Der Untergeher

Cover der Erstausgabe 1983

Roman von Thomas Bernhard, erschienen 1983 im Suhrkamp Verlag (Frankfurt/Main).

"Auch Glenn Gould, unser Freund und der wichtigste Klaviervirtuose des Jahrhunderts, ist nur einundfünfzig geworden, dachte ich beim Eintreten in das Gasthaus" (7). So beginnt Thomas Bernhards Roman über drei Freunde, die sich in den 1950er Jahren als Klavierstudenten in einem von Vladimir Horowitz geleiteten Meisterkurs am Salzburger Mozarteum kennengelernt haben. Einer davon sei der später weltberühmte kanadische Starpianist gewesen. Der historische Glenn Gould (1932-1982) hat freilich nie in Salzburg studiert; in seiner Figur hat Bernhard, wie so oft in seinen Werken, Fakten und Fiktion vermischt. Der zweite Freund ist Wertheimer, Spross einer großbürgerlichen jüdischen Wiener Familie. Er hat vor kurzem in der Schweiz Selbstmord begangen. Von den drei Freunden ist also nur mehr der Ich-Erzähler am Leben. Auf der Rückreise von Wertheimers Begräbnis steigt er in Attnang-Puchheim aus der Westbahn in einen Regionalzug um und fährt nach Wankham, einem kleinen Ort nördlich von Gmunden in Oberösterreich. Dort steht das Wirtshaus, von dem schon im ersten Satz des Romans die Rede ist. Auf dem Weg in die Gaststube - die Formel "dachte ich beim Eintreten in das Gasthaus" wird etliche Male wiederholt und variiert - rekapituliert der Erzähler die Lebensgeschichten seiner beiden Freunde und vergleicht sie mit seiner eigenen Biografie. Erst nach zwei Dritteln des Romans betritt die Wirtin die Gaststube und berichtet dem Erzähler von Wertheimers letzten Lebenswochen. Dieser besaß in Traich, einem Nachbarort von Wankham, ein ererbtes Jagdhaus, das ihm als Versteck und Rückzugsort diente. Kurz vor seinem Freitod lud er eine Gruppe ehemaliger Studienkollegen zu sich ein, die ihm das Haus verwüsteten. Nach dem Gespräch mit der Wirtin, die Wertheimers gelegentliche Bettgenossin war, geht der Erzähler nach Traich, um den schriftlichen Nachlass seines Freundes in Sicherheit zu bringen. Dort erfährt er aber, dass Wertheimer kurz vor seinem Tod all seine Papiere verbrannt hat. Auf seinem noch offenen Plattenspieler liegt eine Aufnahme von Johann Sebastian Bachs Goldbergvariationen, gespielt von Glenn Gould.

Wertheimers Jagdhaus in Traich ist eines der in Bernhards Œuvre häufigen kerkerhaften "Isolationshäuser auf dem Land" (138). Ähnlich wie der Protagonist Konrad des 1970 erschienenen Romans Das Kalkwerk, der seine Frau und zugleich Halbschwester dazu verurteilt, sein selbstgewähltes Gefängnis mit ihm zu teilen, versucht der "Verrammlungsfanatiker" (19) Wertheimer seine Schwester zu zwingen, mit ihm in Abgeschiedenheit zu leben. Dass der Schwester die Flucht aus der brüderlichen Fesselung gelingt, ist eine der Ursachen von Wertheimers Selbstmord. Auch der Ich-Erzähler selber besitzt ein Landhaus. Sein "Isolationskäfig" (138) liegt in Desselbrunn, nur wenige Kilometer von Wankham entfernt. Bezeichnenderweise hat der Erzähler, der einzige Überlebenskünstler unter den drei Freunden, diesen Ort seit Jahren nicht mehr aufgesucht. Er hasst das Landleben und hat sich in der Großstadt Madrid niedergelassen, die er ebenso wie die Metropole New York in den höchsten Tönen lobt. Dagegen ist "die Landschaft in und um Desselbrunn [...] eine Absterbenslandschaft, wie die Landschaft vor dem Fenster in Wankham, die alle bedroht und langsam erdrückt" (114).

