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Die arme Margaret

Roman von Enrica von Handel-Mazzetti, erschienen 1908/09 in der Deutschen Rundschau.

Mit der Veröffentlichung von Die arme Margaret. Ein Volksroman aus dem alten Steyr in der von Dr. Julius Rodenberg herausgegebenen Literaturzeitschrift gelang der österreichischen Dichterin der Sprung in ein überkonfessionell ausgerichtetes verlegerisches Umfeld. Kurz nach Erscheinen der Buchausgabe (1910) fand sich Enrica von Handel-Mazzetti nicht nur im Zentrum einer heftig ausgetragenen "Modernismusdebatte", die sich vorrangig am 1905/06 in der Zeitschrift Hochland veröffentlichten "Roman aus dem Donauland" Jesse und Maria entzündete, sondern war überdies in einen auf literaturwissenschaftlicher und juristischer Ebene erbittert geführten Plagiatsstreit mit Karl Schönherr (1867-1943) und dessen Drama Glaube und Heimat (1910) verwickelt.

Im Gegensatz zur vorsichtigen Haltung Handel-Mazzettis in Hinblick auf den Modernismusvorwurf erstaunt das selbstbewusste Auftreten in der Kontroverse mit Schönherr. Sie exponiert sich mit einem Schreiben an Pater Expeditus Schmidt, Herausgeber der reformerischen Zeitschrift Über den Wassern, das publiziert wird. Presseerklärungen und offene Briefe folgen, Schönherr droht mit einer Ehrenbeleidigungsklage, in Zeitungen werden "Konkordanzen" abgedruckt, die die unmittelbare Abhängigkeit von Schönherrs Drama von Die arme Margaret beweisen sollen.

Ein später Nachhall dieses Konfliktes ist die 1912 in 24 Fortsetzungen im Organ des Vereins für "Das katholische Deutschland" unter dem Titel Die arme Margaret. Ein Denkmal katholischer Selbsterniedrigung veröffentlichte Rezension von Dr. Paul Waldemar Nieborowski, die den Text literaturwissenschaftlich, historisch und nicht zuletzt hinsichtlich seines theologisch-sittlichen Gefährdungspotenzials mit seltener Detailverliebtheit vernichtet. Minutiös listet Nieborowski Fehler hinsichtlich geschichtlicher Konstellationen, Charakterzeichnung, Personenführung und Stilistik auf, um zum Schluss zu kommen, dass Handel-Mazzettis Roman nicht nur zahllose ästhetische Mängel aufweise und unnötige Affekte beim Leser provoziere, sondern dass erhebliche Gefahr vom "relativierenden Wesen" des Werkes insgesamt ausgehe, weil es Moral und Haltung eines Menschen höher bewerte als sein Glaubensbekenntnis.

Was lässt Die arme Margaret als für den Katholizismus so gefährlich und für den guten Geschmack so "grässlich" erscheinen? Der junge Pappenheimer Offizier Ernst Albrecht von Herliberg quartiert sich auf Befehl von Statthalter Adam Graf von Herberstorff nach Niederschlagung des Bauernaufstands von 1626 in Steyr im bescheidenen Haus der evangelischen Witwe Margaret Mayr ein, deren Mann als aufrührerischer protestantischer Bauernsekretär gemeinsam mit anderen Rebellen in Linz hingerichtet wurde. Die Belagerung, Vernichtung von Vorräten und Hausrat, Demütigungen und schließlich die Strafandrohung gegenüber allen Mitbürgern, die Margaret unterstützen würden, sollen die Bekehrung der Frau erzwingen. Obwohl Margaret wegen der Beschlagnahme ihrer einzigen Milchkuh fürchten muss, den sieben Monate alten Sohn "Wolfikindi" nicht mehr ernähren zu können, bleibt sie beim evangelischen Bekenntnis. Als sie in einer Gewitternacht ihr Kind in den Schlaf singt, ruft Herliberg sie zu sich und versucht sie zu "begewaltigen". Margaret kann sich befreien und flieht mit Wolfi ins nächtliche Steyr. Der verwitwete Ratsherr Jakob Zettl findet sie und bringt Mutter und Kind im (katholischen) Bruderhaus unter. Von ihm angeführt verlangt die Steyrer Bürgerschaft die Anklage des Offiziers. Zettl bedrängt Margaret auszusagen, was sie, weil Herliberg ihr heimlich Milch gebracht hatte, verweigert. Gegen Zettls Willen sollen Opfer und Täter im Angesicht des Allerheiligsten miteinander konfrontiert werden. Herliberg beendet die Befragung durch ein Geständnis seiner Tat. Trotz Margarets flehentlicher Bitten wird er zum Spießrutenlauf verurteilt; er stirbt in Margarets Armen mit dem Wort "Mutter" auf den blutigen Lippen - das Schlussbild zeigt gewissermaßen ein "tableau vivant", die Pietà.

