Evelyn Grill

© Evelyn Grill

Geb. 15.1.1942 in Garsten, OÖ.
In ihren Erzählungen und Romanen wirft die Autorin einen schonungs- wie mitleidlosen analytischen Blick auf die Gesellschaft. Durch ihren konzisen Erzählstil lotet sie die zwischenmenschlichen Abgründe aus, ohne zu moralisieren, beschreibt das Böse mit ironisch-distanziertem Ton und verwendet dazu auch kriminalliterarische Strukturen.

Evelyn Grill (geb. Holzapfel) wuchs in Garsten bei Steyr auf, wo sie die Handelsakademie besuchte und bis zu ihrer Heirat 1965 eine einschlägige Berufstätigkeit ausübte. Die Mutter dreier Kinder übersiedelte mit ihrer Familie nach Linz. Nach der Scheidung studierte sie von 1983 bis 1986 an der Universität Linz Rechtswissenschaften und absolvierte Sprachlehrgänge in Italienisch und Französisch. Seit 1980 veröffentlicht sie in Anthologien, Literaturzeitschriften und im Rundfunk und lebt seit 1986 als freie Schriftstellerin.
1986 übersiedelte sie mit ihrem zweiten Mann, dem Professor für Germanistik und Rilke-Experten Joachim W. Storck, nach Marbach am Neckar, 1992 nach Freiburg im Breisgau, wo die Autorin ab 1994 an der Universität kunstwissenschaftliche Studien betrieb und einen Sprachlehrgang in Spanisch
absolvierte. Von 1986 bis 1990 hielt sie sich längere Zeit in England (Brighton, London) auf, 1999 und 2002 in Rom; ihre Lesereisen brachten sie nicht nur in den gesamten deutschsprachigen Raum, sondern u.a. auch in die USA und nach Polen.

Der Hauptschauplatz von Grills Prosa sind Familien, Freundeskreise oder Dorfgemeinschaften, kleinere zwischenmenschliche Gefüge, an denen sich die soziale Kälte in unterschiedlichen Nuancen und Milieus veranschaulichen lässt. Meist wird aus der Perspektive von Frauenfiguren erzählt, die durch äußere Geschehnisse in Bedrängnis geraten, durch ungebetene Gäste (Winterquartier), durch Trennung (Ins Ohr), Krankheits- oder Todesfälle in der Familie (Hinüber; Das römische Licht; Fünf Witwen) aus der Bahn geworfen werden. Die Frauen werden als Opfer der gesellschaftlichen Strukturen gezeigt, am drastischsten anhand des geistig zurückgebliebenen und in mehrfacher Hinsicht missbrauchten Mädchens Wilma in der gleichnamigen Erzählung. Doch werden sie meist an eine - mitunter brutal ausartende - Selbstermächtigungsgeste, einen Befreiungsschlag herangeführt.
In anderen Werken werden Themen von allgemeinerer gesamtgesellschaftlicher Relevanz unter die Lupe genommen: So stehen in Vanitas oder Hofstätters Begierden Schönheitswahn und Spieltrieb im Zentrum; in Der Sammler ist es das Vermüllungssyndrom eines regelrechten Messies. Die Autorin steigert Leidenschaften zu Obsessionen von pathologisch-monströser Dimension, gegen die nicht einmal in der sogenannten guten Gesellschaft Abhilfe geschaffen werden kann. In dem Roman Das Antwerpener Testament hingegen durchmisst sie anhand einer Familiengeschichte das 20. Jahrhundert und die halbe Welt.

Evelyn Grill wird für ihre exakt gebauten Plots, ihren nüchternen Blick und ihren eigenwilligen Erzählton geschätzt, der im Allgemeinen ironisch-sarkastisch ist und manchmal ans Zynische grenzt. Vanitas wurde 2005 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Für den Roman Der Sammler erhielt sie 2006 den Otto Stoessl-Preis. Ihre Texte wurden u.a. ins Englische, Ungarische und Polnische übersetzt.

Alexandra Millner

 

Rahmenhandlungen. Erzählung. Wien 1985. - Winterquartier. Roman 1993. - Wilma. Erzählung. Frankfurt/Main 1994. - Hinüber. Erzählung. Frankfurt/Main 1999. - Ins Ohr. Erzählung. Frankfurt/Main 2002. - Vanitas oder Hofstätters Begierden. Roman. St. Pölten, Salzburg 2005. - Der Sammler. Residenz Verlag, St. Pölten, Salzburg 2006. - Schöne Künste. Kriminalroman. München 2007. - Das römische Licht. Roman. St. Pölten, Salzburg 2008. - Das Antwerpener Testament. Roman. St. Pölten, Salzburg 2011. - Der Sohn des Knochenzählers. Roman. St. Pölten, Salzburg, Wien 2013. - Fünf Witwen. Erzählungen. Innsbruck, Wien 2015. - Immer denk ich deinen Namen. Roman. Innsbruck 2016.

Schweiger, Silke: Evelyn Grill: Der Sammler. In: Nicola Mitterer (Hg.): Unterrichtshandbuch zur österreichischen Gegenwartsliteratur: 17 zeitgemäße Handreichungen. Innsbruck, Wien 2010, 63-78. - Zarzutzki, Sara Alexandra: Literarischer Muttertod: Erinnerungsverhalten und Identitätskonstruktion in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa. Würzburg 2014.

Stand: 2.1.2017