Erwin Einzinger

© Erwin Einzinger

Geb. 13.5.1953 in Kirchdorf (OÖ).
Einzinger war lange Zeit als Gymnasiallehrer tätig, verfasste mehrere Gedichtbände und Prosabücher und hat Autoren wie John Ashbery, William Carpenter und Robert Creeley aus dem Amerikanischen übersetzt.

Als erste Buchpublikation erschien 1977 der Lyrikband Lammzungen in Cellophanverpackt. Die Gedichte stehen in der Tradition Rolf Dieter Brinkmanns und zeigen bereits die Bandbreite der Themen, an denen sich Einzinger in den folgenden beiden Gedichtbänden Tiere, Wolken, Rache (1986) und Kleiner Wink in die Richtung, in die jetzt auch das Messer zeigt (1994) und in seiner Prosa unermüdlich abarbeiten wird: die Banalität des Alltagslebens, der mühsame Gang durch die Tage und Jahre und das hilflose Tasten nach Verankerung in größeren Zusammenhängen, aus denen eine Art Lebenssinn ableitbar würde. Einzinger erstellt in seinen Büchern eine Art Katalog der Wirklichkeit, verstanden als Summe all dessen, "wogegen wir auf unserem Weg zum Tode stoßen" (Vilém Flusser).

Seit dem Erscheinen seines zweiten Buches 1983 ist Einzinger Hausautor des Salzburger Residenz Verlages. Er erhielt eine Reihe von Auszeichnungen, u. a. 1994 den Manuskripte-Preis und 2002 den Großen Preis des Landes Oberösterreich. Trotzdem ist er "einer der unbekanntesten bekannten Schriftsteller seiner Generation" (Karl-Markus Gauß). Das hat auch mit Rezeptionsbarrieren zu tun, die seinen Texten eingeschrieben sind. Vor allem verweigern sie sich konsequent jeder Kontinuitätserwartung; die Realitätspartikel, die in seinen Werken wie Mosaiksteine ausgestreut sind, beharren auf ihrem Teilchencharakter, das Bild des Ganzen erhält trotz spielerisch ausgelegter Motivketten und -gewebe keine Festigkeit.

Einzinger ist ein manischer Sammler von kleinen Geschichten und Schicksalen, in denen der Gang der großen Welt greifbar wird, er setzt an bei den unscheinbaren Banalitäten und traurigen Mittellagen, aus denen der Alltag besteht. Es ist dieses poetologische Konzept des Episodischen, das Einzinger von Anfang an auf äußere "Gerüste" zurückgreifen ließ. Im ersten Prosaband Das Erschrecken über die Stille, in der die Wirklichkeit weitermachte (1983) lieferte das Alphabet den konzeptionellen Rahmen, im 1985 erschienenen Roman Kopfschmuck für Mansfield Leben und Werk der neuseeländischen Autorin Katherine Mansfield; in Das Ideal und das Leben (1988) war es ein nummerisches Ordnungsprinzip; der 1992 erschienene Roman Bilder über die Liebe versammelt Variationen und Fallbeispiele zum Thema Verliebtheit, Eifersucht, Mutterliebe, Streitrituale und Trostsuche im massenmedial angebotenen Kitsch.

