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Franzobel

© Wolfgang Kühn

Geb.1.3.1967 in Pichlwang bei Lenzing (OÖ).
Versteht sich als Volksdichter mit Lust am Sprachspiel und am Absurden sowie mit sozialem Engagement.

Zwischen 1989 und 1991 verlagert sich Franzobels Schwerpunkt von der bildenden Kunst zur Schriftstellerei: Der Maler, Graphiker, Aktionist und Konzeptkünstler Franz Zobel (so nennt sich der Student nach dem Mädchennamen der Mutter bzw. nach dem Malerwerkzeug) kreiert den Schriftsteller Franzobel. Das Pseudonym und das Geheimnis um dessen Ursprung gehören zu seinen Marketingstrategien. Der Fußballfan Franzobel erklärt das Pseudonym kokett auch als einen Spielstand: "Fran 2:0 Bel". Ein früherer Künstlername war "Narv le Boz".

Als Sohn eines Fabrikarbeiters und dessen Frau wuchs er in dem kleinen Durchzugsort Pichlwang auf. Es mag die Sozialisation in diesem Umfeld gewesen sein, die Franzobels Vorliebe für Populärkultur, für Comics und Trivialmythen, Fußball, Bier und Bosna, für Brachialkomik, Kalauer und Übertreibungen geprägt hat. Als Ministrant kam er mit katholischen Riten in Kontakt, die in Abwandlungen seine Texte durchziehen. Nach der Volks- und Hauptschule in Lenzing besuchte Franzobel die HTL für Maschinenbau in Vöcklabruck. 1986-94 studierte er in Wien (seither sein Wohnsitz) Germanistik und Geschichte, seine Abschlussarbeit beschäftigt sich mit Visueller Poesie. Neben dem Studium war er Komparse am Burgtheater und Linzer Stadtschreiber (1992/93).

Franzobel publizierte Beiträge in Zeitschriften und Anthologien sowie Bücher im Selbstverlag, ehe Das öffentliche Ärgernis (1993) in der edition selene erscheint. Den Durchbruch bringt die Erzählung Die Krautflut, mit der er 1995 den Bachmann-Preis gewinnt. Seit 1993 wartet er nahezu jedes Jahr mit mindestens zwei Veröffentlichungen in verschiedenen Genres auf. Besonders hervorzuheben ist Linz. Eine Obsession (1996), die groteske Erzählung um einen genetisch wiedererstandenen Mozart; dieser beschäftigt Franzobel wiederholt. Seine Lesungen - häufig mit dem aus Steyr stammenden Posaunisten Bertl Mütter - sind synästhetische Ereignisse und bringen seine Wortakrobatik besonders zur Geltung. Franzobels narrative Entwicklung findet Ausdruck in den zwei umfangreichen Prosawerken Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt (2000) und Das Fest der Steine oder die Wunderkammer der Exzentrik (2005). Wichtige Inspirationen bietet Buenos Aires, der Wohnort seiner Schwiegermutter.

Ab 1996 schreibt er neben Prosa und Lyrik auch Theaterstücke. Die aus Argentinien stammende Künstlerin Carla Degenhardt entwarf die Bühnenbilder u. a. für die (in Linz uraufgeführten) Stücke Nathans Dackel (1998) und Volksoper (2000). Der gemeinsame Sohn Laurenz ist vielleicht ein Mitgrund dafür gewesen, dass Franzobel als Kinderbuchautor in Erscheinung getreten ist, u. a. mit dem Bilderbuch Schmetterling. Fetterling (2004) und dem Libretto zu Michael Mautners Kinderoper Die Nase (2005, illustriert von Sibylle Vogel). Nur den äußeren Anschein von Kinderbüchern haben die Splatter-Satiren Austrian Psycho (2002) und Zirkusblut (2004) (in Zusammenarbeit mit dem Graphiker Norbert Trummer).
Das dramatische Schaffen steht zunehmend im Zeichen sozialen Engagements: Hunt oder der totale Februar (2006) handelt von Austrofaschismus und dem Bürgerkrieg 1934; in Zipf oder die dunkle Seite des Mondes (2007/08) geht es um das Leiden von Gefangenen im KZ Redl-Zipf; das Stück A Hetz oder die letzten Tage der Menschlichkeit (2009) kritisiert die Innenpolitik und fehlende Solidarität im Österreich der Gegenwart und greift den konkreten Fall der Immigrantenfamilie Zogaj auf. Regie führte der Linzer Georg Schmiedleitner (wie schon 1998 in Paradies, Uraufführung in Linz), professionelle Schauspieler agierten mit Laiendarstellern ("Theater Hausruck") an historischen Schauplätzen. Insbesondere A Hetz stellte sich als so brisant heraus, dass einige Laien und Sponsoren von ihrer Mitwirkung absahen.

