Hallstatt

© Ansichtskartensammlung Stift St. Florian

Hallstatt ist heute eine kleine Marktgemeinde mit weniger als 1.000 Einwohnern in der Region des inneren Salzkammerguts im Süden Oberösterreichs auf 508 m Seehöhe.

Die Siedlung mit ihren dicht gedrängten und zum Teil in den Berg gebauten Häusern liegt auf einem Schwemmkegel am Westufer des Hallstättersees, eingekesselt von hohen Bergen. Das bewohnbare Gebiet zwischen See und steil in die Höhe schießendem Salzberg ist nur sehr schmal; dem Wachstum des Ortes sind enge Grenzen gesetzt. Zu Hallstatt gehören zwar auch der am Südufer des Sees liegende Ortsteil Lahn, wo sich heute die Bundesfachschule für Holzverarbeitung befindet, und das Echerntal, mit dem vom Dachsteingletscher gespeisten Wasserfall, dem Waldbachstrub. Aber auch das Tal "wird hinter den letzten Häusern enger und schließlich zum klaffenden Riß, der zwischen lotrechten Felswänden endet. Kein Durchgang. Übermächtig steigen die Berge aus dem Wasser. Kein Platz. Nirgendwo ebene, ruhige Flächen" (Ransmayr 1999, 64), bemerkt der oberösterreichische Autor Christoph Ransmayr in seiner für das Reisejournal Merian geschriebenen Hallstattreportage Die ersten Jahre der Ewigkeit (1988). Der notorische Platzmangel betrifft sogar die Toten, erzählt Ransmayr. Der Friedhof ist "nur eine gemauerte Terrasse, ein steinernes, mit Lehmerde gefülltes Nest im Schatten der katholischen Pfarrkirche"; dahinter "der vergitterte Torbogen eines Tonnengewölbes, in dem gesäubert und gestapelt ungezählte Schienbeine, Hüft- und Armknochen und eintausenddreihundert Totenschädel liegen - der Karner" (ebd., 64). Ein eigens engagierter Totengräber muss die Toten nach etwa zehn Jahren wieder ausgraben, um Platz zu schaffen, "ihre Gebeine am Friedhofsbrunnen säubern und sie schließlich in den Karner schlichten" (ebd., 65); auf Wunsch werden manche Schädel in der Sonne gebleicht, beschriftet und mit Malereien verziert.

"Hier fließt das Leben nicht sonnenleicht dahin", verrät der Klappentext von Karl August Stögers Roman Die Reise nach Hallstatt (1952), in dem ein junges Mädchen aus der Großstadt zur "Heimatscholle" seiner Mutter, in "das einsame Bergdorf" mit dem "kargen Felsboden", zurückfindet. Hallstatt liegt an einem denkbar ungünstigen Platz: Die Bewohner waren seit jeher durch Überschwemmungen, Felsstürze und Murenabgänge bedroht, außerdem durch Armut und Versorgungsengpässe, da der schmale Uferstreifen zwischen Berg und See Landwirtschaft und Viehzucht unmöglich macht. Auch heute noch, weiß der in Bad Aussee wohnende Autor Alfred Komarek (geb. 1945), ist es in Hallstatt "verdammt schwierig, den Lebensunterhalt zu verdienen. Ein paar Arbeitsplätze im Bergwerk, in der Fischerei und in der Holzfachschule. Eine viel zu kurze Sommersaison für den Fremdenverkehr." (Komarek 2005, 19) Warum man sich dennoch dort angesiedelt hat, liegt an den reichen Salzvorkommen - der keltische Wortstamm "hal" für Salz gab dem Ort seinen Namen. Auf der sogenannten "Dammwiese" am Salzberg hat man ab Mitte des 19. Jh. Reste einer prähistorischen Siedlung und ein gewaltiges Gräberfeld entdeckt. In seiner Hallstattwanderung mit dem Totengräber Friedrich Valentin Idam streift Ransmayr auch die historischen Stätten: "Keltische Bergleute haben in der dünnen Krume dieser Almwiese ihre Toten und die Zeichen einer mit dem Salzabbau verbundenen Kultur begraben, deren Anfänge sich im Grau der Steinzeit verlieren." (Ransmayr 1999, 70)Die spektakulären Funde machten Hallstatt berühmt. "Zwischen dem 9. und 4. Jahrhundert vor Beginn der abendländischen Zeitrechnung hatten die Salzbergleute ihre Kultur zu einer so wunderbaren Blüte gebracht, daß die Forscher und Ausgräber der Neuzeit eine ganze Epoche, das Zeitalter des Übergangs von der Bronze- zur Eisenzeit Europas nach diesem engen Tal, dem Ort ihrer reichen Funde, getauft hatten: die Hallstattzeit." (ebd.)

