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Codex Millenarius Maior

Der Evangelist Matthäus, Illustration aus dem Codex; © Stiftsbibliothek Kremsmünster

Evangeliar und karolingische Prachthandschrift, wohl um 800 in Mondsee entstanden, aufbewahrt im Stift Kremsmünster unter der Signatur: Codex Cremifanensis Cim.1.

Der Codex Millenarius, ein prächtig gestaltetes Evangeliar oder, genauer gesagt, ein Plenarium, da es den Text der vier Evangelien vollständig in lateinischer Übersetzung enthält, gehört neben dem Tassilo-Kelch und den Tassilo-Leuchtern zu den kostbaren Kunstwerken aus der Frühzeit des im Jahre 777 gegründeten Stiftes Kremsmünster. Die genannten Kunstwerke befinden sich neben anderen in der Schatzkammer des Stiftes und werden auch heute noch zu feierlichen Anlässen (Abtwahl, Abtweihe, Stiftertag am 11. Dezember) verwendet. Die Bezeichnung Codex Millenarius geht auf den päpstlichen Nuntius Giuseppe Garampi zurück, der anlässlich der Feier zum 1000-jährigen Bestehen des Stiftes 1777 beim Anblick des Codex ausgerufen haben soll: "Vere hicce millenarius codex est!" Das Begriffsattribut "maior" dient dazu, den Codex von einem weiteren Plenarium aus der zweiten Hälfte des 9. Jh. zu unterscheiden, welches sich ebenfalls im Stift Kremsmünster befindet (CC Cim. 2) und "Codex Millenarius Minor"genannt wird.

Die Handschrift ist seit dem frühen 11. Jh. in Kremsmünster nachweisbar, bezüglich ihres Entstehungsortes gab es mehrere Vorschläge: Der Versuch, sie dem Skriptorium von Kremsmünster zuzuschreiben (vgl. Neumüller/Holter 1959), blieb aufgrund des geringen und zu wenig aussagekräftigen Vergleichsmaterials offen, der Vorschlag für eine Entstehung in Regensburg fand keine Zustimmung (vgl. Bischoff 1980, 13-16). Demgegenüber weist eine Reihe von aussagekräftigen Merkmalen auf das Skriptorium von Mondsee hin: die Verwendung von Sexternen als Lagen, wie wir sie auch in anderen Mondseer Handschriften (Psalter von Montpellier, Mondseer Evangelienfragmente) finden (Mondsee Wiener Fragmente), der Text der Evangelien, der seinen nächsten Textverwandten in den Mondseer Evangelienfragmenten besitzt, der Buchschmuck, der innerhalb der Chronologie der Mondseer Handschriften um 800 einzureihen ist (vgl. Simader 1998, 206), die Textschrift, deren Unziale (Großbuchstabenschriftart) der in Mondsee gebrauchten Form entspricht und deren Minuskel (Kleinbuchstaben) auf den aufgeschlagenen Buchseiten der Evangelistenbilder mit Mondseer Handschriften des zweiten Jahrzehnts des 9. Jh. verwandt ist (vgl. Bischoff 1980, 28f.). Die Handschrift ist demnach ziemlich sicher in Mondsee entstanden, wohl um 800. Gegen die aufgrund der Minuskelschrift auf den Evangelistenbildern von Bischoff erwogene Datierung in das zweite Jahrzehnt des 9. Jh. sprechen sowohl das Alter des Buchschmucks als auch die Textform, da für letztere das Skriptorium zu dieser Zeit bereits auf Vorlagen der karolingischen Hofschule zu Aachen zurückgreift (vgl. Fischer 1991, 37).

