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Georg Calaminus

Georg Calaminus: Epigramm auf Gundaker von Starhemberg. Straßburg 1583; © OÖ. Landesbibliothek

Geb. 23.4.1549 in Silberberg (heute: Srebrna Góra; Polen), gest. 1.12.1595 in Linz.
Neulateinischer Dichter des österreichischen Späthumanismus.

Als Sohn des protestantischen Seifensieders Georg Rorich und dessen Ehefrau Magdalena lernte Calaminus an der Schule der schlesischen Bergstadt Silberberg Deutsch lesen und schreiben. Private Förderer und Stipendien aus Stiftungen ermöglichten ihm den Besuch der Lateinschule in Glatz und der Elisabeth-Schule in Breslau, wo er seinen Zunamen nach Humanistenart latinisierte. Ab 1572 arbeitete er in Straßburg als Privatlehrer adeliger Jünglinge. Mit ersten Proben seiner neulateinischen Dichtkunst und dann durch die Produktion von Theaterstücken für das Schultheater gewann Calaminus derart an Ansehen, dass ihn Rektor Johannes Sturm in sein Haus aufnahm. Nach dem Erwerb des Magistergrades (1575) stand Calaminus am Beginn einer akademischen Karriere in Straßburg. 1578 gelang es dem ebenfalls aus Straßburg kommenden Rektor der Linzer Landschaftsschule, Johannes Memhard, Calaminus für den Posten des Konrektors zu gewinnen. Mit den in Österreich tätigen Literaten Hugo Blotius (1533-1608), Hieronymus Arconatus (1533-1599), Christoph von Schallenberg und Johannes Crato (1519-1585) trat Calaminus sogleich in freundschaftliche Beziehung. Doch die strengen Schulgesetze (Lehrerzölibat, Daueraufsicht, Zensur) und ein schmerzhaftes Rheuma vergällten ihm das Leben und er versank 1583 in eine "Melancholie". Nachdem die Landstände endlich ihr Einverständnis erklärt hatten, heiratete er 1584 Anna Kirchmaier, Witwe des Bürgermeisters von Freistadt, die zwei unmündige Töchter mit in die Ehe brachte, und bezog das Linzer Privathaus seiner Schwiegermutter (heute: Pfarrplatz 19). 1585 schlug Calaminus eine Berufung an die Akademie Altdorf aus. 1586-91 übernahm er zusätzlich die Funktion des Schulökonomen. Eine Gehaltserhöhung erlaubte es ihm 1591, sich der Arbeit an dem historischen Drama Rudolphottocarus zu widmen und dem Ziel der Nobilitierung und Dichterkrönung durch die Dedikation des Werkes an Kaiser Rudolf II. näher zu kommen. Am 8. März 1595 unterfertigte der Kaiser in Prag die Dekrete über die Erhebung Calaminus' in den Adelsstand und zum Poeta laureatus. Als Calaminus zum Empfang der neuen Würden in Wien weilte, infizierte er sich jedoch mit dem Fleckfieber, kehrte krank nach Linz zurück und starb dort im Familienkreis.

Calaminus ist einer der wenigen Dichter des österreichischen Späthumanismus, deren lateinische Dichtungen in ganz Mitteleuropa bekannt wurden. Im epischen Bereich verwendet er kleinere Formen zur Darstellung von Lebensgeschichten und besonderen Anlässen. Neu ist der Einsatz des Epos für protestantisch-apologetische Zwecke in Casus Freidekianus. In der lyrischen Dichtung zeigt Calaminus formale Gewandtheit und Vielseitigkeit in der Themenwahl. Die Elegie Turtur ist ein Beitrag zum literarischen Manierismus. Die Form der Heroide (metrischer Brief einer mythologischen oder allegorischen Frauengestalt) benützt er für Themen aus der europäischen Geistesgeschichte (Mnemosyne, Argyrope, Psyche). In seinen Oden äußert er Gedanken zu Grundproblemen menschlichen Lebens mit religiösen, moralischen, geistesgeschichtlichen und politischen Bezügen. Im großen Sammelbecken der Epigramme vereinigt Calaminus poetische Kleinformen aller Arten. Die zunehmende Subjektivität der Aussage geht in der letzten Schaffensphase mit einer gesteigerten Erfahrungs- und sprachlichen Gestaltungsintensität einher, die zuweilen symbolhafte, mystisch-enigmatische Züge annimmt. Auf dramatischem Gebiet setzt Calaminus die Form der Ekloge für Bühnenstücke ein. In Helis lässt er einen biblischen Stoff im Kleid einer regelkonformen euripideischen Tragödie erscheinen, wobei er das traditionelle didaktische Element zugunsten einer stoizistischen Grundhaltung zurückdrängt. Mit der Austriaca tragoedia Rudolphottocarus, seinem Hauptwerk, schafft er ein gewissenhaftrecherchiertes historisches Drama - das erste über den Konflikt zwischenRudolf I. von Habsburg und Przemysl Ottokar überhaupt. Deutliche Ähnlichkeiten lassen vermuten, dass Franz Grillparzer (1791-1872) aus Calaminus' Werk Anregungen für König Ottokars Glück und Ende (1825) gewonnen hat.

Robert Hinterndorfer

 

[Druckort immer Straßburg:] Thyrsis. 1575. - Vita Guintherii. 1575. - Carmius. 1576. - Phoenissae. 1577. - Genethlion Iesu 1578. - Daphnis. 1580. - Joannis Jörgeri melos gasmelicum. 1582. - Mnemosyne. 1583. - Turtur. 1583. - Argyrope. Psyche. In: Manes Sturmiani, 1590. - Helis. Casus Freidekianus. 1591. - Rudolphottocarus. Rudolphis. 1594. - Sämtliche Werke (lat./dt.). 4 Bde. Hg., übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Robert Hinterndorfer. Wien 1998.

Crüger, Johannes: Zur Straßburger Schulkomödie. In: Festschrift Gymnasium Straßburg 1888, S. 305-354. - Doll, Richard: Das lateinische Epos des [...] Calaminus über [...] Johann Winther von Andernach. Diss. Universität Düsseldorf, Emsdetten 1937. - Gillet, J. F. A.: Crato von Crafftheim. 2 Bde. Frankfurt/Main 1860. - [Glaser, Philipp]: Exsequialia, Straßburg 1597. - Hinterndorfer, Robert: Calaminus' Rudolphis und Reichard Streins Freidegg. In: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich 1992, NF 57/58, S. 1-69. - Jundt, August: Die dramatischen Aufführungen im Gymnasium. Straßburg 1881. - Leitner, Gertraud: Hugo Blotius und der Straßburger Freundeskreis. Diss. (masch.) Universität Wien 1968. - Memhard, Johannes: Oratio funebris. Straßburg 1597. - Newald, Richard: Claminus (Roenrich[t]), Georg. In: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 91f. - Schiffmann, Konrad: Mag. Georg Calaminus. In: Beiträge der österreichischen Gruppe für [...] Schulgeschichte 1899, H. 2, S. 23f. - Schimmelpfennig, Adolf: Calaminus, Georgius. In: Allgemeine deutsche Biographie 3 (1876), S. 692. - Slaby, Helmut: Georg C. und seine dramatische Dichtung Rudolphottocarus. Diss. (masch.) Universität Wien 1955. - Ders.: Magister Georg C. und sein Freundeskreis. In: Historisches Jahrbuch der Stadt Linz 1958, S. 73-139.