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Franz Kain

© Margit Kain

Geb. 10.1.1922 in Posern bei Bad Goisern (OÖ), gest. 27.10.1997 in Linz.
Als Journalist, politischer Mandatar der KPÖ und Schriftsteller zählt Kain zu den wichtigsten kritischen Stimmen der oberösterreichischen Literatur nach 1945.

Sein Vater, der sich im Ersten Weltkrieg nach der Gefangennahme durch die Russen freiwillig zur Roten Armee gemeldet hatte, war Maurer und Funktionär des sozialdemokratischen Arbeiterbildungsvereins. Auf Betreiben der Mutter besuchte Kain das "Stephaneum", eine private Internatsschule der "Katholischen Schulbrüder" in Bad Goisern, wo er früh ein Gefühl für die feinen (oder eher unfeinen) gesellschaftlichen und sozialen Unterschiede entwickelte. Er engagierte sich im Kommunistischen Jugendverband, trat 1936 der Partei (KPÖ) bei und wurde im Oktober desselben Jahres, als 14-Jähriger, wegen der Verteilung illegaler Flugschriften für zwei Monate inhaftiert und zu drei Wochen Arrest verurteilt -  als vermutlich jüngster politischer Häftling des Austrofaschismus. Da sich Kains Wunsch, Zimmermann zu werden, zerschlug, weil sein Lehrherr bankrott ging und Kain als "Zuchthäusler" keine andere Stelle fand, arbeitete er in der Folge als Holzknecht in den Waldrevieren des Salzkammerguts und setzte auch nach dem "Anschluss" Österreichs an das Dritte Reich im März 1938 seine ‚illegale‘ politische Tätigkeit (Aufbau der kommunistischen Bewegung und Unterstützung von politisch Verfolgten) fort. Im März 1941 wurde Kain deshalb zum zweiten Mal verhaftet. Der folgende, eineinhalbjährige Freiheitsentzug (Einzelhaft) war für Kain, angeleitet vom Bibliothekar des Welser Gefängnisses, dem Benediktinerpater Karl Anton Pöcksteiner, der ihn mit Büchern (z. B. mit Adalbert Stifters Der Nachsommer, aber auch verbotener sozialistischer Literatur) versorgte, auch eine intensive Zeit des autodidaktischen Lernens und Lesens. In dieser Zeit entstanden seine ersten Gedichte. Im September 1942 wurde er vom Volksgerichtshof  in Berlin zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wegen der "Vorbereitung zum Hochverrat  [und dem] Bestreben, die Ostmark vom Reiche loszureißen" (Rampe 1994, 6). Um dem Konzentrationslager zu entgehen, meldete Kain sich freiwillig zur "Bewährungseinheit" Strafdivision 999. Einberufung im November 1942, Einsätze in Belgien, Südfrankreich und Tunesien. Ab April 1943 in amerikanischer Gefangenschaft (Alabama, Mississippi, Massachusetts, New Hampshire und Virginia), wo Kain als Holzfäller eingesetzt wurde, aber auch an der Lagerzeitung mitarbeitete und ab März 1945 erste literarische Versuche veröffentlichte. Rückkehr nach Oberösterreich im Februar 1946.Von Mai 1946 bis zum Sommer 1953 Mitarbeit in der Linzer Redaktion der vom Schriftsteller Arnolt Bronnen geleiteten kommunistischen Tageszeitung Neue Zeit in den Ressorts Kultur und Politik. Bronnen und dessen Frau Hildegard hatten einen prägenden Einfluss auf Kains Entwicklung als Schriftsteller. Freundschaften mit Karl Wiesinger (1923-1991), Kurt Klinger und dem Regisseur Edwin Zbonek (1928-2006). Von 1953 bis 1956 war Kain als Korrespondent der Österreichischen Volksstimme, dem Zentralorgan der KPÖ, in (Ost-)Berlin tätig. Während dieser Zeit stand er in Verbindung mit Bertolt Brecht, Arnold Zweig, Anna Seghers, Ludwig Renn, Peter Huchel und Johannes R. Becher, dessen Lyrik Kain beeinflusste. Nach seiner Rückkehr nach Linz war Kain von 1957 bis zu seiner Pensionierung 1982 Chefredakteur der Neuen Zeit. Er gehörte von 1969-83 dem Zentralkomitee der KPÖ an und war von 1977-86 als einziger KPÖ-Mandatar Mitglied des Linzer Gemeinderats.