Der ca. 30 mal 20 cm große, ursprünglich nur aus Pergamentblättern zusammengesetzte Buchblock der Handschrift besteht heute aus 330 Pergament- und 47 Papierblättern (eine genaue Beschreibung der Handschrift vgl. Fill 1984, 33-36). Die Papierblätter wurden Ende des 16. Jh. dem Codex hinzugefügt, bevor er um 1595 vom Welser Goldschmied Heinrich Vorrath seinen heutigen Renaissance-Prachteinband erhielt. Die Neubindung wurde notwendig, da der ursprüngliche Silbereinband um 1520 den Edelmetallablieferungen der Türkenzeit zum Opfer gefallen war. Vermutlich wegen des daraus resultierenden schlechten Erhaltungszustandes der ersten Pergamentlagen wurden die ersten 16 Pergamentblätter (mit den Vorreden, den Vorstücken zu Matthäus und den Kanontafeln) sowie ein Pergamentblatt am Ende des Codex auf Papier kopiert, bis auf schmale Streifen herausgeschnitten und durch die Kopien ersetzt. Als Schreiber dieser authentischen Ergänzungen konnte der Kremsmünsterer Pater Leonhard Wagner (seit 1600 Prior und später auch Bibliothekar) identifiziert werden (vgl. Neumüller/Holter 1974, 38f.). Der Codex umfasst heute 348 beschriebene, durchpaginierte Blätter, die leeren Papierblätter am Anfang und Schluss wurden nicht mitgezählt.

Die einzelnen Teile der Handschrift, die vier Evangelien, die Zusatzstücke (Vorreden, Kapitelübersichten, Kanontafeln, Prologe mit speziellen Informationen zu den einzelnen Evangelisten), die Bilder der Evangelisten und der Evangelistensymbole, die im 12. Jh. auf leere Pergamentseiten eingetragenen Kopien von für das Stift wichtigen Urkunden erscheinen in folgender Reihenfolge (zur unterschiedlichen Zusammensetzung der einzelnen Textteile vgl. Wright 1964, 52):
(1r) Hieronymus-Prolog, (3v) Hieronymus-Epistola, (6r) Prolog zu Matthäus, (6v) Kapitelübersicht zu Matthäus, (10r-16v) Kanontafeln [bis hierher Papier], (17r) Abschrift des Arnulfdiploms (22. Oktober 893), (17v) Matthäusbild, (18r) Matthäus-Engel, (19r-106v) MATTHÄUSEVANGELIUM, (107r) Prolog zu Markus, (107v-108v) Kapitelübersicht zu Markus, (109r) Abschrift des Arnulfdiploms (4. Jänner 888), (109v) Markusbild, (110r) Markus-Löwe, (111r-167v) MARKUSEVANGELIUM, (167v-168r) Prolog zu Lukas, (168r-173r) Kapitelübersicht zu Lukas, (173v-174r) Abschrift des Diploms Karls des Großen (3. Jänner 791), (174v) Lukasbild, (175r) Lukas-Stier, (176r-272r) LUKASEVANGELIUM, (272r-273r) Prolog zu Johannes, (273r-274v) Kapitelübersicht zu Johannes, (276v) Johannesbild, (277r) Johannes-Adler, (277v) Abschrift des Embricho-Diploms von 1140, (278r-348v) JOHANNESEVANGELIUM.

Die bis auf die Urkundenabschriften zweispaltig angelegte Handschrift wird von Majuskelschriften (Großbuchstabenschriften) dominiert: Am prächtigsten ausgeführt sind die Evangelien, die von einer Hand in einer kalligrafischen Unziale ohne Interpunktion per cola et commata (Punkt und Komma) geschrieben sind und sich schon dadurch grafisch von den anderen Teilen abheben, für welche derselbe Schreiber eine Capitalis rustica verwendet; für die Ausführung der Incipit- und Explizitzeilen (Bezeichnungen von Anfang bzw. Ende eines Textes) gebraucht er eine Capitalis quadrata. Nur die Zeilen der auf den Evangelistenbildern dargestellten aufgeschlagenen Buchseiten sind in einer frühen karolingischen Minuskel (Kleinbuchstaben) geschrieben (vgl. Bischoff 1980, 28f.).

