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Fritz Lehner

Foto: privat

Geb. 15.5.1948 in Freistadt.
Der Regisseur und Drehbuchautor ist in den letzten Jahren auch verstärkt als Romancier hervorgetreten.

Als eigensinniger wie streitbarer Regisseur und Drehbuchschreiber hat sich Lehner seit Mitte der 1970er-Jahre einen weit über Österreich hinausgehenden Ruf erworben; viele Charakterisierungen seiner Arbeit zeichnen sich dabei durch die Zuschreibung einer künstlerischen ‚Kompromisslosigkeit‘ aus (vgl. etwa Wippersberg 1993, 11; Steiner Daviau 2002, 322; Stangl 2009). Zu seinen bekanntesten Regiearbeiten zählen die zeitgeschichtlich brisante und vielbeachtete TV-Serie Das Dorf an der Grenze (1979-83; vgl. Sommeregger 1983), die Verfilmung von Franz Innerhofers Roman Schöne Tage (1981) sowie die dreiteilige Fernsehproduktion Mit meinen heißen Tränen (1986, Kinoversion Notturno 1988, u. a. mit Udo Samel und Therese Affolter), in der er "a bleak and horrifying view" (Steiner Daviau 2002, 321) auf den Komponisten Franz Schubert wirft (vgl. das Verzeichnis seiner Filme in: Szely 2002, 249-253).

Im frühen Filmessay Freistadt (1976) porträtiert Lehner, der 1970-75 an der Filmakademie in Wien studiert hat, seine oberösterreichische Heimat; obwohl als subtile "Liebeserklärung an Freistadt" verstanden, brachte ihm der Film erstmals das Image eines unbequemen "Nestbeschmutzers" ein (Stangl 2009; vgl. Wulff 2002, 26f.). Mehr als dreißig Jahre später, im Roman Der Schneeflockenforscher (2009), beschäftigt sich Lehner erneut mit seiner Geburtsstadt, nun jedoch im Genre eines zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges angesiedelten historischen Romans.
Lehners Idee, "Heimatfilme machen" zu wollen, allerdings "andere als die, die ich seinerzeit als Kind gesehen hab" (Wippersberg 1993, 16; vgl. Szely 1998, 22-25), fand ihre bekannteste Umsetzung im mit Laiendarstellern gedrehten Film Schöne Tage, der auf heftige Ablehnung im Umfeld der porträtierten Landbevölkerung stieß; Funktionäre des Bauerbundes und der Landeswirtschaftskammern protestierten gegen die Ausstrahlung des Films. Zwei Jahrzehnte später sorgte Jedermanns Fest (mit Klaus Maria Brandauer) vor allem durch langwierige Konflikte um Fördergelder für öffentliches Aufsehen; der Film selbst, der kompositorisch auf Hofmannsthals "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" rekurriert, gehört gleichwohl zum Kanon der österreichischen Filmgeschichte (vgl. Philipp 2002).
Seit Jedermanns Fest hat Lehner keine größeren filmischen Arbeiten mehr realisiert und widmet sich mittlerweile primär der Literatur. Im Anschluss an den Debütroman R (2003), der sich - wie Christoph RansmayrsDie Schrecken des Eises und der Finsternis (1984) - mit der österreichischen Nordpolarexpedition der 1870er-Jahre auseinandersetzt, erschienen im Wiener Seifert Verlag in kurzen Abständen mehrere z. T. umfangreiche Bücher: die Metropol-Trilogie (2005-07), Der Schneeflockenforscher (2009), der zuerst im Internet und durch Filmclips unterstützt publizierte Roman Margolin (2012) sowie zuletzt Vor dem Angriff (2015) und Seestadt (2016).

Für seine Filme und Drehbücher erhielt Lehner zahlreiche Preise, u. a. den Erich-Neuberg-Preis 1980 (für Das Dorf an der Grenze), den Prix Italia (1982, 1983), den Adolf-Grimme-Preis 1983 (für Schöne Tage) und 1987 (für Mit meinen heißen Tränen), den Kulturpreis des Landes Oberösterreich für Literatur (1992) und Film (1999) sowie den Preis der Diagonale Wien 2002 (für Jedermanns Fest).

Harald Gschwandtner

 

Österreich-ungarische Nordpol-Expedition Payer-Weyprecht 1872-1874. In: Die Rampe 1993, H. 1, 27-48. - R. Roman. Wien 2003. - Hotel Metropol. Ankunft. Wien 2005. - Hotel Metropol. Tage und Nächte. Wien 2006. - Hotel Metropol. Abreise. Wien 2007. - Der Schneeflockenforscher. Wien 2009. - Margolin. Wien 2012. - Margolin. In: SALZ 37 (2012), H. 148, 31-32. - Vor dem Angriff. Wien 2015. - Seestadt. Wien 2016. - NITRO. Wien 2017.

Philipp, Claus: Kein Raum für 173 Minuten Kino. Anmerkungen zu Jedermanns Fest (1996/2002). In: Sylvia Szely (Hg.): Fritz Lehner. Filme. Wien 2002, 82-102. - Ders. / Szely, Sylvia: "Ich bin mir selbst ein strenger Herr und Knecht zugleich". Gespräch mit Fritz Lehner. In: Sylvia Szely (Hg.): Fritz Lehner. Filme. Wien 2002, 155-180. - Rebhandl, Bert: Der einzige Zeuge. Die Nachträglichkeit der Bilder in Schöne Tage (1981). In: Sylvia Szely (Hg.): Fritz Lehner. Filme. Wien 2002, 60-68. - Sommeregger, Borut (Hg.): Kärnten: ein Dorf an der Grenze? Reaktionen & Aggressionen zu einem TV-Film. Klagenfurt 1983. - Stangl, Oliver: Finden, um zu erfinden [Interview mit Fritz Lehner]. In: RAY. Filmmagazin (2009), Nr. 5. -Steiner Daviau, Gertraud: Opposing Views. Franz Schubert in the Films of Willi Forst (1933) und Fritz Lehner (1986). In: Robert Pichl, Clifford A. Bernd (Hg.): The Other Vienna. The Culture of Biedermeier Austria. Österreichisches Biedermeier in Literatur, Musik, Kunst und Kulturgeschichte. Wien 2002, 315-322. - Szely, Sylvia: Heimat / Bilder. Lektüre dreier österreichischer Romane und Filme aus den siebziger und achtziger Jahren. Schöne Tage (Franz Innerhofer - Fritz Lehner), Herrenjahre (Gernot Wolfgruber - Axel Corti), Der Stille Ozean (Gerhard Roth - Xaver Schwarzenberger). Wien 1998. - Dies. (Hg.): Fritz Lehner. Filme. Wien 2002. - Wippersberg, Walter: Fritz Lehner. Laudatio. In: Die Rampe 1993, H. 1, 11-13. - Ders.: Fritz Lehner im Gespräch. In: Die Rampe 1993, H. 1, 14-26. - Wulff, Constantin: Heimat, fremde Heimat. Freistadt (1976), ein Winterfilm aus dem Mühlviertel. In: Sylvia Szely (Hg.): Fritz Lehner. Filme. Wien 2002, 24-30.