Enea Silvio Piccolomini

© Bildarchiv Austria / ÖNB, Wien

(i. e. Papst Pius II.)
Geb. 18.10.1405 in Corsignano (heute: Pienza, Italien); gest. 14.8.1464 in Ancona.
Bedeutender Humanist; als Pius II. Papst von 1458-64.

Genau genommen spielt Enea Silvio Piccolomini, Papst Pius II., in der oberösterreichischen bzw. deutschsprachigen Literaturgeschichte keine Rolle. Er war ein Latein schreibender Humanist, dessen Werke (etwa die Novelle Euryalus und Lucretia) freilich schon früh ins Deutsche übertragen wurden (Niklas von Wyle). Er sprach, als er 1442 in die Dienste Kaiser Friedrichs III. in Wien bzw. Wiener Neustadt trat, kaum deutsch. Und als er im selben Jahr zum ‚poeta laureatus' gekrönt wurde, war dies die Anerkennung für seine außerordentliche, am Klassischen orientierte lateinische Stilkunst. Man darf aber bei ihm als strengem Verfechter des ‚Ciceronianischen' an Michail Bachtins  Behauptung erinnern, dass es die rigorosen Humanisten und Verächter des mönchischen Kirchen- und Küchenlateins waren, die den lebendigen Fluss des Gebrauchs der alten Sprache unterbrochen haben und so wider Willen zu den Totengräbern der ‚toten' Sprache geworden sind.

In die oberösterreichische Literaturgeschichte gelangte Enea Silvio Piccolomini, sit venia verbo, wie Pontius Pilatus ins Credo. Er war Pfarrer in Aspach im Innviertel, heißt es. Genau genommen hat er die Pfarrei aber nie betreten, sondern sich von einem Vikar vertreten lassen. So entsprach es dem kirchlichen Lehenswesen der Pfründe. Ähnlich kam auch Albrecht von Eyb (1420-1475) zur Pfarre Schwanenstadt.

Ein anschauliches Bild von Eneas Leben als Diplomat, spätberufener Priester, Konzilstheologe und Kirchenpolitiker, Bischof von Triest und Siena, Kardinal und schließlich Papst bieten seine Commentarii, von Günter Stölzl 2008 als Memoiren in Auswahl ins Deutsche übersetzt. Im Ortsregister kommt Aspach nicht vor, wohl aber im Text (Buch 1, Kap. 12), im Schlussteil des Kapitels über das Sarntal in Südtirol, wo Enea die Pfarrstelle zugesprochen bekommen und wohl auch kurze Zeit verbracht hatte. So jedenfalls legt es der Text nahe: "Inzwischen bekam Enea [er schreibt von sich in der dritten Person] durch Vermittlung des Kaisers die Pfarrei im Sarntal, die ihm jährlich 60 Gulden einbrachte. Gelegen in dem Teil der Alpen, der Deutschland von Italien trennt, ist sie nur durch ein einziges, sehr hochgelegenes und steil ansteigendes Tal zugänglich, drei Viertel des Jahres von hohem Schnee und dickem Eis bedeckt. Die Bewohner halten sich den ganzen Winter daheim auf, fertigen mit viel Geschick Kisten und andere Holzgegenstände an, die sie dann im Sommer in Bozen und Trient verkaufen..." Nachdem er die Schlichtheit dieser Alpenbewohner gerühmt hat, sodass man als heutiger Leser an Albrecht von Hallers Die Alpen erinnert wird, überzeichnet er zum Schluss die Realität negativ: "Sie könnten die glücklichsten Sterblichen sein, wenn sie ihr Glück erkennen und ihre Gelüste zügeln könnten. So aber saufen sie Tag und Nacht, koitieren kreuz und quer, und kein Mädchen kommt hier als Jungfrau zur Ehe." Enea widerspricht sich allerdings, schreibt er doch kurz zuvor, dass sich die Sarntaler fast nur von Milch ernähren würden und viele von ihnen noch nie in ihrem Leben Alkohol getrunken hätten. So liegt die Vermutung nahe, dass er auch mit dieser Pfarre nicht wirklich vertraut war oder bei ihrer Beschreibung eher klassische Topoi und Stereotypen der Ethnografie bedient hat. Vielleicht wollte er aber auch seinen Weggang aus dem Sarntal und die darauf folgende Übernahme der Pfarre Aspach motivieren: "Enea hat diese Pfarre bald wieder aufgegeben und bekam eine bessere in Bayern, die der heiligen Maria in Aspach, nicht weit vom Inn, die ihm Leonhard, der Bischof von Passau, ein Mann von edler Abstammung und großartigem Charakter, von sich aus verlieh. Er sandte Enea die Berufung ohne alle Nebenkosten nach Steyr." Dies also ist die Tangente eines der bedeutendsten Humanisten und blendenden lateinischen Stilisten, des italienischen altadeligen Enea Silvio Piccolomini, des "kleinen Mannes" aus Corsignano, das nach ihm, dem bedeutendsten Renaissancepapst, in Pienza umbenannt wurde, zu Oberösterreich, d. h. eigentlich zum damaligen bayrischen Bistum Passau und zur deutschsprachigen Literatur.

Alois Brandstetter

 

Ausgewählte Texte aus seinen Schriften. Herausgegeben, übersetzt und biographisch eingeleitet von B. Widmer. Basel, Stuttgart 1960. - Euryalus und Lucretia. Lateinisch-deutsch. Übers. und hg. von Herbert Rädle. Stuttgart 1993. - Commentarii. Ich war Pius II, Memoiren eines Renaissancepapstes. Ausgew. und übers. von Günter Stölzl. Augsburg 2008 (Auswahlausgabe aus: Pii II commentarii rerum memorabilium que temporibus suis contigerunt. Hg. von Adrian van Heck. Vatikanstadt 1984). - Aeneas Silvius Piccolomini (Pius II) and Niklas von Wyle: The Tale oft two lovers Eurialus and Lucretia. Ed. with introduction, notes and glossary by Eric John Morrall. Amsterdam 1988.

Bachtin, Michail M.: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Frankfurt/Main 1990.