Auch Komarek beschäftigt sich in seinem Roman Die Schattenuhr (2005) mit dem prähistorischen Salzabbau. Sein Held, ein arbeitsloser sinnsuchender Intellektueller namens Daniel Käfer, erhält eine ominöse "Schatzkarte", auf der die Fundstelle eines zweiten "Mannes im Salz" eingezeichnet ist - der erste wurde 1734 in einem Stollen entdeckt, damals aber sofort beerdigt. Im Gegensatz zum "vorgeschichtlichen" Roman Die Bergmänner der Hallstattzeit (1978) des Heimatforschers Mathias Kirchschlager oder dem historischen Schauspiel Der letzte Salzfertiger (1931) des Naturforschers Friedrich Morton, erzählen Ransmayr und Komarek von der gegenwärtigen Situation und von heutigen Personen und Orten, wie etwa dem Terrassencafé Polreich, dem Lokal von Ruth Zimmermann am Marktplatz oder dem Bräugasthof und seinem Besitzer Arnold Lobisser. Beide Autoren rezipieren nicht postmodern zitierend, sondern historisch berichtend Schriftsteller des 19. Jh., besonders Adalbert Stifter. Berühmt ist dessen Erzählung Bergkristall (1845 als Der heilige Abend), in welcher sich zwei Kinder am Weihnachtsabend im Schneesturm im Gebirge verirren und die Nacht in einer Eishöhle verbringen. Inspiriert wurde Stifter zu der Geschichte auf einem Spaziergang mit seinem Freund, dem Dachsteinforscher  Friedrich Simony (1813-1896; er gilt als Vorbild für die Figur Heinrich Drendorf in Der Nachsommer, 1857) zum Waldbachstrub im Echerntal. Sie begegneten dort zwei Kindern, die in den Bergen von einem heftigen Gewitter überrascht wurden. Simony erzählte daraufhin von seiner ersten winterlichen Besteigung des Karls-Eisfeldes und von einer gewaltigen Eishöhle unter dem Dachsteingletscher. Stifter habe sich dann "das Kinderpaar von gestern in diesen blauen Eisdom versetzt gedacht" (zit. nach Fischer 1962, 152), erinnert sich Simony 1871 in einem Brief an Emil Kuh. Heute kann man auf dem "Themenweg Echerntal" den Spuren von Malern und Literaten wie Stifter zu den Naturwundern folgen.

Mit dem Aufkeimen des aufklärerischen Forschungsdrangs in der zweiten Hälfte des 18. Jh. wurde Hallstatt zum beliebten Reiseziel für Alpinisten, Forscher, Abenteurer und Romantiker. Sie wurden angelockt vom majestätischen Dachstein, vom Salz, das als bedeutendes Handelsgut der Monarchie in "Salzkriegen" immer wieder verteidigt werden musste, von den sensationellen archäologischen Funden, aber auch von der mystisch-düsteren Landschaft, den wilden Wasserfällen, der extremen Abgeschiedenheit und Bizarrheit des Ortes. "So sonderbar, wie Hallstatt gelegen ist, hatte ich bisher noch keinen Ort gesehen", notiert der Reiseschriftsteller und Sekretär Erzherzog Johanns (1782-1859), Franz Sartori (1782-1832), in seinen Erinnerungen Die österreichische Schweiz; oder mahlerische Schilderung des Salzkammergutes in Oesterreich ob der Ens (1813). "Die Häuser schienen aufeinander zu sitzen, so wie sie an das schräge und schmale Ufer hingebaut sind, an welchem sie wie Schwalbennester kleben, und sich im grünen Email des Sees spiegeln." Der Arzt, Naturforscher und Reiseschriftsteller Joseph August Schultes (1773-1831) hält in seinen umfangreichen Aufzeichnungen Reise durch Oberösterreich (1809) Hallstatt für fremdländisch: "An einigen Stellen ist kein anderer Weg in Hallstatt, als über eine Art von Brücke, die über die Dächer der Häuser gespannt ist. Das sieht dann wirklich sehr bizarr aus und wirkt zuweilen ächt chinesisch. So wird es Sie nicht befremden, wenn ich Ihnen sage, daß Pferde hier eine eben so große Seltenheit als zu Venedig sind." Wie auf Forschungsreisen in exotisch-wilde Länder erkundeten gelehrte Adelige und Bürger die noch unbekannten Regionen der nordischen Alpen: Sie sammelten Mineralien, Pflanzen und interessante Gegenstände; beschrieben in ihren Reiseschilderungen akribisch genau die Merkmale dieser Landschaft, ihre Berge, Flüsse, Seen und Siedlungen; beobachteten die Lebensbedingungen, Arbeitsgepflogenheiten, Gerätschaften und Festbräuche ihrer Bewohner; erfassten positivistisch penibel statistische Daten und verfertigten veranschaulichende Zeichnungen und Gemälde. In geistiger Gefolgschaft des aufklärerischen Erzherzog Johann, der Hallstatt mehrere Male besuchte, um mit seinem schreibenden Begleiter Franz Joachim Ritter von Kleyle den Dachstein zu besteigen, und dem berühmtesten Weltreisenden, Alexander von Humboldt (1769-1859), der dem Ort das Prädikat "schönster Seeort der Welt" verlieh, liefern die Reiseschilderungen von Josef August Schultes, die Erinnerungen von Franz Satori, Karl Ignaz Lindner, Johann Steiner oder Matthias Koch auch heutigen Lesern ein exaktes Bild von Hallstatt, der Landschaft, den Bewohnern und von der Geschichte des Salzabbaus.