Politischen Einsatz zeigt Franzobel auch in Reden, Offenen Briefen und Essays. Im Februar 2000 tritt er bei der Massendemonstration gegen die damalige rechtskonservative Regierung am Wiener Heldenplatz auf, 2005 setzt er sich bei der Entgegennahme des Nestroy-Preises für eine stärkere Beachtung der Widerstandskämpfer der Geschichte ein. 2009 erscheint der sarkastische Essay Österreich ist schön.
Zu den weiteren Preisen, die Franzobel erhalten hat, zählen u. a. der Floriana-Literaturpreis 1998, der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor 1998, der Arthur-Schnitzler-Preis 2002 und der Nestroy-Preis 2005.

Andreas Freinschlag

 

Das öffentliche Ärgernis. Prosa. Klagenfurt 1993. - Die Krautflut. Erzählung. Frankfurt/Main 1995. - Linz. Eine Obsession. München, Berlin 1996. - Böselkraut und Ferdinand. Wien 1998. - Met ana oanders schwoarzn Tintn. Dulli-Dialektgedichte. Weitra 1999. - Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit. Wien 2002. - Mundial. Gebete an den Fußballgott. Graz 2002. - Scala Santa oder Josefine Wurzenbachers Höhepunkt. München 2002. - Luna Park. Vergnügungsgedichte. Wien 2003. - Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik. Wien 2005. - Liebesgeschichte. Roman. Wien 2007. - Österreich ist schön - Ein Märchen. Wien 2009. - Moser oder Die Passion des Wochenend-Zimmergottes. Wien 2010. - Romeo und Julia in Purkersdorf. Drei Volksstücke. Wien 2011. - Der Boxer oder Die zweite Luft des Hans Orsolics. Wien 2011. - Faust. Der Wiener Teil. Ein Lustspiel. Wien 2012. - Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind. Wien 2012. - Yedermann oder Der Tod steht ihm gut. Wien 2013. - Steak für alle. Der neue Fleischtourismus - mikrotext. Berlin 2013. - Der fliegende Zobel (Illustrationen von Sibylle Vogel). Wien 2013. - Adpfent. Ein Kindlein brennt. Weitra 2013. - Wiener Wunder. Kriminalroman. Wien 2014. - Bad Hall Blues. Eine Oberösterreicherelegie. Linz 2014. - Der kleine Pirat. Wien 2015. - Groschens Grab. Kriminalroman. Wien 2015. - Sarajevo 14 oder Der Urknall Europas. Wien 2016.

Eder, Thomas: Romanzen und Matrizen. In: Franzobel: Die Krautflut. Frankfurt/Main 1995, 79-94. - Freinschlag, Andreas: Kynisch-komische Chaosmologie. Eine literaturgeschichteliche Ahnenforschung zu Franzobels Roman Scala Santa. Wien 2005. - Haindl, Sibylla: Das Groteske als Strukturprinzip in Franzobels Roman Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt. Dipl.-Arb. Univ. Wien 2007. - Hainz, Martin A.: "die wirklichkeit bläht sich weiter auf und zerplatzt": Heimito von Doderer, Oswald Wiener und Franzobel. In: Weimarer Beiträge 50 (2004), 539-558. - Kaindlstorfer, Günter: Der König von Absurdistan. Im Reich des Dichters Franzobel. Eine Audienz. ORF 2007. - Leeb, Notburga: Aspekte der Dialogizität in Franzobel: Die Musenpresse. Dipl.-Arb. Univ. Wien 2005. - Rabelhofer, Bettina: Der Hunger nach Wahnsinn. Zur Subkultur des psychopathologischen Unterschlupfs: Franzobel, Soria, Hochgatterer. In: Friedbert Aspetsberger und Gerda E. Moser (Hg.): Leiden ... Genießen. Zu Lebensformen und -kulissen in der Gegenwartsliteratur. Innsbruck 2005, 164-182.