Donauländischer Minnesang

Manuskriptseite aus der Manessischen Liederhandschrift; © Universitätsbibliothek Heidelberg

Der Donauländische Minnesang hat seinen Namen von der Lokalisierung dieser Autoren im Donauraum (Donau), als Entstehungszeit der Texte denkt man sich die Jahre von 1150/60 bis 1170.

Der "klassische" Minnesang (um 1180-1220) thematisiert das aussichtslose Werben eines männlichen Ichs um eine "frouwe" ("Herrin"). Zentral ist der Dienstgedanke: Der Mann leistet seinen "dienest" an der "frouwe" mit und durch seinen Gesang, er wagt erst gar nicht, mehr als Gegenleistung zu verlangen als ihren Gruß. "Schoenez trûren" ("schönes Trauern") über das Nicht-erhört-Werden bildet das thematische Zentrum. Erotik ist in die Frauenpreisstrophen verbannt und stagniert auf einer sehr unverbindlichen Ebene, Sexuelles bleibt überhaupt außen vor oder ist fein säuberlich in vage, komplexe Metaphern verpackt. Geschildert wird das alles aus der Sicht des Mannes in mehrstrophigen Liedern. Die Zusammengehörigkeit von Strophen zu einem Lied wird von der Verwendung desselben "Tones" (derselben musikalisch-metrischen Struktur) signalisiert, die Strophen selbst stehen zum allergrößten Teil in Kanzonenform (zweifacher/"zweistolliger" Aufgesang und Abgesang - Schema: AAB) und haben eine diffizile metrisch-reimtechnische Form.

All das gilt für den Donauländischen Minnesang, die früheste Form des Minnesangs, nicht oder nur in sehr eingeschränktem Maße. Hier wird meist von einer auf Gegenseitigkeit basierenden Minnebeziehung zwischen "frouwe/wîp" ("Herrin/Frau") und Mann (häufig: "ritter") erzählt, die sexuelle Erfüllung ist (als etwas Vergangenes oder als realistischer Wunsch) durchaus denk- und sagbar. Der Gegenseitigkeit in der Minnebeziehung entspricht im Formalen die Gestaltung der Lieder als Rollenlyrik: Es spricht nicht nur ein an seiner Liebe leidendes, "depressives" männliches Ich, sondern die Männerstrophen sind häufig von Frauenstrophen unterbrochen, bei mehrstrophigen Gebilden können diese zu einem sogenannten Wechsel verbunden sein. Lieder bestehen häufig nur aus einer Strophe, mehrere (einstrophige) Lieder teilen sich oft denselben Ton. Die Strophenform ist geprägt von paargereimten Langzeilen, unreine Reime sind nicht selten.
Als Vertreter dieses Stilideals gelten: Der von Kürenberg (mit 15 überlieferten Strophen), Meinloh von Sevelingen (Söflingen bei Ulm; 12 Strophen), der Burggraf von Regensburg (vier Strophen), der Burggraf von Rietenburg (die von Rietenburg übten zu dieser Zeit das Burggrafenamt in Regensburg aus; 7 Strophen) und Dietmar von Aist (43 Strophen). Der Donauländische Minnesang hat seinen Namen von der Lokalisierung dieser Autoren im Donauraum (Donau), als Entstehungszeit der Texte denkt man sich die Jahre von 1150/60 bis 1170. Die Texte zeigen, im Gegensatz zum späteren Minnesang, keinen oder kaum Einflüsse der provenzalischen und französischen Lyrik.

