenfurt 2008, 326-337.