Franz Xaver Stelzhamer

Ölgemälde; © OÖ Landesmuseen

Geb. 29.11.1802 in Großpiesenham (OÖ), gest. 14.7.1874 in Henndorf am Wallersee (Salzburg).
Als Autor und Rezitator von Gedichtenund Epen in "obderenns'scher Volksmundart" der bedeutendste Mundartdichter Österreichs.

Unter den Pseudonymen Stelzhamers ist"Dá Franz vo Piesenham" das bekannteste. Nach 1848 schränkte sich die Rezeption seines Werks aufgrund des autochthonen Dialekts und der zahlreichen regionalen, ländlich-familiären Textbezüge zunehmend auf Oberösterreich und den süddeutschen Raum ein. 1952 wurden laut Beschluss des Landtages drei Strophen von s'Haimátgsang (1841) zur oberösterreichischen Landeshymne erklärt. Stelzhamers standardsprachliche Werke (Gedichte, Prosa) sind mit Ausnahme seiner Dorfgeschichten in erster Linie von biografischem, literatur- und ideologiegeschichtlichem Interesse. In einigen seiner Erzählungen und in vielen Mundartgedichten ist das Innviertel zur bis heute prägenden Literaturlandschaft geworden. Bereits zu Stelzhamers Lebzeiten setzte die Legendenbildung ein.

Stelzhamer wuchs als Sohn des Kleinhäuslers, Schneiders und Gelegenheitshändlers Johann Stelzhamer in Großpiesenham, im sogenannten Siebengütl auf. Zum Priester bestimmt, besuchte er von 1815 bis 1821 das Gymnasium zu St. Peter in Salzburg, wo er sich in die Salzburger Bürgerstochter Antonie Nicoladoni verliebte. Diese wechselhafte Liebesbeziehung inspirierte ihn zum ‚hochsprachlichen‛ Gedichtzyklus Liebesgürtel. Stelzhamer war Mitbegründer der Gesellschaft Rhetoriker, einer Vereinigung dichtender Gymnasiasten, die 1821 polizeilich verboten wurde. 1822 absolvierte er einen Kurs für Privat- und Hauslehrer in Graz und 1823/24 die beiden Philosophieklassen des Lyzeums in Salzburg. Das Studium der Rechte in Graz und Wien schloss er nicht ab. In den Jahren 1828-32 war er mehrmals als Hauslehrer tätig (Braunhirschen, Bielitz/Polen, Wien). Existenzielle Krisen, u. a. eine Typhuserkrankung, veranlassten ihn 1832/33 zum Besuch das Priesterseminars in Linz. Während dieser Episode entstanden seine ersten Mundartgedichte: Sie wurden in den Vertonungen seines Freundes, des Priesterseminaristen Eduard Zöhrer, im "Lande ob der Enns" noch vor ihrer Drucklegung populär.
Stelzhamers "Sprung aus der Kutte" im Sommer 1833 führte zu einem neuerlichen schweren Konflikt mit den Eltern (Besuchsverbot im Elternhaus). Wieder in Salzburg (1833/34) entschloss er sich Schriftsteller zu werden. Seine frühen standardsprachlichen Gedichte und Prosatexte, epigonal in Sujet und Stil, blieben jedoch weitgehend ungedruckt. Auf einen kurzen Aufenthalt in München folgte im Winter 1835/36 ein halbjähriges Schauspielengagement am k.b. Theater in Passau. Nach Auflösung der Truppe wegen Insolvenz kehrte er nach Österreich zurück. In Schärding am Inn hielt er die erste öffentliche Lesung seiner Mundartgedichte. 1837 (Tod des Vaters) wurde Stelzhamers erster Gedichtband Lieder in obderenns'scher Volksmundart veröffentlicht und vom literarisch interessierten Publikum begeistert aufgenommen. 1838 (Tod der Mutter) kehrte Stelzhamer nach Großpiesenham zurück und übersiedelte im Herbst nach Linz, wo er u. a. journalistisch tätig war.

