Bergkristall

Stich von Ludwig Richter / Illustration aus

Erzählung von Adalbert Stifter, unter diesem Titel im Dezember 1852 (mit der Jahreszahl 1853) im 2. Band von Bunte Steine. Ein Festgeschenk im Verlag von Gustav Heckenast (Pest) und Georg Wigand (Leipzig) erschienen.

Wie die meisten der Erzählungen, die Adalbert Stifter in seinen Sammlungen Studien (1844-50) und Bunte Steine (1853) veröffentlichte, erschien auch diese zunächst in einer Zeitschrift: nämlich in der in Wien von Franz Edler von Schmid herausgegebenen Die Gegenwart. Politisch-literarisches Tageblatt unter dem Titel Der heilige Abend in vier Folgen zwischen dem 20. und 27. Dezember 1845. Und wie die meisten seiner sogenannten "Journal"-Fassungen hat Stifter auch diese Erzählung für die Buchfassung der Bunten Steine über- und umgearbeitet.

Wie der ursprüngliche Titel signalisiert, erzählt Bergkristall die Geschichte eines Geschwisterpaars - des Knaben Konrads und seiner jüngeren Schwester Susanna -, die sich am Heiligen Abend aus dem Elternhaus ihres Dorfes Gschaid zu Fuß auf den Weg zu ihren Großeltern im Nachbarort Millsdorf machen. Dieser führt über den Gars, einen "Schneeberg" mit seinen "Eisspalten und Höhlen" (187). In einem aufkommenden Schneetreiben verirren sich die Kinder und müssen die Christnacht unter freiem Himmel in Kälte und Einsamkeit zubringen, geschützt lediglich durch eine von Steinblöcken gebildete Höhle, bevor sie am nächsten Morgen von den zur Suche ausgeschickten Bewohnern der beiden Dörfer gefunden und zu ihrer Familie zurückgebracht werden.

Was in dieser kurzen Zusammenfassung wie die lapidare Geschichte einer wundersamen Rettung anmutet, wird von Stifter ebenso virtuos wie bedrohlich in Szene gesetzt: Der gleichermaßen stetige wie stille Schneefall (von einem "Sturm", wie man in der Sekundärliteratur oft lesen kann, spricht der Text an keiner Stelle) raubt den Kindern allmählich jegliche Orientierung, bis zuletzt alles "in eine einzige weiße Finsterniß gehüllt" (216) ist. Bergkristall steht damit kongenial neben den beiden anderen großen Katastrophenschilderungen, dem Eisbruch im Margarita-Kapitel der Erzählung Die Mappe meines Urgroßvaters aus den Studien (1847) sowie den postum im April 1868 veröffentlichten Aufzeichnungen Aus dem bairischen Walde, in denen Stifter von einem 72 Stunden währenden ununterbrochenen Schneefall berichtet, dessen Augenzeuge er im November 1866 im niederbayerischen Lackenhäuser geworden war.

Dennoch handelt es sich keineswegs um eine reine Konfrontation zwischen Mensch und Natur, die sich - wie andernorts bei Stifter auch - menschlichen Schicksalen gegenüber weder als 'feindlich' noch 'freundlich' sondern trotz aller zerstörerischer Energie schlicht indifferent erweist; vielmehr spielen auf subtile, weil eher versteckte Weise auch soziale Konstellationen und Rivalitäten eine entscheidende Rolle. So thematisiert Stifter am Beispiel der aus dem "stattlichen Marktfleken Millsdorf" (192) stammenden Schustersgattin und Mutter der beiden Kinder das Motiv von Ausgrenzung und Fremdheit, werden Konrad und Susanna doch erst nach ihrer Bergung aus Lebensgefahr zum "Eigentum des Dorfes" - eine durchaus ambivalente Formulierung - und "von nun an nicht mehr als Auswärtige sondern als Eingeborne betrachtet" (239) und akzeptiert. Dass Stifter die dörfliche Gemeinschaft keineswegs idyllisiert oder idealisiert, sondern deren soziale Mechanismen durchaus kritisch betrachtet , machen vor allem auch die einleitenden Passagen deutlich, in denen die Bewohner Gschaids die Zeichen der Natur, die den bevorstehenden Wetterumbruch erkennen bzw. spüren lassen, übersehen oder unzutreffend zu deuten vermögen. Dies mag erklären, warum Stifter - trotz des pädagogischen Impetus seiner Bunten Steine - seinem Verleger Gustav Heckenast (1811-1878) gegenüber in einem Brief vom 22. April 1850 diese Erzählung ausdrücklich als "keine Kinder- sondern eine Jugendschrift" deklariert hat.