Allerdings repräsentieren die Lieder den von der Forschung konstruierten abstrakten Gattungstypus niemals in "reiner" Form: Neben Langzeilen stehen auch Kombinationen aus Lang- und Kurzzeilen oder Kurzzeilenstrophen, Mehrstrophigkeit gibt es schon beim Kürenberger, den man wegen des archaischen Gehabes seiner Texte am weitesten zurückdatiert. Besonders Dietmar, aber auch Meinloh oder der Burggraf von Rietenburg zeigen in einzelnen Liedern den Übergang zum nächsten Stadium des sogenannten Hohen Minnesangs: Kanzonenstrophen, komplexe Reimstrukturen, Dienstgedanke und höfische Minne. Dietmar dürfte das erste Tagelied verfasst und die ersten Natureingänge komponiert haben.
Auch Datierung und Lokalisierung sind fast durchwegs unsicher. Besonders krass ist der Fall des Kürenbergers, dessen Texte die ältere Forschung einzig nach formalen und stilistischen Kriterien dem Donauländischen Minnesang zugeordnet hat, der ihr aber dennoch als erster Vertreter der Gattung galt. Im Hintergrund steht also die Annahme einer Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen. Um dieses biologistische Entfaltungsdenken aufrecht zu erhalten, mussten die Autoren und Texte nicht nur "richtig" datiert und lokalisiert werden, sondern man musste die Korpora, ganz besonders die Dietmar zugeschriebenen Lieder, auch von (dann) "unechten" jüngeren Liedern "säubern". Die Möglichkeit, dass stilistisch ältere Lieder auch historisch später gesungen worden sein könnten, wurde kaum einmal ernsthaft angedacht.

Der Donauländische Minnesang ist so gesehen eine Sammlung von Autorenkorpora, die über bestimmte stilistische Merkmale definiert ist. Was aber nicht in diese Stilkategorie passte, wurde aus den Korpora gelöscht. Die Beweisführung an der Überlieferung wird so eklektisch und zirkelschlüssig: Gesucht sind Textgruppen, die bestimmten Ansprüchen genügen, die aber zu diesem Zweck verändert, d. h. reduziert werden. Das soll nicht heißen, dass es so etwas wie den Donauländischen Minnesang nicht gegeben hätte; so plan, wie ihn die Forschung mitunter dargestellt hat, kennt ihn die handschriftliche Überlieferung aber nicht.

Florian Kragl

 

Kasten, Ingrid; Kuhn, Margherita (Hg.): Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters. Frankfurt/Main 1995. - Moser, Hugo; Tervooren, Helmut (Hg.): Des Minnesangs Frühling, Bd. 1 (Texte). 38. Aufl. Stuttgart 1988; Bd. 2 (Editionsprinzipien, Melodien, Handschriften, Erläuterungen). 36. Aufl. Stuttgart 1977. [Referenzausgabe]. - Schweikle, Günther (Hg.): Die frühe Minnelyrik. Texte und Übertragungen, Einführung und Kommentar. Darmstadt 1977.

Bumke, Joachim: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter. 4. Aufl. München 2000, 83-87. - Haubrichs, Wolfgang: Männerrollen und Frauenrollen im frühen deutschen Minnesang. In: LiLi (Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik) 19 (1989), H. 74, 39-57. - Grimminger, Rolf: Poetik des frühen Minnesangs. München 1969. - Hensel, Andreas: Vom frühen Minnesang zur Lyrik der Hohen Minne. Studien zum Liebesbegriff und zur literarischen Konzeption der Autoren Kürenberger, Dietmar von Aist, Meinloh von Sevelingen, Burggraf von Rietenburg, Friedrich von Hausen und Rudolf von Fenis. Frankfurt/Main u. a. 1997. - Johnson, L. Peter: Die höfische Literatur der Blütezeit (1160/70-1220/30). Frankfurt/Main 1999, 73-92. - Knapp, Fritz Peter: Die Literatur des Früh- und Hochmittelalters in den Bistümern Passau, Salzburg, Brixen und Trient von den Anfängen bis zum Jahre 1273. Graz 1994, 246-256. - Ohlenroth, Derk: Sprechsituation und Sprecheridentität. Eine Untersuchung zum Verhältnis von Sprache und Realität im frühen deutschen Minnesang. Göppingen 1974. - Schweikle, Günther: Minnesang. 2. Aufl., Stuttgart 1995. - Tervooren, Helmut: Bibliographie zum Minnesang und zu Dichtern aus Des Minnesangs Frühling. Berlin 1969.