Ab Herbst 1839 wohnte er wieder im Wiener Vorort Braunhirschen und verfasste bis 1842 Erzählungen, Rezensionen und Berichte über kulturelle Ereignisse für renommierte Wiener Vormärzjournale, Taschenbücher und Almanache in einer für die biedermeierliche Unterhaltungsliteratur charakteristischen Manier. 1841 erschien sein zweiter Mundartgedichtband Neue Gesänge in obderenns'scher Volksmundart. Dieser Band bestätigte die Erwartungen der zeitgenössischen Literaturkritik an Stelzhamer als Inkarnation des Volkspoeten im Sinne der von Johann Gottfried Herder, der Sturm- und Drang-Bewegung sowie der Romantik idealisierten Volkspoesie. Im Sommer 1841 überließ er Adalbert Stifter die Redaktion des 1844 publizierten Sammelbands Wien und die Wiener, der auch zwei Beiträge von Stelzhamer enthält. Zwischen 1842 und 1844 unternahm er von Wien aus drei ausgedehnte Vortragsreisen und reüssierte mit seinen Mundartgedichten u. a. in Münchner Künstler- und Adelskreisen (Herzog Maximilian verlieh ihm die Goldene Medaille für Wissenschaft und Kunst).
1845 heiratete Stelzhamer die aus Böhmen stammende Näherin Betty Reis (1818-1856). Das Ehepaar übersiedelte im selben Jahr nach Ried im Innkreis, wo am 7. November Carolina Stelzhamer geboren wurde. Ried blieb bis Ende 1851 Hauptwohnsitz der Familie. 1845 erschienen in Wien Stelzhamers erste Dorfgeschichte(Dorfgeschichte aus dem Riederwalde) und 1846 bei Manz in Regensburg sein dritter Mundartgedichtband Neue Gedichte in obderenns'scher Volksmundart. 1847 folgten bei Heckenast unter dem Titel Heimgarten zwei Bände hochdeutscher Erzählungen und das Buch Jugend-Novellen. Bei Ausbruch der Revolution von 1848 hielt sich Stelzhamer in Ried auf und teilte die anfängliche Begeisterung vieler konstitutionell gesinnter Zeitgenossen. In den PolitischenVolksliedern (Mundart), die zunächst in Ried als Flugblätter erschienen sind, nimmt er Stellung zu den wichtigsten Ereignissen des Revolutionsjahres. 1849/50 verfasste er im Auftrag des Ministeriums für Kultus und Unterricht ein Lesebuch für Volksschulen, das ihn für eine Beamtenlaufbahn empfehlen sollte. Stelzhamer erhielt zwar das vereinbarte Honorar, das Buch wurde aber nicht approbiert. 1851 ließ er D'Ahnl, ein Mundartepos in Hexametern, mit Hilfe von Spekulantengeldern drucken.

Nach dem Revolutionsjahr 1848 gelang es Stelzhamer nicht mehr, im österreichischen Literaturbetrieb Fuß zu fassen. Die finanzielle Notlage, die sich vor allem auch auf Frau und Kind existenzbedrohend auswirkte, veranlasste ihn im Dezember 1851 nach Bayern ‚auszuwandern'. Nach dem Tod von Tochter Lini folgte ihm seine Frau 1852 in die "bayrische Haupt- und Residenzstadt" München. Unverkauft und weitgehend unbekannt blieben seine in München selbst verlegten Bücher: Das Bunte Buch (1852) mit dem antisemitischen Pamphlet Jude und dem revolutionsfeindlichen Aufsatz Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sowie Gambrinus. Humoristisches Münchener Taschenbuch f. d. Sudjahr 1853/54; darüber hinaus verfasste Stelzhamer dynastische Gedichte für das österreichische Kaiserhaus und die Wittelsbacher in Bayern. In österreichischen Periodika erschienen weitere Dorfgeschichten, in denen sich Stelzhamer, angeregt durch die Erzählungen Berthold Auerbachs, vom romantisierenden Epigonentum seiner frühen Prosatexte löst. Nach dem Erscheinen des Sammelbands Gedichte, der bei Cotta in Stuttgart verlegt und für den Stelzhamer von Kaiser Franz Joseph die Große Goldene Medaille für Wissenschaft und Kunst verliehen wurde, kehrte das Ehepaar 1855 nach Österreich zurück. Betty Stelzhamer starb am 16. März 1856 38-jährig in Salzburg. Ebenfalls 1856 wurde Stelzhamers Theaterstück Die Ehre des Regiments in Linz uraufgeführt. Im selben Jahr begann er mit Hermine Tremml, der Tochter seiner Jugendliebe Antonie Nicoladoni, eine skandalträchtige Liebesbeziehung, die von den Eltern des Mädchens durch Hausverbot unterbunden wurde.
Die letzten 18 Jahre seines Lebens verbrachte Stelzhamer vorwiegend in Salzburg und Henndorf. Ab 1860 erhielt er vom Land Oberösterreich eine jährliche "Ehrengabe" von 400, ab 1864 zusätzlich ein staatliches Künstler-Stipendium von 600 Gulden. 1866 erlitt er einen Schlaganfall, zwei Jahre später heiratete er in zweiter Ehe die um 34 Jahre jüngere Erzieherin Therese Böhm-Pammer (1836-1911). 1867 wurden Sohn Lucian, 1871 Tochter Rosalia geboren. Erst im Sommer 1870 übersiedelte der 68-Jährige nach Henndorf zu seiner Familie. 1868 erschien sein letzter Mundartgedichtband Neueste Lieder und Gesänge in obderenns'scher Volksmundart mit dem Märchen Königin Noth als zentralem Text: Die allegorische Darstellung der Not und ihrer Ursachen als unverrückbare Konstanten menschlichen Seins weist Stelzhamers Haltung sozialen Missständen gegenüber als restaurativ, die gesellschaftlichen Zustände vor der Revolution von 1848 fortschreibend aus. In den letzten Lebensjahren arbeitete er an der Gesamtausgabe seiner Werke, für die er den angesehenen Verleger Gustav Heckenast (1811-1878) gewinnen wollte. Zu Stelzhamers 70. Geburtstag fanden landesweit Feiern und Geldsammlungen statt. Zwei Jahre später starb der Dichter in seinem Wohnhaus, Henndorf Nr. 84. Sein Grab befindet sich auf dem Henndorfer Friedhof in unmittelbarer Nähe der Grabtafel seines Freundes, des Prosaisten und Verfassers von Gedichten in Salzburger Mundart, Sylvester Wagner (1807-1865).

