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Brigitte Schwaiger

© Simon Marc

Pseudonym: Eva Quidenius; geb. 6.4.1949 in Freistadt (OÖ), gest. 26.7.2010 in Wien.
Mit dem Romandebüt Wie kommt das Salz ins Meer gelang ihr 1977 ein Bestseller, an dessen Erfolg sie mit ihren späteren, ebenfalls um Liebe und Beziehungskriege kreisenden Erzählungen und Romanen nicht anschließen konnte.

Schwaiger studierte Germanistik, Psychologie und Romanistik an der Universität Wien, brach 1968 das Studium ab, um einen spanischen Offizier zu heiraten, dem sie nach Madrid und Mallorca folgte. Nach vierjähriger Ehe erfolgte die Scheidung, Schwaiger kehrte nach Österreich zurück und begann eine Ausbildung an der Pädagogischen Akademie in Linz. Sie trat als Schauspielerin in Kellertheatern auf und arbeitete u. a. als Regieassistentin beim ORF, als Verlagslektorin und als Sekretärin. Ab 1975 war sie als freie Autorin tätig. Schwaiger veröffentlichte Gedichte und Kurzprosa in Literaturzeitschriften, verfasste Hörspiele und Theatertexte und war in den späten 1970er und frühen 80er Jahren Österreichs wohl prominenteste Autorin. Sie lebte in Wien.

Schwaigers Erstlingsroman Wie kommt das Salz ins Meer sprengte in kürzester Zeit den merkantilen Rahmen schöngeistiger Literatur, bereits für das erste Verkaufsjahr wurde eine Zahl von 150.000 Exemplaren kolportiert. Das Buch erzählt die Geschichte einer patriarchalisch geprägten bürgerlichen Kleinstadt-Ehe. Eine namenlose Ich-Erzählerin heiratet einen Mann, den sie eigentlich nicht mehr heiraten will. Ihre Familie - ihr Vater ist Arzt - ist von dem tüchtigen Doktor und Diplomingenieur Rolf mehr angetan als sie selbst. Nur halbherzig wehrt sie sich gegen die Bevormundung durch ihren Gatten, schließlich beginnt sie ein Verhältnis mit einem seiner Freunde, wird schwanger und lässt das Kind durch den Kindesvater Albert, einen Arzt, abtreiben. Auf ihren Wunsch und aus ihrem Verschulden wird die Ehe geschieden, und sie kehrt in ihr Elternhaus zurück.
Wie kommt das Salz ins Meer wurde von der Kritik einerseits überwiegend positiv beurteilt, andererseits als leicht konsumierbare Massenware im Geiste eines wehleidig-sentimentalen Feminismus rezipiert, wobei man vielfach übersah, dass sich die Erzählhaltung in ihrem sprachkritischen Impetus und ihrer ironisch verkleideten Naivität aggressiv gegen die beschriebenen gesellschaftlichen Zustände wandte: "Und Vater gibt Mutter Sicherheit, Rolf gibt sie mir, Albert gibt Hilde Sicherheit [...]". (Schwaiger 1977, 109) Schwaiger wurde zum Liebling der Illustrierten und TV-Talk-Shows. In Freistadt und Umgebung las man das an der Grenze zur ehemaligen Tschechoslowakei angesiedelte Buch als Schlüsselroman über die stadtbekannte Familie des Arztes Dr. Schwaiger, die Skandalwirkung strahlte auf Oberösterreich aus. In ihrem 2006 erschienenen Roman Ich suchte das Leben und fand nur dich stellte die Autorin in einer furiosen Abrechnung klar, dass sie in ihrem Erstling in Wahrheit eine von der Realität - ihrer Ehe mit einem despotischen Spanier - bloß inspirierte, fiktive Geschichte erzählt hatte.

Ihr zweites Buch, der Erzählband Mein spanisches Dorf (1978), in dem Schwaiger sich auf wiederum humorvolle Weise mit ihrer Kindheit im Mühlviertel auseinandersetzt, rief bereits deutlich gedämpfte Reaktionen hervor. Der tiefe Fall des vom (männlichen) Literaturbetrieb hochgejubelten Wunderkindes warf seine Schatten voraus. In Lange Abwesenheit (1980) schilderte Schwaiger nach dem Tod ihres Vaters, mit unverhohlen autobiografischem Hintergrund, die konfliktbeladene Beziehung zwischen einer Frau und ihrem von seiner Nazi-Vergangenheit geprägten Vater einerseits und ihrem jüdischen Liebhaber andererseits. Ihre weiteren Romane wie Der Himmel ist süß (1984) oder Tränen beleben den Staub (1991) wurden von der Literaturkritik nicht mehr wahrgenommen. Zugleich tauchten erste psychische Probleme auf, die im Laufe der Jahre immer stärker wurden. Erst mit ihren beklemmend offenherzigen Berichten über ihre Erfahrung als Borderline-Patientin etwa im psychiatrischen Krankenhaus Am Steinhof, die in loser Folge in der Tageszeitung Die Presse erschienen, wurde Schwaiger als Autorin wieder bemerkt und ernst genommen. Die Texte wurden 2006 unter dem Titel Fallen lassen als Buch publiziert. Nach mehreren Selbstmordversuchen äußerte sich Schwaiger wiederholt öffentlich zum Thema Suizid. Im Juli 2010 fand man ihren Leichnam in der Neuen Donau in Wien.

Schwaiger erhielt 1974 das Staatsstipendium des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur, 1976 die Kulturförderungsprämie des Landes Oberösterreich und 1984 den Kulturpreis des Landes Oberösterreich für Literatur.

Daniela Strigl

 

Wie kommt das Salz ins Meer. Wien 1977 [Neuaufl. 2007]. - Mein spanisches Dorf. Prosa. Wien 1978. - Lange Abwesenheit. Wien 1980. - Der Himmel ist süß. Eine Beichte. Hamburg 1984. - Mit einem möcht' ich leben. Gedichte. München 1987. - Tränen beleben den Staub. 1991 - Jaro heißt Frühling. Geschichten vom Fremdsein. München 1994. - Ich suchte das Leben und fand nur dich. München 2000. - Fallen lassen. Wien 2006. - Die Galizianerin. Lange Abwesenheit. Malstunde. Wien 2007 [Neuaufl.]. - Wenn Gott tot ist. Wien 2012.

Bagley, Petra M.: The Death of a Father: The Start of a Story. Bereavement in Elisabeth Plessen, Brigitte Schwaiger and Jutta Schutting. New German Studies 16 (1990), 21-38. - De Vin, Daniel: Schreibstunden. Brigitte Schwaiger im Gespräch, in: Germanistische Mitteilungen (Brüssel) 1983, 27-50. - Kecht, Maria-Regina: Resisting silence. Brigitte Schwaiger and Elisabeth Reichart. Attempt to Confront the Past. In: Elaine Martin (Ed.): Gender, Patriarchy, and Fascism in the Third Reich. Detroit 1993, 244-273. - Lahann, Birgit: Heillose Traurigkeit. Porträt: Brigitte Schwaiger. In: Süddeutsche Zeitung, 1.11.2008. - Spooren, Dagmar: Unbequeme Töchter, entthronte Patriarchen. Deutschsprachige Bücher über Väter von Autorinnen. Wiesbaden 2001. -Strigl, Daniela: Brigitte Schwaiger: Wie kommt das Salz ins Meer (1977).Rückblick auf ein Fräuleinwunder - cum grano salis. In: Klaus Kastberger und Kurt Neumann (Hg.): Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945. Erste Lieferung. Wien 2007, 249-258.