Franz Rieger

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Geb. 23.1.1923 in Riedau (OÖ), gest. 11.6.2005 in Oftering bei Linz.
Seine Romane und Erzählungen enthalten unspektakuläre, aber äußerst subtil gearbeitete Darstellungen des ländlich-dörflichen Lebens und von familiären Beziehungen, wobei häufig die Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft, vor allem die Verbrechen im Rahmen des Euthanasie-Programms zu Beginn der 1940er Jahre behandelt werden.

Der Autor und Germanist Alois Brandstetter erklärte in einer Festrede anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des oberösterreichischen Landtags am 13. Dezember 1995: "Ich halte Franz Rieger für den bedeutendsten lebenden oberösterreichischen Schriftsteller. In seinen Büchern sind Land und Landsleute am tiefsten, am ernstesten, am gerechtesten, am echtesten und am schönsten beschrieben." (Zit. n. Pittertschatscher o. J., 13) In bemerkenswertem Gegensatz zu dieser Einschätzung steht die öffentliche Präsenz Riegers: Zeitlebens verband sich mit ihm das Image eines ‚Stillen im Lande‛, dessen Werk nur einem recht überschaubaren Publikum bekannt war; mehrere Verlagswechsel (Europa, Benziger, Styria, Bibliothek der Provinz) waren notwendig, um seine erzählerischen Arbeiten in angemessener Form publizieren zu können.

Riegers Vater war Lehrer an der Volksschule Riedau (Bezirk Schärding), später Schuldirektor; breiteres Interesse an der Literatur fand der Sohn allerdings eher bei seiner Mutter vor, einer sehr musisch orientierten Frau. Die Vorfahren waren vor allem Bauern und Handwerker. Rieger besuchte zunächst das Gymnasium und Knabeninternat Petrinum in Linz, ab 1938 das ehemalige Jesuiten-Gymnasium in Passau, wobei seine Schulzeit von langen krankheitsbedingten Unterbrechungen überschattet war. 1941 kam er zum Reichsarbeitsdienst, 1942 an die Front, wo er schwer verwundet wurde. Bis 1946 war er in den USA in Kriegsgefangenschaft. Rieger arbeitete im Finanzdienst und von 1955 bis zur Pensionierung 1983 als Bibliothekar bei den Büchereien der Stadt Linz.

Sein Erzählen ist durch die Beschreibung wiederkehrender Alltagsverrichtungen gekennzeichnet, in die er seine Handlungsabläufe einbettet: Die Texte bestehen, abgesehen von ihrem Ereigniskern, "aus minimalen, aber darum desto genauer registrierten Abweichungen vom Immergleichen" (Mecklenburg 1982, 44). Dabei tritt in auffälliger Häufung das Thema des unablässigen Beobachtens auf: "Beobachtungszwang als Form individueller Deformation wie sozialer Entfremdung. Die ländliche Siedlung ist eine Gemeinschaft von Beobachtern, ein lückenloses System der Kontrolle." (Ebd., 45) Diese Erzähltechnik prägt bereits seinen ersten Roman Paß (1973), in dem ein Lehrer seine Umgebung in einem oberösterreichischen Dorf observiert und registriert und dabei auf einen vergangenen Mordfall stößt, zu dessen Opfer (einem aus Eifersucht erstochenen Maler) er sich selbst zunehmend in Beziehung setzt. Der Roman Die Landauer (1974) handelt von einer Familie, die auf der Flucht vor den Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs in ein Dorf zieht und dort als fremd wahrgenommen wird. Aus der Perspektive eines Kindes, das sich später an die Ereignisse erinnert, wird berichtet, wie die junge Landauerin, die psychisch krank ist, eines Tages verschwindet; nur andeutungsweise erfährt man von ihrem Abtransport und darauf folgenden Tod.

Der Text ist das erste Beispiel für Riegers Beschäftigung mit der systematischen Ermordung (vor allem psychisch) kranker Menschen durch die Nazis, das in der Nähe seines langjährigen Wohnorts Oftering, in Schloss Hartheim bei Eferding, seinen Brennpunkt hatte. Auch in den Romanen Feldwege (1976) und Der Kalfakter (1978; Kalfakter = Wanderhändler, vom mittellat. "Calefactor" = Einheizer, der den Ofen unterhielt) geht es um das Schicksal seelisch erkrankter Personen zur Zeit des Nationalsozialismus: im ersten Fall um die Frau eines lungenkranken Bauern, der nach ihrer Einlieferung in die Anstalt neue Lebenskraft finden muss, im zweiten Fall um die Einweisung und Ermordung einer Bäuerin, deren Mann mit fünf Söhnen auf seinem Hof zurückbleibt. Im Kalfakter verwendet Rieger eine radikalisierte Form der perspektivischen Verschachtelung, die an die Erzähltechnik Thomas Bernhards erinnert. Den Höhepunkt dieser zentralen thematischen Linie in Riegers Werk bildet der Roman Schattenschweigen oder Hartheim (1985), in dem die Geschichte einer Bäuerin, die in Hartheim umgebracht wird, mit der Gewissensnot eines katholischen Geistlichen, der die Vorgänge erahnt und dennoch nichts dagegen zu unternehmen vermag, konfrontiert wird.