Diesen Reisepionieren folgend wird es ab Mitte des 19. Jh. auch für Maler und Schriftsteller en vogue, im Salzkammergut Sommerfrische zu machen und ausgerüstet mit Reiseführern wie etwa Weidmanns Der Führer nach, und um Ischl (1834) oder Baedekers Deutschland und das österreichische Oberitalien (1856) Ausflüge nach Hallstatt zu unternehmen. Nikolaus Lenau (1802-1850) kam mehrere Male nach "Hallstatt, wo der melancholische Bergsee und der schaurige Kirchhof ist" (Lenau 1989ff., Bd. 5/1, 277). In seinen Briefen sind die Ausflüge zum Waldbachstrub belegt, dem er im Gedicht See und Wasserfall (1841) ein kleines Denkmal setzte. Der norddeutsche Schriftsteller Wilhelm Raabe (1831-1910) besuchte Hallstatt auf seiner "Bildungsreise" 1859. Seine ironische Erzählung Keltische Knochen, in der sich Forscher über die ethnische Herkunft der prähistorischen Funde streiten, vermittelt von Hallstatt einen lustig-kuriosen Eindruck: "Nirgends in der Welt vielleicht gibt es so viele Treppen auf so engem Raume als hier. [...] In keiner Stadt der Erde muß es so gefährlich sein einen Rausch zu trinken wie hier. [...] Treppen, Treppen, Treppen! Hinauf, hinunter, hinauf!" (Raabe 1962, 207f. ) Die Überfahrt von Steeg nach Hallstatt lässt Raabe jedoch an Vergils Inferno denken, denn "das Wasser des Sees war schwarz; schwarz waren die steilrechten Felsen, die sich im schwarzen Gewölk verloren" (ebd., 204). Man findet sich plötzlich, warnt schon Josef August Schultes seine Leser, "eingeschlossen in einem Thalkessel von ungeheuren Felsenwänden, die viele hundert Klafter hoch senkrecht herabfahren in den schwarzen See, der das Thal erfüllt". Bei Sonnenschein strahlt der See "in seiner schwarzen Pracht" eine ungeheure Ruhe aus: "Er warf nicht eine einzige Welle, und die Throne um ihn ruhten tief und sonnenhell und einsam in seinem feuchten Grün - und ein Schiffchen glitt heran, einen schimmernden Streifen ziehend" (Stifter 1978, 146), schreibt Stifter in dem Text Baldrian (1834), einem seiner frühen literarischen Versuche aus dem Sammelband Feldblumen. Sonnenschein ist in Hallstatt jedoch selten, und das nicht nur, weil die Sonne den Ort zwei Monate im Jahr gar nicht erreicht. Allen literarischen Beschreibungen ist eines gemeinsam: der dauerhafte Regen. "Festgeregnet" (Raabe 1962, 201), beginnt Raabes Erzählung, in der die Protagonisten immer wieder ihre durchnässten Kleider wechseln müssen. Lenau wird auf seinem Ausflug mit der Opernsängerin Karoline Unger in Hallstatt "vom Regen festgehalten" (Lenau 1989, Bd. 6/1, 81). Stifter habe, erinnert sich Simony, "trotz des Regens sogleich einen Spaziergang in das Echerntal unternommen" (zit. nach Fischer 1962, 148). Peter Altenberg notiert in Was der Tag mir zuträgt (1901): "In Hallstatt regnete, regnete, regnete es. Die Wolken flossen zu einem Nebelmeere auseinander." Und selbst Christoph Ransmayr steigt "im besänftigenden Rauschen des Regens" (Ransmayr 1999, 63) auf den Salzberg.