Textlich bietet die Handschrift eine besondere Form der Vulgata-Übersetzung des griechischen Grundtextes durch Hieronymus mit starken Beimengungen der sogenannten Vetus Latina-Version. Von dieser in den spätagilolfingischen Skriptorien der Salzburger Kirchenprovinz auftretenden "Salzburger Sonderform" (ebd., 95), welche wohl auch infolge der nach dem Sturz Tassilos 788 erfolgten Neuorientierung dieser Skriptorien an Textvorlagen der karolingischen Hofschule (Vulgata Alkuins) verschwand (vgl. Diesenberger 2005, 186f.), sind heute nur noch zwei weitere, ältere Textzeugen erhalten: der aus Salzburg stammende Cutbercht-Codex (ÖNB, cod. 1224) und die Mondseer Evangelienfragmente (New York, P. Morgan Lib., M. 564; Nürnberg, German. Museum, Ms. 27932 und Nürnberg, Stadtbibl., Fragm. Lat. 1). Da der Cutbercht-Codex noch im 9. Jh. nachträglich nach dem Alkuintext "rücksichtslos" umkorrigiert wurde (Fischer 1967, 209), ist der Millenarius als der am besten erhaltene Textzeuge dieser Gruppe von besonderer Bedeutung.
Der Texttyp und die spezielle Textgestaltung (Anordnung der Vorreden, Auswahl der Prologe, Kapitelverzeichnisse) haben ihre Vorlagen in älteren Handschriften aus Italien. (vgl. Neumüller/Holter 1974, 19ff.), aber auch die Glanzlichter des Buchschmucks, die figürlichen Darstellungen der Evangelisten und ihrer Symbole, die einander gleichwertig in gleich großen Vollbildern gegenübergestellt werden, gehen auf eine italienische Vorlage, vermutlich ein Evangeliar des 6. Jh. aus Ravenna, zurück (vgl. Simader 1998, 205). Damit erlangt der Millenarius auch unter kunsthistorischem Aspekt besondere Bedeutung, "als einziges, fast vollständig erhaltenes Beispiel einer südostdeutsch-bayrischen, vorkarolingischen Kunsttradition, die von insularen und reichsfränkischen Einflüssen so gut wie unberührt ist" (Neumüller/Holter 1959, 185).

Hans Gröchenig

 

Codex Millenarius. Vollständige Faksimileausgabe im Originalformat. Kommentar von Willibrord Neumüller und Kurt Holter. Graz 1974.

Bischoff, Bernhard: Die südostdeutschen Schreibschulen und Bibliotheken in der Karolingerzeit. Bd. 2. Wiesbaden 1980. - Diesenberger, Maximilian: Spuren des Wandels. Bayerische Schriftkultur zwischen Agilolfinger- und Karolingerzeit. In: Lothar Kolmer (Hg.): Tassilo III. von Bayern. Großmacht und Ohnmacht im 8. Jahrhundert. Regensburg 2005, 175-189. - Fill, Hauke: Katalog der Handschriften des Benediktinerstiftes Kremsmünster. Bd. 1. Wien 1984. - Fischer, Bonifatius: Bibeltext und Bibelreform unter Karl dem Großen. In: Wolfgang Braunfels (Hg.): Karl der Große. Lebenswerk und Nachleben. Bd. 2. 3. Aufl. Düsseldorf 1967, 156-215. - Ders.: Der Text des Quedlinburger Evangeliars. In: Das Samuhel-Evangeliar aus dem Quedlinburger Dom. München 1991, 35-41. - Holter, Kurt: Die Bibliothek. In: Die Kunstdenkmäler des Benediktinerstiftes Kremsmünster. Hg. vom Institut für Österreichische Kunstforschung des Bundesdenkmalamtes. Wien 1977, Bd. 2 (Die stiftlichen Sammlungen und die Bibliothek. Bearb. von Hans Bertele-Grenadenberg), 143-220. - Neumüller, Willibrord; Holter, Kurt: Der Codex Millenarius. Graz, Köln 1959. - Simader, Friedrich: Die Buchmalerei des 8. und 9. Jahrhunderts. In: Hermann Fillitz (Hg.): Geschichte der bildenden Kunst in Österreich. Bd. 1. München 1998, 198-218. - Wright, David: The Codex Millenarius and its model. In: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst 15 (1964), 37-54.