Kain war 36 Jahre lang hauptberuflich als Journalist tätig, davon 25 Jahre als Chefredakteur einer Tageszeitung. Er mag den Journalisten oft als Verhinderer des Schriftstellers empfunden haben. Doch Kains Literatur hat, wie das auch bei Egon Erwin Kisch oder Joseph Roth der Fall war, durch seine journalistische Tätigkeit viel gewonnen. Durch sie sind ihm die Stoffe und Themen zugewachsen, dort hat er das Recherchieren gelernt, dort konnte er seinem Interesse an den Schicksalen der Menschen, konnte der Geschichte und den Geschichten des Landstrichs, die seine Romane und Erzählungen unverwechselbar prägen, nachgehen. Dort hat er gelernt, dass Genauigkeit, Anschaulichkeit und Empathie wichtige Voraussetzungen des Erzählens sind. Mit Ausnahme seiner ersten Buchveröffentlichung, der Erzählung Romeo und Julia an der Bernauer Straße (1955), die im Berliner Milieu spielt, sind fast alle seiner vielen Erzählungen mit der Geschichte und Landschaft Oberösterreichs verknüpft: Die besten sind in den zwei Auswahlbänden Die Lawine (1959) und Der Weg zum Ödensee (1973) gesammelt. Die exakte topografische und historische Verankerung seines Erzählens gilt auch für seine drei autobiografisch geprägten Zeit- und Entwicklungsromane: Der Föhn bricht ein (1962), der am Beispiel von vier Jugendlichen die politischen und lebensgeschichtlichen Spielräume, Übergänge und Sackgassen der Jahre 1934-38 beschreibt, Das Ende der Ewigen Ruh (1978), wo in der Brechung durch acht Ich-Erzähler ein beklemmend-repräsentatives Sittenbild Nachkriegsösterreichs, der "durchaus dickfellige[n] Nach-Mauthausen-Zeit" (Porträt 1994, 80), entworfen wird, und Am Taubenmarkt (1991), der weit ausholenden Autobiografie Kains, in der er von sich in der dritten Person erzählt und wie beiläufig ein beeindruckendes Panorama seiner Lebensepoche zeichnet.

Kain schreibt nur über das, was er kennt, was er erlebt, erfahren oder durch genaues Studium und Recherche sich angeeignet hat. Er schreibt, woran er innerlichen Anteil nimmt. Der Geschichtenerzähler, wie Kain ihn versteht, ist ein Spurensucher und Forscher, der das Verschüttete, Vergessene und Verdrängte Schicht um Schicht freilegt, der zeigen will, "was dem Menschen widerfährt" und wie "menschliches Verhalten, Bewähren und Versagen" (Kain 1989b, 86) an den (Haken-)Kreuz- und Scheidewegen unserer Geschichte ausgesehen haben. Er ist auf der Seite der "kleinen Leute", der vom Schicksal und von der Politik Benachteiligten und Gebeutelten. Er verleiht denen eine Stimme, die in keiner Chronik und keinem Geschichtsbuch Platz finden. Er hat einen scharfen, unbestechlichen Blick für das Verkehrte, Verdrehte und Verlogene in den menschlichen Verhältnissen. Wenn man das Vermögen, zwischen menschlich und unmenschlich zu unterscheiden, auch als politische Haltung ansehen will, dann ist Kain ein eminent politischer Autor, doch nie in dem Sinne, dass er seine politischen Meinungen über seine Figuren stülpt, sondern allein durch die Art seines Anteil nehmenden Hinschauens und seine Fähigkeit, eine überzeugende und gültige Geschichte aus den Eigenschaften und Verhaltensweisen von Menschen eines bestimmten Landstrichs und Milieus zu entwickeln. Kain interessiert das Allgemeine, das Geschichtsmächtige im Individuellen, das Soziale im Persönlichen. So verstanden, sind seine Erzählungen und Romane literarische Sinn-Bilder, deren präzise zeitliche und geografische Verankerung nicht provinzielle Beschränkung, sondern Teil einer umfassenderen "Wahrheit" ist. Kain ist durchaus an den "arteigenen Tücken" der österreichischen Provinz interessiert (die er als "seltsame Mischung aus Gemütlichkeit und Bestialität" bezeichnet hat), zugleich versteht er sein Schreiben als einen "Akt nationaler Selbstkritik" - aus der Position eines "zornig Liebenden" (Kain 1995b, 200). Diese doppelte Beglaubigung, ihre Genauigkeit und Glaubwürdigkeit im Detail und ihre historische Schlüssigkeit und menschliche "Wahrheit" im Ganzen, stellt Kains Erzählungen und Romane in eine Reihe mit den herausragenden Beispielen realistischen Erzählens in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jh. 
Ausgezeichnet wurde er 1957 mit dem Preis des Kulturministeriums der DDR, 1963 mit dem Kunstförderungspreis und 1988 mit dem Förderungspreis der Stadt Linz, 1989 mit dem Literaturpreis und 1994 mit dem Adalbert-Stifter-Preis des Landes Oberösterreich.

