Anton Ritter von Spaun

Geb. 31.5.1790 in Linz; gest. 26.6.1849 in Kremsmünster.
Der gelernte Jurist und Staatsbeamte war ein Vertreter des Vormärz und der Romantik, der sich vielfältig als Autor, Literatur-, Geschichts- und Musikwissenschaftler sowie in der Volkskunde betätigte.

Der aus einer angesehenen adeligen, dem Reichsritterstand zugehörigen Familie stammende Anton Ritter von Spaun zählt zu einer der vielfältig tätigen Persönlichkeiten des Linzer Geistes- und Kulturlebens der ersten Hälfte des 19. Jhs. Sein Vater, Franz Xaver Ritter von Spaun, war schon als Kind mit seiner Familie von Wien nach Linz gezogen, wo er als ausgebildeter Jurist hohe politische Ämter bekleidete und 1786 die früh verwitwete Josefa von Heretmüller (geb. Steyrer) heiratete. Anton, der vier Geschwister hatte, erhielt Hausunterricht - u. a. bei seinem Onkel Franz Anton (1753-1826), einem Beamten und Schriftsteller, der als Verfasser einer staatsgefährdenden Schrift in Gefangenschaft geriet - und besuchte das Stift Kremsmünster. Danach studierte er Rechts- und Staatswissenschaften in Wien und trat 1810 in Linz in den Staatsdienst. 1818 heiratete Spaun in Linz Henriette Freiin von Vogelsang mit der er zwei Kinder, Ludwig und Marie, hatte. Wie schon sein 1804 früh verstorbener Vater war er Landrat und ab 1839 Syndikus der oö. Landesstände, wo er sich großes Ansehen erwarb. 1848 kandidierte er für die Frankfurter Nationalversammlung.

Spauns Weltbild lässt sich als das eines liberalen, aufgeklärten und musisch begabten Intellektuellen beschreiben, er war "seinem tiefen Wesen nach Romantiker" (Angsüßer 1933, 15). Schon als Jugendlicher pflegte er einen ausgeprägten Freundschaftskult und Umgang mit namhaften Persönlichkeiten wie Franz Schubert, Moritz von Schwind, Ernst von Feuchtersleben, Johann Mayrhofer und Franz von Schober. Auch mit Adalbert Stifter verband ihn neben gemeinsamen beruflichen Interessen das humanistische und gesellschaftspolitische Weltbild, das den radikalen, gewaltvollen politischen Umbruch im Zuge der Revolutionsbestrebungen ablehnte (vgl. Wurzbach 1878, 72). Auf Stifter machte Spaun "den Eindruck eines weisen, rechtschaffenen, klaren und bescheidenen Mannes. Ich habe wenige Menschen in so kurzer Zeit so sehr lieben gelernt wie ihn." (zit. nach Spaun 1896, 27). Nicht zuletzt die Beschäftigung mit historischen Stoffen wie im Falle des Witiko verdankt sich Spauns Anregung (vgl. Angsüßer 1933, 41; Stifter HKG 5/4, 219-220).
Aus kulturhistorischer Sicht kommt Spaun bis heute große Bedeutung zu. Er gilt als "Begründer der oberösterreichischen Volks- und Heimatkunde" sowie als "Bahnbrecher öffentlicher Kunstpflege und der Vorläufer staatlicher Denkmalpflege" (Ebner/Ebner/Weißengruber 1991, 193), was ihn ebenfalls mit Stifter verbindet. Auf Spauns Initiative gehen das Oö. Landesmuseum und der Oö. Musealverein zurück, die aus dem 1833 von ihm ins Leben gerufenen "Verein des vaterländischen Museums für Österreich ob der Enns mit Inbegriff des Herzogthums Salzburg" hervorgegangen sind. Spaun beschäftigte sich mit volkskundlicher Forschung und entwickelte eine rege Tätigkeit als Sammler. Er gilt als einer der Pioniere in der Erschließung der Volksmusik (u. a. Jodler und Landler aus der Gegend um Kremsmünster und des Salzkammerguts) und interessierte sich für die Mundart sowie die landesüblichen Trachten. Über das Linzer Volksfest im Oktober 1833 legte er eine anschauliche Beschreibung vor (Spaun 1834).

