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Carl Hans Watzinger

© Adalbert-Stifter-Institut / StifterHaus

Geb. 7. 9. 1908 in Steyr; gest. 27. 9. 1994 in Linz.
Der vom NS-Regime begeisterte und damit begünstigte Autor konnte sich auch nach 1945 im Literatur- und Kulturbetrieb etablieren.

Zur Mitte der 1920er-Jahre, gegen Ende seiner Schulausbildung, unternahm Watzinger erste schriftstellerische Versuche, die er als technischer Angestellter bei den Steyr-Werken (ab 1927) und, 1930 arbeitslos geworden, als Aushilfskraft im Gemeindedienst fortsetzte. Zum nachweislichen Frühwerk gehören mehrere Bühnenstücke, darunter Martin. Schauspiel aus dem Dorfe in fünf Akten sowie ein Drama um den Lutheraner Leonhard Kaiser, der 1527 in Schärding als "Ketzer" auf dem Scheiterhaufen endete.
Seit 1936 weilte Watzinger in Jena, wo er auch Theaterwissenschaften studierte. Er knüpfte Kontakte zum Diederichs- sowie dem Leipziger Adam-Kraft-Verlag, bei denen seine wichtigsten und erfolgreichsten Erzählungen bzw. Romane vor 1945 erscheinen sollten. Im heimatlich-bäuerlichen Milieu verankert, huldigen sie der zeitgenössischen Agrarromantik, sprachlich, motivisch und weltanschaulich schlagen sie eine Brücke zur nationalsozialistischen "Blut-und-Boden"-Ideologie (Spiel in St. Agathen, 1937; Die Bauernhochzeit, 1942). Vitalistisch-rassenbiologischen Vorstellungen entsprechend stilisiert Watzinger das Bauerntum zum Bewahrer und Erneuerer der "Volkskraft" (z. B. Die Heimkehr aus der Stadt, 1940). Stofflich werden auch Episoden aus dem oberösterreichischen Bauernkrieg instrumentalisiert (Die Pfandherrschaft, 1938; Der Ruf des Dolches, 1943). Darüber hinaus beschäftigte Watzinger sich intensiv mit Martin Luther und der Reformation, was sich in den Romanbiografien Wachet auf und rühmet! (1937) sowie Mensch aus Gottes Hand (1938) niederschlug.

Nach dem "Anschluss" im März 1938 kehrte Watzinger, der Anfang Juni 1933 der NSDAP beigetreten war, nach Oberösterreich zurück und ließ sich in Linz nieder. Beruflich fasste er Fuß als Journalist bei den Zeitungen Tages-Post und Volksstimme, schließlich kam er beim Reichsnährstand unter, wo er für den Rundfunk, später in der Schriftleitung der Bauern-Zeitung tätig war. Im Linzer Gauamt für Agrarpolitik übte er die Funktion des Gauhauptstellenleiters aus. Er gehörte zu jenen Schriftstellern, die den Machtwechsel im Lande begrüßten (vgl. Bekenntnisbuch österreichischer Dichter) und von der NS-Kulturpolitik begünstigt wurden. 1940 inszenierte das Landestheater sein Knecht-Martin-Stück mit Heinrich Ortmayr in der Hauptrolle, im März 1941 wirkte Watzinger bei der "Ersten Dichterwoche des Reichsgaues Oberdonau" mit und erhielt zur Verleihung des "Gaukulturpreises" an Richard Billinger einen Anerkennungspreis. Publizistisch wie literarisch vertrat Watzinger Positionen des NS-Regimes und warb für dessen Weltanschauung, beispielsweise mit einem Artikel zum 50. "Führer"-Geburtstag in der Tages-Post (Adolf Hitler, der Schöpfer des Großdeutschen Reiches, 19.4.1939), im Erzählband Das gute Jahr (1941) oder in der Novelle Anselm aus dem Linzer Literaturjahrbuch Stillere Heimat(1942).  

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt Watzinger als politisch belasteter Autor. 1945 wurde ein dreijähriges Berufsverbot über ihn verhängt, seine Bücher verschwanden vom Markt. Er arbeitete zunächst als Vortragender für Theater- und Literaturwissenschaft an einer privaten Schauspielschule sowie als Filmdramaturg. Daneben behielt er aber seine schriftstellerische Zukunft im Blick und vernetzte sich erneut im wieder auflebenden heimischen Literaturbetrieb. Bereits 1947 reüssierte er unter dem Pseudonym G. v. Mindern mit dem Roman Herrenwald. Ab 1951 lebte er als freier Schriftsteller und entfaltete in den folgenden Jahrzehnten eine reiche Produktivität als Erzähler, Lyriker, Dramatiker, Hörspielautor, Essayist, Kritiker, Journalist und Sachbuchautor. Regelmäßig belieferte er Zeitungen (u. a. Mühlviertler Nachrichten, Neues Volksblatt, Oberösterreichisches Tagblatt, Oberösterreichische Nachrichten), aber auch Zeitschriften (z. B. Oberösterreichische Heimatblätter), Anthologien und Literaturjahrbücher wie jene der Innviertler Künstlergilde oder der Stadt Linz (Facetten) mit Beiträgen, darunter Kultur- und Heimatgeschichtliches, Kurzgeschichten oder Unterhaltungsliteratur.  