Klaus Amann

 

Romeo und Julia an der Bernauer Straße. Erzählung. Berlin 1953 [auch: Weitra 2001]. -  Die Lawine. Erzählungen. Berlin 1959 [auch: Weitra 1994]. - Die Donau fließt vorbei. Erzählung. Linz 1961 [Weitra 1993]. - Der Föhn bricht ein. Roman. Berlin 1962 [auch: Weitra 1995] (= Kain 1995a). - Der Weg zum Ödensee. Geschichten. Berlin, Weimar 1973 [2. Aufl. 1984; auch: Weitra 1995] ( = Kain 1995b). - Das Ende der Ewigen Ruh. Roman. Berlin, Weimar 1978. [3. Aufl. 1990; auch: Weitra 1996]. - Das Schützenmahl. Geschichten. Berlin, Weimar 1986. -  Im Brennesseldickicht. Die Leiden des alten Grammatikers. Erzählungen. Mit Bildern von Hermann Haider. Weitra 1989 (= Kain 1989a). - Der Schnee war warm und sanft. Vom Wagnis Geschichten zu schreiben. Mit Bildern von Johannes Krejci. Weitra 1989 (= Kain 1989b). - Am Taubenmarkt. Damaskus. Roman. Weitra 1991 [2. Aufl. 1997; Neuauflage: Auf dem Taubenmarkt. Weitra 2003]. - In Grodek kam der Abendstern. Roman. Weitra 1994.

Amann, Klaus: Franz Kain und Adalbert Stifter. In: Jahrbuch des Adalbert Stifter-Institut des Landes Oberösterreich 15 (2008), 61-75. - Amann, Klaus; Hackl, Erich: Der Weg zum Ödensee. In: Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945. Erste Lieferung. Hg. von Klaus Kastberger und Kurt Neumann unter Mitarbeit von Michael Hansel. Wien 2007, 211-221. - Bahr, Raimund (Hg.): Kain und Zand. Eine Heimat - zwei Leben. Wien, St. Wolfgang 2010. - Gruber, Judith: Franz Kain. Eine Monographie. Diss. [masch.] Universität Wien 1986. - Kain, Eugenie (Hg.): Man müsste sich die Zeit nehmen, genauer hinzuschauen. Franz Kain und der Roman Auf dem Taubenmarkt. Linz 2002. - Kain, Margit: In memoriam Franz Kain. Ein Geburtstagsgruß für Anna Seghers. In: Argonautenschiff. Jahrbuch der Anna Seghers-Gesellschaft 9 (2000), 269-273. - Kurz, Michael: "Dem allfälligen Einrücken..." Der Schriftsteller Franz Kain. In: Raimund Bahr (Hg.): Für Führer und Vaterland. Das Salzkammergut von 1938-1945. Wien 2008, 66-87. - Pittertschatscher, Alfred: Franz Kain. Linz 1994 (= Die Rampe 1994, Porträt). - Quatember, Wolfgang: Franz Kain - ein widerständiges Leben. In: Klaus Kienesberger (Hg.): UnSichtbar. Widerständiges im Salzkammergut (Ausstellungskatalog, Strobl 2008). Wien 2008, 110-117.