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Steyr

Steyr, um 1907; © Ansichtskartensammlung Stift St. Florian

Auf 336 m Seehöhe gelegene Stadt am Zusammenfluss von Steyr und Enns, 41.933 Einwohner.

Heinrich F. Berger urteilt in seinem Oberösterreich-Handbuch über das vor allem von Tagesausflüglern besuchte Städtchen enthusiastisch: "Die ganze alte Eisenstadt ist eine Sehenswürdigkeit" (Berger 1948, 146). Der Grieben-Reiseführer von Ober- und Niederösterreich befindet gar: "Das mittelalterliche Steyr gehört zu den reizvollsten Städten zwischen Donau und Alpen" (Grieben 1972, 204). Tatsächlich ist die Stadt überaus reich an historischer Bausubstanz. Dazu gehört die gotische Stadtpfarrkirche, die nach Plänen des Wiener Dombaumeisters Hans Puchspaum 1430 begonnen und erst 1630 fertiggestellt wurde. Auf Betreiben von Adalbert Stifter, der seinerzeit als Landeskonservator wirkte, wurde das barocke Interieur im 19. Jh. dem Zeitgeschmack folgend durch ein neugotisches ersetzt - aus heutiger Sicht ein ästhetischer Missgriff. Als berühmteste Sehenswürdigkeit der Stadt gilt das auf der rechten Zeile des Stadtplatzes liegende Bummerlhaus, ein spätgotischer Profanbau, dessen heutige Gestalt um das Jahr 1490 datiert wird. Der Name bezieht sich auf eine Löwenfigur, die auf dem Schild des einstigen Gasthofs prangt und im Volksmund verächtlich als "Bummerl" bezeichnet wurde.
Auf einem Felsplateau über der Altstadt, wo bereits 985 erstmals die stirapurc bzw. styrapurhc erwähnt wurde, erhebt sich Schloss Lamberg, das sich seit 1666 im Besitz der gleichnamigen Grafen befindet. Der Wehrgraben entlang einem Seitengerinne der Steyr repräsentiert ein besonderes Denkmal früher Industriekultur. Die Gebäude der seit dem 14. Jh. dort ansässigen Handwerks- und Gewerbebetriebe bilden ein selten homogenes architektonisches Ensemble, das nach ihrem wirtschaftlichen Niedergang dank einer Bürgerbewegung 1980 unter Denkmal gestellt wurde. Ein Spaziergang durch den Wehrgraben mit seinem dunklen Kanal, den verschatteten Ufern und jahrhundertealten Bauten weckt Assoziationen mit dem böhmischen Krumau, dessen altertümlicher Charme untrennbar mit der steten Präsenz des Wassers verbunden ist. Lohnenswert ist auch der Aufstieg vom malerischen Stadtteil Steyrdorf zum Taborturm, von wo aus sich ein umfassender Blick auf die Altstadt und die Enns bis zum Sengsengebirge im Süden eröffnet. Unweit der Stadt befinden sich die barocke Wallfahrtskirche Christkindl und das kleine Postamt, in dem zur Weihnachtszeit Grußsendungen mit einem Sonderstempel versehen werden. Diese Tradition hat Steyr neben dem Synonym "Eisenstadt" den Beinamen "Christkindlstadt" eingebracht.

Die industrielle Vergangenheit der Stadt ist eng mit den topografischen Gegebenheiten verbunden. Ihre Lage an der Mündung der Steyr in die Enns hat sie für Handel und Gewerbe prädestiniert und ihre ökonomische Entwicklung befördert. Auf dem Ennsfluss wurde in früheren Jahrhunderten Eisen vom steirischen Erzberg transportiert, das in den hiesigen Handwerksbetrieben veredelt und zu Gebrauchsgegenständen, insbesondere Messern, verarbeitet wurde. Einen fulminanten ökonomischen Aufschwung erlebte die Stadt, nachdem Anfang des 19. Jh. die Eisenverarbeitung allmählich bedeutungslos wurde. Der Fabrikant Josef Werndl läutete das Industriezeitalter ein und gründete 1869 die Oesterreichische Waffenfabriks-Gesellschaft, die Gewehre in die ganze Welt exportierte. Da Österreich nach dem Ersten Weltkrieg die Herstellung von Waffen untersagt wurde, fertigte man in den von Werndl gegründeten Betrieben, die zunächst Steyr-Werke und dann Steyr-Daimler-Puch AG hießen, u. a. Fahrzeuge. Zwischen 1936 und 1940 wurde der beliebte Kleinwagen vom Typ 50 bzw. 55, unter dem Beinamen "Steyr-Baby" bekannt, am Fließband erzeugt. Offenbar erfreute sich der PKW derartig großer Bekanntheit, dass ihn Bertolt Brecht (1898-1956) in dem Gedicht Singende Steyrwägen literarisch verewigte: "Wir liegen in der Kurve wie Klebestreifen. / Unser Motor ist: / Ein denkendes Erz" (Brecht 2005, 52). Heute zählt Steyr zu den wichtigsten Wirtschaftsstandorten Österreichs und beherbergt Unternehmen wie BMW, SKF, MANundSteyrMotors.