Die Verbreitung und Bewertung der Werke Stelzhamers wurde in erster Linie von Dichtern (u. a. Hermann Bahr, Peter. K. Rosegger, Norbert Hanrieder, H. C. Artmann, Walter Pilar) und Verehrergemeinden (allen voran der Stelzhamerbund in seinen unterschiedlichen Vereinsphasen) geprägt. Eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Werk fand lediglich punktuell statt. Der Nachlass des Dichters befindet sich im Oberösterreichischen Literaturarchiv im StifterHaus. Eine Werkausgabe, die wissenschaftlichen Editionsstandards genügt, gibt es bislang nicht. Sie ist nach wie vor Desiderat der Stelzhamerforschung.

Silvia Bengesser

 

Ausgewählte Dichtungen. Hg. von Peter K. Rosegger. 4 Bde. Wien, Pest 1884. - Ausgewählte Dichtungen in oberösterreichischer Mundart. Hg. von Rudolf Greinz. Leipzig 1905. - Ausgewählte Werke. Hg. von Ludwig Hörmann. 2 Bde. Wien o. J. - Franz Stelzhamers ausgewählte mundartliche Dichtungen. Hg. von Anton Matosch. 2 Bde. Linz 1905/08. - Lieder und Gedichte. Hg. von H. C. Artmann. Schärding 1981. - Kleinigkeiten. Hg. von Marius Huszar. Weitra [1993]. - Gedanken sind wie Vögel. Lesebuch. Hg. von Hans Gessl. Weitra [1994]. - Groß-Piesenham. Hg. von Marius Huszar. Weitra [1994]. - Sämtliche Dichtungen in seiner Mundart. Hg. von Kurt Gebauer. Linz 1995. - Nur fort zu Dir: Franz Stelzhamer und Betty Stelzhamer - Briefwechsel. Hg. von Silvia Bengesser und Günther Achleitner. Salzburg 2002. - Hörbücher: Sickara, Sackara. G'redt und G'sunga. Franz Stelzhamer - Martin Moser. Ungenach 2002. - O, so schen is dö Welt. Franz Stelzhamer - Hans Helmut Stoiber. Linz 2006.

Bengesser, Silvia: Franz Stelzhamer zwischen Legende und Wahrheit. Materialien zur Rezeption seiner Mundartdichtung 1837-1982. Weitra [1996]. - Dies. (Hg.): Franz Stelzhamer. Wanderer zwischen den Welten. Ausstellungskatalog mit CD. Linz 2002. - Dies.: Idylle und Abseits. Ried i.I. als Domizil von Betty und Franz Stelzhamer. In: Der Bundschuh 5 (2002) (= Schriftenreihe des Museums Innviertler Volkskundehaus), 70-78. - Dies.: Walter Pilar und Franz Stelzhamer. Vom belebenden Umgang mit einem Denkmal. In: Die Rampe 3 (2010). Hg. von Wolfgang Hackl und Wolfgang Wiesmüller, 108-117. - Commenda, Hans: Stelzhamer und Linz. In: Jahrbuch d. Stadt Linz (1952), 109-160. - Ders.: Franz Stelzhamer. Leben und Werk. Linz 1953. - "Der Fall Franz Stelzhamer". Antisemitismus im 19. Jahrhundert. Hg. von Petra-Maria Dallinger. Linz 2014. - Laher, Ludwig: Franz Stelzhamer und der unumbringbare Riesenbandwurmfledermausmaushamster. Von den ausgeblendeten Abgründen einer Ikone. In: Alfred Pittertschatscher (Hg.): Linz. Randgeschichten. Wien 2009, 239-287. - Pömer, Karl: kotzengrob und bázwoach. Franz Stelzhamer - Leben und Werk. Ried/Innkreis 2002. - Wurzbach, Constant von: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. Wien 1857-1891, Bd. 38, 178-191.