Bergkristall, zu dem Stifter 1845 anlässlich eines Sommeraufenthalts bei Friedrich Simony (1813-1896) in Hallstatt angeregt wurde, zählt bis heute zu seinen erfolgreichsten Werken. Bereits zu seinen Lebzeiten erschien - nunmehr unter dem Titel Der Weihnachtsabend - 1864 bei Heckenast in Pest ein nach Zeichnungen von J. M. Kaiser illustrierter Einzeldruck, dem bis heute zahlreiche weitere separate Ausgaben folgten. Von der immensen Popularität dieser Erzählung und ihrem dramatischen sowie dramaturgischen Potenzial zeugen insbesondere auch die Verfilmungen des Stoffes, zunächst - mit freilich anderen Schwerpunkten - durch Harald Reinl (1949), sodann für das österreichische Fernsehen unter dem Titel Bergkristall - verirrt im Schnee unter der Regie von Maurizio Zaccaro (1999), sowie zuletzt durch Joseph Vilsmaier (2004).

Johannes John

 

Bergkristall. In: Adalbert Stifter: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Im Auftrag der Kommission für Neuere deutsche Literatur der Bayerischen Akademie der Wissenschaften hg. von Alfred Doppler und Wolfgang Frühwald, seit 2000 Hartmut Laufhütte (= HKG), Bd. 2,2 (Bunte Steine. Buchfassungen. Hg. von Helmut Bergner), Stuttgart u. a. 1982, 181-240 (= Referenzausgabe). - Der heilige Abend. In: HKG, Bd. 2,1 (Bunte Steine. Journalfassungen. Hg. von Helmut Bergner), Stuttgart u. a. 1982, 135-175. - Der heilige Abend. In: Die Gegenwart. Politisch-literarisches Tageblatt [Wien] 1 (1845), Nr. 67 (20. Dezember), Nr. 68 (22. Dezember), Nr. 69 (23. Dezember), Nr. 69 (29. Dezember). - Bergkristall. In: Bunte Steine. Eine Festgeschenk von Adalbert Stifter. 2 Bde. Bd. 2, Pest 1853, 3-92. - Der Weihnachtsabend. Mit Illustrationen nach Zeichnungen von J. M. Kaiser. Einzel-Abdruck der Erzählung Bergkrystall aus seinem Werke: Bunte Steine. Pest 1864. -

Beckmann, Martin: Das ästhetische Erfahrungsverhältnis in Adalbert Stifters Erzählung Bergkristall. In: literatur für leser 1 (1994), 37-51. - Begemann, Christian: Die Welt der Zeichen. Stifter-Lektüren. Stuttgart, Weimar 1995, bes. 292-322. - Hettche, Walter: Kommentar und Apparat zu Bergkristall. In: HKG, Bd. 2,4 (Bunte Steine. Ein Festgeschenk. Apparat und Kommentar. Teil II. Stuttgart u. a. 1995), 9-81. - John, Johannes: Nachwort zu Adalbert Stifter: Bergkristall. Stuttgart 2007, 91-99. - Küpper, Peter: Literatur und Langeweile. Zur Lektüre Stifters. In: Adalbert Stifter. Studien und Interpretationen. Gedenkschrift zum 100. Todestage. Hg. von Lothar Stiehm. Heidelberg 1968, 171-188. - Mayer, Mathias: Adalbert Stifter. Erzählen als Erkennen. Stuttgart 2001, 135-140. - Schmidt, Hugo: Eishöhle und Steinhäuschen. Zur Weihnachtssymbolik in Stifters Bergkristall. In: Monatshefte für Deutschen Unterricht, Deutsche Sprache und Literatur 56 (1964), 321-335. - Schwarz, Egon: Zur Stilistik von Stifters Bergkristall. In: Neophilologicus 38 (1954), 260-268. - Sinka, Margrit-M.: Unappreciated Symbol. The Unglückssäule in Stifter‘s Bergkristall. In: Modern Austrian Literature 16 (1983), 1-17. - Swales, Martin: Historizität, Modernität, Postmodernität. Überlegungen zur Bedeutung von Stifters Prosa mit Bezug auf eine Textstelle in Bergkristall. In: Stifter und Stifterforschung im 21. Jahrhundert. Biographie - Wissenschaft - Poetik. Hg. von Alfred Doppler u. a. Tübingen 2007, 227-233. - Wells, Lawrence D.: Adalbert Stifters Bergkristall. In: Vierteljahresschrift des Adalbert-Stifter-Instituts 19 (1970), H. 3/4, 141-147.