Steyr, das sich sehr bemüht, dem Image als Arbeiterstadt einen kulturellen Anstrich zu verleihen, darf auf prominente Persönlichkeiten aus Musik und Literatur verweisen, deren Biografie bzw. Werk Affinitäten mit der Stadt zeigt. Zu nennen wäre zunächst Franz Schubert (1797-1828), der mehrmals zu Gast war und hier im Sommer 1819 sein Forellenquintett komponiert haben soll. Ebenso verbrachte Anton Bruckner (1824-1896) von 1885 bis 1895 gern seinen Urlaub im Pfarrhof der Stadtpfarrkirche, wo er Teile seiner 8. und 9. Symphonie schuf.
In literarhistorischer Sicht ist Steyr mehr als eine Fußnote, hat es doch mehrere bedeutende Schriftsteller hervorgebracht. Der Freimaurer und Aufklärer Aloys Blumauer wurde in dieser Stadt geboren, verließ sie indes bereits nach Abschluss des Gymnasiums, um in Wien als Herausgeber, Zensor und Schriftsteller Karriere zu machen. Robert Musil wuchs in Steyr auf, wo er von 1886-1890 die Volksschule an der Promenade und anschließend die erste Klasse Gymnasium besuchte. Die in Frauenstein bei Molln geborene Marlen Haushofer ließ sich nach einem abgebrochenen Germanistikstudium in Wien und Graz mit ihrer Familie 1947 im Vorort Münichholz, "also gleichsam im industriellen Hinterhof der Stadt" (Strigl 2000, 159), nieder. Nach der Übersiedlung ins Stadtzentrum, wo ihr Gatte, der Zahnarzt Dr. Manfred Haushofer, eine Praxis betrieb, entstanden unter äußerst eingeschränkten Bedingungen allmählich die bekannten Erzählungen und Romane, auf deren Bedeutung die feministische Literaturwissenschaft mit Nachdruck hingewiesen hat. Haushofer, die danach trachtete, der "engen Häuslichkeit eines kleinstädtischen Familienlebens" (ebd., 170) zu entfliehen, fand in Wien, das sie sporadisch besuchte, Anschluss an die junge österreichische Schriftstellergeneration und ihren Mentor Hans Weigel (1908-1991). Halbherzig unternommene Ausbruchsversuche in die Hauptstadt scheiterten allerdings trotz der Unterstützung wohlmeinender Schriftstellerfreunde und Gönner. Im Gegensatz zu der innerlich zerrissenen Haushofer fügte sich die aus Würzburg stammende Lyrikerin und Essayistin Dora Dunkl (1925-1982) aufs Beste in das bürgerlich-biedere Steyrer Establishment ein. Gemeinsam mit ihrem zweiten Mann bewohnte die mit Haushofer befreundete Autorin ab 1958 einen Renaissance-Arkadenhof im Stadtteil Steyrdorf, wo sie musikalisch-literarische Soireen veranstaltete.

