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Gottschalk von Lambach

Schreiber und Autor des Klosters Lambach, vor allem zwischen 1197-1204 tätig.

Der Mönch Gottfried oder Meister Gottschalk gilt als die herausragende Persönlichkeit unter den zahlreichen Schreibern des Klosters Lambach (gegründet 1056), das in der zweiten Hälfte des 12. Jh. einen kulturellen Höhepunkt erreichte. Biografisch ist Gottschalk nur bedingt zu fassen. In dem Berliner Williram-Manuskript (Staatsbibliothek Berlin, Ms. theol. lat. qu. 140, früher Lambach, Cml. XCIII) nennt er sich als Schreiber: "Hic liber est Gotscalci de Lambach". Möglicherweise zeigt eine Federzeichnung von Cml. XCIII Gottschalks Porträt: Ein Mönch präsentiert sein Werk Maria und ihrem Kind. Zwölf Heilige umgeben die Dedikationsszene, der Hl. Gallus weist mit seiner linken Hand auf den Mönch. Die Geste könnte eine Verehrung des Mönches für den Heiligen oder einen Bezug zu St. Gallen andeuten. Rubriken und eine Vollblatt-Miniatur dieses Manuskripts weisen Gottschalk auch als Meister der Buchkunst aus.
Weitere Zeugnisse geben ein Lambacher Nekrolog, der den 2. Januar als Todesdatum für "Gottschalk, Priester und Mönch unseres Klosters" ("Gotscalcus Presbyter et m[onachus] n[ostri] c[oenobii]") vermerkt, und eine Lambacher Sterbeliste des 13. Jh., die einen "Gotscalcus scolaris et monacus" nennt. Zum Titel "scolaris" und der Beziehung zur Schule passen die von Gottschalk geschriebene Bücherliste zu Beginn von Cml. XCIII und ein weiteres, von ihm geschriebenes Verzeichnis von Schulbüchern und Texten der Bibliothek in Cml. XIX. Die Listen enthalten antike und mittelalterliche Schulautoren, Kirchenschriftsteller und zeitgenössische Theologen (u. a. Petrus Abaelardus, Hugo von St. Viktor). In der zweiten, längeren Liste (118 bibliografische Nennungen) befinden sich 40 Liturgica, von denen (mit dem Gottschalk-Antiphonar) nur vier erhalten sind. Insgesamt besehen, waren Gottschalks Tätigkeiten vermutlich vielfältig: Schulmeister, Schreiber, Rubrikator, Künstler, Bibliothekar, Kantor, Dichter (vgl. die Verse am Ende von Clm. XIII) und Musiker, der liturgische Melodien revidierte, vielleicht auch Priester.

Gottschalk war in der zweiten Hälfte des 12. Jh. in Lambach wahrscheinlich 30 Jahre lang aktiv. Vor allem von 1197-1204 wirkte er als Schreiber, als Künstler möglicherweise schon in der Mitte des 12. Jh. Seine Hand ist in zahlreichen Manuskripten erkennbar. Als Schreiber, vermutlich auch als Autor und Initialen-Gestalter, arbeitete Gottschalk 1196 oder 1197 und 1204 am ersten Manuskriptteil des Lambacher Rituale, Clm LIV. Seine (Schreib-)Hand findet sich hier bei den Abschnitten zu Leben und posthumen Wundern des Bischofs und Klostergründers von Lambach, Adalbero, wie auch bei den biografischen Skizzen früher Lambacher Äbte. Zur gleichen Zeit arbeitete Gottschalk an den Lambacher Annalen (ÖNB, Wien, Cod. Vindob. Pal. 373, eine Fragmentkompilation) und bearbeitete die Zeit von 1197-1204 der Chronik Lambachs.
Gottschalks Schrift findet sich insgesamt in sieben vollständigen und zwei fragmentarischen Manuskripten. Initialen Gottschalks finden sich dagegen in mindestens 24 Manuskripten, die in Bibliotheken vor allem des deutschen und englischen Sprachraumes aufbewahrt werden (u. a. Oberösterreichische Landesbibliothek / Studienbibliothek Linz; Walters Art Gallery, Baltimore; Bodleian Library, Oxford). Nur zwei Manuskripte, Cml. XCIII und das Gottschalk-Antiphonar, zeigen Initialen und Schrift Gottschalks.

Mit dem Gottschalk-Antiphonar schuf er ein musikalisches Meisterwerk und zugleich das größte bekannte Corpus von Liturgie der mittelalterlichen Abtei von Lambach. Wunderschöne (auch historisierte, d. h. figürlich-szenisch aussgestaltete) Initialen sind mit neuesten Entwicklungen in der Musik-Theorie und lokalen Notationsstilen verbunden. Gottschalk schrieb das Manuskript selbst, illuminierte und versah es mit (Neumen-)Notationen. Eine Besonderheit ist u. a. die musikalische Anwendung von Antiphonen bzw. ihre Adaptierung für die Verwendung mit Responsorien. Das Gottschalk-Antiphonar bringt den ersten deutlichen Beleg für die liturgische Einbindung des Lambacher Dreikönigsspiels aus dem 11. Jh. Es verwendet lokale Quellen, Quellen aus der Mutter-Abtei Münsterschwarzach bei Würzburg, reflektiert die mönchischen Reformbewegungen des 12. Jh. und zeigt französische Einflüsse. Noch bis ins 15. Jh. fand es Verwendung.

Maria Dorninger

 

Vita Sancti Adalberonis. Hg. u. übers. von Irene Schmale-Ott. Würzburg 1954. - Babcock, Robert B.: Reconstructing a Medieval Library: Fragments from Lambach. New Haven 1993. - Davis, Lisa Fagin: The Gottschalk Antiphonary. Music and Liturgy in Twelfth-Century Lambach. Cambridge 2000. - Genge, Hans-Joachim: Die liturgiegeschichtlichen Voraussetzungen des Lambacher Freskenzyklus. Münsterschwarzach 1972. - Holter, Kurt: Zwei Lambacher Bibliotheksverzeichnisse des 13. Jahrhunderts. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 64 (1956), 262-276.