Bei der Wahl von Namen wie Wankham, Traich und Desselbrunn haben wohl die Klangqualitäten und ihr Assoziationspotenzial eine wichtige Rolle gespielt.
Daneben kommen im Roman noch einige andere oberösterreichische Orte vor. In Neukirchen bei Altmünster lebt das Lehrerkind, dem der Erzähler seinen Steinwayflügel schenkt. Garsten, Regau und Wels werden erwähnt. Die Papierfabrik, von der im Roman mehrmals die Rede ist, hat ihr reales Vorbild in Steyrermühl. Mit Oberösterreich und speziell der Gegend um Gmunden war der Autor vertraut, seit er sich 1965 im Bezirk Ohlsdorf einen Bauernhof gekauft hatte, der für ihn ebenfalls zugleich Kerker und Zuflucht gewesen sein dürfte. Was er seinen Erzähler im Untergeher sagen lässt, spiegelt vermutlich eigene Erfahrungen und Ängste wieder: "Zuerst richten wir ein solches Haus für unsere künstlerischen und geistigen Zwecke ein, und wenn wir es dafür eingerichtet haben, tötet es uns, dachte ich" (104).

Renate Langer

 

Der Untergeher. Hg. von Renate Langer. Frankfurt/Main 2006 (= Thomas Bernhard: Werke. Hg. von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler, Bd. 6).

Barbey, Rainer: Das Genie als Menschenkenner und "Weltanschauungskünstler". Neue Aspekte zu Thomas Bernhards Otto-Weininger-Rezeption in Der Untergeher. In: Thomas Bernhard Jahrbuch 2003, 253-265. - Bloemsaat-Voerknecht, Liesbeth: Thomas Bernhard und die Musik. Themenkomplex mit drei Fallstudien und einem musikalischen Register. Würzburg 2006. - Gamper, Herbert: "Der hellsichtigste aller Narren". Der Künstler Gould als "Gould" in Thomas Bernhards Figurengarten. In: du. Die Zeitschrift der Kultur 1990, H. 4 (Mythos Glenn Gould. Die Wahrheit und andere Lügen), 68-71. - Hens, Gregor: Thomas Bernhards Trilogie der Künste. Der Untergeher, Holzfällen, Alte Meister. Rochester u. a. 1999. - Huber, Martin: Glenn Steinway, Steinway Glenn nur für Bach. Zum Spiel mit Elementen der Schopenhauerschen Musikphilosophie in Thomas Bernhards Roman Der Untergeher. In: Karin Hempel-Soos und Michael Serrer (Hg.): "Was wir aufschreiben ist der Tod". Thomas Bernhard-Symposium in Bonn 1995. Bonn 1998, 56-68. - Kolleritsch, Otto (Hg.): Die Musik, das Leben und der Irrtum. Thomas Bernhard und die Musik. Wien, Graz 2000. - Köpnick, Lutz: Goldberg und die Folgen. Zur Gewalt der Musik bei Thomas Bernhard. In: Sprachkunst 23 (1992), 267-290. - Kuhn, Gudrun: "Ein philosophisch-musikalisch geschulter Sänger". Musikästhetische Überlegungen zur Prosa Thomas Bernhards. Würzburg 1996. - Mittermayer, Manfred: Ein musikalischer Schriftsteller. Thomas Bernhard und die Musik. In: Gerhard Melzer und Paul Pechmann (Hg.): Sprachmusik. Grenzgänge der Literatur. Katalog zur Ausstellung im Literaturhaus Graz 2003. Wien 2003, 63-87. - Niekerk, Carl: Der Umgang mit dem Untergang: Projektion als erzählerisches Prinzip in Thomas Bernhards Untergeher. In: Monatshefte für deutschen Unterricht, deutsche Sprache und Literatur 85 (1993), H. 4, 464-477.