Eine Episode aus Wittgensteins Neffevon Thomas Bernhard evoziert in der für ihn typischen hyperbolischen Manier die Provinzstadt. Gemeinsam mit Paul Wittgenstein (1907-1979) begibt sich der Ich-Erzähler auf die Suche nach einem in der Neuen Zürcher Zeitung abgedruckten Artikel über Mozarts Zaide. Weder in Salzburg, noch in Bad Reichenhall, noch in Bad Hall ist die Zeitung erhältlich. "Da es von Bad Hall nach Steyr nur ein Katzensprung ist, zwanzig Kilometer, fuhren wir auch noch nach Steyr, aber auch in Steyr bekamen wir die Neue Zürcher Zeitung nicht" (Bernhard 1982, 88f.). Ein letzter Versuch, das Blatt in Wels zu finden, scheitert. Bernhards Vorurteil gegen die (kulturelle) Provinz entlädt sich in einer wuchtigen Invektive, mit der er "alle diese aufgeführten Orte nur als miserable Drecksorte" (ebd., 89f.) abqualifiziert.
Für die aus Steyr stammenden Schriftsteller erweist sich die Stadt in der Regel als Schauplatz von Kindheit und Jugend. Hilde Schmölzer (geb. 1937) erinnert sich an die traumatischen und beglückenden Augenblicke in der einstigen Heimatstadt und betont: "Das gegenwärtige Steyr kenne ich nicht - und ich habe auch kein Bedürfnis, es kennen zu lernen" (Schmölzer 2005, 180). Walter Wippersberg ruft sich anlässlich einer autobiografischen Spurensuche die drückende geistige Enge seiner Geburtsstadt in Erinnerung, die er wenig schmeichelhaft auf den Punkt bringt: "Als Kind hab ich gern in Steyr gewohnt, als Halbwüchsiger aber erschien mir die schöne kleine Stadt oft ganz unerträglich. Dumpfes Nachkriegs-Biedermeier, selbstgefälliger Wiederaufbau-Optimismus - und hartnäckiges Schweigen über das, was die Erwachsenen, unten den ich aufgewachsen war, vor 1945 getan hatten" (Wippersberg 2005, 227). Insofern erstaunt es nicht, dass der Autor mit seinem damaligen Freund "im Herbst 1964 Steyr nicht ungern" (ebd., 228) verließ.

Erich Hackl, der sich als Schriftsteller und Übersetzer einen Namen gemacht hat, wurde ebenfalls in Steyr geboren, lebt aber heute in Wien. In der Erzählung Abschied von Sidonie greift er die authentische Geschichte eines Zigeunermädchens auf, das 1933 an der Pforte des Krankenhauses Steyr abgelegt, von Pflegeeltern aufgezogen und im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde. Der von Hackl aufgearbeitete Fall zeigt exemplarisch die Tragweite nationalsozialistischer Verirrung und zeichnet ein Stück österreichischer Geschichte nach. Der früh verstorbene Pop-Literat Manfred Maurer wehrt sich gegen die narzisstische Selbstverklärung der Stadt und entwirft seine private, subversive Mythologie, in welcher der Wehrgraben rückblickend als "das malerische Elendsambiente" (Maurer 2005, 319) einer von Arbeitslosigkeit, Alkohol und Drogen ‚vergifteten‘ Stadt figuriert. Aus dieser Perspektive erklärt sich das nüchterne Resümee des Autors: "Er fragt sich, was aus ihm geworden wäre, wäre er aus seiner Heimatstadt nie abgehaut" (ebd., 322). Peter Landerl (geb. 1974) inspiriert sich ebenfalls von der Steyrer Vergangenheit und porträtiert in seinem Roman Dunkle Gestalten den Frauenmörder Alfred Engleder, der in den 1950er Jahren in der Umgebung der Stadt mehrere Frauen überfiel, vergewaltigte und anschließend mit einem "Maurerfäustel" erschlug.
Was ihre literarische Szene betrifft, bleibt Steyr mithin eine Stätte der Reminiszenz und Rückkehr wider Willen, wie der Titel des autobiografischen Krankheitsberichts von Walter Wippersberg suggeriert. Zur Entfaltung kommt das auf heimischem Boden keimende schriftstellerische Potenzial freilich meist andernorts.

Walter Wagner

 

Berger, Heinrich F.: Oberösterreich. Bad Ischl 1948. - Bernhard, Thomas: Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft. Frankfurt/Main 1982. - Brecht, Bertolt: Singende Steyrwägen. In: Hackl/Mairhofer 2005, a. a. O., 52f. - Grieben-Reiseführer Ober- und Niederösterreich und nördliches Burgenland. 3. Aufl. München 1972. - Hackl, Erich; Mairhofer, Till (Hg.): Das Y im Namen dieser Stadt. Ein Steyr Lesebuch. Steyr 2005. - Maurer, Manfred: Steyr, Mischgehirn. Gewidmet Steyrs Rauschgifttoten. In: Hackl/Mairhofer 2005, a. a. O., 315-322. - Schmölzer, Hilde: Spurensuche. In: Hackl/Mairhofer 2005, a. a. O., 171-180. - Strigl, Daniela: Marlen Haushofer. Die Biographie. München 2000. - Wippersberg, Walter: Einige Orte und einige Menschen meiner Kindheit und Jugend. In: Hackl/Mairhofer 2005, a. a. O., 211-228.

Stand: 22.08.2011