Aufgrund der engen räumlichen Verhältnisse hat sich am Erscheinungsbild des Ortes "im Gegensatze zu dem hyperzivilisierten Ischl", wie die Grazer Zeitung am 8. Oktober 1892 schreibt, im Verlauf der Jahrhunderte nur wenig verändert. Die literarischen Beschreibungen wiederholen deshalb in Varianten die immergleichen Merkmale von Hallstatt: die ungewöhnliche Geschichte des eigenartig gelegenen kleinen Ortes, die schaurig-schöne Stimmung oder den ewigen Regen. Auf Alfred Komarek wirkt der Ort deshalb "wie ein archaischer Klotz im Strom der Zeit [...]. Daranänderteauch die flüchtige Neugier der vielen Fremden nichts." (Komarek 2005, 17) Hallstatt passt sich nicht an die Gäste an, sondern, wie Peter Altenberg meint: "Dieser Ort zwingt die Curgäste, sich auf ihn zu stimmen. Sie organisieren sich, werden Hallstätter, See-Anwohner, Primitive! Gar nichts Gekünsteltes ist dabei wie an anderen Orten." Das macht jedoch, wie sich in den literarischen Beschreibungen zeigt, den besonderen Charme von Hallstatt aus.

Katharina Pektor

 

Baedeker, Karl: Oesterreich und Ungarn. Handbuch für Reisende. Coblenz 1873. - Ders.: Deutschland und das österreichische Oberitalien. Coblenz 1859. - Fischer, Kurt Gerhard (Hg.): Adalbert Stifters Leben und Werk in Briefen und Dokumenten. Frankfurt/Main 1962, 147-152. - Grill, Evelyn: Wilma. Frankfurt/Main 1994. - Kirchschlager, Mathias: Die Bergmänner der Hallstattzeit. Wels 1978. - Kleyle, Franz Joachim: Rückerinnerungen an eine Reise in Oesterreich und Steyermark im Jahre 1810. Wien 1814. - Koch, Matthias: Reise in Oberösterreich und Salzburg auf der Route von Linz nach Salzburg, Fusch, Gastein und Ischl. Wien 1846. -  Komarek, Alfred: Die Schattenuhr. Innsbruck u. a. 2005. - Lehr, Rudolf: Der Kampf um den Dachstein. Die Geschichte seiner Eroberung. Linz 1971. - Ders.: Hallstatt. Geschichte und Gegenwart. Linz 1979. - Ders.: Friedrich Simony. Leben für den Dachstein. Hallstatt 1996. - Lenau, Nikolaus: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Hg. von Helmut Brandt u. a. Wien 1989ff. - Lindner, Ignaz Karl: Das kaiserliche königliche oberösterreichische und steiermärkische Salzkammergut mit den Umgebungen. Wels 1819. - Mayrhofer, Gerhard: Die Fremdenverkehrsgeschichte von Hallstatt. Diss. Universität Salzburg 2003. - Morton, Friedrich: Hallstatt. Die letzen einhundertfünfzig Jahre des Bergmannsortes. Hallstatt 1954.  - Pfarl, Wolfgang: Das Salzkammergut. Wien, München 1975. - Raabe, Wilhelm: Keltische Knochen. In: Ders.: Sämtliche Werke. Hg. von Karl Hoppe. Bd. 9/1 (Erzählungen). Göttingen 1962. - Ransmayr, Christoph: Die ersten Jahre der Ewigkeit. Der Totengräber von Hallstatt. In: Ders.: Der Weg nach Surabaya. Reportagen und kleine Prosa. Frankfurt/Main 1999, 63-74. - Sartori, Franz: Die österreichische Schweiz; oder mahlerische Schilderung des Salzkammergutes in Oesterreich ob der Ens. Wien 1813. - Schultes, Josef August: Reisen durch Oberösterreich in den Jahren 1794, 1795, 1802, 1803, 1804 und 1808. Tübingen 1809. - Steiner, Johann: Der Reisegefährte durch die Oesterreichische Schweitz das ob der ennsische Salzkammergut. Linz 1820. - Stifter, Adalbert: Feldblumen. In: Ders.: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Hg. von Alfred Doppler und Wolfgang Frühwald. Bd. 1/1 (Studien. Hg. von Helmut Bergner und Ulrich Dittmann). Stuttgart u. a. 1978. - Ders.: Bergkristall. Furth im Wald 2002. - Ders.: Der Nachsommer. Frankfurt/Main 2005. - Stöger, Karl August: Die Reise nach Hallstatt. Linz 1952. - Urstöger, Hans Jörg: Hallstatt-Chronik. Hallstatt 1994.