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Gertrud Fussenegger

© Gertrud Fussenegger

Geb. 8.5.1912 in Pilsen (heute: Plzeň, Tschechische Republik), gest. 19.3.2009 in Linz.
Veröffentlichte seit den 1930er Jahren Romane, Erzählungen, Kinderbücher, Essays und Gedichte und ist eine bedeutende, wenngleich politisch umstrittene österreichische Autorin des 20. Jh.

Fussenegger war die Tochter der aus Böhmen stammenden Caroline Häßler und des in Wien geborenen k.u.k. Offiziers Emil Fussenegger, dessen Vorfahren in Vorarlberg ansässig waren. Ihre Kindheit verbrachte Fussenegger in Böhmen, Galizien, Vorarlberg und Nordtirol. Nach dem frühen Tod der Mutter im Jahre 1926 lebte sie bei den Großeltern in Pilsen. Sie studierte 1930-34 in Innsbruck und München Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie. Sie promovierte bei dem Historiker Harold Steinacker über Gemeinschaft und Gemeinschaftsbildung im Rosenroman von Jean Clopinel de Meung (13. Jh.). Parallel dazu schrieb sie ihren ersten Roman: Geschlecht im Advent (1936).

Im Dezember 1936 erschien die Novelle Mohrenlegende, in der Fussenegger, obwohl seit 1933 Mitglied der damals in Österreich noch illegalen NSDAP, indirekt die Rassenideologie und den Antisemitismus der Nationalsozialisten in Frage stellt. Der von einem Kreuzfahrer im 13. Jh. in ein Tiroler Dorf verschleppte Mohrenjunge semitischer Herkunft wird Opfer der rassistischen Bauern, die ihn im Winter erfrieren lassen. Der sich auf Menschen unterschiedlicher Hautfarbe beziehende Satz "und sie waren einander alle gleich" setzt die christliche Idee der Gleichheit der Menschen gegen die nationalsozialistische Doktrin der Ungleichheit der Rassen. Kurz nach dem Erscheinen wurde das Buch vom Amt Rosenberg aus dem Handel gezogen. Auch die anderen im Dritten Reich veröffentlichten Romane und Erzählungen blieben von der NS-Ideologie unbeeinflusst oder unterliefen sie und wurden nach 1945 wieder mehrfach aufgelegt.
1937 heiratete Fussenegger den Bildhauer Elmar Dietz (1902-1996), mit dem sie vier Kinder hatte: Richarda, Waltraud, Raimund und Dorothea.
Trotz ihrer christlich motivierten Distanz zum Nationalsozialismus begrüßte sie 1938 den "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich und verfasste zu diesem Anlass das Gedicht Als sich die Zeit erfüllte, das im Münchner Völkischen Beobachter abgedruckt wurde. Fussenegger verehrte in diesen Jahren den Schriftsteller Franz Tumler, mit dem sie eine jahrelange Freundschaft verband. 1944 zog sie in ihr Elternhaus nach Hall (Tirol), wo ein Jahr später ihr Vater starb. Die Schrecken des Kriegsendes, die Trennung von ihrem ersten Mann (Scheidung im Jahre 1948) und vier zu versorgende Kinder konnten Fusseneggers Schreibkraft nicht brechen.

Nach der Bombardierung Halls im Februar 1945 arbeitete sie zunächst am Haus der dunklen Krüge, legte das Manuskript aber 1946 zur Seite, um die schon 1930 konzipierten Brüder von Lasawa zu vollenden, die 1948 im Otto Müller Verlag (Salzburg) erschienen. Unter dem Eindruck des Kriegs hatte die Autorin die Handlung des Romans aus der Zeit Napoleons in die düstere Epoche des Dreißigjährigen Krieges verlegt. Bei dem 1951 veröffentlichten, in Böhmen spielenden Roman Das Haus der dunklen Krüge handelt es sich um die erzählerische Transformation von Fusseneggers Familiengeschichte mütterlicherseits. Der oft mit Thomas Manns Buddenbrooks verglichene Roman führt dem Leser die Selbstzerstörung des Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jh. vor Augen. 1950 ging Fussenegger eine zweite Ehe mit dem oberösterreichischen Bildhauer Alois Dorn (1908-1985) ein, aus der ein Sohn, Lukas, hervorging. Die Familie zog 1961 nach Leonding bei Linz um. Die in den 1950er-Jahren herrschende Angst vor einer atomaren Apokalypse regte Fussenegger zu dem Roman Zeit des Raben - Zeit der Taube an, eine Doppel-Biografie romancée über die Physikerin Marie Curie und den katholischen Schriftsteller und Mitbegründer des "renouveau catholique" Léon Bloy. In dem 1968 veröffentlichten Roman Die Pulvermühle thematisiert Fussenegger die Schuld und Schuldverdrängung der Deutschen im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit, ein Thema, das schon in dem Roman In deine Hand gegeben (1954) eine zentrale Rolle gespielt hat. 1977-79 und 1984/85 gehörte Fussenegger an der Seite von Joachim Kaiser und Marcel Reich-Ranicki der Jury des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt an. In der von Reich-Ranicki redaktionell betreuten "Frankfurter Anthologie" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichte Fussenegger zahlreiche Gedicht-Interpretationen.