Gegenstand des autobiografisch grundierten Romans Internat in L. (1986) bildet die Schulzeit eines Zöglings unmittelbar vor dem Einbruch der nationalsozialistischen Herrschaft. Der Roman Das Faktotum und die Lady (1986) schildert die Liebesbeziehung zwischen einem französischen Kriegsgefangenen und einer oberösterreichischen Schlosserbin, deren Diener sich als Vater des daraus entstandenen Kindes ausgibt, um den Franzosen vor der Verfolgung durch die Nazis zu retten. Im Mittelpunkt des Romans Der Orkan (1993) steht die Begegnung zwischen einem älteren Mann und einer jungen Frau, die einander vorübergehend so nahe kommen, dass sie entscheidende Erlebnisse austauschen - und dennoch eine letzte Distanz nicht überwinden können. "Die Natur legt uns den Abstand nahe", lässt Rieger den Dichter Anton Tschechov in seinem Hörspiel Tolstoj besucht Tschechov in der Klinik Ostroumov (1999) sagen. "Man kann klarer sehen und gerechter urteilen, wenn man zu den Dingen Abstand hat." (Zit. n. Pittertschatscher o. J., 19)

Rieger wurde mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Förderungspreis für Literatur des Landes Oberösterreich 1966, dem Förderungspreis zum Staatspreis 1972, dem Kulturpreis des Landes Oberösterreich 1979, dem Rauriser Literaturpreis 1979, dem Koref-Preis der Stadt Linz 1987, dem Heinrich-Gleißner-Preis 1993, dem Adalbert Stifter-Preis 1999 und der Kulturmedaille des Landes Oberösterreich 2003.

Manfred Mittermayer

 

Paß. Roman. Wien 1973. - Die Landauer. Roman. Wien 1974. - Feldwege. Roman. Wien 1976. - Der Kalfakter. Roman. Zürich 1978. - Zwischenzeit Karman. Roman. Zürich 1979. - Vierfrauenhaus. Roman. Zürich 1981. - Schattenschweigen oder Hartheim. Roman. Graz 1983. - Internat in L. Roman. Graz 1986. - Das Faktotum und die Lady. Roman. Graz 1988. - Unmögliche Annäherung. Erzählungen. Graz 1990. - Querland. Sieben Darlegungen eines Falles in Landschaft. Erzählung. Weitra 1990. - Der Orkan. Roman. Weitra 1993. - Der Patriarch und ich. Roman. Weitra 1995. - Um ihn herum. Erzählungen. Weitra 1995. - Die unverzichtbare Ohnmacht. Roman. Weitra 1999. - Verschwinden, im Dunkeln. Lesebuch 1963-2002. Prosa und Lyrik. Hg. von Alfred Pittertschatscher. Weitra: Bibliothek der Provinz o. J. [2003]

Dallinger, Petra: 'personal property of'. Die Lektüre des Kriegsgefangenen Franz Rieger. In: Marcel Atze (Hg.): Lesespuren oder Wie kommt die Handschrift ins Buch? Von sprechenden und stummen Annotationen. Wien 2011, 397-399. - Mecklenburg, Norbert: "‚Die Krankheit des Dorfes‘. Über den Erzähler Franz Rieger". In: Modern Austrian Literature 15 (1982), H. 2, 43-56. - Pittertschatscher, Alfred (Hg.): Franz Rieger. Linz o. J. [1993] (= Die Rampe 1993. Porträt). - Ders.: Die Wirklichkeit ist mir nur Ausgangspunkt ... Bruchstücke, Gesprächssplitter, Skizzen aus einem spärlich redigierten, vierstündigen Gespräch mit Franz Rieger. In: Pittertschatscher (Hg.): Franz Rieger, a. a. O., 11-25. - Ders.: Vorwort. In: Franz Rieger: Verschwinden, im Dunkeln, a. a. O., 11-21.