Im Prosaband Das wilde Brot (1995) umspannt das assoziativ gehandhabte Motivgerüst vom "Brot (des Lebens)" alle möglichen Formen von metaphysischen Konstrukten: Religion, Esoterik, Heiligenlegenden, Krankheitszauber, aber auch Bildende Kunst und (Pop-)Musik, die den roten Faden im bislang umfangreichsten Prosaband Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik (2005) abgibt. Der Roman arrangiert in einer komplexen Komposition Momentaufnahmen, historische Fakten und Anekdoten zu einer Geschichte unserer Zivilisation. An der Oberfläche des Textes legt der Autor fast achtlos unscheinbare Fäden aus - eine semantische Verwandtschaft, ein stafettenartig weitergereichtes Wort oder Bild genügen, um die kurzen Abschnitte scheinbar willkürlich aneinander zu knüpfen. Schließlich ist Popkultur ein Phänomen, dem keiner entkommt, eine Art weltweiter Generalbass, in dem die entlegenste afrikanische Bar so wenig wie die urbane Shoppingmall ohne ihren Hintergrundsound auskommen und die Eisbärin im Zoo wie selbstverständlich "Lady Madonna" heißt.
Die eigentliche Vermittlungsinstanz zwischen den Erzählschnipseln ist in allen Büchern Einzingers das Interesse am Leben der Menschen mit seinen Alltäglichkeiten, seinen Abgründen und den unermüdlichen Versuchen, Sinn und Energie in das Dasein zu zwingen. Doch seine Lebensskizzen wollen nie denunzieren. Fast trotzig beharrt der Autor darauf, geschichtsunwürdige Nichtigkeiten zu Geschichten werden zu lassen, die Respekt abverlangen für das Übermaß der Vergeblichkeiten, das trotzdem "tapfer" gelebt sein will. "Tapfer" ist ein häufig und in scheinbar unsinnigen Zusammenhängen gebrauchtes Wort bei Einzinger, dem die Achtung eingeschrieben ist für all die bestandenen Abenteuer, auf die es nicht ankommt und die dennoch oder auch gerade deshalb wert sind, erzählt zu werden. Aus der Amalgamierung von Werbeslogans, dialektalen Ausdrücken - seine Bücher sind auch eine Fundgrube für fast vergessene Ausdrücke des oberösterreichischen Dialekts -, Redensarten, religiösem wie profanem (Volks-)Liedgut entsteht eine Nahperspektive auf die gezeigten Lebensrealitäten. Einzingers Formulierungen und Bilder sind oft gewagt, er spielt dabei mit hohem Einsatz und überrascht immer wieder mit listig gesetzten Wortverdichtungen, die aus impressionistischen Wahrnehmungssplittern abgerundete Zustandsbilder entstehen lassen. Wo die Episoden ans Gefühlige, Klischeehafte anstreifen, wird unvermittelt und oft mit rüden redensartlichen Wendungen abgebrochen. Kompromisslos verweigert der Autor jedes Zugeständnis an ein Harmoniebedürfnis. Einzingers unbestechlicher Blick auf Lebensmodelle und Schicksale und sein souveräner Umgang mit der Inhalts- und Zeitachse zeigen, wie in einem mentalitätsgeschichtlichen Porträt unserer Zeit alles mit allem zusammenhängt.

Evelyne Polt-Heinzl

 

Lammzungen in Cellophan verpackt. Gedichte. Salzburg 1977. - Das Erschrecken über die Stille, in der die Wirklichkeit weitermachte. Salzburg, Wien 1983. - Kopfschmuck für Mansfield. Salzburg, Wien 1985. - Tiere, Wolken, Rache. Gedichte. Salzburg, Wien 1986. - Das Ideal und das Leben. Salzburg, Wien 1988. - Blaue Bilder über die Liebe. Salzburg, Wien 1992. - Kleiner Wink in die Richtung, in die jetzt auch das Messer zeigt. Salzburg, Wien 1994. - Das wilde Brot. Salzburg, Wien 1995. - Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik. St. Pölten, Salzburg 2005. - Hunde am Fenster. Gedichte. Salzburg, Wien 2008. - Ein Messer aus Odessa. Gedichte. Salzburg 2009. - Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach. Roman. Salzburg 2010. - Die virtuelle Forelle. Gedichte. Salzburg 2011. - Barfuß ins Kino. Gedichte 2013. - Ein kirgisischer Western. Roman. Salzburg 2015.

Federmair, Leopold (Hg.): Porträt Erwin Einzinger (= Die Rampe 2014, H. 3; enth. ausführliche Bibliografie). - Polt-Heinzl, Evelyne: Die kleinen Feuer zwischen den Zeilen. Über den oberösterreichischen Autor Erwin Einzinger. In: Die Rampe 1995, H. 2, 19-53 (erw. in: Studia Austriaca 1998, Nr. 6, 157-181). - Weinzettl, Franz; Renoldner, Klemens: Erwin Einzinger. In: Michael Cerha (Hg.): Literatur-Landschaft Österreich. Wien 1995, 45-47.