Annie Francé-Harrar

Aufnahme von 1917; © OÖ. Landesmuseum, Linz

Geb. 2.12.1886 in München, gest. 23.1.1971 in Oberalm/Hallein.
Als Autorin von Romanen und Gedichten sowie populärwissenschaftlichen Sachbüchern zu biologischen Themen eine der ersten freischaffenden Schriftstellerinnen und Naturforscherinnen mit immensen Auflagen.

"Für uns Romantiker hatte es einen nie erlöschenden Reiz, als Fremde in der Fremde zu leben." (1970b, 11) Dieses Zitat, an die Freundschaft mit Stefan Zweig (1881-1942) erinnernd, kennzeichnet den gemeinsamen 27-jährigen Lebensweg mit Raoul Heinrich Francé (1874-1943; Entdecker des Edaphons, der Bodenlebensgemeinschaft) und bezieht sich auf ihre französischen, polnischen, tschechischen, österreichisch-ungarischen Wurzeln und oft wechselnden Wohnorte (München, Dinkelsbühl, Salzburg, Dubrovnik, Graz, Budapest, Seewalchen am Attersee, Mexico City). So weit wurzelt, was in Oberösterreich aufgeht.

Was in ihren Naturphänomenen gewidmeten Büchern - trotz zeitbedingter durchaus anfechtbarer Begrifflichkeit - gerade heutige LeserInnen anziehen mag (und soll), ist die Beschreibungsfrische (ähnlich den Erinnerungen eines Insektenforschers von Jean-Henri Fabre, 1823-1915). Gerade in Zeiten zweideutiger "Umwelt"-Euphorie erzählt sie anschaulich sowie kundig von jenen, "die ohne Stimme sind" (Theodor Kramer), beschreibt Naturvorgänge, zeichnet Melodien auf, das Lebenszittern an und unter unseren Schritten. In seinem Vorwort zu Tier und Liebe spricht Felix Braun (1885-1973) von einem "dichterischen Herz... Kraft des Erträumens und sich Einträumens... vollkommen an Anschaulichkeit der Beschreibung und der Erklärung" (Braun 1930). Als "moderne Kassandra" (Strohmeier 1998, 108) der Bodenzerstörung - Francé-Harrar widmete sich der Kompostierung und Humusgewinnung aus Abfällen - wird sie auch außerhalb literarischer Kreise bekannt.
Ihr belletristisches Werk (Mehrfachauflagen) kennzeichnen weitgespannte und unzeitgemäße, kontroversielle Themen (Geschwisterliebe, erotische Bilder); ihr oft wissenslastiger Stil bleibt weitgehend geprägt vom optimierten "Leben in Harmonie".

Bezüge zu Oberösterreich gibt es mehrfach: 1921 errichtete sie eine Humusanlage aus Stadtabfällen in Wels (vgl. 1970a, 13); 1924, 1934 und 1936 sind Aufenthalte durch Skizzen belegt; von 1947-52 wohnte sie in Seewalchen am Attersee (Pension Chertek/Villa Bäumler), wo ihr bekanntestes Werk Die letzte Chance entstand; für die Oberösterreichischen Nachrichten verfasste sie wissenschaftliche Beiträge (v.a. 1948-51), außerdem erschien Der Herr Hofrat aus Linz Max Anton Pachinger (1962, 98-104).
Ihr Nachlass mit zahlreichen unveröffentlichten Manuskripten, Briefen und Fotos befindet sich gemeinsam mit dem ihres Mannes im Oberösterreichischen Landesmuseum. 1951 erhielt sie die Ehrennadel des Oberösterreichischen Künstlerbundes, 1966 den Ehrenring der Stadt Salzburg.

Erna Aescht

 

Die Kette. Erotische Bilder aus Jahrtausenden. München, Leipzig 1912. - Tier und Liebe. Geschichten von Unterdrückten und Verkannten. Berlin 1926. - Der Wunderbaum: Können Pflanzen "denken"? Salzburg 1937. - Und eines Tages. Hamburg 1940. - Mensch G.m.b.H. Wien 1949. - Die letzte Chance. Für eine Zukunft ohne Not. München 1950. - Humus. Bodenleben und Fruchtbarkeit. Bonn u. a. 1957. - So war's um Neunzehnhundert... Mein Fin de Siècle. München, Wien 1962. - Ich, das Tier, lebe so. Graz, Stuttgart 1966. - Ich, die Pflanze, lebe so. Graz, Stuttgart 1967. - Die Welt die es nicht mehr gibt. 3. Fortsetzung. In: Neue Illustrierte Wochenschau Nr. 42, 18.10.1970, 13-14 (= 1970a). - Die Welt die es nicht mehr gibt. 5. Fortsetzung. In: Neue Illustrierte Wochenschau Nr. 44, 1.11.1970, 11-12 (= 1970b).

Braun, Felix: Vorwort zu Tier und Liebe. Graz 1930. - n.n.: Karneolring für Anni Francé-Harrar. Amtsblatt der Landeshauptstadt Salzburg Nr. 23/24, 24.12.1966, 20. - Roth, Réne Romain: Raoul H. Francé and the doctrine of life. o. O. 2000. - Strohmeier, Renate: Lexikon der Naturwissenschaftlerinnen und naturkundigen Frauen Europas Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. Frankfurt/Main 1998.