Arnold Hagenauer

Geb. 20.11.1871 in Linz; gest. 27.6.1918 in Wien.
Literaturkritiker und Autor gesellschaftlicher Stoffe.

Arnold Hagenauer wurde in Linz als Sohn des leitenden Beamten Julius von Hagenauer und Klementine Mayr geboren. Die Vorfahren seines Vaters entstammten dem Salzburger Adelsgeschlecht der Hagenauer, aus dem die bekannten Architekten Wolfgang und Johann Georg von Hagenauer - letzterer war der Urgroßvater Arnolds - hervorgegangen waren. Nach dem frühen Tod der Eltern wurde Arnold von seinen Tanten in Wien aufgezogen, wo er Veterinärmedizin zu studieren und zu schreiben begann. So gelangte er in den Kreis des Jungen Wien, dem u. a. Hugo von Hofmannsthal und Richard Beer-Hoffmann angehörten. Auch Detlev von Liliencron und Ferdinand von Saar wurden auf den jungen Autor aufmerksam und förderten ihn. Hagenauer arbeitete als Redakteur der Ostdeutschen Rundschau und veröffentlichte auch in anderen Zeitschriften und Zeitungen, etwa dem Kyffhäuser, Texte und Kritiken.

Bekanntheit erlangte er durch den damals nicht unumstrittenen Roman Muspilli (1900), der den sittlichen Verfall seines den Gefahren der Großstadt preisgegebenen Helden aufzeigt und Hagenauer als "Verfechter[] einer Provinzkunst" (Ebner/Ebner/Weißengruber 1991, 338) ausweist. "Mit Vorliebe zeichnete er Menschen in Extremsituationen, die von wilden Visionen und Phantasien befallen, in Wahnsinn oder Verbrechen abgleiten." (ebd., 339) Einflüsse Dostojewskis, Ibsens, Nietzsches, Maupassants oder Zolas sind dabei spürbar. Auch der Roman Gottfrieds Sommer (1906) sollte die Dekadenz des Ästhetizismus im Fin-de-Siècle darstellen und ist - ähnlich wie die Bearbeitung des Salome-Stoffes und der Enthauptung Johannes des Täufers in der Novelle Das Ende der Salome (1916) - nicht frei von Überzeichnungen und Trivialisierungen (vgl. ebd., 340). Der aus dem Nachlass veröffentlichte Roman Der Knabe Leonhard (1919 bzw. 1930) über "die schwierige Sozialisation eines Pubertierenden in einer verknöcherten und verständnislosen Erwachsenenwelt" vereint wiederum "genaue Menschenbeobachtung, ironisch bis satirische Darstellung [...] und eine Neuorientierung an der gesellschaftlichen Wirklichkeit im Sinne des Realismus" (ebd., 340f.). Für Eduard Castle ist Hagenauer "eine der stärksten und ursprünglichsten Begabungen der jüngeren Generation" (Castle 1937, 1174), die sich aber nicht habe voll entfalten können. Vielen galt Hagenauer, der einen Lebensstil als Bohemien pflegte, als Sonderling und schwieriger Charakter. Er starb 47-jährig an den Verletzungen in Folge eines Sturzes nach einem Heurigenbesuch in Grinzing.

Bernhard Judex

 

Illusionen. Gedichte. 1895 - Muspilli. Roman. Linz u. a. 1900. - Stifter als Heimatkünstler. In: Der Kyffhäuser 2 (1900), 369. - Die Perlen der Chloë. Novellen. Linz u. a. 1901. - Gottfrieds Sommer. Roman. München 1906. - Das Ende der Salome. Novelle. Hannover 1916. - Historische Novellen. 1918. - Der Knabe Leonhard. Ein Roman aus Salzburgs Biedermeiertagen. Vorwort von Hugo Greinz. Salzburg 1930 [zuerst: Leonhard und Rosa. Roman. In: Salzburger Volksblatt 1919].

Deutsch-Österreichische Literaturgeschichte. Von 1890 bis 1918 (= Bd. 4). Hg. von Eduard Castle. Wien 1937, 1174-1175. - Ebner, Helga; Ebner, Jakob; Weißengruber, Rainer. Literatur in Linz. Eine Literaturgeschichte. Linz 1991, 338-341. - Krackowizer, Ferdinand; Berger, Franz: Biographisches Lexikon des Landes Österreich ob der Enns. Gelehrte, Schriftsteller und Künstler Oberösterreichs seit 1800. Passau, Linz 1931, 102-103. - Martin, Franz: Hundert Salzburger Familien. Salzburg 1946, 192ff. - Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950. Hg. von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Graz, Köln 1959, 144.