Gaspar Brusch

Zeitgenössischer Stich

Geb. 1518 in Schlaggenwald (heute: Horni Slavkov; Tschechische Republik), gest. 1557 bei Windsheim (Deutschland).
Poeta Laureatus, päpstlicher Comes Palatinus, Reisejournalist, Klosterhistoriograf und Protestant, Verfasser des Encomion Linczianae Civitatis und des Iter Anasianum.

Die zwei lateinischen Hexamtergedichte des Gaspar Brusch, das Encomion Linczianae Civitatis ("Loblied auf die Stadt Linz") und das Iter Anasianum ("Reise nach Enns"), sind einerseits als im Wesentlichen beschreibende Texte von lokalhistorischem Interesse, andererseits nehmen sie als Belege für den über die Grenzen der bildenden Kunst hinaus reichenden Einfluss der im 15./16. Jh. entwickelten Zentralperspektive eine kulturgeschichtlich bedeutende Stellung ein.

Um Material für seine Sammlung von Klosterchroniken zu beschaffen, reiste Brusch 1552 durch Österreich und weilte während des Fürstenkongresses im April/Mai in Linz. In typisch humanistischer Manier bilden zwei im Hexameter verfasste Gedichte, ein Städtelob und ein Reisegedicht ("Hodoiporikon"), den hauptsächlichen poetischen Niederschlag dieses Aufenthaltes.
Brusch war in beiden Gattungen geübt: Nicht weniger als sechs weitere z. T. exquisite Hodoiporika sind aus seiner Feder erhalten, auch Städtelob findet sich. Dementsprechend beschreibt das Encomion (200 Verse) nicht bloß einen Gang durch die Stadt mit den Stationen Burg, Wassertor, Hauptplatz, Rathaus, Schmidtorturm, Minoritenkloster, Stadtpfarrkirche, Schule, Spitalsfriedhof, sondern verknüpft damit einen Überblick über die geografische Lage, die Stadtgeschichte, moralische Erwägungen und religiöse Stellungnahmen, die sogar als Hauptmotiv für das Gedicht bezeichnet werden (187f.). Insgesamt eignet dem Text mit seinen zahlreichen Erwähnungen von Gräbern und Verstorbenen ein merklich besinnlicher Charakter, der etwas atypisch für die Gattung ist.
Umgekehrt sprüht das Iter Anasianum (ca. 205 Verse) vor Leben. Der mehrtägige Ritt von Linz über Steyregg und Pulgarn nach Mauthausen, von dort über die Donaubrücke nach Enns und über Ebelsberg zurück nach Linz wird selbst im nur gekürzt erhaltenen Bericht erweitert um einen Wettritt mit einem Freund über die Wiesen von St. Peter, eine burleske Soldateskaszene an der Fähre, vor allem aber um eine misogyne Invektive gegen das als verkommen geschilderte Heiliggeiststift Pulgarn und den verrotteten Katholizismus insgesamt.

Zusammen geben diese Erweiterungen einen Querschnitt durch Bruschs Lieblingsthemen: Geschichte (auch mittelalterliche), religiös-moralische Erwägungen protestantischer Prägung, humorvolle Genremalerei sowie die Pflege von Freundschaften (und gegebenenfalls Feindschaften). Die jeweils tragenden Gedichtstrukturen aber, die Beschreibungen des Stadtrundgangs bzw. des Ausritts, zeigen in beiden Texten auffällige Eigenheiten, die dem Einfluss der Zentralperspektive bzw. ihrer Theorie zuzuschreiben sein dürften. Im Encomion wird (gattungsatypisch) der Leser geradezu pedantisch von einem Blickpunkt zum nächsten dirigiert, sodann das von diesem Punkt aus Erblickbare beschrieben, ohne dass der zwischen zwei solchen zu beziehenden Standpunkten liegende Raum irgendwie wahrgenommen würde. Ebenso gerät die im Iter durchrittene Landschaft gleichsam zu im Koordinatensystem verteilten Veduten von Ortschaften, Burgen usw., zwischen denen eine zu überwindende räumliche Distanz liegt, aber kein als solcher interessierender Raum - und dies, obwohl der Autor im Allgemeinen sehr empfänglich für landschaftliche Schönheit war. Brusch geht im Iter sogar so weit, entgegen allen Regeln der Gattung des Hodoiporikon die Reihenfolge der geschilderten Örtlichkeiten nicht nach dem tatsächlichen Besuch, sondern nach ihrer Sichtbarkeit zu ordnen: So z. B. wird Schloss Ebelsberg anlässlich des Ritts nach St. Peter ins Blickfeld gerückt, weil es aus dieser Richtung gut sichtbar ist; als man es beim Rückritt von Enns nach Linz aber tatsächlich passiert, wird es nicht einmal erwähnt. Die beiden Gedichte lassen sich so auch als originelle intermediale Experimente zwischen Literatur und bildender Kunst begreifen.

Gottfried Eugen Kreuz

 

Encomion. ÖNB Wien, cvp 8869, 84r-87v (Autograph). - Kreuz, Gottfried: Ad laevam invenies ... Die Rezeption der Zentralperspektive in den Linzgedichten des Gaspar Brusch (1518-1557). In: Vestigia Latinitatis in Media Europa. Treviso 2009, 169-197 (mit Edition). - Hodoeporicorum sive Itinerum ... libri VII. Hg. von Nicolaus Reusner. Basileae 1580, 405-412 (= Iter Anasianum; gekürzte Fassung). - Johannes Wolf: Lectionum memorabilium et reconditarum centenarii XVI. Lauingae 1600, Bd. 2, 583-585 (Fragment d. ungekürzten Textes: Pulgarnschelte). - Kreuz, Gottfried: Gaspar Brusch. Iter Anasianum. Ein Spazierritt durch Oberösterreich 1552. Wien 2008 (Edition u. Kommentar).

Bezzel, Irmgard: Kaspar Brusch (1518-1557), Poeta laureatus. Seine Bibliothek, seine Schriften. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 23 (1982), 389-480. - Horawitz, Adalbert: Caspar Bruschius. Ein Beitrag zur Geschichte des Humanismus und der Reformation. Prag, Wien 1874. - Jenny, Beat Rudolf; Dill, Ueli: Der Historiker-Poet Gaspar Brusch (1518-1557) und seine Beziehungen zur Schweiz. In: Aus der Werkstatt der Amerbach-Edition. Basel 2000, 93-307. - Ludwig, Walther: Gaspar Bruschius als Historiograph deutscher Klöster und seine Rezeption. Göttingen 2002. - Schmid, Alois: Humanismus im evangelischen Pfarrhaus. Kaspar Bruschius als Pfarrer zu Pettendorf. In: Jahrbuch für Fränkische Landesforschung 60 (2000), 135-157. - Wiegand, Hermann: Hodoeporica. Studien zur neulateinischen Reisedichtung des deutschen Kulturraums im 16. Jahrhundert. Mit einer Bio-Bibliographie der Autoren und Drucke. Baden-Baden 1984, 177-190. - Kreuz, Gottfried: Gaspar Brusch. In: Wilhelm Kühlmann u. a. (Hg.): Frühe Neuzeit in Deutschland 1520-1620. Literaturwissenschaftliches Verfasserlexikon (VL 16).