Seine literarischen Leistungen, insbesondere Gedichte und kleinere Szenen, die er in der Zeitschrift Die Lampe publizierte und die damals Anklang gefunden haben, sind heute vergessen (vgl. Ebner/Ebner/Weißengruber 1991, 193). Aus literaturwissenschaftlicher Sicht hervorzuheben ist seine Beschäftigung mit der älteren deutschen Literatur, insbesondere mit dem Nibelungenlied, als dessen Urheber er den in verschiedenen Quellen, u. a. in Novalis' gleichnamigem Romanfragment (1802 veröffentlicht) als Titelfigur und in Zusammenhang mit dem Dichterwettstreit auf der Wartburg im 13. Jh. genannten Heinrich von Ofterdingen annahm. Dessen Herkunft wiederum vermutete er in einem aus dem nahe bei Linz gelegenen Ort Oftering stammenden Rittergeschlecht. Bereits Friedrich Schlegel hatte angenommen, Ofterdingen sei Österreicher und der Verfasser des Heldenepos gewesen (vgl. Angersüß 1933, 29ff.). In der Mediävistik ist diese Theorie jedoch bis heute ebenso umstritten wie ein tatsächlicher Nachweis der Figur. Nur ein Jahr vor seinem Tod anlässlich eines Erholungsurlaubs in Kremsmünster wurde Spaun zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften gewählt.

Bernhard Judex

 

Das Volksfest zu Linz im Oktober 1833. In: Österreichisches Bürgerblatt 1834, Nr. 1. - Heinrich von Ofterdingen und das Nibelungenlied. Ein Versuch den Dichter und das Epos für Oesterreich zu vindiciren. Linz 1840. - Muthmaßungen über Heinrich von Ofterdingen. Linz 1840. - Ein Fragment einer Handschrift des Nibelungenliedes aus dem 13. Jahrhundert. 1841. - Lebensbeschreibung des Johann Georg Adam Freiherrn zu Hohenerk. 1842. - Der gegenwärtige Stand der Forschung über die Heimat und den Dichter des Nibelungenliedes. 1842. - Die österreichischen Volksweisen. Ein Beitrag des Oberösterreichischen Volksliedwerks zum 150. Jahr des Erscheinens seiner Volksliedsammlung. Hg. von Wolfram Tuschner und Volker Derschmidt. Linz 1995 [Wien 1845]. - Die Klage. Ein deutsches Heldengedicht des 12. Jahrhunderts, erzählt und erläutert von Anton von Spaun. Pesth 1848. - Die Verkehrs-Mittel unserer Gegenden in früheren Jahrhunderten. Linz 1848. -Das österreichische Volkslied. Mit einem Nachrufe von Adalbert Stifter. 2. Aufl. Wien 1896.

Angsüßer, Josef: Anton Ritter von Spaun. Seine Persönlichkeit und seine literarischen Werke. Sonderabdruck aus dem Jahrbuche des Oberösterreichischen Musealvereins, Bd. 85. Linz 1933. - Bigler-Marschall, Ingrid: Spaun, Anton Ritter von. In: Deutsches Literatur-Lexikon. Biographisches und bibliographisches Handbuch. Begr. Von Wilhelm Kosch. Hg. von Hubert Herkommer und Carl Ludwig Lang. 3. neu bearb. Aufl. Berlin, München 1998, Bd. 18, 414. -  Blöchl, Arnold: Anton Ritter von Spaun. Ein Pionier der Volkskultur und Volksmusik. In: OÖ. Heimatblätter 49 (1995), H. 4, 359-369. - Ebner, Helga; Ebner, Jakob; Weißengruber, Rainer: Literatur in Linz. Eine Literaturgeschichte. Linz 1991. - Lebensaft, E[lisabeth]: Spaun, Anton von. In: Österreichisches biographisches Lexikon 1815-1950. Hg. von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wien 2010, Bd. 13, 5-6. - Prosl, Helga: Der Freundeskreis um Anton von Spaun. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte von Linz in der Biedermeierzeit 1811 - 1827. Innsbruck 1951. - Stifter, Adalbert: Werke und Briefe. Historisch-Kritische Gesamtausgabe (= HKG). Hg. von Alfred Doppler und Wolfgang Frühwald, Bd. 5/4 (= Witiko. Apparat, Kommentar. Hg. von Alfred Doppler und Wolfgang Wiesmüller). Stuttgart u. a. 1998. - Wurzbach, Constant von: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, Bd. 36-37. Wien 1878, 71-75.