1979 erschien ihre Autobiografie Ein Spiegelbild mit Feuersäule, in der sie sich mit den Ursachen ihrer politischen Irrtümer auseinandersetzt, die sie als persönliche Schuld empfindet. Eine überarbeitete und ergänzte Fassung erschien 2007 unter dem Titel So gut ich es konnte. Erinnerungen 1912-1948 bei Langen Müller. 1980 publizierte die Autorin eine vielbeachtete Biografie über Maria Theresia. In dem in den Jahren 31 bis 33 in Palästina spielenden Roman Sie waren Zeitgenossen (1983) lernt der Leser Menschen kennen, die die heilsgeschichtliche Bedeutung Jesu nicht erkannten. Ihre eigene falsche Einschätzung Hitlers und seiner Politik hat Fussenegger zur Konzeption dieses Romans angeregt.
1985 starb Alois Dorn in Sierning bei Steyr. 1988 sprach Fussenegger im Namen der österreichischen Künstler vor Papst Johannes Paul II. im Großen Festspielhaus in Salzburg. 1993 erhielt sie den angesehenen Bayerischen Literaturpreis, den Jean-Paul-Preis, für ihr Gesamtwerk. Im Vorfeld hatte sich die Wiener Zeitschrift Forum in einem offenen Brief an den Bayerischen Landtag gewandt und wegen Fusseneggers Publikationen im Dritten Reich gegen die Preisverleihung protestiert. Der Brief wurde von 14 Österreichern unterschrieben und löste eine Pressekampagne gegen die Autorin aus, die Friedrich Denk in seinem Buch Die Zensur der Nachgeborenen dokumentiert hat. In den folgenden Jahren zog sich Fussenegger aus der Öffentlichkeit zurück und schrieb eine Goethe-Biografie für Kinder, den Novellenband Shakespeares Töchter und den Roman Bourdanins Kinder, eine Fortsetzung ihres Opus magnum Das Haus der dunklen Krüge. Beide Romane kann man als Pathogenese des Bürgertums lesen, das in der zweiten Hälfte des 19. Jh. an seinen eigenen Sinngebungen zugrunde geht und damit die Barbarei des 20. Jh. vorbereitet. Fussenegger ist mehr europäischen als deutschen Erzähltraditionen verbunden und wurde von Autoren wie Dostojewski, Faulkner, Flaubert und Sigrid Undset beeinflusst. In einem Werkstattgespräch setzte sich die 90-jährige Autorin 2005 noch einmal eingehend mit ihrer nationalsozialistischen Phase auseinander. Am 19. März 2009, knapp vor ihrem 97. Geburtstag, starb Fussenegger und wurde auf dem Friedhof in Leonding bei Linz beigesetzt.

Rainer Hackel

 

Geschlecht im Advent. Potsdam 1937. - Mohrenlegende. Potsdam 1937. - Die Leute auf Falbeson. Jena 1940. - Die Brüder von Lasawa. Salzburg 1948. - Das Haus der dunklen Krüge. Salzburg 1951. - In deine Hand gegeben. Düsseldorf 1954. - Das verschüttete Antlitz. Stuttgart 1957. - Zeit des Raben-Zeit der Taube. Stuttgart 1960. - Die Pulvermühle. Stuttgart 1968. - Ein Spiegelbild mit Feuersäule. Stuttgart 1979. - Maria Theresia. Biographie. Wien 1980. - Sie waren Zeitgenossen. Stuttgart 1983. - Jirschi oder Die Flucht ins Pianino. Graz 1995. - Shakespeares Töchter. München 1999. - Bordanins Kinder. München 2001.

Baur, Uwe; Gradwohl-Schlacher, Karin: Literatur in Österreich 1938-1945. Handbuch eines literarischen Systems. Bd. 3, Oberösterreich. Wien u. a. 2014, 207-214. - Denk, Friedrich: Die Zensur der Nachgeborenen. Zur regimekritischen Literatur im Dritten Reich. Weilheim 1996. - Gertrud Fussenegger 1912 : 2012. Dokumentation eines Symposions. Hg. von Petra-Maria Dallinger. Linz 2013. - Hackel, Rainer: Gertrud Fussenegger - ein Gespräch über ihr Leben und Werk mit Rainer Hackel. Wien 2005. - Ders.: Gertrud Fussenegger - Das erzählerische Werk. Mit einem Vorwort von Dieter Borchmeyer. Wien 2009. - Kroll, Frank-Lothar (Hg.): Grenzüberschreitungen. Festschrift für Gertrud Fussenegger. München 1998. - Pittertschatscher, Alfred (Hg.): Gertrud Fussenegger. Linz 1992 (= Die Rampe 1992. Porträt). - Sachslehner, Johannes: Nachprüfung. Zu den Autobiographien von Robert Hohlbaum, Paula Grogger, Gertrud Fussenegger und Franz Tumler. In: Klaus Amann u. a. (Hg.): Autobiographien in der österreichischen Literatur. Von Franz Grillparzer bis Thomas Bernhard. Innsbruck 1998, 125-140.