Hier der "hitzige Knabe" und ungestüme Held, der "Löwe von Efferding", mutterlos unter Soldaten aufgewachsen und bis zum jäh erwachten Begehren in gewisser Weise unschuldig, dort die junge Witwe und Mutter, verführerisch mit "goldenem Haar und Lilienhänden", der eigenen erotischen Ausstrahlung nicht gewahr, dem Typus der Märtyrerin und der "mater lactans", der Himmelsmutter Maria, angenähert - dieses Gegensatzpaar wird durch Jakob Zettl, eine "Moses Gestalt", ergänzt zu einem affektiv aufgeladenen Dreieck, angesiedelt zwischen Pathos und Kitsch. Das vertraute Muster eines zankenden Paares und einer Widerspenstigen Zähmung kippt in Szenen, in denen die Themen Bedrängnis einer unschuldig Verfolgten und Verteidigung der moralischen Integrität der bürgerlichen Stadtkommune in den Vordergrund treten, unvermittelt in ein anderes Genre. Die stillende (evangelische) Frau ist es, die Herliberg an die eigene Mutter erinnert, sein (katholisches) Gewissen wach ruft und dem Leser zentrale Glaubensinhalte vor Augen führt.

Gerade in der Zweideutigkeit bzw. im "Verschnitt" zweier Genres mag für die zeitgenössische Leserschaft der Reiz an der Armen Margaret gelegen sein: Das Thema Glaubensstreit, Reformation und Gegenreformation, eingekleidet in eine verkappte und missglückte Liebesgeschichte mit polyvalenten konfessionellen Identifikationsmöglichkeiten, war unter dem Eindruck des Kulturkampfes im Deutschland des ausgehenden 19. Jh. von hoher Aktualität. Ein Trivialroman mit moralischen Anspruch - das erklärt vielleicht ein wenig nicht nur den Erfolg des Buches, sondern vor allem den Kampf der Rezensenten um die richtige Lesart.

Petra-Maria Dallinger

 

Die arme Margaret. Ein Volksroman aus dem alten Steyr. In: Die deutsche Rundschau 34/35 (1908/09). - Die arme Margaret. Ein Volksroman aus dem alten Steyr. Kempten, München 1910. - Die arme Margaret. Ein Volksroman aus dem alten Steyr. Volksausgabe. Hg. von Franz Berger. Linz 1946. - Bearbeitungen des Romans: u. a. Dramatisierung durch Armin Friedländer; Oper mit Libretto Herlibergs Tod; Oper in drei Akten von Kurt Thiergen und Johann Pfeifer; Verfilmung durch Leo-Film München 1922.

Anklin, Marguerite: Enrica von Handel-Mazzetti und Karl Schönherr. Gedanken zum neuesten Literaturstreit. Berlin 1911. - Doppler, Bernhard: Katholische Literatur und Literaturpolitik. Enrica von Handel-Mazzetti. Eine Fallstudie. Königstein/Ts. 1980, 52ff. -Hamann, E. M.: Einige Gedanken zu Enrica von Handel-Mazzettis Die arme Margaret. In: Allgemeine Rundschau Nr.7, 12. Februar 1910, 108-109. - Hausberger, Karl: "Dolorosissimamente agitata nel cuore cattolico." Vatikanische Quellen zum "Fall" Handel-Mazzetti (1910) und zur Indizierung der Kulturzeitschrift Hochland (1911). In: Kirche in bewegter Zeit. Festschrift für Max Liebermann. Hg. von Rudolf Zinnhobler, Dieter A. Binder u. a. Graz 1994, 189-220. - Nieborowski, Paul: Die arme Margaret. Ein Denkmal katholischer Selbsterniedrigung. In: Das Katholische Deutschland, März 1912ff. - Rodenberg, Julius: Briefe über einen deutschen Roman. Kempten, München 1911. - Schmidt O.F.M., P. Expeditus: Glaube und Heimat / Mein Berliner Vortrag und die Kritik. / Ein Beitrag zur literarischen Kultur von heute. In: Über den Wassern 4 (1911), H. 10, 388-398. - Streitler, Nicole: ,,Verehrte Frau Baronin!" Zu den Briefen Julius Rodenbergs an Enrica von Handel-Mazzetti. In: Enrica von Handel-Mazzetti "und küsse Ihre Busipfötchen". Ein Leben in Briefen. Hg. von Petra-Maria Dallinger. Linz 2005, 77-86.