Schwerpunkte innerhalb seines mit Oberösterreich verbundenen Schaffens nach 1945 bilden Hörspiele, darunter zu Josef Werndl (Der Kaiser von Steyr, 1949) und Andreas Reischek (Der weiße Häuptling, 1950), weiters (Fest-)Spiele zu Ortsjubiläen (Die Ennser Chronik, 1968; Garstener Spiel, 1985) sowie Stücke für Laienensemble wie das Subener Weihnachtsspiel, das im Dezember 1956 von der "Spielgruppe des Anhaltehauses für Arbeitshäftlinge" aufgeführt wurde, oder der Antikriegs-Einakter Hiroshima, 1981 dargeboten bei der 17. Alpenländischen Schriftstellerbegegnung in Kirchdorf an der Krems. Bemerkenswert ist Watzingers Auseinandersetzung mit dem Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter (1907-1943), wobei er die polarisierende Frage nach Pflichterfüllung oder Gewissensfreiheit mit der Debatte um den Präsenzdienst junger Männer verknüpfte und das gesellschaftliche Tabu hinsichtlich kollektiver Schuld und dem Versagen von Menschlichkeit berührte (Franz Jägerstätter oder Die Notwehr, 1970). Mehrere Publikationen widmete Watzinger seiner Geburtsstadt Steyr und mit ihr verbundenen Persönlichkeiten wie in Unsere Heimat ist Steyr (1980) Enrica von Handel-Mazzetti oder in Ich bleibe in der Eisenstadt (1965) dem Stahlschnittkünstler Michael Blümelhuber (1865-1936).

Watzinger gehörte der Innviertler Künstlergilde an und stand dem Linzer Autorenkreis vor. Er wurde 1962 zum Professor h. c. ernannt und mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft der Republik Österreich (1976), der Ehrenmedaille der Stadt Steyr (1978), der Medaille der Stadt Linz für Verdienste auf dem Gebiet Kultur und Kunst (1981) sowie dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Oberösterreich (1985).

Arnold Klaffenböck

 

Spiel in St. Agathen. Roman. Jena 1937. - Die Pfandherrschaft. Erzählung. Jena 1938. - Mensch aus Gottes Hand. Ein Luther-Roman. Karlsbad, Leipzig 1938 (Neuauflage Steyr 1984). - Oberdonau. Die Heimat des Führers.Graz 1938. - Rufe über Grenzen. Antlitz und Lebensraum der Grenz- und Auslandsdeutschen in ihrer Dichtung. Hg. von Heinz Kindermann. Berlin 1938. - Die Heimkehr aus der Stadt. Erzählung. Karlsbad, Leipzig 1940. - Klaus und die Seinen. Erzählung. Graz 1940. - Das gute Jahr. Drei Geschichten aus Oberdonau. Wien 1941. - Die Bauernhochzeit. Roman. Karlsbad, Leipzig 1942. - Der Bilderschnitzer von Kefermarkt. Erzählungen. Karlsbad, Leipzig 1943. - Herrenwald. Roman. Aichkirchen 1947. - Der Untergang des Christian Dietrich Grabbe. Schauspiel. Salzburg 1948. - Kaiser, Kurfürst, Herr und Bauer. Roman. Wien 1952. - Die Chronik des Vincent van Gogh. Wien/Stuttgart 1953 (2. Aufl. Wien 1970). - Der Glanz von innen. Erzählungen. Krems 1967. - Erdseele. Gedichte nach Skulpturen und Holzschnitten von Ernst Barlach. Ried im Innkreis o. J. [1973]. - Das Nikolospiel. Drei Erzählungen. Ried im Innkreis o. J. [1978]. - Steyr. Portrait einer 1000jährigen Stadt. Wien u.a. 1979 (zus. mit Franz Hubmann). - Unsere Heimat ist Steyr. 31 Biographien von Erfindern, Dichtern, Künstlern, Historikern und anderen großen Persönlichkeiten der Stadt Steyr. Steyr 1980.

Baur, Uwe; Gradwohl-Schlacher, Karin: Literatur in Österreich 1938-1945. Handbuch eines literarischen Systems. Bd. 3, Oberösterreich. Wien u. a. 2014, 410-416. - Ebner, Helga; Ebner, Jakob; Weißengruber, Rainer: Literatur in Linz. Eine Literaturgeschichte. Hg. vom Archiv der Stadt Linz. Linz 1991. - Enzinger, Moritz: Kleinste Literaturgeschichte Steyrs. In: Steyrer-Kalender 60 (1953), 105-113. - Gustenau, Michaela: Mit brauner Tinte. Nationalsozialistische Presse und ihre Journalisten in Oberösterreich (1933-1945). Linz 1992. - Heger, Roland: Der österreichische Roman des 20. Jahrhunderts. Zweiter Teil. Wien, Stuttgart 1971, 211. - Klaffenböck, Arnold: Literatur im Reichsgau Oberdonau 1938-1945. In: "Kulturhauptstadt des Führers". Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich. Hg. von Birgit Kirchmayr. Weitra 2008, 161-184. - Koch, Franz: Dichtung der Gegenwart im Gau Oberdonau. In: Stillere Heimat 5 (1944), 7-26. - Langer, Norbert: Die deutsche Dichtung seit dem Weltkrieg. Von Paul Ernst bis Hans Baumann. 2. erg. Aufl. Karlsbad 1941. - Lennartz, Franz: Die Dichter unserer Zeit. 275 Einzeldarstellungen zur deutschen Dichtung der Gegenwart. Stuttgart 1938. - Österreichische Literatur der dreißiger Jahre. Ideologische Verhältnisse, institutionelle Voraussetzungen, Fallstudien. Hg. von Klaus Amann und Albert Berger. 2. Aufl. Wien, Köln 1990. - Pock, Friedrich: Spielmann im Harnisch. Dichter und Kämpfer der Ostmark. Salzburg, Leipzig 1941.